Reinhard Lackinger – Die Fußball WM

Reinhard Lacklinger

Tunnelblick auf die Fussball WM, und was sonst noch geschieht, aber niemand zeigt…

Reinhard Lacklinger

Reinhard Lacklinger

„Onde dinheiro está em jogo, não ponho o meu coração“, sagt mein Freund Geraldo Assis Brandão. „Wo Geld im Spiel ist, gebe ich mein Herz nicht her“! Das ist leichter gesagt als getan! Für mich jedenfalls… In meiner Brust schlägt das Herz eines leidenschaftlichen Schlachtenbummlers.

Kaum fahre ich an einem Rasenstück vorbei, auf dem sich eine kickende Meute tummelt, drücke ich sofort der einen oder anderen Mannschaft die Daumen. Auch wenn ich dem Spektakel nur zwei bis drei Sekunde widmen kann. Leuchtet die Ampel rot, bin ich nach einer halben Minute bereits in der Lage, einen der beiden nicht existierenden Teamtrainern zu beraten…

Angesichts des Reichtums Brasiliens geht es mir ebenso. Auf Schritt und Tritt bemerke ich das Potential dieses Landes, versuche mir vorzustellen, wie dieser Reichtum an Natur und Rohstoffen, Ackerland und das Naturtalent seiner Einwohner der lokalen Kollektivität zugute kommen könnte.

In jedem Fall scheint der Versuch, einer brasilianischen Fußballmannschaft taktische Disziplin beizubringen genauso unfruchtbar zu sein wie das Engagement in Politik, Umweltschutz und Wirtschaft. Ein Unternehmen kann in Brasilien noch so gut strukturiert, von fähigen und ehrlichen Fachleuten verwaltet werden… Erfolg und Profit darf aber nur derjenige erwarten, der an die Tür der Mächtigen pocht, ehe er sein Kapital investiert und sich vergewissert, daß er mit seinem Vorhaben nicht mit unsichtbaren Interessen kollidiert.

Fragt sich jetzt noch einer, warum illegale Sägewerke, Monokulturen, und Zelluloseerzeuger weiterhin den Regenwald verschlingen, kleine Buben im Krieg rivalisierender Drogenbanden oder im Schock mit der Polizei fallen, junge, 10 bis 12-jährige Mädchen auf den Strich gehen, Inhaftierte vom Gefängnis aus und per Cellphone Raub und Mord anstiften, verwalten und überwachen, sowie staatliche Institutionen sich mit privaten Bemühungen verbünden und umgekehrt, sich Allgemeingut mit individuellen Interessen vermischt, kann er sicher sein daß alles Tun rings herum seine Gründe hat. Vor allem die Unterlassungen.

Fragt mich jetzt einer, was das alles mit Fußball zu tun hat, könnte ich das mit vier Buchstaben beantworten: FIFA. Die Fédération Internationale de Football Association wird natürlich zweifellos von ehrenwerten Männern verwaltet. Irgendwelche Anspielungen und Behauptungen, die FIFA sei ein korrupter Laden, sind genauso lügenhaft wie Spekulationen um Ronaldo Nazários Körpergewicht zu Beginn der WM in Deutschland…

Wenn nun mittelmäßige Nationalteams hoffnungsvoll dem Endspiel entgegensehen, während gute Mannschaften bereits wieder nach Hause fahren, soll der Grund dazu bei den Spielern und den Teamtrainern gesucht werden. Ein Mißerfolg der Brasilianer ist leicht zu erklären. Für die brasilianischen Ballkünstler und schwerreichen Fußballgötter zählt ein gelungenes Dribbeln mehr als ein Tor. Das Bild mit dem überspielten und aus dem Gleichgewicht gebrachten, hilflos am Rasen sitzenden Gegner stimmt den brasilianischen Schlachtenbummler glücklicher als das Vorrücken der Nummern des elektronischen Trefferschildes.

Da ich aber nicht nur brasilianische Fußballprofis kenne, sondern auch Schiedsrichter, leuchtet bei mir längst ein Warnlicht. Jedenfalls seit Carlos Eugênio Simon eingeladen wurde, Spiele der Fußball-WM in Deutschland zu leiten. Simon ist in meinen Augen mit abstand der kompetenteste Schieber Brasiliens.

Ich sah bisher nicht alle Spiele, von manchen Übertragungen nur die eine oder die andere Halbzeit, aber doch etliche nicht geahndete Fouls… vor allem im Strafraum der Mannschaften schwergewichtiger Nationen. Ein Benehmen der Referees, das ich auch bei der Verteilung gelber und roter Karten wiedererkannte. Fehlentscheidungen in jenen hochmodernen Sporttempeln sind Fakten, die vielleicht nur ich mit meinem angeborenen Verfolgungswahn wahrnehmen konnte.

Mein Interesse an den Spielen beginnt bei den Landeshymnen. Fast alle Lieder erzählen von Tyrannen und natürlich von der durch brüderlichen und schwesterlichen Kampf erreichte Freiheit, sodaß unsereins Glauben könnte, die sportliche Auseinandersetzung würde zwischen den singenden Kickern und ihren Oppressoren ausgeteilt… Die Tatsache, daß der afrikanische Crack außerhalb der WM im selben Team spielt wie sein momentaner Gegner aus Europa – wenn auch nicht in Togo, Elfenbeinküste oder Ghana, so doch in Paris oder London -, macht mir einen Strich durch die Spekulation.

Je mehr Nationalmannschaften im Laufe der Kompetition ausscheiden, um so mehr Schlachtenbummler und Fußballfans sind zum Entschluß gezwungen, einer anderen, noch „im Rennen“ befindlichen Mannschaft die Daumen zu drücken… wobei Mißgunst und Schadenfreude gegenüber den Rivalen noch süßer zu sein scheinen als der Erfolg der eigenen Nationalelf…. mich als Maßstab nehmend.

Während ich an die durch Schiedsrichter und FIFA benachteiligten Sportler denke, die vielleicht ihre letzte WM bestritten, oder erst gar nicht ins Team und auf den Rasen kamen, weil Nike oder Adidas oder sonst ein Sponsor andere Pläne hatten, zeigt das Fernsehen den Freudenrausch eines Menschenozeans in leuchtenden Nationalfarben.

Während wir alle mit kritischen Augen die Fußballweltmeisterschaft verfolgen, verlieren wir Drittweltler das wichtigste Spiel unseres Lebens. Die Spielregeln werden vom Gegner bestimmt. Die Mannschaftsaufstellung unseres Kontrahenten: Monsanto, Cargill, Bunge, Syngenta, Aracruz Celulose, Nestlé, BP, Shell, Exxon, De Beers… Auf der Reservebank… Bankiere, Politiker und die Medien.

Wenn Soziale Bewegungen wie MST ( Movimento dos trabalhadores Sem Terra = Landlosenbewegung ) und Via Campesina zu Fuß und unbewaffnet gegen die landzerstörenden Mächte anstürmen, kämpft heisses Blut gegen kalten Profit. Bei den transnationalen Konzernen neokolonialer Bemühungen ist zweifellos Geld im Spiel. In diesem Fall loht es sich gewiß, mit ganzem Herzen gegen die Zerstörung von Land und Menschen zu kämpfen.

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