„Ich. Der Andere“ – Bühne im Shakespeare

Catherine Aigners Drama thematisiert die katastrophalen Folgen von Gewalt und Missbrauch in der Familie. Christine Winter beeindruckt als junges Mädchen mit zerbrochenem Herzen und zerrüttetem Geist, das in einer psychiatrischen Anstalt versucht, sein Leben in den Griff zu bekommen. Max Pfnür hat das Stück als Plädoyer gegen das Verdrängen in Szene gesetzt.

Von Elisabeth Pichler

Ein steriles Zimmer, ein angedeutetes Bett und schwarze Wände, hier ist Ana untergebracht, hier versucht sie, ihren Ängsten zu entkommen. Nervös kaut sie an den Fingernägeln, bemalt die Wände und freut sich über die kleine Spinne, die sich hierher verirrt hat. Ihrer Therapeutin steht sie skeptisch gegenüber. Sie lässt sich nicht gerne „in den Kopf schauen“, ihr Geheimnis will sie mit niemandem teilen. Dieser Freund, der immer wieder in ihren schlaflosen Nächten und Träumen erscheint, soll nur für sie da sein, bei ihm findet sie Schutz und Trost. Die Besuche ihres Vaters verstören sie. Er will sie nach Hause holen. Doch sie weiß, dass sie krank ist, sie fühlt sich formlos, kann ihren Schatten nicht sehen, ist wütend und verliert leicht die Kontrolle über ihre Gefühle. Ständig setzt sie der Vater unter Druck: „Du hast nur mich.“ Doch sie kontert: „Ich bin nicht allein, ich habe ihn.“

Das Publikum leidet mit Christine Winter als Ana, man spürt förmlich ihre Verzweiflung, ihr Frösteln, wenn der Vater das Zimmer betritt. Diese schwierige Rolle meistert Manfred Antesberger grandios. Stimmlage und Gestik lassen erahnen, wie er seine Tochter unter Druck setzt, doch ist auch Unsicherheit zu erkennen, denn auch er ist ein kranker Mensch. Max Pfnür als der Andere, die Traumgestalt, der erdachte Freund, sprüht vor Selbstbewusstsein. Kein Wunder, dass sich Ana immer wieder an diese scheinbar starke Schulter anlehnt. Als etwas herbe, aber verständnisvolle Ärztin versucht Christine Warnecke hinter Anas großes Geheimnis zu kommen.

Ein Stück, das betroffen macht, eine Inszenierung, die unter die Haut geht. Für Entspannungspausen sorgen die musikalischen Einlagen von Philip Stix. Das Theaterensemble um Max Pfnür und Christine Winter versteht es, das Publikum zu begeistern. Ein großer Theaterabend auf der kleinen Bühne im Shakespeare. Ein Stück passend zu den Aktionstagen der seelischen Gesundheit, die von 6. bis 15. Oktober unter dem Motto „Seelenspuren – Körper spüren“ mit zahlreichen, hochinteressanten Veranstaltungen in Salzburg stattfinden. (Nähere Programminformationen unter: www.kuratorium-psychische-gesundheit.at)

„Ich. Der Andere. – nach Catherine Aigner. Regie: Max Pfnür. Mit: Christine Winter, Christine Warnecke, Manfred Antesberger, Max Pfnür, Philip Stix. Produktion & Gesamtleitung: Christine Winter & Max Pfnür. Fotos: Bühne im Shakespeare

 

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