Reinhard Lackinger: Olympia Made in Brazil

Reinhard Lackinger und seine Frau Maria Alice

„Wir Italiener haben Talent, um Wein zu machen! Das Brauen des Bieres liegt uns nicht“, sagte einst der Wirt Attilio Pagani aus Casteluovo di Sarzana, Liguria zu mir, als ich nach einer langen Autoreise bei ihm den Durst mit einem schottischen Tennents löschte. Ein Gebräu, das ich vor Tagen bereits in Gibraltar getrunken hatte.

Lackinger125se_bVon Reinhard Lackinger
Salvador, 6. August 2016

Daran denke ich jetzt, da ich aus österreichischen Zeitungen  und E-Mails von Freunden vom Erfolg der Eröffnungsfeier der ersten Olympischen Spiele auf südamerikanischem Boden lese. Yes, wir Brasilianer haben Talent für ein Defilee von Sambaschulen, für Megashows und allerlei Karnavalklamauk! Bodenständiges wie Infrastruktur, Industrie und familiäre Agrikultur liegt uns nicht.

Im Export von Commodities, von rohem Eisenerz, Rindfleisch, Sojabohnen, Mais und Früchten gewinnen wir alle Goldmedaillen. Mit unscheinbarem Kleinkram wie Ethik, Disziplin und Kollektivität patzen wir uns nicht oder nur ungern an! Vielleicht hatten wir im Laufe der Jahrzehnte auch deshalb mehr Erfolg mit Breitensportdisziplinen wie Segeln, Reiten und Tennis, als in Leichtathletik oder Gewichtheben.

Olympia, Fest der Inklusion, der Vereinigung von Athleten aus allen Herren und Frauen Ländern!

Wenn ich jetzt vom Wehmutstropfen in den E-Mails meiner Freunde und dem „Ja, aber … “ ausländischer Reporter lese, schaue ich durch die bunten Rauchschwaden pyrotechnischer Euphorie und erspähe auch  die Fäden der mächtigen Drahtzieher, stets bestrebt, das dumme Volk einzulullen. Überall, nicht nur hier in Brasilien und in sogenannten Schwellenländern. Auch in Europa und in den USA.

Der Unterschied: Wir Brasilianer übertreiben gerne, scheren uns nicht um eventuelle Exzesse, machen aus allem eine mittelmäßig gelungene Karikatur. Deshalb ist für uns hier in Südamerika die Hölle in Brasilien sichtbarer als anderswo!

Ja, wir haben mehr Talent für Karneval als für Aktionen, die zur Inklusion der Armen, der Landlosen – und Obdachlosen, der Favelados führen könnten. Wir schauen sehnsuchtsvoll nach Nordamerika, nach Europa, migrieren erwartungsvoll in die USA, um Klomuscheln zu polieren und Teller zu waschen. Ein paar Dollarscheine lassen uns getrost aufatmen und sicher sein, es weiter gebracht zu haben als die Daheimgebliebenen. Wir ziehen es vor, das winzige, einzelne Schamhaar eines Löwen zu sein, als der Kopf einer Biene!

Vereint und solidarisch – mit dem Herrenhaus, dem Adel, dem Hofe des Königs – fühlen wir uns nur, wenn es gilt, die Gegner, Kritiker, Oppositionisten der Mächtigen zu bekämpfen, verlachen und abzukanzeln.

Dabei wären wir wieder beim olympischen Geist! Vier Jahre ist es jetzt her, dass Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft von London lebt, in die er 2012 vor den USA und vor Schweden geflüchtet ist. Ich wollte, es gebe eine olympische Disziplin, die das Umhängen des Glöckchens um den Nacken der Katze repräsentiert.

Ich träume vom Tag, an dem es Goldmedaillen gibt für die neuen Freiheitskämpfer wie Assange und Snowden! Bei den nächsten Olympischen Spielen vielleicht.

FORA TEMER!

Bücher von Reinhard Lackinger
Brasilien für Fortgeschrittene: Anatomie der Brasilianischen Seele >
Foodlove >

image_pdfimage_print

Kommentar hinterlassen zu "Reinhard Lackinger: Olympia Made in Brazil"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.