„1984“ – Auswüchse einer totalen Überwachung

1984 Schauspielhaus Salzburg

Petra Schönwald und Alina Spachidis haben George Orwells weltberühmten Roman über das Leben in einem totalitären Staat, einer manipulierten Kontrollgesellschaft, als Jugendstück für die Bühne bearbeitet. Die Premiere fand am 3. Oktober 2017 im Schauspielhaus Salzburg statt.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

In Ozeanien, einem diktatorisch geführten Staat, wird die Bevölkerung von „Big Brother“ und einer Parteielite unterdrückt. Es herrscht die totale Überwachung, selbst Gedankendelikte können den Tod bedeuten. Winston arbeitet im Ministerium der Wahrheit, einer Dokumentationsabteilung, die die Vergangenheit aktualisiert, indem sie unbequeme Daten auslöscht.

1984 Schauspielhaus Salzburg

v.l.n.r.: Cora Mainz (Telegirl), Jonas Breitstadt (Winston Smith)

Über nicht abschaltbare „Televisoren“ wird er ständig überwacht. Wenn er die verordneten Fitnessübungen für 30- bis 40-Jährige oder die geforderten Hass-Minuten nicht exakt ausführt, gibt es Abmahnungen. Ihm ist bewusst, dass man in diesem Staat nur sicher ist, wenn man mit den Wölfen heult. Dennoch versucht er, der Überwachung zu trotzen und sich durch Aufzeichnungen in einem Tagebuch ein wenig Privatsphäre zu sichern. Bei seinen Bemühungen, etwas über die reale, nicht redigierte Vergangenheit zu erfahren, findet er in Julia, einer Aktivistin der Anti-Sex-Liga, eine Verbündete. Noch bevor sie sich der rebellischen Bruderschaft anschließen können, werden sie von O’Brien, einem Spion, der für die Gedankenpolizei arbeitet, verraten und landen zur Umerziehung im Ministerium der Liebe. Hier wartet nach drei Stufen zur Heilung, „Lernen – Verstehen – Akzeptieren“, der gefürchtete Raum 101 auf sie.

Wenn Winston (Jonas Breitstadt) weiße Rollos herunterzieht, befindet er sich zwar allein in seiner Wohnung, doch der fordernden Stimme von der Videowall kann er nicht entkommen. Zweifel an der Sinnhaftigkeit seiner Arbeit nagen an ihm, denn ihm ist klar: „Wer die Macht über die Geschichte hat, hat auch Macht über Gegenwart und Zukunft.“ Völlig zufrieden hingegen scheint sein Nachbar (Lukas Bischof) zu sein, arbeitet er doch mit großer Begeisterung an der Vernichtung von Wörtern. Dass die Gründung einer neuen Sprache gleichbedeutend mit der Auslöschung des freien Geistes ist, kommt ihm nicht in den Sinn. Tilla Rath trägt als Julia zwar die Schärpe der Anti-Sex-Liga, doch revoltiert sie auf ganz spezielle Art gegen das herrschende System. Sadistische Züge zeigt Olaf Salzer als Angestellter im Ministerium der Liebe bei der Umerziehung der Verräter.

Petra Schönwald hat die stark komprimierte Fassung von Orwells dystopischem Text über ein System vollkommener Überwachung mit ungeheurem Tempo in Szene gesetzt. Julie Weidelis Bühnenbild wird von einer riesigen Videowall beherrscht, den Bewohnern Ozeaniens hat sie senfgelbe Einheitsanzüge verpasst. Die Jugend kennt „Big Brother“ von diversen Reality-Shows, hier werden jedoch die Auswüchse einer totalen Überwachung eindrücklich aufgezeigt. Erschreckend die täglichen Zwei-Minuten-Hassschreie, die in einer „Hateweek“ gipfeln, sowie das grausame Finale im Ministerium der Liebe. Die Regisseurin sieht ihre Inszenierung auch als Kritik am lebensdurchdringenden Kapitalismus. Ein starkes Stück, eine starke Inszenierung, die sicherlich auch das jugendliche Publikum nicht kaltlassen wird.

„1984“ von George Orwell. Für die Bühne bearbeitet von Petra Schönwald und Alina Spachidis. Regie: Petra Schönwald. Ausstattung: Julie Weideli. Musik: Raphael Busa. Video: Michael Winiecke. Mit: Jonas Breitstadt, Tilla Rath, Lukas Bischof, Janna Ambrosy, Nico Raschner, Cora Mainz, Olaf Salzer. Fotos: Jan Friese

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