Karl Traintinger: Wegschauen ist bequem

Mit einem leisen, dumpfen Knall macht sich der etwa 10 cm lange Stahlbolzen auf den Weg. Die Haare stellen kein Hindernis dar, der Schädelknochen bricht unter der Wucht des Schlages, die Gehirnrinde wird durchschlagen. Dem Stier reißt es die Beine weg, er geht krampfend zu Boden. Nach einigen wenigen Sekunden erlöschen die Reflexe, die Muskeln entspannen sich. Mit einem schnellen Schnitt werden die großen Halsschlagadern durchtrennt.

Von Karl Traintinger.

Nach 20 Monaten wurde das Leben des Maststieres, er wiegt jetzt ungefähr 700 kg,  jäh beendet; der Tierarzt begutachtet den Schlachtkörper, das Muskelfleisch wird zum Lebensmittel. Der Klassifizierer beurteilt den Fett- und Fleischanteil, der Mäster soll ja gerecht bezahlt werden. Der Schlachter und der Fleischhändler sprechen von schöner Ware. Die Häute kommen zum Lederverarbeiter, das Fett zum Einschmelzen zur Fettindustrie, Lebern, Lungen, Kopffleisch zur Haustierfutterproduktion, und so weiter. Es bleibt nicht übrig, selbst die Penisse kommen getrocknet als Ochsenziemer in den Zoofachhandel und werden dort als Leckerbissen für die Hunde verkauft.

Steaks gehören zu den beliebtesten Rindfleischspezialitäten, beim obigen Stier gibt es etwa 6-7 kg davon. Die traditionelle österreichische Rindfleischküche verwertete fast jeden Teil des Schlachtkörpers auf die bestmögliche  Art. Wer nimmt sich heute noch Zeit zum Kochen? Wer kann kochen? Wie oft landet ein Stück Rindfleisch im Biomüll, weil es angeblich so zäh ist? Wen interessiert beim Essen eines Burgers wirklich, wie die Kuh, die das Fleisch lieferte, gelebt hat? Reduziert sich das Interesse beim Fleischkauf nicht oft auf die Schnäppchenjagd? Wer bietet noch mehr Fleisch um noch weniger Geld an? Die Rabatte geben nicht die Supermärkte, für die Aktionen müssen häufig die Produzenten günstiger liefern.

Wie einfach ist es, wenn man nur ein Stück abgepacktes Rindfleisch im Kühlregal auswählt, schaut ob das Ablaufdatum passt und sich blind darauf verlässt, dass schon alles richtig sein wird. Wen kümmert es, dass die Schlachthöfe immer größer werden, damit die Rentabilität steigt und die Kosten reduziert werden können? Bei 1000 Rinderschlachtungen am Tag heißt das aber auch, dass 1000 lebende Rinder transportiert werden müssen. Bei einer durchschnittlichen Rinderanzahl von 20 Stück pro Bauernhof  in Österreich sollte man auch über Transportwege zu den Schlachthöfen und das Wegrationalisieren mancher Kleinbetriebe nachdenken.

Bei den Hühnern ist angeblich alles besser. Das Frühstücksei kommt von glücklichen Hühnern aus biologischer Haltung (foodwatch Eier-Informationen >). Genau schauen darf man dabei aber auch nicht. Es denkt sich offensichtlich niemand etwas dabei, wenn die Hühner in 5 Wochen ihr Schlachtgewicht erreicht haben. Und dann gibt es noch die Schweine, Schafe, Ziegen, Strauße, Wasserbüffel, und so weiter.

Ich für meinen Teil bin kein Vegetarier, habe aber großen Respekt vor lebensmittelliefernden  Tieren; es ist mir wichtig, dass es ihnen gut geht. Auch glaube ich, dass Fleisch nicht jeden Tag auf den Tisch muss. Das auf allen Ebenen ruinöse Preisdumping bei Lebensmitteln ist ein schlechter Weg und sollte keine Zukunft haben. Meiner Meinung nach müssen Produkte von lebensmittelliefernden Tieren ihren ehrlichen Preis haben, nur so kann man  von den Landwirten Zugeständnisse in der Fütterung und Tierhaltung verlangen, alles andere ist scheinheilig. Der von der EU eingeschlagene Weg zu den immer größer werdenden Produktionseinheiten in der Landwirtschaft  erscheint mir mehr als fragwürdig. Für viele der Skandale in der Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion sind interessanterweise fast nie Kleinbetriebe berühmt geworden.

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5 Kommentare zu "Karl Traintinger: Wegschauen ist bequem"

  1. Raphaela Vital Raphaela Vital | 14. Januar 2011 um 11:22 |

    Je mehr wir unsere Kinder von allem fernhalten, umso größer werden die Probleme werden. Sollte es dann noch irgendwelche Widrigkeiten des täglichen Lebens geben, werden die auch noch beiseite geschafft. Übrig bleiben unbezwingbare Monster, die ihre Eltern und Lehrer tyrannisieren. Wir wollen es offensichtlich so und verdienen es auch.

  2. Lieber Karl Traintinger, danke für diesen Beitrag. Vor kurzem bin ich von Anthering entlang der Salzach Richtung Salzburg geradelt. Es war wunderbar, der Blick auf diese wunderbare Natur, der Duft der gräser und Wälder (mit kurzer Unterbrechung durch die Müllaufbereitungsanlage Siggerwiesen). ich radelte und radelte, freue mich meines Lebens. Plötzlich unglaublich lautes Muhen, irgendwie anders, durchdringend. Ich bleib stehen, schau mich um, suche nach einem Bauernhof, seh keinen Ahnung. Plötzlich wird mir klar, der Schlachthof Bergheim! Mein Herz rast. Es sind die Kühe, die auf ihre Hinrichtung warten. ich habe wochenlang von diesem Muhen geträumt…wochenlang. Ja, auch ich esse Fleisch, immer weniger, aber immer noch. Ich hab begonnen mich dem Thema zu stellen, weil weggeschaut hab ich, so wie viele, eh lang genug. Ich esse kein „Industrie-Schwein“ mehr seit ich einen mich völlig verstörenden Film gesehen über die industrielle Masthaltung. Ich esse am liebsten Schaf, weil mir der agyptische Schlachter gesagt hat, daß Schafe nicht in Mast und nicht in Ställen gehalten werden können- hoffe das stimmt- sondern frei laufen können müssen. Ich beziehe Mangalitza-Schweinefleisch von einem mir bekannten Biobauern. Und was Hühner betrifft, versuche ich auch eine Lösung zu finden für mich. Rind? Noch bin ich auf der Suche nach einer Lösung. Meine Freundin, Biobäurin, meinte kürzlich: Eigentlich dürften nur jene Menschen Fleisch essen, die mindestens einmal ein Tier selbst getötet haben. Sie würden Respekt bekommen vor dem Lebewesen das für unseren Genuss sein Leben lässt. Danke für den Beitrag!!

  3. christine brandstätter | 16. Januar 2011 um 22:01 |

    man/frau muss nicht aufhören, fleisch zu essen, um viel zu bewirken. ein tag reicht.
    ein süßes und schmackhaft machendes video aus deutschland: http://www.donnerstag-veggietag.de/

    die idee ist in der weltweit ersten veggie-tag stadt gent schon erfolgreich umgesetzt.
    dazu der vize-bürgermeister:
    „Wenn alle Bürger von Gent am Veggie-Dag teilnehmen würden, könnten sie die CO2-Emissionen von 18.000 Autos einsparen“. Soweit ist es zwar noch nicht, aber die Kampagne soll jedem einen Anreiz bieten, auch mal einen Tag auf Fleisch zu verzichten. Städtische Kantinen, Schulküchen und auch die Uni-Mensen kochen donnerstags nur vegetarisch. Viele Restaurants setzen besondere fleischlose Gerichte auf ihrer Speisekarte. Und die Kampagne hat Erfolg: inzwischen essen die Genter doppelt so viele vegetarische Gerichte als noch vor Einführung des Veggie-Dags.“
    hier der medienbericht per video: http://www.wdr.de/tv/quarks/sendungsbeitraege/2009/1201/004_gent.jsp

  4. Laubfrosch Laubfrosch | 17. Januar 2011 um 08:26 |

    Liebe Christine, eine geniale Idee! Ich werde ab sofort jeden 2. Tag in der Woche fleischlos gestalten. Es ist beeindruckend, wieviel CO2 damit problemlos eingespart werden kann, ich mach mit!
    Kathi

  5. Was mich beeindruckt ist die Tatsache, wie offensichtlich unterschiedlich die Fleischqualität bei zB Lidl im Vergleich zu Billa ist. Klar, bei Lidl kostet es weniger – aber speziell beim Fleisch merkt das meiner Meinung nach wirklich jeder. Dabei ist Billa (Vermutung) von der Fleischqualität auch nicht das Optimum.

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