Der Voglwirt in Anthering sperrt zu.

7. Juli 2011 | Von | Kategorie: Dorfschlaraff

Das Original, eingewickelt in Wurstpapier, darüber eine Zeitung, dass sie warm bleibt, die Leberkäs-Semmel. (Alle Fotos: KTraintinger)

Am 11. Juli 2011 schließt der Antheringer Gasthof Vogl seine Pforten für immer, es ist vorbei.  Mit den Wirtsleuten Wolfgang und Maria Vogl geht eine lange Tradition zu Ende, sie konnten ihren Sohn nicht dazu motivieren, den Betrieb weiter zu führen. Es ist kaum zu glauben, dass es den VW bald nicht mehr geben soll. Für mich ist und waren das Zentrum von Anthering im Salzburger Flachgau,  die Kirche und der benachbarte Voglwirt.

Von Karl Traintinger

Ich kann mich noch gut an meine Jugendjahre im Dorf erinnern, wir mussten in den Gottesdienst in die benachbarte Kirche gehen, viele Männer standen lange in heiße Diskussionen vertieft vor der Kirche, um anschließend sofort zum Voglwirt zu wechseln. Dort wurde dann auf das Mittagessen zuhause gewartet. Im Speisezimmer spielte man, um die Wartezeit zu verkürzen, an einigen Tischen Tarock, an anderen wurde geschnapst, gewattet,  prefranzt oder nur die Welt verbessert.

Information in der Speisekarte:
… erstmals urkundlich erwähnt 1450 und 1460 als “Taferne zur Schranne”. Schranne war in alter Zeit der Name für Gericht. Auf dem Raum zwischen Kirche und Wirtshaus fand zwei- bis viermal im Jahr das Antheringer Taiding statt. Das Wirtshaus war zuerst Lehenssitz des Salzburger Fürsterzbischofs, später des Salzburger Domkapitels. Im Familienbesitz seit 1715.

Viele Hochzeiter und Leichenschmauser fanden ihren Weg in den großen Saal beim Voglwirt, in dem es auch regelmäßig Bälle gab. Legendär war der Lumpenball am Rosenmontag mit dem großen Buffet zwischen den zwei Eingangstüren so gegen 22 Uhr. In meiner Jugendzeit gab es einen kleinen Saal im ersten Stock, ich kann mich noch an so manche Sitzung des örtlichen Fußballvereines dort oben erinnern.  Auf der linken Seite des Hauses war der Sportlerkasten angebracht, dort wurden die Aufstellungen der Fussballmannschaften kund gemacht. Abfahrt zu den Auswärtsspielen der Jugendmannschaften war immer beim VW.

Anfangs gab es auf der rechten Hausseite noch eine “Fleischbank”, die zu gesperrt wurde und einem kleinen Stüberl weichen musste.  Die Fleischhauerei hat aber nie ganz aufgehört, es wurden fast rund um die Uhr die Wurstwaren in der Küche verkauft. Leberknödel, die Dürre oder auch die Speck- und Bratwürste fanden ihre Abnehmer. Weit über die Grenzen des Dorfes bekannt war und ist der Voglwirt für seinen Leberkäse; für mich ist er das leberkäßtechnische Maß der Dinge. Zur vormittäglichen Jausenzeit musste man für eine Leberkäs-Semmel mit zum Teil beträchtlichen Wartezeiten bei der Zubereitung rechnen. Er war immer heiß, auf Wunsch gab es ein Essiggurkerl oder einen Pfeffereroni dazu.

Ich finde es sehr schade, das wieder ein bodenständiges Wirtshaus zusperrt. Es wird dadurch einem Dorf der Charakter, die Seele  genommen, der durch verschiedene andere, neue Lokalitäten nicht aufgewogen werden kann. Früher wurde beim Dorfwirtn Politik gemacht, getanzt, gesungen, Theater gespielt, geheiratet, gefeiert,leichengeschmaust.  Die Wirte haben in Säle investiert, die heute schon lange kein Geschäft mehr sind.  Was die Antheringer mit dem Voglwirt wirklich verlieren, werden sie erst merken, wenn er kein Gasthof mehr ist. Und es ist schon interessant, wie jetzt in den letzten Tagen der Voglwirt gestürmt wird, wer da aller vorbei kommt. Ich habe mir heute den letzten Leberkäs für eine Jause geholt. Es ist tragisch, aber es ist vorbei.

Der Voglwirt in der Dorfzeitung >
Wirtshauskultur: Sie sind überall

flattr this!

Schlagworte: , , ,

5 Kommentare auf "Der Voglwirt in Anthering sperrt zu."

  1. Stanislaus Pschemisl Stani sagt:

    Bemerkenswert ist bei aller Liebe zur internationalen Küche, dass immer dann, wenn ein bodenständiges Wirtshaus zusperrt ein Italiener oder Chinese nachkommt und die meistens auch einigermassen gut gehen.

    8 Schätze, Haifischsuppe und Pizza della casa schlagen das Würstel mit Saft. Schauderbar. da kann ich zum Trost nur einen lauwarmen Pflaumenwein oder Grappa trinken.

  2. Poseidon Poseidon sagt:

    Das Problem der Dorfwirtshäuser ist auch in den vielen kleinen gut ausgestatteten Vereinskantinen zu suchen. Jeder Verein hat sein Lokal und bei größeren Festivitäten wird dann ein Zelt aufgestellt. Auch darüber sollte in den Gemeindestuben nachgedacht werden. Noch gibt es vereinzelt gute Wirte in den Dörfern, aber die Anzahl schrumpft bedenklich, wenn es sich nicht gerade um einen Gourmettempel oder Wellnesschuppen handelt!

  3. Ich mag auch den Neuburger ganz gern, obwohl man nicht Leberkäse dazu sagen darf. Er schmeckt in jedem Geschäft gleich und ich weiss, was mich erwartet.

  4. Rochus Gratzfeld sagt:

    schade ist es. einfach schade. und noch mehr. und ich weiss, was mich erwartet. bei md. worldwide. und bei neuburger. nämlich nichts auf dem teller. und all die anderen verwechselbarenERWARTUNGEN, die dasNICHTSerfüllen. food on the go. kulturlosesHINEINstopfen kulturloserKALORIEN. den karton schnell in dieUMWELTentsorgt ohneSORGE. kurz noch nachgespuckt, was beim wirten nicht geht. gespräche nicht vermissend, weil amHANDY.

  5. Laubfrosch Laubfrosch sagt:

    Das Wirtesterben im nödlichen Flachgau ist noch nicht vorbei, wie man hört. Angeblich sperrt am 15. August der Langwallner, der Altwirt neben der Kirche zu, mitsamt der dazugehörigen Weißbierbrauerei, dem Weizerl. Auch vom Cafe Gasthaus Fersterer in Bürmoos gibt es die wildesten Gerüchte. Dafür sperrt im Herbst in der Stadt Oberndorf der Bahnhofswirt wieder auf.

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.