Sonja Schiff: Mama Sonja

Foto: Rochus Gratzfeld

Ich bin kinderlos. Lange Jahre hat mir das viel Schmerz bereitet. Doch irgendwann habe ich gelernt, ohne Kinder zu sein ist nicht nur ein Mangel, sondern auch die Chance auf andere Art und Weise im Leben zu wirken. Also habe ich meinen Schwerpunkt auf meine Arbeit gelegt und mich selbständig gemacht. Seit 15 Jahren begeistere ich Menschen in Seminaren für Altenpflege und sensibilisiere sie für alte Menschen.

sonjaschiffVon Sonja Schiff

Mit über 50 beschäftigt mich trotzdem immer wieder die Frage, was von mir einmal bleiben wird. Welche Spuren werde ich hinterlassen, wenn ich einmal sterbe? Wo habe auch ich an jüngere Menschen etwas weitergegeben? Wo habe ich etwas beigetragen für die nächste Generation. Über Fragen dieser Art denke ich seit rund 4 Jahren viel nach. Ein Ergebnis dieser Auseinandersetzung, vor allem auf der kognitiven Ebene, war meine Masterthesis und mein EBook „Vom Älterwerden und generativen Verhalten kinderloser Frauen“.

Ich dachte das Thema Kinderlosigkeit gut abgeschlossen zu haben, war der Meinung, dass alle Fragen für mich geklärt sind, zumal mich ja die Tochter meines Mannes kürzlich zur „Stiefoma“ gemacht hat. Ein ganz wunderbares Erlebnis!

Doch dann traf ich Mohammed, 26 Jahre und aus Afghanistan. Wir kannten uns etwa zwei Monate als ich ihn zum Gitarrenunterricht begleitete, um sprachlich Hilfestellung zu geben. Der Gitarrenlehrer fragte mich, in welcher Beziehung wir zueinander stünden und ich bemerkte auf deutsch „Ich bin ein bisschen in einer Mutterrolle“. Einen Tag später schrieb mir Mohammed eine Facebooknachricht. Sie begann mit „Hallo Mama.“

Mein Herz machte einen Sprung. Es war eine Mischung zwischen Schmerz und Freude, die mir da in Mark und Bein fuhr. Vor Schreck schrieb ich „Sag bitte weiter Sonja zu mir. Ich bin nicht Deine Mutter, die ist in Afghanistan“. Danach saß ich heulend am PC. Ich schämte mich über das kurze Glücksgefühl, es kam mir vor als würde ich einer mir unbekannten Mutter in Afghanistan gerade ihr Kind wegnehmen.

Das Leben ist manchmal echt ein Mysterium. Da trifft dieser junge Mann, der in der Fremde gelandet ist und sich nach seiner Mutter, seinem Vater und seinen Geschwister sehnt, auf mich, eine Frau über 50, die es, trotz aller gelungenen Auseinandersetzung, immer noch vermisst keine Kinder bekommen zu haben.  Sein Leben trifft auf mein Leben. Einfach so. Unvermittelt. Dieser junge Mann stolpert in mein Leben und wächst mir mehr und mehr ans Herz.

Heute hat er mich, nach einem gemeinsamen Nachmittag, gefragt, wie er mich nennen soll. Und wieder meinte ich: „Sonja“, worauf mir mein junger Freund erklärte, das wäre aus seiner Sicht nicht respektvoll und würde doch auch unsere Beziehung nicht erklären. Also fragte ich ihn, wie er mich nennen möchte und er antwortete: „Mama. Mama Sonja.“

Also bin ich seit heute „Mama Sonja“ und dabei denke ich die ganze Zeit an die eine Aussage im Buch Der Kleine Prinz, wo der Fuchs dem kleinen Prinz erklärt „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“

Weiterführende Infos:
BLOG: Vilefalten
BLOG: Carecamp

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