Wer sitzt schon gerne einem sabbernden Menschen gegenüber

Heute lass ich euch zwischen all den Reisen und schönen Dingen, über die ich gerne erzähle, ein paar Gedanken zu einem Thema hier, dass mich indirekt auch selber trifft.

Claudia Braunstein by Renate Eisen-Schatz

Claudia Braunstein by Renate Eisen-Schatz

Von Claudia Braunstein

Ich leiste mir morgens oft den Luxus Nachrichten im Bett zu lesen. Was früher die gute Tageszeitung in Papierform war, ist heute das Handy. Da scrolle ich mich nicht nur durch sämtliche Social Media Kanäle, sondern auch durch meinen News Feed. Dabei werden mir oft auch Nachrichten hineingespült, bei denen ich mich frage, warum sie überhaupt bei mir landen.

ZWEI KONTROVERSE ARTIKEL ÜBER SOCIAL MEDIA

Heute fand ich zwei Beitrage direkt hintereinander, die kontroverser nicht sein hätten können. Und beide betrafen im weiten Sinn die Social Media App Instagram. In der Onlineausgabe der Welt konnte ich nachlesen, dass Mitesser Videos derzeit der Renner auf Facebook und Co wären. Ich muss gestehen, dass dieser Trend zum Glück bisher an mir vorübergegangen ist, vermutlich weil ich altersmäßig keinen Bedarf mehr habe. Der Hype ist mir jedoch eher unverständlich. Was bitte kann am Ausdrücken von Pickeln so prickend sein, dass sich das Menschen schon beim Frühstück zwischen Cafe Latte und Avocado Waffel reinziehen? Somit habe ich den Artikel schnell wieder gedanklich abgelegt.

INSTAGRAM LÖSCHT FOTO MIT EINER FEHLBILDUNG

Warum ich ihn nun trotzdem erwähne, hängt mit dem darauffolgenden Beitrag im Online Standard zusammen. Der bezog sich auch auf Instagram, jener App, die in letzter Zeit aus vielerlei Gründen immer mehr in die Schlagzeilen gerät. Instgram löschte nämlich ein Bild einer Frau, dass sie gemeinsam mit ihrem 12 jährigen Sohn zeigt, der an einer seltenen Erkrankung leidet, die das halbe Gesicht zerstört hat. Zugegebenermaßen passt ein derartiges Bild, das die Realität dieser Familie zeigt natürlich nicht in die geschönte, rosarote, gefilterte Instagramwelt. Dort will man offenbar zwar Pickel- Ausdrück-Videos sehen, aber Menschen mit außergewöhnlichem Aussehen, das eben nicht dieser Filterwelt entspricht, werden einfach gecancelt.

NEGATIVER KOMMENTAR MIT VIEL WAHRHEIT

Besonders interessant fand ich jedoch einige Kommentare unter dem Standard Artikel. Dort kommentiert ein User wie folgt:
Menschen mit schweren Behinderungen, sei es körperlich und/oder geistig, können nun mal abstoßende Emotionen hervorrufen. Ich möchte ehrlich gesagt, auch nicht unbedingt beim essen jemand gegenübersitzen, dem der Speichel ständig aus dem Mund läuft oder seine Körperbewegungen oder Lautäußerungen nicht unter Kontrolle hat. Wer will z.B. ein behindertes Kind haben oder selbst mit fehlenden Gliedmaßen auf die Welt kommen. Wenn man ehrlich ist, will dies niemand.
Jössas, da stieg im ersten Moment der Zorn in mir hoch, so wie vielen anderen, die diesen Kommentar mit vielen roten Strichen bewerteten. Nach einer kurzen Nachdenkpause muss ich dem Kommentarschreiber aber in vielerlei Hinsicht auch Recht geben.

EIGENE BETROFFENHEIT

Ich kenne das Leben mit zu viel Speichel leider zu gut. Das heißt jetzt nicht, dass ich dauersabbernd herumsitze, aber es passiert mir tatsächlich, dass ich mich selber, vorzugsweise, wenn ich weiße Oberteile trage, anspucke. Ja, das ist wenig charmant und kann auch bei Menschen, die mich nicht gut bis gar nicht kennen, eigenartige Reaktionen auslösen. Starre Blicke, abwendende Körperhaltung oder auch, dass sich das Gegenüber reflexartig selber abputzt. Das bestätigt eindeutig die Meinung des Standard Users.

Ich habe auch einmal auf einer Onko-Reha miterlebt, dass ein Mundhöhlenkrebs- Patient auf Intervention anderer Patienten vom 6er-Tisch auf einen Einzeltisch hinter einem Paravent versetzt wurde. Weil er große Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme hatte, die auch teils mit ungewöhnlichen Geräuschen begleitet wurde. Und da half auch keine beherzte Stellungnahme. Man wollte diesen Herren aus dem Gesichtsfeld haben.

Das stellt sich für mich schon auch die Frage, warum werden Menschen, die oft wegen ihrer Erkrankung ohnedies schon am Rand der Gesellschaft stehen, dann auch noch gelöscht, wegretuschiert oder einfach hinter Paravents versteckt?

Infos zu Claudia Braunstein:
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Wolfgang Ecker: Beine. Endlos lange Beine

Dicht an der Donau, in dem kleinen Cafè, hab ich sie gesehen. Gelesen hat sie und einen Kaffee getrunken. Ich hab von der Zeitung aufgeblickt und sie ist dagesessen. Ich hab sie gar nicht reinkommen gesehen. Aber jetzt sitzt sie da und es fährt mir durch und durch: lange Beine, lange Haare, schlank, süßes Gesicht und der Busen, der ist auch nicht von schlechten Eltern.

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Wolfgang Ecker

Ich blinzle zu ihr hinüber und sie wirft den Kopf in den Nacken, dass die Haare fliegen. Sie lächelt, ich lächle auch. Jetzt, jetzt sollte mir was Vernünftiges einfallen, was, wo es sie umhaut, wenn ich sie anspreche. Zum Beispiel: „schönes Wetter heute, nicht wahr?“ Mann, wenn ich mit so einem Schwachsinn daherkomme, dann ist schon alles aus, noch bevor es angefangen hat. Wenn ich nur nicht immer so gehemmt wäre am Anfang. Vielleicht ein: „kennen wir einander? Waren Sie nicht auch bei der Eröffnung der Ausstellung?“ Oh Gott, ich hasse Eröffnungen von Ausstellungen und ich war mein Leben lang noch bei keiner. Nein, das ist kein guter Anfang, da kommt sie mir im dritten Satz dahinter, dass ich nichts mehr hasse als Eröffnungen.

Wie das nur die anderen Männer immer machen? Ich zermarter mir mein Gehirn, wie war das nur in dem Film da dieser Tage, da hat doch der Hauptdarsteller auch eine abgeschleppt, was hat der nur zu ihr gesagt, dass das so geflutscht hat?

Tja, wenn sie mein schönes neues Coupe sehen würde, das draußen vor der Tür parkt: blaumetallic, glänzende Leichtmetallfelgen, die feine Lederausstattung, das würd‘ sie schon umhauen, da bin ich mir sicher. Ich schätzte sie nämlich höchstens auf irgend so eine Gurke ein, einen Polo vielleicht, einen Twingo – höchstens. Vielleicht sollte ich den Autoschlüssel auf den Tisch vor mich legen, das Handy daneben, die Sonnenbrillen, ob das wohl Eindruck macht?

Irgendwo habe ich gelesen, dass es die Frauen nicht gar so haben mit den Autos. Scheiß Weiber, für nichts Interesse, nur Klamotten. Einparken können sie auch nicht. Schon gar nicht rückwärts. Es ist zum Aus-der-haut-fahren, ihre Beine sind nämlich endlos lang. Ich würd’ sie trotzdem nehmen, auch wenn sie nicht rückwärts einparken kann.

Warum eigentlich immer wir Männer den ersten Schritt machen müssen, das finde ich ungerecht. Soll doch sie was sagen zu mir. Zum Beispiel: „Haben Sie schon den neuen Alfa Romeo gesehen?“ Aber sowas wird man von einer Frau in hundert Jahren nicht hören, diese Ignorantinnen. Die fragt mich höchstens, wie mir das kleine Schwarze im neuen Otto Katalog gefällt, das auf Seite drei, das ist doch soooo entzückend!

Ich zünde mir eine Zigarette an, blase Kringel in die Luft, meine Augen blitzen, mit dunkler Stimme sage ich zu ihr, während ich mich ein bisschen aufrichte und meine Muskeln spielen lasse: „Sagen Sie, haben Sie schon den neuen Otto Katalog durchgesehen? Traumhaft, nicht wahr?“

„Oh“, flötet sie engelsgleich, „Ihnen gefällt Mode? Das ist aber interessant, ich schreibe nämlich gerade an einer Untersuchung: Männer und ihre Interessen. Und da kommt heraus, dass sich Männer nur für Fußball und Autos interessieren. Wissen Sie, ich arbeite für ein großes Autohaus und wir wollen herausfinden, wie wir neue Zielgruppen erschließen können. Bitte nicht böse sein, wenn ich Sie frage: sind Sie schwul?“

Man soll Untersuchungen nicht widersprechen. Beim Hinausgehen wackle ich ein bisschen mit den Hüften.




Maria Schober – Briefe an Leonie

 

Liebe Leonie,
dies ist mein erster Brief an Dich und ich weiß noch nicht, wohin unsere Reise gehen wird.

Ich bin im Jahr 1965 zur Welt gekommen, also noch vor der sogenannten sexuellen Revolution. Dadurch habe ich den großen Wandel in unserer Gesellschaft nur indirekt mitbekommen, aber ich bin in der ersten Generation, die in den Genuss der Freiheiten gekommen ist, die tapfere Frauen für uns erkämpft haben. Als ich mit 21 Jahren heiratete und mit 23 Jahren meinen ersten Sohn bekam, war es für mich selbstverständlich, weiter zu arbeiten, selbstständig zu sein und natürlich mein eigenes Geld zu verdienen.

Maria Schober - Briefe an Leonie

Maria Schober. Foto: © Siweiss

So beginnt mein erster Brief in meinem Blog „Briefe an Leonie“.

Für mich Maria, 52 Jahre alt, Mutter von 5 Söhnen, seit 30 Jahren verheiratet, war es immer eine Freude, Familie und Beruf zu vereinbaren. Es war in Ordnung, sich am Nachmittag von den Kindern wegzuschleichen, um im Geschäft zu verkaufen, bei Sitzungen teilzunehmen und auch über finanzielle Strategien zu entscheiden.

Es war in meiner Umgebung und in der Gesellschaft hoch angesehen, wenn man als Frau diese vielen verschiedenen „Bälle“ ganz leicht jonglieren konnte. In der Werbung, in Zeitungen und in Spielfilmen sah man überall, dass es bewundernswert ist, wenn Frauen sich selbst verwirklichen.

Niemand sah die Tränen der Kinder, wenn sie mich vermissten und niemand sah den fast täglichen Schmerz in meinem Herzen und mein schlechtes Gewissen, wenn ich sie im Kindergarten oder bei der Omi zurückließ. Krippen gab es Gott sei Dank noch nicht, denn so habe ich meinen Kindern das ersparen können.

Der plötzliche Tod meiner Mama stellte dann meine Welt auf den Kopf.

Durch diesen für mich sehr schweren Schicksalsschlag und auch durch die damalige Krankheit meines jüngsten Sohnes, die mich emotional sehr herausforderte, wurde mir bewusst, dass ich für mich etwas ändern muss. Meine Ehe? Meine Familie? Meinen Weg?

Ich entschied mich, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Ich weiß, das klingt jetzt kitschig, denn will das nicht jeder Mensch, sich selbst kennen?

Und so erfuhr ich eine der schockierendsten Erkenntnisse in meinem Leben, denn ich entschied mich, nach der Geburt meines Jüngsten, nur mehr geringfügig zu arbeiten, um mehr für meine Familie, für meinen Mann und für mich da zu sein.
Plötzlich war ich als „Mutter oder Hausfrau“ nichts mehr wert.
„Ich bin ja nicht so dumm wie Du“, solche und andere Sprüche bekam ich zu hören.
Ich brauchte sehr lange, bis mir bewusst wurde, um was es denn eigentlich geht. Die Gesellschaft und meine Umgebung hießen dieses Vorhaben einfach nicht gut.
„Ah ja, du bist ja nur mehr zu Hause“, hörte ich oft.
Ich war über sehr lange Zeit schockiert, ich würde sogar sagen paralysiert.
Im Duden wird dieses Wort so erklärt: ohnmächtig, versteinert, bewegungslos und genauso fühlte ich mich.
Ich konnte es einfach nicht verstehen, dass, wenn man sich heute für seine Familie einsetzt und seinen fünf Kindern ein gemütliches Zuhause zu schenken versucht, unsere Gesellschaft dieses Vorgehen mit Unverständnis oder gar Argwohn kommentiert.

Ich blieb mir und meiner Entscheidung treu und ging auf die Suche und nahm mir viel Zeit für meine Familie und mich. Das Leben an sich und vor allem das Wohlergehen von Kindern war und ist für mich von großer Bedeutung und deshalb engagierte ich mich nach einigen Jahren ehrenamtlich für die „Woche für das Leben“. Dieses Einsetzen für meine Familie und für das Leben gab mir viel Kraft und es brachte mich ein Stück näher zu meinem innersten Selbst. Durch diese Schritte fand ich mit fünfzig Jahren den Mut zur Berufsreifeprüfung. Da mir das Lernen so viel Spaß bereitete, absolvierte ich daraufhin zwei Studiengänge: „Theologie des Leibes“ und „Leib-Bindung-Identität“ in Heiligenkreuz.
Durch das Studium lernte ich viele Texte vom Hl. Papst Johannes Paul II kennen und lieben. Dort entdeckte ich auch eines meiner liebsten Zitate, das uns Frauen ermutigen soll, unsere Berufung zu suchen und zu leben.

Meine Erfahrungen, Erlebnisse und das neu Gelernte bringen mich zur Überzeugung, dass jetzt die Zeit gekommen ist, in der jede Frau ihre ureigene Berufung leben kann.

Briefe an leonieAus diesem Grund erzähle ich die Geschichte von Leonie und versuche, ihre Fragen an das Leben mit meinem Wissen und meinem Herzen zu beantworten.
So lade ich alle ein, sich mit mir und mit dem Blog „Briefe an Leonie“ Gedanken über unser Frausein zu machen.

Denn einer meiner wichtigsten Erkenntnisse teile ich mit Viktor Frankl: Es geht nicht nur darum, was ich vom Leben erwarte, sondern in erster Linie darum, was das Leben von mir erwartet.




Darf man heute noch verreisen und auf den Terror pfeifen?

Wer in der Salzburger Blogger Szene unterwegs ist, der kennt den provokanten Ü30-Blog „Gefährlich Ehrlich“ und an Anlehnung an den Blog habe ich auch meinen Titel gewählt. Und warum jetzt auf einmal etwas nicht technisches? Einfach weil es mich bewegt und mich seit dem 6. Juni beschäftigt.

Clemens GullVon Clemens Gull

Klar ich springe jetzt mal schnell auf ein beliebtes Thema auf: Terror & Anschläge. Aber das darf man doch, oder nicht? Und wer jetzt einen längeren Text erwartet der hat recht und liest weiter. Wer aber blutrünstige Bilder erwartet, der wird gleich mal enttäuscht sein. Aber alle die es interessiert, lesen es und erfahren meine Gedanken dazu, nachdem ich durch eine – sagen wir gefährliche Situation – gestolpert bin und Fragen stelle und Antworten suche.

Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben!

Also mich hat es direkt getroffen. Nein glücklicherweise nicht im wahrsten Sinne des Wortes, das war wer anderer, aber gut 100m hinter mir. Reiner Zufall, dass ich Anfang Juni in Paris war. Ich freue mich immer auf meine Lieblingsstadt, manchmal bin ich eben auch beruflich dort. Reiner Zufall, dass ich um rund 16:30 vor Notre-Dame unterwegs war. Wie das Leben halt so spielt… und genau so lebte und lebe ich noch immer: Lass dir von keinem Fanatiker was vorschreiben.

Klar machst du dir selbst Gedanken, wenn jeden Tag in irgendeinem Eck von Europa irgendein Typ (ich gendere mal nicht) mit irgendeinem Mittel versucht Menschen umzubringen. Darf ich eigentlich nach Paris fliegen oder wird es mich erwischen? Und wenn ich dort bin, darf ich auf die Champs-Élysées gehen? Oder werde ich angezündet, überfahren oder erschossen. Wie sieht es aus, darf ich überhaupt dort hin, wo mehr als 20 Menschen zusammen sind? All diese Fragen die einem durch den Kopf geistern und verzweifelt eine Antwort suchen. Klar keiner will vorzeitig ins Gras beißen! (Aber was ist vorzeitig?) Aber auch niemand will sein Leben im Hochsicherheitsbunker verbringen. Also machen wir weiter und das ist gut so!

Wir gehen auf Konzerte, zu Fußballspielen, in Vergnügungsparks, besuchen Museen und Sehenswürdigkeiten, sind in der ganzen Welt unterwegs und nehmen jeden einzelnen Moment in uns auf und sammeln schöne Erinnerungen! Denn ich lasse mir mein Leben nicht von irgendwelchen Fanatikern vorschreiben.

Die Polizei sichert Notre-Dame in Paris

Die Polizei sichert Notre-Dame in Paris

Und dann geht es rund!

Wie gesagt, da gehe ich zur falschen Zeit über den falschen Platz. Stimmt eigentlich nicht, es war nichts falsch daran! Es war wie so oft zu vor. Ich komme vor dem Rathaus aus der Unterwelt der Métro und trabe über den Place de l’Hôtel-de-Ville Richtung Seine. Wie immer geht ein leichter Wind und die warme Frühsommer-Sonne ist so was von angenehm. Dieses Mal ist der Platz aber nicht frei, sondern überall stehen Absperrgitter herum und behindern die Menschen. Nur damit keiner mit dem Auto auf den Platz rast.

Ich denke mal kurz darüber nach, was wäre wenn jetzt wirklich. Ach Blödsinn, wer ist so verrückt und will hier einen Anschlag verüben. Wie immer ist die Ampel rot und die Menschenmenge huscht und hetzt zwischen den fahrenden Autos rüber zur Pont d’Arcole. In Paris ist einfach nie Zeit eine rote Ampel abzuwarten. Und schon bin ich auf der Île de la Cité. Gehe ich auf der linken Seite und quäle mich durch Touristen und den passenden Shops oder lieber die rechte Seite entlang des Krankenhauses zwischen Reisegruppen durchtraben. Heute nehmen wir mal die Geschäftszeile, einfach aus Lust und Laune. Alles ist wie immer, ich rieche die Crêpes und Gauffres, es hängen die üblichen I <3 Paris Pullis und Shirts herum und die Touristen sind fleißig am Souvenir shoppen.

Notre-Dame-de-Paris

Notre-Dame-de-Paris

Da liegt schon Notre-Dame vor mir. Die Kathedrale beeindruckt mich immer wieder. Gleichzeitig so wuchtig und fragil. Wie immer ist viel los auf dem Platz davor. Eine endlos lange Menschenschlange wartet geduldig auf den Besuch der Kirche. Neu sind die Granitblöcke, dass nur ja kein Auto durch die Menschen brettert. Da blitzt er auf, der Gedanke an einen Attentäter. Der ist aber genau so schnell wieder weg. Du schaust ein paar Polizisten in die Augen und ignorierst die Soldaten auf dem Platz. Die gehören ja schon jahrelang zum Straßenbild. Jetzt durch einen Menschentraube durchgehen und ich höre etwas hinter mir schreien. Ist ja nicht ungewöhnlich, da sind hunderte Menschen und einer schreit immer. So und jetzt endlich auf der kleinen Pont au Double, mein Bistro schon im Blick und in Gedanken bei einem Espresso. Und plötzlich, von einer Sekunde auf die andere bricht die Hölle los.

Ich höre einen lauten Knall, das Gehirn läuft auf einmal auf Hochtouren: Das war doch ein Schuss? Und zur Bestätigung ein zweiter noch danach. Und dann weißt du wie schnell Menschen sein können. Glücklicherweise nicht alle, aber ein Teil war mal unterwegs und das ziemlich schnell. Es dauert schon ein paar Momente bis du realisierst was wirklich los ist. Aber dann mal ab durch die Mitte und schauen das du wegkommst. Ja so habe ich es erlebt und irgendwie war es surreal.

Darf man jetzt einen Espresso trinken?

Der Blick aus dem Bistro

Der Blick aus dem Bistro

Ja darf man! Jetzt war es mir mal wichtig runter zu kommen und wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Dann mal alle verständigen, die wissen wo man ist, damit sich niemand zu große Sorgen macht. Eigentlich wusste ich erst danach was wirklich passiert war. So richtig bekommst du es eigentlich nicht mit.

Und dann, wie schaut’s aus? Wollte ich nicht einen angenehmen Abend in meinem Lieblingsbistro verbringen? Ein wenig in einem Graphic Novell lesen und einfach den lauen Abend genießen. Darf ich das jetzt überhaupt?

Ja ich darf es und ich denke jeder soll es. Hey schau rüber zur Kathedrale. Die Sonne scheint, es ist warm, es ist super den Moment zu genießen. Mist aber da ist niemand, alle sind weg. Äh sind von der Polizei mal weggeschickt worden. Der Platz, das Viertel ist abgesperrt, irgendwer ist sicher verletzt worden und die Leute in der Kirche dürfen auch nicht raus. Also darf ich das?

Ja und ich will es sogar. Nennt mich ignorant und egoistisch, aber ich bin am Leben und will mir die schönen Momente nicht von irgendeinem Fanatiker vermiesen lassen.

Darf man jetzt zum Alltag übergehen?

Ja und Nein. Wenn wir uns immer weiter einigeln und noch mehr Gitter, noch mehr Granitblöcke, noch mehr Absperrungen und noch noch noch mehr Sicherheitsmaßnahmen ergreifen dann haben wir eh keinen Alltag mehr. Letztes Jahr konnte ich noch den Platz unter dem Eiffelturm besuchen. Ja kann ich heute auch noch, aber erst nach einer kompletten Securitykontrolle.

Ist das nicht Wahnsinn? Ja ist es – aber von beiden Seiten. Die Fanatiker verbreiten ihren Wahnsinn und terrorisieren uns ihm wahrsten Sinne. Ach pfeif‘ auf die paar Verletzten und Toten! Nein ich meine es nicht pietätlos, sondern aus einer anderen Sicht. Es könnten viel mehr Menschen umgebracht werden und jeder einzelnen ist einer zu viel.

Aber es reicht ein Angriff mit einer Machete, einem Hammer oder einen PKW und schon schränken wir uns noch weiter ein. Das ist für mich der wahre Terror! Kein Eintritt mehr in die Kirchen ohne Kontrolle, öffentliche Plätze werden abgesperrt, in Supermärkten wird gleich mal kontrolliert. Aber nicht die bösen Jungs, sondern alle quer durch. Wir lassen uns den Terror aufzwingen und opfern unsere erkämpften Freiheiten.

Fotoshooting nach dem Anschlag vor Notre-Dame in Paris

Fotoshooting nach dem Anschlag vor Notre-Dame in Paris

Der Platz vor Notre-Dame war ein paar Stunden nach dem Anschlag noch menschenleer. Nein die ersten mutigen kommen zurück und nutzen ihn für den schönen Moment und für Erinnerungen. Also gehen wir zum Alltag über und leben, lieben, lachen, weinen und sind einfach glücklich. Aber wir müssen ja nicht gleich ein paar Minuten oder auch Stunden nach so etwa gleich wieder weitermachen.

Die rue d’Arcole ist nach dem Anschlag wie ausgestorben

Die rue d’Arcole ist nach dem Anschlag wie ausgestorben

Mich hat es schon berührt und erschreckt, wieder zurück zur Métro zu gehen. Soll ich genau schauen, wo was passiert ist? Darf man Fotos machen? Nein darf man nicht! Darum gibt es auch keine Bilder hier, die „irgendwas“ zeigen. Ich denke, dass manches nicht fotografiert werden muss und wenn doch, nicht überall gezeigt werden muss. Aber normalerweise ist der Platz voller Leben, die Bistros brummen, du siehst müden aber beeindruckte Touristen, Menschen die lachen, Pärchen bei einem Glas Wein im Bistro, einfach das volle Leben an einem lauen Frühsommerabend, aber heute…

Heute ist da nichts! Ein paar ruhige und in sich gekehrte Menschen sind noch unterwegs, ein paar Absperrbänder der Polizei flattern noch im Wind und erinnern was passiert ist. Und das war’s! Sie haben es wieder geschafft. Alles wie ausgestorben und unser Alltag ist verschwunden. Aber das ist gar nicht so schlimm. Nein man darf nicht immer sofort zum Alltag übergehen. Ein Moment des Innehaltens muss schon sein. Der persönliche Moment vielleicht bei einem Café und der gesellschaftliche Moment, wo mal keine Geschäfte gemacht werden.

Darf man jetzt noch verreisen?

Der Nullpunkt vor Notre-Dame

Der Nullpunkt vor Notre-Dame

Ja darf man! Verdammt hören wir doch auf uns zu Tode zu fürchten. Tanzen wir auf den Plätzen, Lachen wir jeden an der uns begegnet und lassen uns nicht unser Leben nehmen. Ich bin einfach nicht bereit, nicht mehr in Bistro zu gehen. Ich bin noch nicht bereit nur mehr in Salzburg zu bleiben. Ich will einfach noch hunderte Konzerte in Bataclan, in La Cigalle, in Zenith, in der Olympiahalle in München, in der Stadthalle in Wien oder am Residenzplatz in Salzburg oder sonst wo hören, sehen und genießen.

Ist der Nullpunkt erreicht oder sind wir schon darüber hinweg? Ach pfeif darauf! Es wird noch schlimmer werden, das ist sicher. Die einen denken sie können nur mit Gewalt was erreichen. (Hat übrigens schon wer einen Tatsachenbericht über die 72 Jungfrauen, das Paradies oder die anderen Wohltaten bekommen?). Die anderen denken das kann man nur mit mehr Kontrolle verhindern. Habe ich mehr Angst vor den Attentätern oder mehr vor dem Big-Brother-Verhalten unserer Staaten?

Ich pfeif auf beide! Die einen sollen sich in die Luft sprengen wo sie wollen! Es kann mach eh überall erwischen, die Anschläge beschränken sich ja nicht mehr auf die Großstädte. Die anderen sollen mich halt überwachen.

Nein, ich denke nicht das es egal ist. Aber irgendwann werden wir oder vielleicht erst unsere Kinder diese Politiker mit nassen Fetzen verjagen und dann ist der Überwachungsspuk wieder vorbei. Bis dahin (wann/wo/wie auch immer das Ende sein wird) werde ich leben und das in vollen Zügen!

Ja, man darf verreisen!
Ja, man darf den Terror ignorieren!
Ja, du darfst einfach leben und das mit aller Kraft und allem Glück!

Konzert von Tove Lo in La Cigalle, Paris im März 2017

Konzert von Tove Lo in La Cigalle, Paris im März 2017

Ja, man darf Erinnerungen sammeln!

Feuerwerk am Nationalfeiertag beim Eiffelturm in Paris

Feuerwerk am Nationalfeiertag beim Eiffelturm in Paris

Hinweis:
Dieser Text und die Bilder wurden erstmals auf Guru 2.0 veröffentlicht. Das Copyright des Beitrages liegt bei Clemens Gull, das der Bilder bei Microble.




Kunstinitiative KNIE Oberndorf – Stolpersteine

„Kunst als Wagnis“ – die ersten STOLPERSTEINE in Österreich. Das Salzachknie in Oberndorf stand 1995 Pate für den Namen der Kunstinitiative KNIE in Oberndorf.

Von Mag. phil. Ulrike Guggenberger

Eine kleine Gruppe von Kunstbegeisterten und Künstlern hatte die Idee, am Salzachdamm in den Sommermonaten Symposien mit geladenen Künstlerinnen und Künstlern zu verwirklichen.

Um den Oberndorfer Künstler Thomas Stadler, Helmut und Ulrike Guggenberger formierte sich eine Arbeitsgruppe, die Künstlerinnen und Künstler einlud, sich mit dem Fluss als Lebensader vor Ort auseinanderzusetzen. Mit Symposionsteilnehmern aus dem Oberndorfer Raum sowie der Stadt Salzburg und dem angrenzenden Bayern entwickelte sich über sechs Jahre eine lebhafte künstlerische Szene während der Monate Juli oder August. Das Projekt „Kunst als Intervention im öffentlichen Raum – ein urbanes, mit den Entwicklungen und Vorstellungen des 20. Jhdt. verbundenes Phänomen“ (Irene Nierhaus) wurde von der Kulturabteilung des Landes Salzburg unterstützt, Hofrat Dr. Peter Krön eröffnete das erste Symposion 1995.

Stolpersteine für Oberndorf

Für das Sommersymposion 1997 wurden vier Salzburger Kunstschaffende und der deutsche Künstler Gunter Demnig eingeladen. Gunter Demnig und Ulrike Guggenberger hatten sich ein Jahr zuvor anlässlich eines internationalen Festes und Künstlertreffens der Gebrüder Baumüller, Werkstatt Kollerschlag kennengelernt. Thema des Gesprächs waren rasch die Stolpersteine, der Künstler hatte sich mit dem Gedanken der Verlegung von „Stolpersteinen“ schon länger auseinandergesetzt und mit Ideen und Materialien experimentiert. Noch am selben Abend war man sich einig, die ersten offiziell mit Genehmigung der zuständigen Gemeinde verlegten Stolpersteine im Rahmen des Sommersymposions in Oberdorf zu realisieren.

Gunter Demnig und KNIE

1997 kam nun Gunter Demnig nach Oberndorf und recherchierte zunächst gemeinsam mit dem ebenfalls von der Kunstinitiative KNIE eingeladenen Politikwissenschaftler und Gedenkdienst Gründer Dr. Andreas Maislinger in der näheren Umgebung Oberndorfs nach Opfern des Nationalsozialismus. Sowohl in der bayerischen Schwesterstadt Laufen als auch in Oberndorf stieß die Kunstinitiative von Seiten der nunmehrigen Hauseigentümer mit dieser Aktion auf Widerstand. In Laufen lehnte die Stadtverwaltung die Verlegung eines Stolpersteines zur Erinnerung an die deportierte Familie Friedmann aus Rücksicht auf den Hausbesitzer nach (nicht einstimmigem) Beschluss des Stadtrates ab. Irmgard Toledo, in Salzburg lebende Künstlerin und einzig Überlebende der Familie Friedmann, war von dieser Entscheidung bitter getroffen. Sie hatte sich vorgenommen, zur Verlegung des Gedenksteines als Zeichen der Versöhnung ihren Geburtsort Laufen ein erstes Mal wieder zu besuchen.

Johann und Matthias Nobis, Holzhausen

Andreas Maislinger, selbst in der Gegend aufgewachsen, stellte den Kontakt zur Familie zweier Bauernsöhne aus Holzhausen her. Johann und Matthias Nobis waren wegen ihres Glaubens als Zeugen Jehovas 1940 in Berlin hingerichtet worden. Die Familie der Brüder Nobis war von der Idee der Stolpersteine vom ersten Augenblick an überzeugt, sie bejahten und unterstützen das Vorhaben Gunter Demnigs tatkräftig.

Fritz Amerhauser, Bürgermeister von St. Georgen bei Salzburg, erkannte sofort die historische Bedeutung des Unternehmens und ermöglichte die Durchführung ohne wenn und aber.

Auf dem Gehsteig vor dem bäuerlichen Anwesen in Holzhausen ereignete sich somit im Sommer 1997 die erste offiziell durchgeführte Stolpersteinverlegung. Der Familie Nobis gebührt alle Anerkennung für ihren zweifelsfreien Mut, sich zu dieser Aktion zu bekennen.

Es dauerte noch drei Jahre bis Gunter Demnig weitere Stolpersteine mit amtlicher Genehmigung in Köln verlegen konnte. Mit Stand Dezember 2015 gibt es mittlerweile über 56.000 dieser Steine in 20 europäischen Ländern. Die Stolpersteine sind das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Und auch wenn man es in Zeiten wie diesen nicht glauben will, offizell begonnen hat es in einem kleinen österreichischen Dorf.

Stolpersteine in der Dorfzeitung >




FRAUmitHUND.
Die Geschichten

„Was soll also all das Gerede um Kampfhunde.
Wichtiger wäre es, über Kampfmenschen zu reden.“

Von Rochus Gratzfeld, Salzburg und Sarród

 Abends an der Salzach. Da bin ich Vivian zum ersten Mal begegnet. Ein pummeliges Mädchen in Begleitung finster aussehender Typen. Alle bewaffnet mit „Kampfhunden“. Ich nahm meinen Mut zusammen und fotografierte die „Gang“. Weder wurde ich geschlagen, noch gebissen. Die Burschen begannen zu scherzen in „broken German“.“. D

Jahre später meldete sich eine junge Frau bei mir. Ob ich mich erinnern könne. Ich konnte. Es war Vivian. Sie lud mich zu sich in ihre Wohnung ein. Um sie und ihre Hunde zu fotografieren.

Ich traf auf eine junge Frau, die inzwischen Mutter geworden war. Eine hübsche junge Frau. Eine mit Ambitionen und Zielen. Eine, die durch ihr Miteinander mit den Hunden gegen die täglichen Vorurteile anlebt. Eine drollige Mischung hatte sie da um sich zu einer Hundefamilie vereinigt. Angeführt von Edina, der „Kampfhündin“.

„Edina ist jetzt 8 Jahre alt. Ich habe sie vor 6 Jahren aus dem Kosovo geholt. Nein, dort hatte sie keine schöne Zeit. Es ging um Leben und Tod. Denn Edina wurde in Hundekämpfen eingesetzt. Missbraucht als „Kampfhündin“. Sie ist eine Mischung aus Stafford und Bullterrier. Heute kann sie sich sanft ihrem Hobby widmen: Der Beobachtung unserer Vögel. Und zu den kleinen Hunden ist sie ganz lieb. Zu Kim sowieso.“

Schein und Sein. Liegen oft weit auseinander.

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Hinweis: Die Ausstellung der Fotografien von Rochus Gratzfeld zum Thema FRAUmitHUND ist noch bis Monatsende in der Tierarztpraxis Lamprechtshausen zu den Ordinationszeiten zu besuchen.




Einmal Hund, immer Hund. Sonja Schiff.

FRAUmitHUND
Die Geschichten

Von Rochus Gratzfeld, Salzburg und Sarród

Einmal Hund, immer Hund. Sonja Schiff.

„Meinen ersten Hund habe ich mit 15 angeschleppt. Er hieß Pablo, war kohlrabenschwarz und der Hund des Knaben, in den ich grad verliebt war. Er suchte einen neuen Besitzer für seinen Hund. Und ich wollte diese große Aufgabe unbedingt übernehmen. Meine Mutter sah das dann leider ganz anders. Also musste ich den Hund, begleitet von tausenden Tränen, wieder zurückgeben. Aber ich schwor mir damals: Wenn ich erwachsen bin, habe ich einen Hund. An diesen Eid erinnerte ich mich im Alter von 33 Jahren. Ich hatte gerade eine Scheidung hinter mich gebracht und erfahren, dass ich nie Kinder haben werde. Es war eine Lebensphase mit viel Traurigkeit. Im Nachhinein denke ich mir damals bin ich stetig an der Grenze zur Depression dahingewandelt. Alle Energie ging in die Arbeit, danach war ich leer und verkroch mich zu Hause in meiner Höhle. Monatelang. Irgendwann in dieser Zeit kam mir der Gedanke, dass ich etwas brauchte um meinen “Kümmertrieb” auszuleben, etwas was ich umsorgen konnte. Da erinnerte ich mich an den Eid. Ein Hund!

Othello hat mir die Welt da draußen ganz neu gezeigt, er hat mich auf meinen vielen Reisen als Single begleitet und er hat mir beigebracht, dass Spaziergänge bei Sturm, Regen und Schneesturm einfach wunderbar sein können. Okay, er hat auch mein beiges, sauteures Ledersofa zerstört, und zwar noch am Tag der Lieferung. Außerdem hat er jede Rückbank meiner Autos zerfetzt und so manche Lieblingsschuhe. Er hasste es alleine gelassen zu werden! Abgrundtief und zerstörerisch.

Seit Othellos Tod im Jahr 2013 begleiten mich zwei wilde Hundemädels. Nutella und Girly, Dobermannmix und Schäfermix, beide aus dem Tierschutz. Beides keine einfachen Hunde, die eine ursprünglich ein sehr ängstlicher Hund—heute eine liebevolle und jederzeit verlässliche Wächterin, die andere ein ehemaliger Straßenhund mit viel Misstrauen und noch mehr Kampfgeist. Aber wir haben uns zusammengerauft und werden Tag für Tag zu einem besseren Team. Ich denke an die alte Dame, etwa 85 Jahre alt, der ich jeden Morgen beim ersten Gassigang begegne. Sie hat mir erst kürzlich erklärt, wie schwer es ihr aufgrund von Schmerzen fällt, morgens aufzustehen. Aber ihr kleiner Hund braucht sie und so rafft sie sich auf und bleibt dadurch mobil. Oder eine andere alte Dame, sie ist etwa 80, die gerade wieder zwei alte Hunde aus dem Tierheim geholt hat. Auch sie leicht gehbeeinträchtigt. Und trotzdem, dreimal täglich zieht sie mit den Hunden los. Ich werde daher wohl auch irgendwann so eine alte Frau sein. Werde kaum mehr laufen können, aber mich zwingen, rauszugehen, für meinen Hund oder meine Hunde. Sollte ich einmal in einem Seniorenheim wohnen müssen, dann bitte in einem, in dem auch Hunde einen fixen Platz haben! Da fällt mir ein, vielleicht sollte ich ja irgendwann so einen richtig hundefreundlichen Alterslebensplatz für mich und andere gründen?

Die Bilder sind noch bis Ende April 2017 während der Sprechstunden in der Tierarztpraxis Lamprechtshausen zu sehen.




Liebe stirbt nicht.

FRAUmitHUND
Die Geschichten

Von Rochus Gratzfeld, Salzburg und Sarród

Liebe stirbt nicht.

Ich lernte Bettina und Coco in Salzburg kennen. Irgendwie waren wir uns sehr schnell sympathisch. Daraus ist eine Freundschaft geworden. Coco lebt nicht mehr. Sie starb hochbetagt. Aber aus Bettinas Herzen ist sie nicht verschwunden.

Als ich Coco zum ersten und einzigen Mal traf, war sie bereits sehr krank. Dennoch strahlte sie einen schier unendlichen Lebensmut aus. Und es war klar: Bettina und Coco waren eine Einheit. Ein Herz und eine Seele.

Heute lebt Bettina nicht mehr in Salzburg. Cocos Tod änderte ihr Leben vollständig. Wenn ich heute von ihr höre, dann von irgendwo auf dieser Welt. Ab und an besucht sie mich. Wird dann ganz herzlich von meinen beiden Hündinnen begrüßt. Na ja. Die haben Geschmack. Wie Bettina. Schließlich bringt die Nutella und Girly immer das Feinste vom Feinen aus einer Hunde-Hof-Bäckerei mit. Echt adelig. Ja. Coco. Sie ist bei unseren Gesprächen dabei. Ich bin ja sicher, dass Coco längst eine Liebschaft mit meinem verstorbenen Othello—ein distinguierter alter Herr—jenseits des Regenbogens hat.
Sicher lächeln die beiden auf uns herunter und sagen: Liebe stirbt nicht!

Die Bilder sind noch bis Ende April 2017 während der Sprechstunden in der Tierarztpraxis Lamprechtshausen zu sehen.




FRAUmitHUND
BILDER & GESCHICHTEN

In 2014 habe ich damit begonnen, Frauen und ihren Hund, ihre Hunde, zu fotografieren. Irgendwie ist das eine besondere Beziehung, die ich versuchte, zu dokumentieren. Ich hatte eine Reihe wunderbarer Begegnungen. Oft berührende Geschichten durfte ich festhalten. 2016 habe ich das Projekt beendet. Mein Dank gilt den Modellen.

Von Rochus Gratzfeld, Salzburg und Sarród

Als Soziologe beschäftigen mich immer wieder Themen rund um das Sozialverhalten von Menschen. Darüber schreibe ich, darüber erstelle ich Fotoreportagen. Als eingefleischter „HundeMann“ hat mich die Rolle interessiert, die Hunden über die vergangenen Jahre im Zusammenleben mit Menschen zukam und gegenwärtig zukommt.

Ich unterscheide dabei folgende Phasen, die sich teilweise bis heute überschneiden:
Phase I: Hund als reines Nutztier (Schutz, Jagd, Hüten)
Noch heute ist dies in den meisten Ländern Osteuropas, in Ländern mit überwiegend ruralen Strukturen (z.B. Mongolei, Türkei) die zentrale Funktion, welche Hunde zu erfüllen haben.

Phase II: Hund als Statussymbol des Mannes
Galt insbesondere in der Zeit 1950-1980 und gewann auch bei jungen Männern mit der Verbreitung sogenannter Kampfhunde in unserem Jahrtausend wieder an Bedeutung.

Phase III: Hund als Familienmitglied
Ab den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Phase IV: Hund als Partner von Frauen, teilweise auch als „modisches Accessoire“
Kam auf um die Jahrtausendwende.

Jeder der oben angeführten Phasen können bestimmte Hunderassen zugeordnet werden.

Das Projekt FRAUmitHUND basiert auf der Phase IV. Ich habe versucht, mit Bildern und Worten dieses Phänomen zu beschreiben und zu visualisieren. Hunde als Partner, Freunde, Seelentröster, Begleiter, Sportkameraden.

Ganz besonders freut mich, dass die Bilder bis April dieses Jahres in der Tierarztpraxis Lamprechtshausen von Dr. Karl Traintinger und Magistra Heidi Hirscher dem Publikum zu den Praxiszeiten zugänglich sind. Die Geschichten liegen zur Lektüre ebenfalls dort aus.

Die Vernissage fand am 10. Februar statt. Sie wurde eröffnet vom LAbg. Hofrat Landesveterinärdirektor Dr. Josef Schöchl in Anwesenheit von Bürgermeister Ing. Johann Grießner unter grosser Beteiligung von Besucherinnen und Besuchern. Dr. Karl Traintinger stellte mich und das Projekt vor. Im Übrigen fand das Ereignis große Resonanz in der gedruckten Presse.
Gitarre und Saxophon sorgten für klangvolle Unterhaltung.

ngg_shortcode_1_placeholderZu den Geschichten hier ein Beispiel, welches wohl niemanden „kalt lassen“ kann:

DURCH DICK UND DÜNN
 „Eigentlich sollte es ein schöner Neustart werden. Nachdem ich die Starre, die der Tod meines Vaters über mich gebracht hatte, jeden Tag schmerzhafter zu spüren begann und endlich die Kraft aufwenden konnte, etwas dagegen zu unternehmen, beschloss ich in Bildungskarenz zu gehen.

Gerade als die notwendigen bürokratischen Wege erledigt waren, bekam ich das Ergebnis einer Biopsie, die ich im guten Gewissen, dass es sich lediglich um eine Absicherung einer harmlosen Kalkablagerung in meiner rechten Brust handelte, durchführen hatte lassen.

Während der Arzt mit mir am Telefon spricht und mir die nächsten Schritte erklärt, breche ich unter der Nachricht zusammen. Ich kann nur noch meine Mutter und meinen Freund anrufen und die Diagnose ins Handy schreien, hysterisch schreien, wieder ganz weit weg aus meinem Körper.

Die nächsten Tage und Wochen bin ich sehr aufgekratzt, ich geh alles ganz professionell an, schreib mir Fragen zusammen, entgleite immer mehr meinen Gefühlen und schaffe es, zu existieren, ohne zu sein. Abläufe werden Routine, ich geh zur Chemo und denk nur daran, dass das alles vorübergehen muss und ertrage.

Ich bin nicht mehr mit mir verbunden, ich erlebe alles als Beobachter, der nichts lieber würde, als davon zu laufen, um das alles nicht mehr mitansehen zu müssen. Es sind keine schönen Geschichten, die das Leben in den Chemo-Zentren schreibt. Mir wird das Brustgewebe fast vollständig entfernt und der Verlust mit Silikon wieder gut gemacht, ein Gefühl von Plastik in mir, ich denk nicht weiter darüber nach.

Im Gebäude, in dem ich im Krankenbett liege, ist auch die Geburtenstation untergebracht. In den Nächten, in denen mir das Schlafen zu schwer fällt und ich vermeintlich ziellos durch die Gänge spaziere, lande ich immer wieder vor dem Kreissaal, und freu mich, wenn eine Frau mit ihrem Neugeborenen an mir vorbeigeschoben wird. Ich stehe und lausche, um die ersten Schreie der neuen Menschen zu hören, die es gerade auf unsere Welt schaffen. Ich versuche nicht darüber nachzudenken, ob ich jemals die Liebe einer Mutter für ihr Kind empfinden werde können. Hauptsache leben, denk ich, alles andere kann man schon ertragen, denk ich. Fünf Jahre lang noch eine Antihormontherapie, die mich vorübergehend in den Wechsel bringt. Selbst ein Kind zu bekommen wird immer unwahrscheinlicher, aber um mich herum, bei meinem Freund, meinen Freunden, meiner Mutter und meiner Familie herrscht der liebevolle Konsens, dass ich mit Sicherheit, wenn alle Behandlungen abgeschlossen sind, selber Mama werde. Ich will nur einfach nicht sterben, denk ich und lächle zuversichtlich in die Runde, natürlich, es wird alles gut werden.

Man wird verrückt, wenn man so viel nachdenkt, daher ins Tun kommen. Ich wollte immer schon einen Hund und hab immer auf den richtigen Moment gewartet, wenn das Haus mit Garten in mein Leben getreten ist, wenn, wenn, wenn. Der einzige richtige Moment, der für mich noch existiert ist JETZT.

Ich will einen Welpen, ich will ein Baby. Meine Familie meint, dass der Hund mein Ersatzkind wird, ich bin mir nicht sicher, ich glaub, ich will einen Welpen, weil ich Welpen süß find, ganz profan, ohne tieferen Grund dahinter, falls es sowas überhaupt gibt.
„Das ist Lotte. Wär die was für Euch?“

Braune, zerzauste Haare stehen wild von ihrem Kopf weg, die Ohren wuscheln um ihr kleines Gesicht, sie sieht direkt in die Kamera, sie schaut mich an. Eine halbe Stunde später an diesem Samstag sitzen wir im Auto und fahren zwei Stunden, um Lotte kennen zu lernen.  Das Gartentor geht auf, ein Welpe stürzt heraus, auf uns zu und zerrt an unseren Beinen, ein anderer bleibt im Hintergrund, trottet langsam heraus und schnüffelt ein wenig an uns herum.

Heute sitze ich, knapp ein Jahr nach dem schlimmsten Moment in meinem Leben, in der Sonne vor dem Haus im Garten. Mein Hund vergräbt sich im Schnee, kommt zu mir gerannt und legt die Schnauze auf meine Knie. Sie ist mein Glückshund. Ich weiß, ich werde gesund bleiben. Ich weiß, ich werde viele meiner Träume und Leidenschaften noch ausleben. Ich schau Momo an, und weiß, dass Leben ist einfach schön.

Rochus Gratzfeld
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Alle Jahre wieder

Völlig überraschend ist auch dieses Jahr Weihnachten über uns hereingebrochen. Es herrscht Chaos. Die Straßen sind verstopft, nicht einmal mehr Rettungskräfte kommen voran. Unser Dorfpolizist steht inmitten des Aufruhrs und rauft sich die Haare.

Von Wolfgang Ecker

Touristenbusse zwischen den Einkaufswütigen, sie versuchen zur Stille Nacht Kapelle vorzudringen, allerdings ein hoffnungsloses Unterfangen heute, es gibt keine Parkplätze mehr. Also werden die Busse im Ortszentrum abgestellt und der Reiseführer versucht seine Schützlinge entlang der Salzach zur Stille Nacht Kapelle zu bringen. Durch die Stadt geht nichts mehr, alles verstopft. Schrill ertönen seine Pfiffe, um seine Schützlinge zusammenzuhalten, wild schwenkt er sein Fähnchen, damit ihn alle sehen in dem Wirbel.

Beim Supermarkt ist der Parkplatz brechend voll, mit Mühe ergattere ich doch noch einen. Dort, wo normalerweise die Einkaufswägen stehen, herrscht gähnende Leere, es ist keiner mehr verfügbar. Also gehe ich ohne einen Wagen hinein, egal, ich hätte sowieso keinen gebraucht, die Regale sind halb leer. Hunger droht. Den Filialleiter höre ich seine Angestellten fragen:“ Haben wir noch Reserven?“ Müdes Kopfschütteln ist die Antwort, nein, keine Reserven mehr, auch noch die letzte Verkäuferin wurde in die Schlacht geworfen, es sieht nicht gut aus. Mit fahrigen Fingern und wirrem Blick angesichts der Hoffnungslosigkeit kramt der Filialleiter die Notrufnummer der Konzernzentrale heraus, aber von dort kommt längst keine Hilfe mehr, entmutigt lässt er die Arme sinken, setzt sich auf einen Stapel Getränke, nicht einmal mehr fliehen will er.

Bei der Bank stehen die Kunden bis zum Eingang. Ha, so gescheit bin ich auch, auch ich will mich noch mit ein paar Scheinen wappnen, niemand weiß, wie das noch weitergeht, da ist es immer gut noch Reserven zu haben. Zwei freundliche junge Männer vom Roten Kreuz eilen herbei mit einer Jacke in den Händen. Was die wohl wollen? Dann höre ich es: spitze Schreie und wirres Lachen dringt vom Innenraum an meine Ohren. Oh weh, der nächste Nervenzusammenbruch. „Arme Sau“, denk ich mir, wie die zwei jungen Männer die Schalterbeamtin abholen.

Allerdings kann ich auf Nervenzusammenbrüche keine Rücksicht nehmen. Unter Einsatz meiner Ellenbogen verschaffe ich mir Zutritt. Gut, wenn man durchtrainiert ist, hier zeigt sich meine langjährige Erfahrung in Einkaufstempeln: „Geld her!“, schreie ich den Schalterbeamten an, packe ihn an der Krawatte, ziehe sein Gesicht zu meinem heran: „Hör zu, du Kretin, her mit meinem Geld, bei mir ist es ein Notfall!“ Gemütlich schlendere ich noch zu einem weiteren Geschäft, um Zigaretten zu kaufen. Dort ist es ruhiger. Ich plaudere mit der Verkäuferin, die kennt mich, weiß, welch ruhiger und ausgeglichener Mensch ich bin und dass mich nichts so leicht aus der Ruhe bringen kann.

Schon gar nicht so was Lächerliches wie der letzte Tag vor Weihnachten.

Weitere Artikel in der Dorfzeitung zum Thema:
Honzi: Christbaum, wiederverwendbar
Spaziergänger: Der Weihnachtsmann hat das Christkind abgelöst
Big T. presents: Stille Nacht, heilige Nacht. Ein Autobusevent.




Sonja Schiff: Wie möchtest Du einmal sterben?

Wie möchtest Du einmal sterben? Diese Frage wurde mir erst kürzlich auf einer Tagung, im Rahmen einer Podiumsdiskussion, gestellt. Ich hatte nicht viel Zeit nachzudenken und meinte dann spontan: Alleine. Ich möchte alleine sterben. Die Reaktion war ein Raunen im Raum.

sonjaschiffVon Sonja Schiff

Wie möchtest Du einmal sterben? Was für eine Frage! Sterben möchte doch niemand. Wir wollen alle ewig leben! Oder doch nicht?

Als Altenpflegerin habe ich viele hochbetagte Menschen erlebt, die wollten sterben. Sie warteten darauf gehen zu dürfen und zwar nicht nur, weil sie alt und krank waren, manche davon waren auch nur etwas wackelig auf den Beinen. Trotzdem meinten sie, es wäre jetzt an der Zeit zu gehen. Eine alte Dame erklärte mir einmal, sie würde des Lebens langsam überdrüssig, weil sich ohnehin alles nur noch wiederholen würde. Es wäre alles gesagt und getan. Sie wäre jetzt bereit für die große Reise. Sie möchte jetzt endlich „geholt“ werden.

Wenn wir also doch irgendwann selbst sterben wollen, dann ist die Frage, wie wir einmal unser Sterben erleben wollen, gar nicht so seltsam oder überflüssig.

Ich möchte einmal alleine sterben. Ohne Begleitung. Ohne Händchenhalten. Ohne Worten wie „Du darfst jetzt loslassen“  oder einer anderen Art von  Betüdelung. Alleine. Einfach alleine. Ganz alleine, mit mir und meinem Sterben.

Wann immer ich diesen Wunsch irgendwo kundtue, ernte ich Unverständnis oder Kopfschütteln. Als wäre dieser Gedanken ungehörig. Auch meine MitdiskutantInnen bei der Tagung schauten mich irgendwie fassungslos an. Alleine? Ihre Antworten auf die Frage entsprachen da schon mehr den gesellschaftlichen Erwartungen. Sie antworteten: Umringt von der Familie. Im Kreise der Familie.
Wer bitte will schon alleine sterben? Und überhaupt, das kann man doch seiner Familie nicht antun? Selbst beim Sterben gilt es Erwartungen zu erfüllen. So viel Egoismus beim Sterben darf nicht sein. Oder doch?

Niemand von uns kann sich sein Ende wirklich aussuchen. Morgen kann mir ein Dachziegel auf den Kopf fallen und mich von einer Sekunde auf die andere aus dem Leben schmettern. In einem Monat kann mich auf der Autobahn ein Alkolenker abschießen und ich sterbe eingeklemmt in einem Autowrack. Wann, wo und wie unser Weg zu Ende gehen wird, das bleibt für uns bis zur letzten Sekunde offen, das bleibt ein letztes großes Überraschungspaket. Trotzdem mache ich mir Gedanken zu meinem Sterben. Ich will einfach gewappnet sein.

Als Krankenschwester habe ich erlebt, dass wir Menschen, so wir nicht akut und plötzlich aus dem Leben gerissen werden, unser Sterben sehr wohl bewusst gestalten können. Eine Freundin von mir lag in einem Hospizzentrum. Tagelang wechselte sich die Familie an ihrem Sterbebett ab, man wollte sie auf keinen Fall beim Sterben alleine lassen. Doch sie entschied sich dafür, ihren letzten Atemzug genau dann zu machen, als sie alleine war. Die Person, die sie gerade begleitete musste kurz auf die Toilette. In diesem Moment, in diesen fünf Minuten schloss meine Freundin für immer ihre Augen. Eine alte Dame, die ich vor vielen Jahren betreute erzählte mir oft, dass sie dem Tod einmal aufrecht, sowie lachend und singend entgegentreten möchte. Sie lebte in einem Seniorenheim. An ihrem Todestag wehrte sie sich strikt dagegen abends ins Bett gebracht zu werden. Stattdessen orderte sie einen Tee mit viel Rum, nach einer Stunde den nächsten und dann noch einen. Während des Teetrinkens saß sie aufrecht in ihrem Stuhl und summte leise vor sich hin. Je mehr Tee mit Rum sie intus hatte, desto mehr wurde das Summen zu einem Singen, desto mehr erhob sie ihre Stimme und schwoll ihr Gesang an. Bis er plötzlich abbrach.  Die alte Dame hatte geschafft, was sie sich vorgenommen hatte. Sie war singend und aufrecht sitzend gestorben.

Wenn ich es schaffen sollte diese Welt nicht plötzlich und akut zu verlassen, dann möchte ich mein Sterben bewusst erleben und möglichst so gestalten, wie es für mich passt. Ich möchte mich verabschieden von den Menschen, die mir wichtig sind. Ich möchte meine offenen Dinge erledigen, etwa noch Danke zu sagen, wem ich noch nicht gedankt habe, mich entschuldigen, dort wo es noch etwas zu entschuldigen gibt und den Menschen noch einmal sagen, wie wertvoll sie mir waren. Aber dann, wenn der letzte Augenblick gekommen ist, wenn ich mich entschieden habe zu gehen, möchte ich mit mir alleine sein.

Ich will nicht umringt sein von Menschen, möchte nicht, dass in diesem intimen Moment jemand bei mir ist, mir zusieht oder gar auf mich einredet. Ich will alleine sein, will da alleine durch, will meine Reise alleine antreten. Und ich will mich nicht davonschleichen müssen, wenn meine Lieben grad auf die Toilette hetzen. Ich will Zeit haben zu gehen. Zeit mit mir alleine.

Dann, wenn alles Leben aus mir gewichen ist, dann können meine Lieben wieder den Raum betreten. Dann können sie mir einen Dienst erweise: Bitte öffnet dann das Fenster für mich. Ganz weit. Denn meine Seele will ihre Flügel öffnen und hinausfliegen.

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Dieser Artikel wurde erstmals auf VielFalten.com veröffentlicht und uns dankenswerter Weise von Sonja Schiff zur Verfügung gestellt. Fotos: Sonja Schiff




Reinhard Lackinger: Überfremdung hüben und drüben

Kann einer, der nicht in Österreich, nicht in Europa lebt, über Überfremdung reden? Nein, das kann er nicht! Das jedenfalls dürfte die allgemeine Reaktion sein, um das Einmischen und Mitreden eines Außenstehenden zu quittieren und sofort vom Tisch zu fegen.

Reingard Lackinger

Von Reinhard Lackinger, Beislwirt in Brasilien

Wie, so frage ich mich, sähen die Meinungen eines beinahe siebzigjährigen Auslandsösterreichers aus, der seit 47 Jahren in Brasilien lebt, wollte auch er zum Thema Überfremdung den Dijonsenf seiner Giftküche dazugeben? Ich spreche von mir, aus meiner Erfahrung!

Ich würde wahrscheinlich weit ausholen und von den Volksdeutschen erzählen. Von den vielen schwarz gekleideten Figuren mit Kopftuch, ernstem Gesicht und den Kindern und Enkelkindern, mit denen ich aufgewachsen bin. Ich würde meine Rede auch mit servokroatischen Flüchen würzen, die ich in jenem Getto, dem Lager II in Kapfenberg, Steiermark gelernt hatte.
Dieses allerletzte Barackenlager verschwand allmählich und die in den 40 er Jahren aus Esseg, Neusatz oder gar aus Pomarla, Bukowina stammenden Heimatvertriebenen bekamen Anfang der 60 er Jahre neue, erst damals gebaute Wohnungen zugewiesen.

Nicht alle Einheimischen und seit mindestens fünf Jahren oder gar seit einer Generation im Ort Lebenden und Wohnhaften sahen diese Großzügigkeit der Stadtgemeinde mit Wohlwollen und guten Augen. Besonders diejenigen, die weiterhin in Zinskasernen hausten, die noch vor dem ersten Weltkrieg erbaut worden waren. Zimmerküchenwohnungen mit gemeinschaftlichem Klo auf dem Gang und einem dürftigen Badezimmer – wenn überhaupt – fürs ganze Haus und alle darin wohnenden Parteien.

Ich würde vielleicht auch von der Familie und Landwirtschaft eines Freundes erzählen, die in jenen Jahren allgemeiner Not eine Flüchtlingsfamilie aus Rumänien oder Bulgarien aufnahm und bei ihr unterbrachte. Vom „Flüchtlingsfamilenvater“, der in seiner Heimat selber Bauer war und versuchte, dem inländischen Hausherren mit moderneren und energiesparenden Prozeduren zur Seite zu stehen. Der Vater meines Freundes ließ sich aber vom neuen „Knecht“ nichts sagen und verwarf stehenden Fußes jede Innovation.

Überfremdung herrschte damals auch auf zugefrorenen Weihern und Teichen, wo die Heimatvertriebenen das Eisstockschießen nach fremden, exotischen und für die Ortsansässigen völlig unverständlichen Regeln praktizierten. Ein Unterfangen, dem die „Einheimischen“ mit Misstrauen und Hohn begegneten.

Das alles ist nun schon lange her, gar nicht mehr wahr und auch nicht der Rede wert! Nicht nur das Telefonbuch Wiens ist voll mit immer weniger fremdartig klingenden Namen aus allen ehemaligen Kronländern, sondern auch die eineinhalb Seiten der Liste Kapfenbergs. Heute scheint es, es hätte früher keine Überfremdung gegeben. Vielleicht deshalb, weil gar kein Platz dafür existierte. Überfremdung und soziale Unordnung installieren sich normalerweise nur in gesellschaftlichen Leer – und Zwischenräumen. Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren, hieß es damals. Dabei wäre ich mit meinem Diskurs bereits in Südamerika, in Brasilien. Zwischen Inseln mehr oder weniger prekärer Urbanisierung wuchern seit über hundert Jahren die Favalas der Armen und Miserablen.

Überfremdung fühlen heutzutage und seit der relativ zaghaften Machtübernahme der Arbeiterpartei von Luiz Inácio Lula da Silva die ewig privilegierten Einwohner Brasiliens der Oberschichte- und Mittelklasse. 500 Jahre lang orientiert sich diese schmarotzerische Brut am gähnenden Abgrund zwischen Arm und Reich. Mit der konstanten Aufwertung des dürftigen Mindestlohnes, den „Affirmative Actions“, der Afrobrasilianern und Indigenen den Zutritt zu Universitäten und in den öffentlichen Dienst erleichtert, verließen in den letzten 13 Jahren benahe 30 Millionen Brasilianer bitterste Armut und wurden zu mehr oder weniger vernünftigen Endverbrauchern.

Überfremdung spüren seither die artigen Bürger im Supermarkt oder im Lehrsaal der Universitäten, wenn sie jene bürgerlichen Installationen mit neuen Studenten und nicht selten ungut auffallenden Konsumenten teilen müssen. Oder am Flughafen, wenn sie nun in der Abflughalle zusammen und auf engstem Raume mit Passagieren aus der ehemaligen Klasse C und D auf das Einsteigen warten müssen.
Oder am Strand von Copacabana, Ipanema, Leblon, Porto da Barra oder Búzios. Wenn Horden Dunkelhäutiger aus der Peripherie oder der Favela den Platz im heißen Sand und im Meer okkupieren, den eigentlich nur diejenigen benützen dürften, die in jenem Nobelviertel wohnen und nur die Strandstraße zu überqueren brauchen, um ihr Paradies zu genießen, wofür sie teure Grundsteuer bezahlen.

Überfremdung erfahren die Bürger Brasiliens, wenn Straßen und Plätze voll mit rote Fahnen tragenden Menschen sind, die gegen den Putsch, den Staatsstreich protestieren, den korrupte Politiker, die parteiische Justiz, und die lügenhafte Presse, mit Unterstützung internationaler Verbrecher im Schnellverfahren durchboxen wollen!

Ja Gnade euch Gott ihr eingebildet mächtigen Nichtsnutze,
der einfache Brasilianer stund auf im Lande
und fünfhundertjährige Sklaverei
macht Privilegien und Dünkel zu Schande.

Salvador, 14. August 2016