Gidon Wagner: Knitter oder Pixelfehler?

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Es sieht so aus, als wäre Zeitung ein sterbendes Projekt. Es scheint, als würde die tägliche Nachrichten-Lektüre der Zukunft mit dem tragbaren, unglaublich flachen Hand-Computer stattfinden. Es scheint, als wäre die Zeit der Zeitung langsam zuende.

Von Gidon Wagner

Zeitung lesen ist langsam. Es ist Arbeit, für viele eine Prüfung der eigenen Geschicklichkeit, sich durch die vielen einzelnen Blätter zu arbeiten. Die ausgefeilte Faltarbeit aus der Druckerei wird dabei zunichte gemacht. Sie wieder in den Urzustand zu versetzen, nach den verschiedenen Rubriken sortiert wieder zusammen zu legen, undenkbar. Unzumutbar. Ein grauenvoller Gedanke für den Internet-Nutzer, der es gewohnt ist, beim Lesen mit nur einem Finger für Ordnung und Durchblick zu sorgen. Die Angst vor dem Chaos während der Lektüre einmal überwunden geht es an die Lesearbeit. Die ist für viele nicht wirklich einfacher – bis man zu den interessanten Texten gelangt, ist der Toast goldbraun, die S-Bahn zwei Stationen weiter, die Müdigkeit am Abend ohne zufriedenstellenden Input fortgeschritten.

Zeitungsleser. Foto: KTraintinger, Dorfzeitung

Zeitungsleser. Foto: KTraintinger, Dorfzeitung

Wie lange wird es noch Zeitung geben? Stirbt die Zeitung? Zwei interessante, berechtigte und zugleich beängstigende Fragen. Interessant, da es Zeitung nun gut und gerne ein halbes Jahrtausend gibt. Man möchte meinen, Zeitung sei ein nicht mehr wegzudenkender Alltagsgegenstand. Doch wäre die Bedeutung der Zeitung so eindeutig, würde man sich solche existenziellen Fragen nach dem gedruckten Wort doch nicht stellen. Was uns zum nächsten Punkt bringt; berechtigt sind die Zweifel, und mit jedem weiteren verkauften Computer oder Internetanschluss gewinnt sie an Bedeutung. Irgendwie beängstigend ist der Gedanke an eine Welt ohne Zeitung. An eine, wo Zeilen auf dem Papier ein Auslaufmodell sind und langsam verbleichen. In alten Bibliotheken, wo keiner mehr hingeht, auf verstaubten Dachböden, als Einlage für nasse Schuhe, Unterlage für Haustierkäfige.

Vermutlich ist es nicht einmal so, dass Zeitung für die digitale Generation uninteressant ist. Man hat nur einfach keine Zeit mehr dazu. Was man sich an Infos holt, bekommt man übers Netz. Hier entscheidet man mehr oder weniger selber, über was man sich informieren möchte, tut es auch eher beiläufig, so neben dem Surfen. Bildung muss beim Internet-Nutzer nicht im Vordergrund stehen, damit er online liest. Er will konsumieren, er konsumiert die News des Tages, vielleicht hier und da auch einen längeren Text, wenn die Seite ansehnlich genug ist. Ein feindliches Umfeld wächst heran, Zeitung scheint etwas für Alte, für Langsame zu sein.

Einen Trend kann man nicht durch die Auflagenzahl der Zeitungen, nicht durch die zunehmende Bedeutung des Internets erkennen. Das Internet ist eine Nutzplattform. Und auf dieser Plattform geht die Entwicklung seit einiger Zeit weg von überfüllten Webseiten voller bewegter Bilder und schriller Farben. Journalistische Internet-Angebote sind schlicht gehalten, weißer Hintergrund, schwarze Schrift, hier und da ein Bild mit Untertitel. Es ist anstrengend, bedarf ständiger Konzentration und der Umsetzung von technischem Know-How, hier zu lesen.. Es stellt sich also die Frage, was mehr Komfort bietet, wenn es um das Lesen geht. Das Internet und die Tageszeitung sind nicht miteinander zu vergleichen. Der Internet-Nutzer ist Jäger und Sammler, der mitnimmt was kommt. Er ist zwangsläufig überfordert durch die Informations-Massen des Netzes, der Overkill der Datenmengen macht sich bei jedem Internet-Nutzer bemerkbar, der lange Zeit vor dem Bildschirm verbringt. Der Zeitungsleser dagegen ist eher vergleichbar mit dem Spaziergänger, der Stück für Stück die Hefte durchblättert, oder gezielt das Feulleton, den Lokal- oder den Sportteil aufschlägt und studiert. >>>
Abgesehen von der Unhandlichkeit, kein stressiger Prozess. Vielmehr wäre es wohl das Ende einer jeden entspannenden Lektüre, wenn der Bildschirm endgültig das gedruckte Wort ablöste.

Printerzeugnisse sind Luxus, auf den zwar einige wenige regelmäßig zugreifen, der aber niemals ganz verschwinden kann und darf. Ohne Zeitschriften und Zeitung würde die Idee des einfachen, unkomplizierten Lesens verschwinden, die Abhängigkeit vom digitalen Gerät allgegenwärtig werden. Selbst der intensivste Internet-Nutzer möchte nicht auf das gedruckte Wort verzichten. Es ist eine gesellschaftliche und kulturelle Sicherheit, ein Lebensgefühl, etwas das bleiben muss, das bleiben wird.

München, im Jänner 2008

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