Reinhard Lackinger – Postmoderne Frühlingsgedanken

Im Grunde bin ich völlig ungeeignet, einen normalen Text über den Frühling zu redigieren! Warum? Ich lebe schon seit vier Jahrzehnten in einer Umwelt, in der es eigentlich keinen Lenz gibt. Hier in Salvador, Bahia, Brasilien gibt es keine Jahreszeiten, wie man sie zum Beispiel in Europa kennt. Hier haben Lackinger125se_bwir entweder Sommer mit hoher Luftfeuchtigkeit oder Sommer mit extrem hoher Luftfeuchtigkeit.

Von Reinhard Lackinger.

Offiziell herrscht in unseren Breiten Nordostbrasiliens seit dem 22. März Herbst. Das Klima jedoch pfeift auf den Kalender und präsentiert uns wunderschöne Sommertage… auch wenn diese bereits um 18Uhr gegen die Nacht ausgetauscht werden… Eigentlich hätte schon längst der Regen beginnen sollen. In einem verrückten Land wie Brasilien darf man aber keine Logik erwarten. Vom Klima schon gar nicht.

Trotzdem erlaube ich mir hierzulande mehr Frühlinghaftes wahrzunehmen als mir aus den Online-Ausgaben österreichischer Tageszeitungen in die Augen fallen. Wie erleben wir den Frühling? Was lernen wir aus dem Erwachen der Natur, den immer länger werdenden Tagen. Wie empfinden wir das Aufbrechen dunkler Rinden und das plötzliche hervorschießen grüner Blätter? Was denken wir uns angesichts der Blumen… bei Löwenzahn, Sumpfdotterblumen und Tulpen? Während die Bäume ausschlagen… so frage ich mich… geschieht auch Ähnliches und Frühlinghaftes mit und in uns Menschen?

Zweifellos! Wir räumen den Wintermantel weg, ersetzen ihn durch leichtere Klamotten, montieren die Fahrradständer langsam wieder auf das Autodach… besuchen ab der ersten Maiwoche die Freibäder… bepinseln Hektare bis Quadratakilometer nackte weisse Haut mit Sonnenöl… Schutzfaktor 60.

Der Weg aus Ägypten und aus den Jahren nahe der Hungergrenze der Nachkriegsjahre scheint nun einigermaßen geebnet, in endlose Basistunnel, Fußgängerzonen und Korridore klimatisierter Einkaufszentren verwandelt. Der Alltag verlangt vom Mitteleuropäer keine besonders große Opfer mehr. Die Umwelt wird immer besser beschildert, dem Bürger mundgerecht nahegestellt. Es bedarf keiner dramatischen Überlegung, keiner schwerwiegenden Entscheidung mehr. Das Fahrrad, das uns vor 40, 50 Jahren zur Schwerarbeit in die Fabrik brachte, dient heute nur noch Frau Muße und der Freizeit. Der einst schottrige Straßenrand wich längst durchgehenden Fahrradwegen.

Das einst so schwere Kreuz der Österreicher ist mittlerweile so leicht geworden daß es auch von Schlafwandlern getragen werden kann. Wie weit hat uns die soziale Gewißheit eingelullt. Laufen wir bald Gefahr, uns in postmoderne Autisten zu verwandeln?. Währenddessen liegen Not, Elend und sämtliche ägyptische Plagen weiterhin vor unserer nordostbrasilianischen Haustür, verlangen von uns täglichen Neubeginn, stetes Wiedererwachen und Kampf um das tägliche Brot… mit oder ohne prosciutto crudo, pâté de foie gras, camembert und Wein aus den Anden.

Etwa so reagiert mein Herz voll Entwicklungsneid auf meinen frustrierten Gusto auf Röhrl – und Vogerlsalat, auf mein Sehnen nach den Düften von Flieder und Pfingstrosen…nach dem Gesang der Amsel am frühen Morgen und auf dem Weg zur Frühschicht… zu Fuß…

Drittweltliche Unzulänglichkeiten wie Misere, mangelhafte Urbanisierung und soziale Ungerechtigkeiten bescheren uns Brasilianern täglich nicht nur Kalvarienberg und Golgotha, sondern irgendwie auch Auferstehung.

In Mitteleuropa schieben wir gern dem Wetter, dem Föhn so manchen lapsus memoriae in die weissbesockten Sandalen. Zu recht? Wenn einem bei der Garageeinfahrt zum Einkaufszentrum das viel zu niedrige Portal die Fahrräder vom Autodach fegt, lassen wir beides vorübergehend zu Hause bzw. in der KFZ-Werkstätte und gehen per pedes weiter. Zutiefst beeindruckt, wie nahe uns der Frühling plötzlich ist… mit seinen Buschwindröschen, Apfelknospen, Schlüsselblumen, Kohlweißlingen, Goldnesseln und Rauchschwalben.

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