Die Pilger von Mekka – Salzburger Landestheater

5_Alexey Birkus, Leif Aruhn-Solén und Sergey Romanovsky

Schon nach der Ouverture und den ersten Blicken auf das Bühnenbild breitete sich im Zuschauerraum eine besondere Atmosphäre aus. Damit verbunden war die Vorahnung auf ein exzeptionelles Bühnenvergnügen im Wechselspiel von hehren Gefühlen und heiteren Elementen – eine Vorahnung, die im Verlaufe der Vorstellung auch nie enttäuscht wurde.

Siegfried_se250Von Siegfried Steinkogler.

Durchwegs gute gesangliche Leistungen sowie ein stets präsentes Mozarteumorchester (geleitet von Adrian Kelly) erhoben die Gluck-Oper zu einem unvergesslichen Ereignis.

Das 1764 entstandene Werk lebt vom Gegensatz der komischen Rollen (etwa des Calender als Repräsentant des gleichnamigen Bettlerordens oder des egozentrischen Malers Vertigo) und dem vorerst getrennten Liebespaars Prinz Ali und Prinzessin Rezia, die die Ideale der lauteren Liebe vertreten.

Auf der Suche nach Alis (entführter) Geliebter Rezia, machen er und sein Diener Osmin die Bekanntschaft mit dem unredlichen Bettelmönch Calender. Am Ufer des Nils werden sie von der Dienerin Balkis auf das Schiff ihrer Herrin eingeladen, die ein Auge auf Prinz Ali geworfen hat. Dieser widersteht noch zwei weiteren Verführungsversuchen. Als sich die „Herrin“ zuletzt als seine schmerzlich vermisste Rezia zu erkennen gibt, können sich die beiden treuen Seelen gegenseitig in die Arme schließen. Leider steht dieses unverhoffte Aufeinandertreffen unter einem ungünstigen Stern: Rezia ist nicht frei, sondern wird vom Sultan höchstpersönlich gefangen gehalten, der sich auf einer Jagd befindet und jederzeit zurück kehren kann. In aller Eile wird die Flucht vorbereitet. Durch den Verrat des Kalenders, der sich die vom Sultan ausgesetzte Belohnung von 10.000 Zechinen verdienen will, werden die Liebenden ergriffen und sehen nunmehr einem bösen Ende entgegen. Zuletzt siegt jedoch die Einsicht des Sultans und großherzig begnadigt er das treue Paar.

Dankbare Rollen also, deren sich die Ensemblemitglieder mit Engagement und Esprit widmeten. Die Träger des komischen Elements: der Calender (Alexey Birkus) und Alis Diener Osmin (Leif Aruhn-Solén) ernteten viel verdienten Beifall, wie auch die „Verführerinnen“ Dardané (Emily Righter), Amine (Ines Reinhardt) und Balkis (Tamara Gura) eindrucksvoll ihren Rollen gerecht wurden. Sergey Romanovsky und Laura Nicorescu als Prinz Ali und Prinzessin Rezia sangen mit ihren glasklar interpretierten Arien und Duetten der Hohen Liebe ein Hohelied. Die schillernde Figur des Malers Vertigo wurde dank Simon Schnorr unter Einsetzung seines komödiantischen Talents samt sängerischer Qualitäten zum Höhepunkt des Abends. Der sonore Tenor Franz Supper komplettierte das erfolgreiche Ensemble als erst in der letzten Szene auftretender Sultan von Ägypten.

Warum in dieser Fassung der Gluck-Oper die gesprochenen Texte in deutscher, die Arien hingegen in französischer Sprache geboten wurden, bedarf noch einer etwas weiter ausholenden Erläuterung.

Christoph Willibald Gluck war nach mehreren Aufenthalten in Böhmen, Prag und Wien 1736 nach Mailand gelangt. Dort konnte der 27-Jährige seine erste erfolgreiche Oper „Artaserse“ aufführen. Es folgten mehrere Aufträge für die Opernhäuser von Mailand, Venedig und London, die seinen guten Ruf als Bühnenkomponist festigten. Auf diese Weise lernte er die italienischen Operntraditionen der Opera Seria und Opera Buffa – deren heiteres Gegenstück – kennen.

Als Gluck 1752 nach Wien kam und kurz darauf an den Wiener Hof berufen wurde, sah er sich mit der französischen Opéra Comique konfrontiert, die – nicht ohne diplomatischen Hintergedanken – am Wiener Burgtheater eingeführt worden war. So schrieb auch Gluck in der Folge französischsprachige Bühnenwerke, die an die Opéra Comique angelehnt waren und bekam hiermit die Möglichkeit geboten, seine Reformgedanken hinsichtlich neuer Bühnenkonzepte umzusetzen. De facto wollte er die (aus Italien stammende) Opera Seria barocker Prägung „von ihren Schlacken reinigen“ und sie von ihrem affektierten Duktus befreien, wie auch von den überbordenden Koloraturen vornehmlich der Kastraten, deren gelegentliche Starallüren das eigentliche „Werk“ oft in den Schatten stellten. Darüber hinaus war ihm aus seiner zeitlichen Sicht an einer mehr realistischen Darstellungsweise gelegen, entgegen der Ver- und Entwirrungen der Handlungsstränge damals gängiger Textbücher.

Für die Neuinszenierung am Salzburger Landestheater wurden nun die die Handlung betreffenden Texte von Jakob Nolte neu gestaltet und übersetzt, die Texte der Arien dagegen in französischer Sprache belassen und bei der Aufführung in deutschen Untertiteln eingeblendet. So wurde aus „Die Pilger von Mekka“ eine Fassung gewonnen, die bei guter Textverständlichkeit auch dem französischsprachigem Original gerecht wurde.
Zuletzt sei noch angemerkt, dass in dieser Aufführung voller musikalischer Höhepunkte auch viel für das Auge geboten wurde. Die gelungene Inszenierung von Jacopo Spirei wurde verstärkt durch ein ansehnliches und wohl durchdachtes Bühnenbild und durch schillernde Kostüme.

Die Pilger von Mekka. Oper von Christoph Willibald Gluck. Premiere: 27.10 2013 Salzburger Landestheater / Musikalische Leitung Adrian Kelly / Inszenierung Jacopo Spirei / Bühne Nikolaus Webern / Kostüme Bettina Richter / Dramaturgie Tobias Hell / Besetzung: Ali – Sergey Romanovsky, Rezia – Laura Nicorescu, Dardané – Emily Righter, Amine – Ines Reinhardt, Balkis – Tamara Gura, Osmin – Leif Aruhn-Solén, Der Sultan von Ägypten – Franz Supper, Vertigo – Simon Schnorr, Der Kalender – Alexey Birkus / Fotos: Christina Canaval / Video: SLT

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