„Hauptsache Arbeit!“ – Schauspielhaus Salzburg

Elisabeth Pichler. Der feuchtfröhliche Firmenevent ist soeben zu Ende gegangen, doch zum Glück haben die Ratten alles aufgezeichnet und so kann sich die alte Ober-Ratte, ausgerüstet mit einer Fernbedienung, in aller Ruhe den Verlauf des Abends nochmals zu Gemüte führen und sie hat ganz offensichtlich unheimlich viel Spaß dabei. Eines stand von Anfang an fest: Ein reines Vergnügen wird diese Betriebsfeier nicht, weder für die sieben Angestellten noch für ihren zynischen Chef, der ankündigt, dass wohl einige von ihnen eingespart werden müssten, ihr Verhalten an diesem Abend würde den Ausschlag geben. Das sind nun wirklich keine guten Voraussetzungen für ein schwungvolles Fest. Um den Damen und Herren die Sache etwas zu erleichtern, wird ihnen ein Motivationstrainer zur Seite gestellt, der unschwer als Motivationsratte zu erkennen ist. Dieser bemüht sich, mit dümmlichen Partnerschaftsspielchen Schwung in die fade Party zu bringen, und hat großen Spaß daran, diese Schwächlinge zu blamieren und zu erniedrigen. Vom Schicksal enttäuschte, gebeutelte und gequälte Menschen kämpfen um ihre Arbeit, aber eigentlich um ihr Leben. In kurzen Monologen erzählen sie von ihren Ängsten, unerfüllten Wünschen und Hoffnungen, doch außer den Ratten interessiert sich keiner wirklich für ihre Geschichten.

Hans Stockingers beeindruckendes Bühnenbild beherrscht die ganze Breite des Studios. Es besteht aus zwei durch Treppen verbundenen Etagen mit großen und kleinen Räumen und bietet so reichlich Platz für die eigenwilligen Partyspiele. Enge, kleine Zimmerchen bieten zwar Rückzugsmöglichkeiten, doch ist man hier vor den ständigen sexuellen Annäherungsversuchen der Kollegen nie sicher. Wesentlich gemütlicher geht es bei den Ratten zu, die im Unterdeck residieren. Nur allzu oft bleibt der Blick hier hängen, denn Ute Hamm, die als alte, fette Ober-Ratte in Kapitänsuniform herumschlurft, Orangen verzehrt, genüsslich ein Fußbad zelebriert und sich königlich über die kaputten Typen auf dem Oberdeck amüsiert, ist faszinierend komisch. Volker Wahl vernascht als kalter, zynischer Boss zwar pflichtschuldig seine Angestellten, doch Vergnügen bereitet ihm das schon lange nicht mehr. Mit bösen Wettbewerben quält Thomas Pfertner als Motivationsratte die namenlosen Angestellten (vier Frauen und drei Männer) bis sie sich schließlich sogar gegenseitig mit Stromschlägen foltern. Nur im „Erkenne dich selbst“-Spiel finden sie in einer skurrilen Aktion zueinander und hauchen gemeinsam stimmungsvoll den Andachtsjodler. Diese Harmonie ist jedoch nicht von Dauer, bald schon geht der Kampf jeder gegen jeden weiter.

Marion Hackl bringt Sibylle Bergs bitterbösen, schwarzhumorigen Text in einer überaus aufwendigen Inszenierung als Sozialgroteske mit viel Witz auf die Bühne, sodass diese Parabel auf die grausame Arbeitswelt der westlichen Leistungsgesellschaft leichter zu ertragen ist. Ein Theaterabend, der nicht kaltläßt und zum Nachdenken anregt. Es drängt sich die Frage auf: Ist Arbeit wirklich die Hauptsache in unserem Leben und wenn ja, welche? Eine der unzufriedenen Angestellten gibt zu Bedenken: „Ich kenne glückliche Gärtner und glückliche Kioskbesitzer, aber keine glücklichen Versicherungsangestellten.“

„Hauptsache Arbeit!“ – Sibylle Berg – Schauspielhaus Salzburg, Studio, Österreichische Erstaufführung / Regie: Marion Hackl / Ausstattung: Hans Stockinger / Mit: Ulrike Arp, Marlene Besl, Anna Katharina Frommann, Harald Fröhlich, Ute Hamm, Bernadette Heidegger, Tülin Pektas, Thomas Pfertner, Andreas Plank, Timo Senff, Volker Wahl, Christiane Warnecke, Stefan Wunder / Fotos: Eva-Maria Griese


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