„Mondscheintarif“ – Die Leiden der jungen Cora

Ildikó von Kürthys 1999 erschienener und 2001 verfilmter Erfolgsroman unterhält auch in der Bühnenfassung bestens. Daniela Meschtscherjakov schlüpft im Kleinen Theater in die Rolle der quirligen 33-jährigen Cora, die auf den Anruf ihres Traumprinzen wartet und dabei ganz offen und selbstkritisch über ihre Problemzonen spricht.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Was kann es für eine junge Frau Schlimmeres geben, als an einem Samstagabend keine Verabredung zu haben? Cora räkelt sich genüsslich in der Badewanne und überlegt, ob es nicht an der Zeit wäre, jetzt im Frühling endlich den Plastikchristbaum, ein Mahnmal ihrer letzten gescheiterten Beziehung, zu entsorgen. Ein Anruf ihrer besten Freundin Jo, die wissen will, ob „er“ schon angerufen habe, lässt Cora wieder an ihren aktuellen Favoriten denken, den göttlichen Mediziner Dr. Daniel Hoffmann. Sie erzählt freimütig von den Peinlichkeiten des Kennenlernens, vom ersten gemeinsamen Essen bei einem Italiener und schließlich von der ersten gemeinsam verbrachten Nacht.

Cora ist zwar emanzipiert, doch weiß sie auch genau, dass man einen Mann niemals nach dem ersten Sex anrufen sollte, und so heißt es für sie: warten, warten, warten. Sie gesteht, dass sie es genießt, von Männern geliebt zu werden, die sie selbst nicht liebt, denn das sei gut für ihr Selbstbewusstsein und so herrlich unkompliziert, denn die allerschlimmste Problemzone heißt für sie eigentlich „MANN“. Was macht eine Frau nicht alles, um ihm zu gefallen? Sind die Vorbereitungen für einen Abend, an dem es möglicherweise passieren könnte, nicht viel aufregender als der Sex an sich?

Cora plaudert munter weiter und führt, um nicht in Selbstmitleid zu versinken, selbstkritische und selbstironische Monologe, die tiefe Einblicke in eine leicht verwirrte, weil verliebte Frauenseele geben. Sie hat auch interessante Tipps für Gespräche mit Männern parat. „Erzählen Sie mir mehr davon!“ und „Das hab ich gar nicht gewusst!“ wirken angeblich Wunder und kommen immer gut an. Als Cora um 23.15 Uhr die Wohnung verlässt, um endlich den Christbaum zu entsorgen, kommt es auf der Straße zu einer schicksalhaften Begegnung, die so einiges klärt.

Daniela Meschtscherjakov legt sich ordentlich ins Zeug. 85 Minuten lang – die kleine Pause zwischendurch sei ihr von Herzen gegönnt – unterhält sie mit einem schonungslosen Seelenstriptease das Publikum. Sie schafft es nicht nur, in einer altmodischen weißen Badewanne die Kleider zu wechseln, sondern gibt sich, zur Ablenkung von all der Warterei, auch häuslichen Arbeiten hin. Sie beweist, dass Wäscheaufhängen und Bügeln auch auf engstem Raum möglich sind.

Florian Eisner hat Ildikó von Kürthys köstliche Liebesgeschichte mit dem nötigen Fingerspitzengefühl in Szene gesetzt. Ein witziger und pointierter Theaterabend mit einer großartigen Schauspielerin, der für Männer und Frauen Erhellendes über das jeweils andere Geschlecht bringt.

„Mondscheintarif“ – Komödie nach dem Erfolgsroman von Ildikó von Kürthy. Regie: Florian Eisner. Mit: Daniela Meschtscherjakov. Foto: MiA Design | Weitere Vorstellungen im heurigen Jahr: 29. November und 9. Dezember.

 


„Frau Müller muss weg“ – Komödie mit Tiefgang

Lutz Hübners Stück über einen chaotischen Elternabend, der nicht wie geplant sachlich und fair verläuft, sondern völlig aus dem Ruder läuft, feierte am 15. November 2017 im Schauspielhaus Salzburg Premiere. Ein äußerst vergnüglicher Theaterspaß.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Die besorgten Eltern einer 4. Volksschulklasse sind sich einig, dass an dem miserablen Leistungsstand ihrer Kinder nur die Klassenlehrerin schuld sein kann, denn diese ist ihrer Ansicht nach den pädagogischen Anforderungen einfach nicht mehr gewachsen und steht völlig überfordert kurz vor einem Burnout. Man hat Unterschriften gesammelt und will dieser „unfähigen Kuh“ bei einem Elternabend nahelegen, die Klasse abzugeben, um den Kindern doch noch den Sprung aufs Gymnasium zu ermöglichen.

Juliane Schwabe (Katja Grabowski)

Da das Klassenzimmer gerade für die Weihnachtsfeier geschmückt wird, muss man für den Elternabend in den ungemütlichen Turnsaal ausweichen. Die anwesenden Eltern (leider nur fünf) wollen zielorientiert vorgehen und Diskussionen über das eigene Kind vermeiden. „Ziehen wir den Karren aus dem Dreck“, verkündet knallhart die Elternvertreterin und Wortführerin Jessica Höfel. Als Frau Müller erscheint, wird ihr eiskalt pädagogische Unfähigkeit vorgeworfen. Sie ist fassungslos und tief betroffen, doch keineswegs bereit, das Zepter aus der Hand zu geben. Schließlich lässt sie sich dazu hinreißen, die Eltern klar und deutlich mit den Verfehlungen ihrer Sprösslinge zu konfrontieren. Sie ist über ihren Ausbruch selbst überrascht und verlässt schließlich wortlos den Turnsaal. Nun fallen die Eltern übereinander her, denn die Nerven liegen blank. Beleidigungen und wüste Beschimpfungen lassen die Stimmung bald überkochen. Ruhe kehrt erst ein, als man in der Tasche der Lehrerin die Semesterbenotungen entdeckt.

Es sind schon ziemlich schräge Charaktere, die da für ihre missratenen Lieblinge kämpfen. Die selbstbewusste Karrierefrau Jessica Höfel (Christiane Warnecke), der arbeitslose Wolf Heider (Frederic Soltow), das streitsüchtige Ehepaar Jeskow (Ute Hamm und Bülent Özdil) und Katja Grabowski (Juliane Schwabe), die Mutter des Klassenbesten, die eigentlich nur aus Solidarität erschienen ist und sogar als kleines Dankeschön ein Blumensträußchen mitgebracht hat. Sehr authentisch und in herrlich biederem Outfit (Ausstattung: Gernot Sommerfeld) Susanne Wende in der Rolle der engagierten Pädagogin, die es einfach nicht fassen kann, dass all ihre Bemühungen, die vielen Projekte, Gesprächskreise, Förderstunden und die selbstfinanzierten Materialien, nicht gewürdigt werden.

Karin Koller hat Lutz Hübners bitterböses, doch sehr amüsantes Stück flott und publikumswirksam in Szene gesetzt. Der Wiedererkennungseffekt ist groß, denn ganz unbeschadet kommen Eltern und Schüler nur selten durch die oft endlos scheinenden strapaziösen Jahre der Schulzeit. Heute haben aber auch Lehrerinnen und Lehrer Grund zur Klage und so sieht es auch der Autor: „Eltern sind für Lehrer eine lästige Begleiterscheinung von Schülern, und Schüler sind eine lästige Begleiterscheinung ihres Jobs.“

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„Frau Müller muss weg“ von Lutz Hübner. Regie: Karin Koller. Ausstattung: Gernot Sommerfeld. Mit: Bülent Özdil, Ute Hamm, Juliane Schwabe, Christiane Warnecke, Frederic Soltow, Susanne Wende. Fotos: Jan Friese/ Schauspielhaus


„ABREISSEN“ eine Haltungsschau der Rabtaldirndln

Unter dem Motto „Common People. Kollektive für Individuen“ findet von 9. bis 19. November in der ARGEkultur das Open Mind Festival statt. Zur Eröffnung ließ das vierköpfige Theaterkollektiv aus Graz, in einer speziell für das Festival erarbeiteten Performance, Stadt- und Landleben schrill und provozierend aufeinanderprallen.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

In fleischfarbenen Trikots schreiten die Künstlerinnen über einen Catwalk und posen gekonnt, obwohl sie laut Schärpe nur „Radfahrer“, „Busfahrer“, „Beifahrer“ oder „Autostopper“ sind. Das Leben ist eben hart für Kinder vom Lande, denen kein öffentliches Verkehrsmittel zur Verfügung steht und deren Mutter kein Zweitauto besitzt. Zum Glück gibt es aber immer zwei Möglichkeiten, wie uns die Damen wiederholt versichern. In edlen, ausgefallenen Haute Couture- Roben (Ausstattung und Kostüm: Georg Klüver-Pfandtner) schwingen sie Flaggen mit Aufschriften, die leider nur durch Verrenkungen zu entziffern sind, doch „#hot50er“ und „#youtoo“ geben jedenfalls zu denken.

Wenn der Maibaum wieder am Dorfplatz stehen soll, kommen die bärenstarken Countryman zum Einsatz und da geht es wirklich zünftig zu. In einem grandios bösen „Wien-Bashing“ hingegen werden die Probleme unserer Hauptstadt, in der es sich angeblich viele in sozialen Hängematten bequem gemacht haben und es Bezirke gibt, in denen man sich nachts nicht mehr auf die Straße traut, klar ausgesprochen und auf den Punkt gebracht. Stellt sich die Frage, warum die Masse in der Krise nach rechts geht. Warum solidarisieren wir uns nicht? Ist möglichweise unterdrückte Sexualität daran schuld? In einem provozierenden Schattenspiel kommt es schließlich zwischen Stadt und Land zur gemeinsamen Ekstase. Ob das wirklich die Rettung bedeuten kann?

„Wer mit dem Bürgermeister kann: gehört dazu.

Wer bei keinem Verein ist: gehört nicht dazu.

Wer beim Marktfest grillt: ist Grillmeister.

Wer eine Ferienwohnung hat: kennt sich aus.

Wer Fremde reinnimmt: der spinnt.

Wer Sauna geht: gehört dazu.

Wer ein E-Mountainbike hat: gehört owagschossn.“

Seit fast 15 Jahren entwickeln die Rabtaldirndln Performances und Theaterproduktionen, in denen sie mit deftigem Humor die Unterschiede zwischen Stadt- und Landleben spürbar machen. Sie selbst bezeichnen sich gerne als „performativer Pick-Gummi“ zwischen den Fronten. Ihre Stücke werden meist als Koproduktionen bzw. Kooperationen mit nationalen und internationalen Theaterhäusern und Festivals im deutschen Sprachraum entwickelt, wobei Produktions- und Probenphasen vorwiegend in Graz stattfinden.

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 „ABREISSEN“ – Die Rabtaldirndln. Eine Haltungsschau. Uraufführung. Eine Koproduktion mit der ARGEkultur. Konzept: Die Rabtaldirndln und Ed. Hauswirth. Regie: Ed. Hauswirth. Performance: Die Rabtaldirndl.: Barbara Carli, Rosi Degen-Faschinger, Bea Dermond, Gudrun Maier. Ausstattung: und Kostüm: Georg Klüver-Pfandtner. Foto: ARGEkultur | (c) Nikola Milatovicy • Design (c) janosch | Diashow – Wolfgang Lienbacher

 


„Jägerstätter“ – lebendiges, kritisches Volkstheater

Felix Mitterers Auftragsarbeit zum 70. Todestag des wegen Kriegsdienstverweigerung 1943 in Brandenburg hingerichteten Innviertler Bauern wurde schon 2013 bei der Uraufführung im Theater in der Josefstadt und anschließend beim Theatersommer in Haag umjubelt. Bei der Premiere im Schauspielhaus Salzburg am 4. November 2017 gab es Standing Ovations für eine denkwürdige Aufführung.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Franziska Jägerstätter liest einen Brief vor, in dem ihr mitgeteilt wird, dass das vom Dritten Reich verhängte Todesurteil gegen ihren Mann vollstreckt wurde. Die Bewohner von St. Radegund sind sich einig: „Er hat Schmach und Schande über unser Dorf gebracht.“ In einer Montage aus Originalzitaten und eigenem Text erzählt der Tiroler Dramatiker vom Schicksal des Franz Jägerstätters, der im Jahr 2007 selig gesprochen wurde. So deklamiert derselbe Chor, der ihn anfangs verdammt, am Ende des Stückes: „Seliger Franz Jägerstätter, bitt für uns!“

Theo Helm (Franz Jägerstätter)

Franz Jägerstätter hat eine Stalldirn geschwängert und ist auch bereit sie zu heiraten. Seine Mutter ist jedoch strikt dagegen. Sie will sogar die Alimente übernehmen, denn für ihren Sohn wünscht sie sich eine reiche Bauerstochter, schließlich soll er nach dem Tod seines Adoptivvaters einmal den Hof übernehmen. Franz ist zwar ein Einzelgänger, doch auch ein echter Hallodri, der gerne Motorrad fährt und einer Wirtshausrauferei nicht aus dem Wege geht. Er wagt es als einziger in St. Radegund gegen den Anschluss an Hitler-Deutschland zu stimmen. Als er öffentlich erklärt, dass es für ihn als Christ moralisch unmöglich sei, an einem verbrecherischen Krieg teilzunehmen, stellt sich das ganze Dorf gegen ihn, nur seine Gattin Franziska hält zu ihm. Er absolviert drei Monate Ausbildung, wird dann unabkömmlich gestellt, bis er schließlich im Februar 1943 doch einberufen wird. Nach seiner Inhaftierung wird ihm noch die Möglichkeit gegeben zu widerrufen, doch Franz Jägerstätter ist davon überzeugt: „Ich muss Gott mehr gehorchen als den Menschen…“

Theo Helm überzeugt als charismatischer, belesener, doch auch störrischer junger Bauer, der nichts auf die Meinung anderer gibt und seelenruhig, von allen belächelt, den Kinderwagen mit seinem geliebten Töchterlein durchs Dorf schiebt. Seiner Isoliertheit steht der Chor der Dorfgemeinschaft gegenüber, der nach antikem Vorbild die öffentliche Meinung kundtut. Aus diesem Chor treten immer wieder einzelne hervor und markieren prägende Stationen im Leben des Wehrdienstverweigerers. Eigentlich wollen sie ihm alle nur helfen und umstimmen, der abgehobene Bischof von Linz (Marcus Marotte), der knallharte Pflichtverteidiger (Matthias Hinz) sowie der gutmütige Oberst in Enns (Harald Fröhlich). Magdalena Oettl verströmt als „herzallerliebste“ Gattin Herzenswärme, während sich Kristina Kahlert als sitzengelassene Mutter unversöhnlich zeigt.

Das Drama um Franz Jägerstätter spielt sich in einem kalten, grauen Raum mit leichten Rostflecken ab. (Bühne: Vincent Mesnaritsch). Regisseur Peter Raffalt gelingen anrührende und bewegende Bilder, die den inneren Kampf des dreifachen Familienvaters spürbar machen. Ein groß aufspielendes Ensemble macht das von Felix Mitterer spannend durchkomponierte Stück zu einem ganz besonderen Theatererlebnis.

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„Jägerstätter“ – von Felix Mitterer. Regie: Peter Raffalt. Bühne: Vincent Mesnaritsch. Kostüme: Elke Gattinger. Musik: Georg Brenner. Mit: Theo Helm, Magdalena Oettl, Daniela Enzi, Kristina Kahlert, Antony Connor, Magnus Pflüger, Simon Jaritz, Lukas Bischof, Marcus Marotte, Harald Fröhlich, Matthias Hinz. Fotos: Jan Friese 

 

 


„Dionysien“ – ein „rauschafter“ Abend

In der Felsenreitschule präsentiert das Salzburger Landestheater ein Theaterspektakel, das Schauspiel, Oper und Ballett umfasst. Wie bei den dionysischen Festen Griechenlands folgt auf drei Tragödien mit großen mythischen Stoffen als Gegenpol eine Komödie. Bei der Premiere am 25. Oktober 2017 ließ sich das Publikum nach vier Stunden nur allzu gerne zum Mittanzen und Mitfeiern überreden.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Der Abend beginnt mit einem Stück des antiken Tragödiendichters Aischylos (525-456 v.Chr.) in einer zeitgemäßen Bearbeitung des Dramatikers John von Düffel. Carl Philip von Maldeghem hat das Drama „Der gefesselte Prometheus“ äußerst wirkungsvoll in Szene gesetzt, hängt doch der gestürzte Titan hoch oben an eine silbergrauen Wand gekettet, die Stefanie Seitz (Bühne und Kostüme) vor den Arkaden aufstellen ließ. Prometheus (Christoph Wieschke) hatte es gewagt, den Menschen verschiedene Kulturtechniken beizubringen, und wurde für seine Menschenfreundlichkeit von Zeus hart bestraft und in einen Felsen in den kaukasischen Bergen geschlagen.

Prometheus – Medea – Oedipus Rex – Der Frieden

Vergeblich versuchen ihn sein ehemaliger Weggefährte Okeanos (Georg Clementi), die von einer Bremse gequälte Io (Nikola Rudle), ein weiteres Opfer des mächtigen Zeus, sowie der Götterbote Hermes (Sascha Oskar Weis) zur Aufgabe zu überreden. Prometheus ist jedoch nicht bereit, sich der Gewalt zu beugen. Nachdem er in einer spektakulären Aktion die graue Felswand verlassen hat, wird für das nachfolgende Ballett „Medea – Der Fall M.“ ein großer Kubus auf die Bühne geschoben, in dem sich sechs Tänzer verbergen, die Gericht halten über eine Frau, die die Geliebte ihres Mannes getötet hat. Der neue Leitende Choreograph und Leiter der Ballettsparte am Salzburger Landestheater Reginaldo Oliveira feiert seinen Einstand mit einer Kreation, die 2014 für das Badische Staatsballett Karlsruhe entstanden ist.

Die Primaballerina des Theatro Municipal aus Rio de Janeiro Márcia Jaqueline und der Kammertänzer Flavio Salamanka begeistern mit einer ungeheuer intensiven Darstellung des unglücklichen Liebespaares Medea und Jason. Die mitreißende Choreographie des Beziehungsdramas, das der Frage nach Schuld und Gerechtigkeit nachgeht, berührt zutiefst.

Nach einem kulinarischen Zwischenakt in Form eines griechischen Buffets geht es gestärkt in die zweite Runde des dionysischen Großprojektes. In „Oedipus Rex“, einem Opern-Oratorium nach Sophokles, treffen alle drei Sparten des Salzburger Landestheaters aufeinander, denn diese neue Fassung des 1927 uraufgeführten Oedipus-Mythos von Igor Strawinsky (Musik) und Jean Cocteau (Libretto) ist als Synthese von Musik, Gestik und Tanz gedacht. Die lateinische Sprache unterstreicht den mythisch beschwörenden Charakter der Musik, den bei der Premiere Dennis Russell Davis am Pult des Mozarteumorchesters Salzburg perfekt umsetzte. Durch einen deutschsprachigen Erzähler (Sascha Oskar Weis) wird die Geschichte von Oedipus, der dem Willen der Götter machtlos gegenübersteht, transparent gemacht. Faszinierend und ergreifend, wenn Chor und Extrachor des Salzburger Landestheaters sowie Mitglieder des Philharmonia Chores Wien gemeinsam mit den Tänzern gestenreich Oedipus erst zujubeln, dann bedauern bevor sie ihn schließlich verdammen. Zum Finale taumelt der geblendete Vatermörder und Blutschänder durch die blutrot erleuchteten Arkaden der Felsenreitschule.

Zum versöhnlichen Abschluss stellt sich das Ensemble der Komödie „Der Frieden“ frei nach Aristophanes die Frage, wie der Friede zu retten und nie wieder zu verlieren sei. Trygaios, hier ein Erfinder aus dem Rheinland (Tim Oberließen), fliegt mit seinem „Mistkäfer“ in den Olymp. Dort trifft er nur auf den Götterboten Hermes (Sascha Oskar Weis). Die Götter haben sich aus dem Staub gemacht, denn dem Herrn von Krieg (Christoph Wieschke) ist es gelungen, die Frau von Frieden wegzusperren. Um sie zu befreien, werden wohl alle anpacken müssen. Da man sich nicht sicher war, ob das Publikum da auch mithelfen würde, hat man 100 Schülerinnen und Schüler von zehn verschiedenen Partnerschulen engagiert. Nach einer gelungenen Befreiungsaktion steht einer wilden Party nichts mehr im Wege. So enden die Salzburger „Dionysien“ in der Felsenreitschule im allgemeinen Jubel. Ein praller Theaterabend, ein antikes Spektakel, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

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„Dionysien“ Theater. Spektakel. Rausch. Nach einer Idee von Carl Philip von Maldeghem. Bühne und Kostüme: Stefanie Seitz. „Der gefesselte Prometheus“ von Aischylos in der Bearbeitung von John von Düffel. Uraufführung. Inszenierung: Carl Philip von Maldeghem. „Medea – Der Fall M.“ – Euripides. Ballett von Reginaldo Oliveira. „Oedipus Rex“ Opern-Oratorium in zwei Akten nach Sophokles. Musik von Igor Strawinsky. Libretto von Jean Cocteau. Musikalische Leitung: Dennis Russel Davies. Inszenierung: Carl Philip von Maldeghem. Choreographie: Reginaldo Oliveira. „Der Frieden“ nach Aristophanes. Inszenierung: Carl Philip von Maldeghem. Choreographie: Kate Watson. Fotos: © Anna-Maria Löffelberger

 


„Winterfest 17“ – vom 28. 11. 2017 bis 7. 1. 2018

Bereits zum 17. Mal findet rund um Weihnachten das von Georg Daxner gegründete „Festival für zeitgenössische Circuskunst Salzburg“ im Volksgarten Salzburg statt. Sechs Wochen lang gehen in zwei großen Zelten 54 Aufführungen über die Bühne, die mit artistischen Höchstleistungen in Staunen versetzen und mit poetischen Momenten verzaubern.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Eröffnet wird das Festival von der jungen, energiegeladenen kanadische Gruppe Flip FabriQue. In ihrer humorvollen Performance „Attrape-Moi“ („Fang mich“) beeindrucken die sechs Artisten mit einer Vielzahl verschiedenster Zirkusdisziplinen. Die Bühne wird dabei zum Spielplatz alter Freunde, die miteinander einen Tag in der Sonne verbringen und einfach nur Spaß haben wollen. Ein fröhlicher Abend, bei dem die Energie auf das Publikum überspringt. (Vorstellungen von 28. Nov. bis 16. Dez. im Theaterzelt)

Ab 19. Dezember bespielt das Akrobatikensemble Cie XY aus Frankreich das Theaterzelt. Georg Daxner hatte die junge (damals noch sechsköpfige) Companie vor zehn Jahren entdeckt und mit ihrem ersten Stück zum Winterfest eingeladen. Heuer kehrt die auf 22 Artisten angewachsene Truppe mit „Il n’est pas encore minuit…“ („Es ist noch nicht Mitternacht…“) nach Salzburg zurück und verspricht magische Momente zwischen heute und morgen. Das bildgewaltige Stück erzählt in einer ganz eigenen akrobatischen Sprache vom Zusammen- und Alleinsein, von Vertrauen und Kollegialität. Die Truppe zählt zu den renommiertesten Ensembles der zeitgenössischen Zirkusszene. (Vorstellungen bis 7. Jan. im Theaterzelt)

Claudio Stellato aus Belgien widmet sich in „La Cosa“ der Beziehung zwischen Mensch und Objekt. Vier Männer in Anzügen experimentieren mit vier Kubikmetern Holz (1.600 Holzscheite) und machen in einem absurd-amüsanten Körpertheater deutlich, dass auf Wachstum irgendwann ein Crash folgen muss. Die Künstler erweisen sich in diesem sehr physischen Stück als Akrobaten, Tänzer, Performer, Schauspieler, Illusionisten und Bühnenbildner. (Vorstellungen von 13. bis 22. Dez. im Circuszelt)

Poetisch und verträumt erzählt die Schweizer Compagnia Baccalà in „Pss Pss“ eine Geschichte ganz ohne Worte. Das Traumpaar des Cirque Nouveau überzeugt mit Herzlichkeit und Wärme, verbindet Clownerie mit Akrobatik und erinnert dabei an die großen Helden der Stummfilm-Ära. (Vorstellungen von 27. Dez. bis 7. Jan. im Circuszelt)

„Kaleidoskop – So ein Circus!“ findet von 6. bis 9. Dezember im Circuszelt und Circusfoyer statt. Hier kommen vier Projekte junger, deutschsprachiger Künstler zur Aufführung. Die Nachwuchsartisten des Vereins „MOTA – Motorik Tanz Artistik“ präsentieren ihr erstes Bühnenstück „The Magic Frame“, Ariane & Roxana „play nice“ mit Fußjonglage. Ralph Öllinger zeigt Ausschnitte aus „Madman“, das Wiener Akrobatikduo in_tensegrity „hochSpannung“.

Im rotblauen Circusfoyer besteht die Möglichkeit, den Abend nach den Vorstellungen bei Konzerten von Salzburger Musikern stimmungsvoll ausklingen zu lassen. Das genaue Programm gibt es unter www.winterfest.at.


„Schlag auf Schlag“ – der Kampf um Anerkennung

In der neuen Produktion von TATU (vormals Taka-Tuka Theater) im Kleinen Theater dreht sich alles ums Boxen. Das Jugendtheaterstück von Eva Blum und Herman Vinck verfolgt die Karriere der ehrgeizigen, jungen Lucia Ritter, die unbedingt Profi-Weltmeisterin werden möchte.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Lucias Vater war einst Profiboxeuropameister, jetzt trainiert er jugendliche Amateure. Seine 15-jährige Tochter will es ganz nach oben schaffen: „Ich will Boxerin werden, die beste, reich und berühmt.“ Als sie, ohne Erlaubnis einzuholen, für zwei Wochen zur Europameisterschaft nach Stockholm fährt, bedeutet dies das Ende ihrer schulischen Laufbahn. Ihr Vater trainiert hart mit ihr, doch macht er sich auch große Sorgen um ihre Zukunft, denn „Frauen werden im Boxen nicht ernst genommen. Es ist ein Scheißjob.“ Lucia gewinnt zwar als Amateurin einen Siegespokal nach dem anderen, doch sie will mehr.

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Boxtraining für ein Theaterstück bei Conny König in Adnet. Foto: Michael Herzog / AUTrenalin MEDIA

Als sie einen Profivertrag samt lukrativem Werbevertrag bekommt, scheint ihr Traum in Erfüllung zu gehen. Doch bald schon bekommt sie die harten Gesetze des Profiboxsports zu spüren. Soll sie wirklich im Kampf um die Weltmeisterschaft in einer höheren Gewichtsklasse ihre Gesundheit riskieren? Ihr Vater wird schwach und sieht das pragmatisch: „Um das Geld kannst du dir fünf Nasen-Operationen leisten.“

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Boxtraining für ein Theaterstück bei Conny König in Adnet. Foto: Michael Herzog / AUTrenalin MEDIA

Die junge Salzburger Schauspielerin Sonja Zobel überzeugte in „Asip & Jenny“ als verwöhntes, pubertierendes junges Mädchen. Diesmal boxt sie voller Energie auf einen Sandsack ein. Drei Monate intensives, kraftraubendes Training mit der Salzburger Boxlegende Conny König stecken in der perfekten Box-Choreografie, die sowohl live auf der Bühne als auch in eingeblendeten Videos zu erleben ist. Wilhelm Iben gibt äußerst glaubhaft den desillusionierten Ex-Box-Champion, der einst von seinem Manager verheizt wurde und nicht wahrhaben will, dass seiner Tochter dasselbe Schicksal droht. Die Gier nach dem vielem Geld ist größer.

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Boxtraining für ein Theaterstück bei Conny König in Adnet. Foto: Michael Herzog / AUTrenalin MEDIA

Caroline Richards hat das Jugendstück, das die kurze, steile Karriere einer Boxerin aufzeigt und auf die Tücken und Schattenseiten des Profisports hinweist, mit dem nötigen Tempo in Szene gesetzt, wird doch in nur 70 Minuten eine Zeitspanne von gut sechs Jahren umrissen, in denen sich Pokal um Pokal auf der Bühne stapeln. Die bei der Generalprobe am 16. Oktober 2017 anwesenden Schüler einer Neuen Mittelschule zeigten sich schwer beeindruckt von der faszinierenden Geschichte eines jungen Mädchens, das für seinen Traum hartes Training, Schmerzen, Verletzungen und viele Entbehrungen in Kauf nimmt. Bei der anschließenden Diskussion waren sie aber vor allem am Alter und der Ausbildung der Schauspieler interessiert.

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Boxtraining für ein Theaterstück bei Conny König in Adnet. Foto: Michael Herzog / AUTrenalin MEDIA

„Schlag auf Schlag“ von Eva Blum und Herman Vinck. Produktion TATU. Regie: Caroline Richards. Musik: Axel Müller. Ausstattung: Ragna Heiny. Mit: Sonja Zobel & Wilhelm Iben. Altersempfehlung: ab 13 | Fotos: Kleines Theater/ Michael Herzog


„Hotel Europa“ – ein szenischer Liederabend

Passend zum Spielzeitmotto „Alle Menschen werden Brüder“ zündet Marco Dott ein musikalisches Feuerwerk aus bekannten Songs, Liedern und Chansons im Salzburger Landestheater. Das Publikum zeigte sich bei der Premiere am 7. Oktober 2017 begeistert von der humorvollen, schmissigen Musik-Revue.

Elisabeth Pichler

Die holzvertäfelte Hotellobby besticht durch den diskreten Charme der 50er Jahre, auch wenn die Drehtüre klemmt und die Elektrik manchmal den Geist aufgibt. Der neue Page, ein temperamentvoller Italiener (Gregor Schleuning), ist von seinem neuen Arbeitsplatz so begeistert, dass er die Treppe rauf und runter steppt. Das gefällt dem grantigen Concierge, einem waschechten Wiener (Walter Sachers), gar nicht. Er singt wehmütig von den alten Zeiten: „Those Were the Days…“

„Hotel Europa“ – ein szenischer LiederabendAuch die aus Deutschland stammende Hoteldirektorin (Anja Clementi im Merkel-Outfit) schüttelt über den steppenden Herrn „Penso Positivo“ nur den Kopf. Sie hat es auch wirklich nicht leicht. Der griechische Koch (Marcus Bluhm) ist ständig pleite, lebt von der Hand in den Mund und fordert lautstark: „Hey Boss, ich brauch mehr Geld.“ Nicht nur das Personal ist unzufrieden, auch die internationalen Gäste beschweren sich ständig. Frau Direktor versichert ihnen zwar: „You can get it if you really want. Aber wird das wirklich zu schaffen sein?  Der stocksteife Brite (Gregor Schulz) verkündet „I Am Special“ und verlangt schalldichte Fenster gegen den unerträglichen Baulärm. Der deutsche Gast (Axel Meinhard in kurzen Hosen und weißen Socken) ist sauer, dass es hier keine Curry-Wurst gibt und will daher sein mitgebrachtes Essen aufwärmen lassen. Die Stimmung ändert sich schlagartig, als eine hübsche Französin (Julienne Pfeil) auftaucht und laszive Chansons haucht. Da wird sogar der britische Tourist zur „Sexbomb“.  Einem türkischen Gast (Gürkan Gider) wird wegen schlechten Benehmens der Zutritt zum Hotel verwehrt, da kann er noch so schön „Istanbul (Not Constantinople)“ trällern.

Wie schlimm es um das Hotel wirklich steht, deckt eine Amtssachverständige (Genia Maria Karasek) bei einer Inspektion auf. Da dürfte nicht nur das illegale Dienstmädchen (Elisa Afie Agbaglah) Probleme bekommen. Kein Wunder also, dass sich die verbliebenen Gäste gemeinsam mit den Angestellten über die Hotelbar hermachen.

Marco Dott sieht diesen Liederabend als Plädoyer für einen humorvollen Umgang mit unseren europäischen Nachbarn: „Es ist ein Unterhaltungsabend, der leicht sein, der Spaß machen soll. Aber die Botschaft, wenn man das denn so nennen will, ist eindeutig: Lasst uns bitte die Dinge gemeinsam anpacken, und nicht wieder jeder für sich.“

Ein Tipp: Besuchen Sie das „Hotel Europa“, solange es noch steht, solange es noch geht, beste Unterhaltung ist garantiert.

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„Hotel Europa“ – Ein Liederabend von Marco Dott. Uraufführung. Musikalische Leitung: Tom Reif. Inszenierung: Marco Dott. Bühne und Kostüme: Eva Musil. Lichtdesign: Günter Schöllbauer. Mit: Gregor Schleuning, Walter Sachers, Elisa Afie Agbaglah, Anja Clementi, Marcus Bluhm, Gregor Schulz, Julienne Pfeil, Genia Maria Karasek, Axel Meinhard, Gürkan Gider. Gitarre: Tom Reif. Piano: Bruno Juen. Fotos: © Anna-Maria Löffelberger


„1984“ – Auswüchse einer totalen Überwachung

Petra Schönwald und Alina Spachidis haben George Orwells weltberühmten Roman über das Leben in einem totalitären Staat, einer manipulierten Kontrollgesellschaft, als Jugendstück für die Bühne bearbeitet. Die Premiere fand am 3. Oktober 2017 im Schauspielhaus Salzburg statt.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

In Ozeanien, einem diktatorisch geführten Staat, wird die Bevölkerung von „Big Brother“ und einer Parteielite unterdrückt. Es herrscht die totale Überwachung, selbst Gedankendelikte können den Tod bedeuten. Winston arbeitet im Ministerium der Wahrheit, einer Dokumentationsabteilung, die die Vergangenheit aktualisiert, indem sie unbequeme Daten auslöscht.

1984 Schauspielhaus Salzburg

v.l.n.r.: Cora Mainz (Telegirl), Jonas Breitstadt (Winston Smith)

Über nicht abschaltbare „Televisoren“ wird er ständig überwacht. Wenn er die verordneten Fitnessübungen für 30- bis 40-Jährige oder die geforderten Hass-Minuten nicht exakt ausführt, gibt es Abmahnungen. Ihm ist bewusst, dass man in diesem Staat nur sicher ist, wenn man mit den Wölfen heult. Dennoch versucht er, der Überwachung zu trotzen und sich durch Aufzeichnungen in einem Tagebuch ein wenig Privatsphäre zu sichern. Bei seinen Bemühungen, etwas über die reale, nicht redigierte Vergangenheit zu erfahren, findet er in Julia, einer Aktivistin der Anti-Sex-Liga, eine Verbündete. Noch bevor sie sich der rebellischen Bruderschaft anschließen können, werden sie von O’Brien, einem Spion, der für die Gedankenpolizei arbeitet, verraten und landen zur Umerziehung im Ministerium der Liebe. Hier wartet nach drei Stufen zur Heilung, „Lernen – Verstehen – Akzeptieren“, der gefürchtete Raum 101 auf sie.

Wenn Winston (Jonas Breitstadt) weiße Rollos herunterzieht, befindet er sich zwar allein in seiner Wohnung, doch der fordernden Stimme von der Videowall kann er nicht entkommen. Zweifel an der Sinnhaftigkeit seiner Arbeit nagen an ihm, denn ihm ist klar: „Wer die Macht über die Geschichte hat, hat auch Macht über Gegenwart und Zukunft.“ Völlig zufrieden hingegen scheint sein Nachbar (Lukas Bischof) zu sein, arbeitet er doch mit großer Begeisterung an der Vernichtung von Wörtern. Dass die Gründung einer neuen Sprache gleichbedeutend mit der Auslöschung des freien Geistes ist, kommt ihm nicht in den Sinn. Tilla Rath trägt als Julia zwar die Schärpe der Anti-Sex-Liga, doch revoltiert sie auf ganz spezielle Art gegen das herrschende System. Sadistische Züge zeigt Olaf Salzer als Angestellter im Ministerium der Liebe bei der Umerziehung der Verräter.

Petra Schönwald hat die stark komprimierte Fassung von Orwells dystopischem Text über ein System vollkommener Überwachung mit ungeheurem Tempo in Szene gesetzt. Julie Weidelis Bühnenbild wird von einer riesigen Videowall beherrscht, den Bewohnern Ozeaniens hat sie senfgelbe Einheitsanzüge verpasst. Die Jugend kennt „Big Brother“ von diversen Reality-Shows, hier werden jedoch die Auswüchse einer totalen Überwachung eindrücklich aufgezeigt. Erschreckend die täglichen Zwei-Minuten-Hassschreie, die in einer „Hateweek“ gipfeln, sowie das grausame Finale im Ministerium der Liebe. Die Regisseurin sieht ihre Inszenierung auch als Kritik am lebensdurchdringenden Kapitalismus. Ein starkes Stück, eine starke Inszenierung, die sicherlich auch das jugendliche Publikum nicht kaltlassen wird.

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„1984“ von George Orwell. Für die Bühne bearbeitet von Petra Schönwald und Alina Spachidis. Regie: Petra Schönwald. Ausstattung: Julie Weideli. Musik: Raphael Busa. Video: Michael Winiecke. Mit: Jonas Breitstadt, Tilla Rath, Lukas Bischof, Janna Ambrosy, Nico Raschner, Cora Mainz, Olaf Salzer. Fotos: Jan Friese


„Usher“ – ein zeitloser Alptraum

Der US-amerikanische Autor Edgar Allan Poe (1809 – 1849) hatte großen Einfluss auf den Symbolismus, die Entwicklung der phantastischen Literatur und der Kriminalliteratur. Eine Bühnenfassung seiner Kurzgeschichte „Der Untergang des Hauses Usher“ feierte am 5. Oktober 2017 im OFF Theater gruselige Premiere.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Das Publikum erfasst beim Betreten des Saales ein „frostiges Erschauern“, hervorgerufen durch eine „übersteigerte Atmosphäre des Grauens“, denn das Ensemble hat sich große Mühe gegeben und mit viel Liebe zum Detail das Interieur eines uralten Schlosses aufgebaut. Weiße Tücher ersetzen die morschen Mauern mit ihren blicklosen Fensteraugen, Unmengen von alten Büchern liegen verstreut am Boden. Selbst der Wind zaubert eine schaurige Melodie. Hier also leben die letzten Erben eines im Sterben liegenden Geschlechts, der kränkliche Roderick Usher und seine ebenfalls sieche Zwillingsschwester.

Roderick bittet einen Freund aus Kindertagen zu sich aufs Schloss. Er ersucht ihn um Beistand, leide er doch schwer unter mysteriösen Heimsuchungen und phantastisch suggestiven Wahngebilden. Er glaubt, seine Probleme seien bloß eine Nervenangelegenheit, eine krankhafte Verschärfung seiner Sinne. Der Besucher muss hilflos zusehen, wie Roderick  von Albträumen gequält rastlos herumirrt und sich sein Geist immer mehr trübt. Nachdem der Schlossherr seine Schwester in der Familiengruft beerdigen musste, kommt es in einer schauerlichen Gewitternacht zum finalen Showdown.

Max Pfnür verkörpert eindrucksvoll den von Ängsten gepeinigten Roderick, der dem Wahnsinn nahe, einem unausweichlichen Schicksal entgegenwankt. Jonas Zacharias muss als namenloser Besucher den düsteren Totentanz miterleben und beeindruckt durch die Rezitation betörend schöner, romantischer E. A. Poe-Texte. Benjamin Linse darf als junger Roderick noch mit Murmeln spielen, bevor er als Todesengel die Bewohner des Schlosses umkreist. Rodericks Zwillingsschwester Madeline taucht nur als Schatten auf, bevor sie in Tücher gehüllt in der Gruft verschwindet.

Alex Linse gelingt es mit dieser Inszenierung perfekt, das Publikum mit E. A. Poes düsteren Angstgespinsten zu umgarnen. Er lässt phantastische Bilder entstehen, die man so schnell nicht vergessen wird. Zu der überaus gelungenen Performance trägt auch Milan Stojkovic mit seinen Improvisationen am Klavier bei. Ein Gesamtkunstwerk, ein empfehlenswerter Gruselabend voll Schönheit und Schrecken.

„Usher“ nach E. A. Poe. Uraufführung. Regie: Alex Linse. Textfassung: Max Pfnür. Ausstattung: Ensemble. Maske: Andrea Linse. Kostüme: Abozar Hussaini. Mit: Max Pfnür, Jonas Zacharias und Benjamin Linse. Klavier/Komposition/Improvisation: Milan Stojkovic. Madelines Stimme: Natalie Siegl. Foto: OFF Theater


„Adonis bekommt Besuch“ – und ist gar nicht erfreut

Der deutsche Dramatiker, Regisseur und Schauspieler Fred Apke arbeitet vorwiegend in Polen. Sein preisgekröntes Kinderstück hat als Musical im Teatr Roma in Warschau bisher über 150 Aufführung erlebt. Am 3. Oktober 2017 fand im Kleinen Theater die deutschsprachige Uraufführung statt. Eine entzückende Aufführung von Gregor Matysik mit viel Musik flott in Szene gesetzt.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Adonis bekommt BesuchEin prachtvoller, vergoldeter Thron steht mitten auf der Bühne, davor schläft friedlich Adonis, ein etwas zerrupfter Papagei. Er selbst ist jedoch von seiner Schönheit überzeugt, bewundert sich nach dem Aufwachen im Spiegel und ist hoch zufrieden. Wo aber bleiben seine Diener mit dem Futter? Er beschließt, sie zu bestrafen und nicht mehr für sie zu singen und zu tanzen.

Endlich kommt das Essen und schon sind seine Drohungen vergessen. Vergnügt trällert er: „Guten Morgen, ich bin gut drauf“. Doch dann entdeckt er einen hässlichen schwarzen Haufen, „der lebt und Augen hat“, hinter seinem Thron. Was hat diese räudige Krähe mit ihren Flöhen im Palast von Adonis zu suchen? Und dann behauptet dieser unmögliche Vogel auch noch, dass sein Palast ein Käfig sei.

Nach und nach muss der eingebildete „König der Welt“ feststellen, dass er eigentlich gar nichts weiß. Er kennt weder Straßen, Autos noch Ampeln. Kein Wunder, wenn man ständig singt: „Alles dreht sich nur um mich, ICH, ICH, ICH.“ Die Krähe ist zwar rotzfrech, kommt sie doch direkt von der Straße, doch immer stärker wird ihre Sehnsucht nach der Familie.

Der eitle, selbstzufriedene Papagei will ihr zur Flucht verhelfen, kann er dann doch endlich seinen Palast wieder ganz für sich alleine haben. Doch irgendwie ist er verunsichert, wird es jemals wieder so schön sein wie zuvor? Das neugewonnene Wissen verunsichert ihn. Wäre die Freiheit nicht doch vielleicht auch für ihn eine Option?

Jurek Milewski stolziert als eitler Adonis über die Bühne, er singt und tanzt hingebungsvoll für seine Diener und regt sich über das erbärmliche Gekrächze der Krähe auf. Das Publikum dürfte das anders sehen, denn Cassandra Rühmling überrascht mit geschulter, glockenheller Stimme. Die flotte Choreographie zu den munteren Liedern stammt von Beata Milewksa. Wenn sich zwei streitbare Vögel balgen, dass die Federn fliegen, so ist das äußerst vergnüglich. Herzerwärmend hingegen ist es, wenn der unbedarfte Papagei erfährt, dass Lachen der Seele Flügeln verleihen kann und dass seine Flügel nicht nur Zierde sind.

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„Adonis bekommt Besuch“ von Fred Apke. Miluna Theater. Ein Stück für Kinder und alle anderen mit Liedern und Musik. Deutschsprachige Uraufführung. Regie: Gregor Matysik. Bühne: Alois Ellmauer. Musik: Cassandra Rühmling und Klaus Kircher. Liedertexte: Juliane Kovacs und Cassandra Rühmling. Choreographie: Beata Milewska. Produktion: Jurek Milewsi. Fotos: Christian Treweller | Altersempfehlung: ab 5 Jahren

 


„Besuchszeit“ – im Altersheim, im Gefängnis und in der Psychiatrie

Der österreichische Dramatiker und Schauspieler Felix Mitterer, der sich selbst gerne als „Tiroler Heimatdichter und Volksautor“ bezeichnet, wird Anfang nächsten Jahres 70 Jahre alt. Im Kleinen Theater steht bis 29. Dezember 2017 sein grandioser Einakterzyklus über das Leben am Rande der Gesellschaft am Programm. Ein zutiefst berührender, aber auch sehr unterhaltsamer Theaterabend, den man nicht versäumen sollte.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Während Doris Kirschhofer das Publikum mit „flirrenden Obertönen, vibrierenden Untertönen und schrägem Yodeling, vereint mit sinnlichem Akkordeon“ unterhält, stürmt Anita Köchl ohne Kostüm und Maske auf die Bühne. Mit ein paar geschickten Handgriffen wird aus der energiegeladenen Frau in besten Jahren eine körperlich gebrechliche Greisin, die im Altersheim den Besuch ihrer Schwiegertochter erwartet. Die dick- und sturköpfige Alte sudert dahin, fühlt sie sich doch hier wie in einem Gefängnis. Einziger Lichtblick sind die jungen Zivis, von denen sie sich nur allzu gerne baden lässt. Ein Beschwerdebrief über die untragbaren Zustände und das grauenhafte Essen im Heim ist schon unterwegs zum Bundespräsidenten.

Besuchszeit | Felix Mitterer

Foto: Kleines Theater | Edi Jäger

In einem Frauengefängnis wird eine „Mörderin“ von ihrem Mann, den sie mit einem Messer erstechen wollte, besucht. Doris Kirschhofer leiht diesem nur die Gestalt, die gefühlskalte männliche Stimme kommt aus dem Off. Hier im Gefängnis fühlt sich die Täterin endlich frei, die langen Jahre der Unterdrückung durch und Schufterei für den ungeliebten Ehemann sind Vergangenheit, hier gibt es sogar echte Sonntage, an denen nicht gearbeitet wird.

Besuchszeit

Foto: Kleines Theater | Bernhard Rothschädl

Für die dritte Szene verwandelt sich Anita Köchl in einen alten, kahlköpfigen Mann, der die Wirklichkeit verdrängt. Seine Geschwätz über die Weltverschwörung der „Elektrischen“ und eine spektakuläre Aktion zur Verhinderung eines Autobahnbaues haben ihn schließlich in eine geschlossene Anstalt gebracht. Seine Tochter, der er die Schuld an all seinem Unglück gibt, kommt auf Besuch, doch der Verwirrte erkennt sie nicht, er ist nur wütend, dass er dauernd geduzt wird.

Anita Köchl beweist an diesem Abend Mut zur Hässlichkeit. Ihr in der ersten Szene beim Verzehr der heißgeliebten Erdnüsse, einem Mitbringsel ihrer Schwiegertochter, zuzusehen, ist ein komödiantisches Highlight, ihr listiger Blick spricht Bände. Den alten, wütenden Bauern verkörpert sie so realistisch, dass man fast vergisst, dass sich hinter der Maske eine Frau verbirgt. Doris Kirschhofer schlüpft in die Rolle der Besucher, die allesamt unter gesellschaftlichen Zwängen zu leiden haben. Zwischen den Szenen sorgt sie mit ihrer schrägen Musik, die sie selbst gerne mit Begriffen wie „Lakritzpop“, „Alpinfolk“ und „Heidigrunge“ umschreibt, für musikalische Höhepunkte. Auch die ganz speziellen raschelnden Knitterkostüme der „Eingeschlossenen“ bzw. „Weggesperrten“ hat sie entworfen.

Hanspeter Horner hat die „bittersüße Satire“, die hervorragend in die intime Atmosphäre des Kleinen Theaters passt, mit dem nötigen Gespür für Mitterers schrägen Humor in Szene gesetzt. Ein trotz des ernsten Themas urkomischer Theaterspaß, der bei der Generalprobe am 28.9.2017 von Abonnenten der Salzburger Nachrichten heftig bejubelt wurde.

„Besuchszeit“ – Bittersüße Satire von Felix Mitterer. Von und mit Hanspeter Horner (Regie), Anita Köchl (Schauspiel, Produktionsleitung), Doris Kirschhofer (Schauspiel, Musik und Kostüme).