Europa braucht keine Handlanger, sondern Fachkräfte! Das sagen die Politiker.

Als Entwicklungshelfer (1969-1970) unter kaum alphabetisierten brasilianischen Hinterweltlern ohne Linz-Donawitz-Kapfenberg-Hintergrund durfte ich feststellen, wie talentiert und völlig furchtlos meine Lehrlinge an die Arbeit gingen und im Nu das Drehen, Schweissen, Schlossern und Schmieden erlernten. Ich denke, die heutigen Zuwanderer sind genauso talentiert und mutig.

Reinhard Lackinger

Von Reinhard Lackinger

Trotz aller Weltabgewandtheit waren meine Schüler in jenem entlegenen Jequitibá imstande, mir wichtige Lektionen zu erteilen. Auch wenn ich viel davon erst Jahrzehnte später verstand. Ich spreche von jungen Männern im Alter von 16 bis 32 Jahren, die in ihrem Leben nur einsame Ochsenweiden, Rinder, Pferde und etwas Wild gesehen hatten. Beutelratten, Ameisenbär, Meerschweinchen, Gürteltiere, kurzborstige Wildschweine, Klapper- und Riesenschlangen, Aasgeier, eine Raubkatze vom Hörensagen und einen Lastkraftwagen vom Vorbeifahren. Alle staubigen Straßen rings herum, wenn mir dieser Euphemismus erlaubt ist, waren aus rotem Lehm. Etwa 80 km weiter wurde damals die erste Asphaltdecke auf die Trasse in Richtung Brasilia gelegt.

Grund genug, um anzunehmen, dass die Burschen, die ich in Metall verarbeitenden Berufen zu unterweisen hatte, Angst, Furcht, Beklommenheit oder zumindest fehlende Intimität mit Drehbänken und anderen Werkzeugmaschinen zeigen würden.

Mein Vater erzählte öfters von einem frisch eingestellten Hilfsarbeiter, der aus einem der nahen und engen Täler des Hochschwabgebietes zu Böhler in Kapfenberg gekommen war. Kaum hatte der Neuling die Fabrikshalle betreten, riss er angesichts der metallenen, drohend lärmenden und pfauchenden Monster in Form von Kränen, Pressen, Schmiedehämmern und Ofenmäulern aus und lief weg.

Ähnliche Reaktionen erwartete ich auch von meinen Lehrlingen. Weit verfehlt! Die Kerle packten zu und scheuten nichts. Weder das Kurbelrad der Drehbank noch den Elektrodenhalter und den blendenden Lichtbogen.

Was also die Intimität mit bisher Unbekanntem, vor allem mit völlig fremden Maschinen betraf, zeigten die mir in jener Klostergemeinschaft von Jequitibá zugeteilten Lehrlinge keinerlei Scheu. Sie bedienten diese furchtlos und leisteten damit gute, seriöse und verantwortungsvolle Arbeit. Meine damaligen Sorgen, sie müssten unbedingt noch während des Kurses Fabriken besuchen und besichtigen, erwiesen sich als übertrieben und unbegründet. Sogar José Ramos, dem rückständigsten meiner hinterwäldlerischen Azubis und von Anfang an unbedarftesten meiner Schüler gelang es, in der Industrie Fuß zu fassen und eine interessante Karriere als Metaller zu machen.

Darf ich anhand dieser Erfahrung annehmen, dass Menschen, die mit völlig neuen und fremden Mitteln umzugehen lernen auch imstande sind, allerlei Felder, Plantagen und „Minifundien“ zu bewirtschaften?

Sie würden nicht nur die Großgrundbesitzer und Politiker der sogenannten “bancada ruralista“ in Brasilia Lügen strafen, sondern auch in Europa den allgemeinen Verdacht wecken, dass auch Syrer, Somali, Senegalesen und andere Erdenbürger ohne Linz-Donawitz-Kapfenberg Hintergrund fähig sind, am Hochofen, an der Walzstrecke, in der Gesenkschmiede und in der mechanischen Werkstätte ihren Mann zu stehen.

Der Text enthält Ausschnitte aus dem eBook von Reinhard Lackinger: „500 Jahre Bürgerkrieg in Brasilien“, das hier > erhältlich ist.

Auf meine Frage, ober er nicht als Auslandsösterreicher eine Meinung zum österreichischen Präsidentenwahlkampf hätte meinte Reinhard Lackinger:

Lieber Karl,
leider kann ich zur Präsidentschaftswahlen in Österreich nichts sagen.
Mich beschäftigt Lokales zu sehr, denn wir befinden uns hier in Brasilien inmitten eines Staatsstreiches, eines Putschs, den Teile der parteiischen Justiz mit Unterstützung duch die lügenhaften Médien, Steuern hinterziehenden Großunternehmer und nordamerikanische Erdölfirmen anstiften. Sie wollen zum zweiten Mal die demokratisch gewählte Präsidentin Dilma Rousseff absetzen, ohne dass sich diese etwas zuschulden kommen lassen hätte.
Deshalb gehen wir öfters auf die Strasse und demonstrieren gegen das Impeachment.

Reinhard Lackinger und seine Frau Maria Alice

Reinhard Lackinger und seine Frau Maria Alice

 

 

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