Reinhard Lackinger:
Pfingstpamphlet

Wenn ich an Pfingsten denke, sehe ich die verängstigten und verschüchterten Apostel vor mir. Auch glaube ich, die Gegenwart des Heiligen Geistes zu spüren, der mitten im Raum auf die Jünger herniederschießt, die Burschen mit himmlischem Mut erfüllt. Meine kindlichen Vorstellungen zeigen mir den Wirbelsturm und jenes, in zwölf Flammenzungen geteilte Feuer. Bilder, die mir vom Kathechismusunterricht der Volksschule erhalten blieben sind.

Lackinger125se_bVon Reinhard Lackinger
Salvdador, einige Tage vor dem Pfingsstsonntag 2015

Heute, als alter Mensch, denke ich gerne an die arglosen Vorstellungen, die ich weiterhin mit mir herumtrage. Vielleicht habe ich deshalb immer weniger Geduld mit  Neuigkeiten! Fernsehnachrichten machen mich schläfrig. Aus den Online-Zeitungen lese ich fast ausschließlich die Überschriften. Vieles interessiert mich nicht mehr! Internet benütze ich nur zu Hause. Smartphone mit Whatsapp habe und brauche ich nicht. Ein Blick ins Facebook genügt, um zu wissen, wie es um die Welt steht. Die einst viel geschätzte Allgemeinbildung, aber auch der Eifer derjenigen, die nach wie vor alles ganz genau wissen wollen, kosten mir nur noch ein wehmütiges Lächeln. Irgendwann hört jeder auf, sich für dieses oder jenes zu interessieren.Entweder fehlt es an Hormonen, an Mitgefühl mit anderen Menschen, oder einfach nur an Neugier und Energie.

Ich lese noch gerne. Aber keine triviale, Süßholz raspelnde Unterhaltungslektüre. Es muß im Text schon ein Funke springen. Wie von einem Feuerstein, von einer grobkörnigen Schleifscheibe, von einem Schmiedestück. Ein Lichtbogen muß zünden zwischen der Absicht des Autoren und meinem Herzen. Deshalb habe ich an Büchern, die nur schön sind, keine Freude. Ich nehme ein Volumen nur noch zur Hand, wenn ich in ihm Spuren engagierter, mit Satire und Schmäh geschriebener Literatur vermute. Alle anderen wunderschön redigierten, gebundenen, illustrierten, aber mehr oder weniger entbehrlichen Werke, die in den Auslagen der Büchereien auf uns warten, bedeuten für einen mürrischen Greis wie mich nicht mehr als die prächtigen Schlösser, Gottesfurcht einflößenden Kathedralen, Wand – und Deckenmalereien, Gobelins und anderen Kunstwerke, mit denen einst die Fürsten und auch der Klerus das Paradies, beziehungsweise das Himmelreich auf Erden nachzuahmen versuchten. Allen bildenden Künstlern, Musikern, sowie den Dichtern und Prosaautoren steht nach wie vor ein Ehrenplatz am Hofe der Machthaber zu. Noble, kulturelle Veranstaltungen in „heil´gen Hallen“ und prunkvoll gestaltete Literaturmagazine lassen mich nicht lügen.

Am Pfingstsonntag eilen – vor den Augen meiner Phantasie – die Apostel, erfüllt vom Hl. Geiste aus dem Haus, aus ihrem Versteck und auf den Marktplatz. Sie sprechen auf das Volk ein. Alle Anwesenden, die Verkäufer, die Kundschaft und auch die Schaulustigen verstehen, was die vom Heiligen Geist beseelten Burschen von sich geben. Die Apostel reden und verkünden die Frohe Botschaft in allen Sprachen, heißt es in den Schriften.

Als alter Mann frage ich mich, ob die Überraschung damals wirklich darin bestand daß die Jünger plötzlich nicht nur fliessend Schriftaramaisch und Hebräisch konnten, sondern auch Latein, Arabisch, Griechisch und alle Dialekte und Regionalismen des nahen und Mittleren Osten.
Lag das Wunder nicht gerade darin, daß es den Aposteln gelang, die Aufmerksamkeit des lauthals feilschenden Volkes auf sich zu ziehen?
Ich versuche mir die verblüfften Marktbesucher vorzustellen, die wie verirrte Höhlenforscher der Fackel des Retters entgegenblicken.
Persönlich zöge ich das Beispiel einer unschuldigen Kindergärtnerin vor, die von einem Reparaturschlosser mit angezündetem Schweissbrenner überrascht wird. Dieses Bild wäre aber unpassend und vielleicht sogar politisch unkorrekt.

Heute reden die Menschen in verschiedenen Sprachen. Es hört ihnen aber keiner mehr zu! Jeder, sie und er, stieren wie gebannt auf die eigenen Hände, aus denen ab und zu ein elektronisches Glucksen und Pfeifen zu vernehmen ist.

Irgendwo abseits und entlang des irdischen Tales der Tränen wettern brasilianische Schriftgelehrte weiterhin gegen die Bestimmung des Unterichtsministeriums, es soll nicht mehr von richtigem und falschem Portugiesisch gesprochen werden, sondern von adäquater, unadäquater, von passender und von unpassender Ausdrucksweise. Wer wie ich zweisprachig aufgewachsen ist, und es um nichts in der Welt schafft, mit österreichischen Verwandten und Freunden Hochdeutsch zu sprechen, sondern Mundart, weiß was ich meine.

Brasilianische Konservative wissen das nicht! Sie wollen das nicht verstehen, sondern verlangen vom einfachen, verschwitzten Landarbeiter, daß er sich wie ein „Studierter“ ausdrückt. Ich sehe darin den eindeutigen Versuch des Herrenhauses, das Volk in die Sklavenhütte zurückzudrängen. Ich wünsche, es gelingt den feinen Herrschaften nicht!

Die unkonventionelle Ausdrucksweise führt leider oft so weit, daß einer zu meiner Taverne kommt und einfach sagt:“Bier“! Worauf ich ihm in geläufigem portugiesisch zu verstehen gebe, es gebe bei mir nur Getränke für diejenigen, die auch Schmankerl aus unserer altösterreichischen Küche zu bestellen beabsichtigen. Ab und zu muß ich deutlicher werden und sagen, „hau ab, ich bediene keinen Betrunkenen.

Aufs Extreme zugehackte Sätze umrahmen viele der über Facebook verteilten Fotos von Katzen, Schoßhündchen, Kindern und Tellern mit gastronomischen Feinheiten. Ebenso Selfies am Schwimmbecken, im Garten, auf dem Segelboot, im Restaurant, aus allem möglichen Winkeln der Komfortzone. Schon in der nächsten Minute sind diese Bilder und verstümmelten Botschaften wie weggeblasen. Nicht der Rede wert!

Egal in welchem Idiom die Apostel auf das Volk einredeten, sie sprachen wie einer, der die Macht hat! Diejenigen, die behaupten, der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und des beinahe passenden Ausdrucks sei wie jener zwischen einem Blitz und einem Glühwürmchen, dürften an jenem Pfingstsonntag den Jüngern Jesu zugehört haben. Die Worte der Apostel müssen wie ein Gewitter auf die Anwesenden herniedergefallen sein. Nur so kann ich mir das andächtig lauschende und zusehende Publikum vorstellen. Wie weit das nicht Verbale, die Körpersprache und positive die Haltung jener allerersten Christen das Gesagte beeinflußte, kann ich als Laie weder wissen, noch beurteilen. Es gelingt mir aber, die Kraft der gütigen Blicke und hilfreich eingreifenden und Segen spendenden Hände der Apostel zu verstehen.

Als Greis, der den Balast der Jugend längst abgeworfen hat, bleibt mir die Frage, was noch an Wichtigem und Positivem zu tun wäre, ehe der Happy-End-Blitz meine eigene Existenz erhellt und bevor mich das allerletzte Aha-Erlebnis ereilt.

Angesichs des Todes verliert alles Irdische seine Wichtigkeit, sagen die Gelehrten, ungeachtet ihres Alters.
In der 81. und 82. Sure des Korans heißt es … „dann weiß jede Seele was sie getan und unterlassen hat“!
Ältere Menschen wie ich, meinen es bereits zu wissen, oder wenigstens zu ahnen.
Bei Mohammed, der Friede Allahs sei über ihm(1), fiel der Piaster erst 6 Jahrhunderte nach jenem Pfingstsonntag.
Es scheint, er habe schon einige Suren zuvor Anlauf nehmen müssen, um den Weltuntergang zu beschreiben.
Beim Lesen der Suren 81 und 82 sieht es aus, als wiederholte sich Mohammed, der Friede Allahs sei über ihm.
Tat er das, weil er meinte, endlich das Thema gefunden zu haben, das alle Menschen hellhörig werden läßt und bewegt?
Ist es nicht gerade diese vermeintliche Gewißheit und die Nähe des Todes, die uns alte Leute zum bedeutensten und zahlreichsten Publikum der Katholischen Kirche macht?

Ich versuche mir die durchdringliche Macht des Heiligen Geistes vorzustellen, der den Menschen beim Letzten Gericht erzittern läßt.
Genauso wie es der 35 Tonnen Bechê Gegenschlaghammer heute noch tut. Das Beben, das die ganze Umgebung erreicht. Eine übermenschliche Wahrnehmung. Auch wenn für die Nachbarn der Fabrik die glühenden Mäuler der Öfen, die zentnerschweren Schmiedestücke und die Stichflammen, die bei jedem Gegenschlag der geölten Gesenke in die dunkle Halle schießen, verborgen bleiben.

Meine Fantasie zeigt mir Bilder von alten Frauen und Männern beim Beten des Rosenkranzes. Ebenso Verteter von Minderheiten, die sich weigern, Gesetze, Gebote und Gebräuche blindlings und ohne nachzufragen zu befolgen. „Liebe Deine Nächsten wie dich selbst“. Alles andere wird sich schon finden! Genauso sieht in meinen Augen die Kirche aus. Und zwar seit jenem allerersten Pfingstsonntag. Bis heute und bis zum Jüngsten Gericht! Eine Zeitspanne die nicht länger dauert als der höllisch eindringliche Geruch öligen Zunders oder der himmlisch sanfte Duft der Pfingstrosen.

Seit ich hier in Salvador, Bahia, Brasilien Beislwirt geworden bin, glückt mir jedes altösterreichische Schmankerl, jede Marinade, jede Sauce. Doch wie sehne ich mich nach einem Wesen, dem ich sagen könnte, daß ich das Fehlen von Geistesblitzen bei meinen pamphletarischen Texten tief bedauere.

Da reißt es mich auch schon unerwartet aus dem Traum. Ich zittere, ich bebe! Es wird um mich plötzlich alles heller als die Lichtbögen tausender Elektroöfen. Es ist die strahlende Gewißheit, die es vermag, die dunkleste Ecke unserer Seele schattenlos zu beleuchten, um gleich darauf von der am Pfingstsonntag verkündeten Barmherzigkeit Gottes erfüllt zu werden.
Da höre ich auch schon eine vertraute Stimme die sagt:“Griaßdi Reinhard!
Suachda a komote Wuikn, a komfortables Wolkenkissen aus und mochdas bequem!

(1) Jedesmal wenn ein Moslim von Mohammed, der Friede Allahs sei über ihm, spricht, sagt er gleich nach dem Namen des Profeten „der Friede Allahs sei über ihm“. In meinem Kulturkreis von Salvador, Bahia, Brasilien, wenn ich vom jetzigen Bürgermeister rede, füge ich „der Teufel soll ihn holen“ hinzu!

 

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