Die Provinzler auf Besuch in Wien

Wien. Ich kann nur sagen, ich war begeistert. Nach etlichen Jahren wieder einmal in unserer Hauptstadt, diesem Konglomerat aus Völkern, Nationen, Urviechern und – vor allem – dem goldenen Wienerherz.

Von Wolfgang Ecker

Man möge mir meinen Überschwang verzeihen, aber in aller Bescheidenheit darf ich doch sagen: Wien spielt schon in einer eigenen Liga. Millionen und Abermillionen an Touristen zusammengedrängt in einer einzigen Stadt, können nicht irren.

Florenz, Berlin, London, ich liebe sie alle. Aber irgendwas fehlt. Dieses fingerschnippende Grübeln: `zefix, was ist es nur, was Wien anders macht?

Die Sprache ist es.

Da Fiaker in da Ansapanier. „Ansa“ unschwer als „Einser“ zu erkennen und „Panier“ als die Panier des Wiener Schnitzels, das eigentlich aus Mailand kommt, die Panier als das Umhüllende und hier im übertragenen Sinn für Kleidung verwendet, die Einserkleidung, die Ausgehkleidung, jene Kleidung, die nur für besondere Anlässe angelegt (angezogen) wird. Wenn man halt am Kutschbock sitzt und Touristen herumfährt und denen mit der Geduld eines Droschkengauls wieder und wieder die Sehenswürdigkeiten erklärt. Ach ja, dass ich’s nicht vergessen möcht’: Goliath und Achill. Die zwei Ross. Ross ohne Plural. Ross hat keinen Plural. Zuminderst nicht im Wienerischen. Und schon gar nicht bei Fiakerpferden.

Sie wissen ja: Kutscher kann a jeder werden, aber fahren – ha! – fahren können’s nur in Wien. Und a Ansapanier haben sie auch nur in Wien. Und wenn mein Besuch aus Deutschland oben sitzt am Wagen, die Kamera läuft heiß weil sie so viel arbeiten muss, sie ganz ergriffen sitzt mit Tränen in den Augen, dann, ja dann, dann kann das nur in Wien sein.

Und bei mir als Linzer kommt noch was dazu: ich verstehe die Sprache (im Gegensatz etwa zu Salzburgern). Für mich ist es ein Heimkommen, nach Hause kommen, zurück zu den Wurzeln.

„A Eitrige, an Bugl und a 16er Blech!“

„Wie meinen?“

Eitrige, die Käsekrainer, die österreichische Antwort auf den Burger, ist eine gesottene Wurst, die auch Käse enthält. Durch das Sieden tritt der Käse aus der Wurst aus und es sieht tatsächlich so aus, als würde Eiter herausrinnen. Ich mein, ich habe noch nie Eiter konsumiert, ich weiß nicht wie der schmeckt, die Käsekrainer hingegen schmeckt. Aber garantiert!

Der Bugl, der Scherz des Brotes, ist das Brotende, dessen rundliche Form an einen Buckel, Rücken, erinnert.

Na und das 16er Blech ist einfach. Blech, Blechdose, gefüllt mit Ottakringer Bier aus dem 16. Wiener Gemeindebezirk. Ein 16er Blech eben.

So viel gäbe es noch zu erzählen über die Wienersprach‘, dieser Singsang, der mir so vertraut ist, den ich so liebe, weil er mir Heimat ist. „Mordsgaudi“ etwa von tschechisch „moc“, groß, viel, und „Gaudi“ aus dem Lateinischen „Spaß, Vergnügen“. Vom Prater wäre zu erzählen (Prato, italienisch „Wiese“), von „Haberern“ aus dem Hebräischen für „Freunde“. Von „fechten“, betteln, aus dem Rotwelschen, der Sprache der Vaganten, von Kieberern wäre zu erzählen, von der Polente, von der He!, von den „Mistelbachern und den Pflasterhirschen (alles Bezeichnungen für Polizisten). Die Sprache ist voll von Wörtern all jener Völker, die zu uns gekommen sind und sie alle haben Fußabdrücke hinterlassen.

Joschi Holaubek fällt mir noch ein, der legendäre Wiener Polizeipräsident, der bei einem Einsatz gegen einen Bankräuber inmitten des Großaufgebots an Polizei schnurstracks zum Haus gegangen ist in dem sich der Räuber verschanzt hatte, dort anklopft und den mit den Worten: „ Kumm aussa, i bin’s, dei Präsident“ zur Aufgabe überredet hat. Na, den Räuber möcht’ ich sehen, der bei den Worten: „Kommen Sie heraus, ich bin es, Ihr Präsident“ freiwillig herausgekommen wäre. Der schießt höchstens durch die zugemachte Tür.

In gewissen Kreisen war früher ein „Taschl ziehen“ (Handtaschenraub) eine durchaus legitime Art des Broterwerbs. Und da sind einmal zwei Strizzis beim Heurigen gesessen, haben den Grünen Veltliner im Doppler genossen und – schließlich haben auch Strizzis kein Herz aus Stein – und sind also ein bisserl melancholisch geworden. Sagt einer mit Tränen in den Augen: “Weißt, immer wenn i einer alten Frau des Taschl ziag, muass i an mei Mutterl denken“.

Wenn ein – und jetzt komme ich wirklich zum Schluss, denn sonst wird es eine Dissertation – wenn also ein österreichisches Boulevardblatt mit dem Bild eines Habsburgers aufmacht und schreibt: „Der Karl von Österreich“ dann vermutet der geneigte Leser darin gar nichts. Karl von Österreich mit einem Bild von ihm einfach nur, der Wissende hingegen hält kurz den Atem an, schnappt nach Luft, bevor er sich vor Lachen auf die Schenkel klopft. Der Wissende weiß nämlich um die vielfältige Bedeutung des Wortes „Karl“. Er weiß, dass das „Spaß“ bedeuten kann, „Vergnügen, angenehm, Freude, lustig“, etc. Er weiß aber auch um die Bösartigkeit, die in dem Wort steckt: Trottel bedeutet es, Wappler, Koffer, Nudlaug, Hirnschissler. Es kommt auf die Verwendung an. Hätte die Schlagzeile „Karl von Österreich“ gelautet, so wäre sie neutral gewesen, der Artikel hingegen dreht die Bedeutung völlig um.

Drei Tage waren wir in Wien und haben einen richtigen Karl gehabt. Und „Karl“ garantiert ohne Artikel.