„Nicht so wild, Effi“ – Jugendstück nach einem Klassiker

Regisseurin Marion Hackl unterrichtet am Musischen Gymnasium Darstellendes Spiel und weiß daher genau, wie man junge Menschen fürs Theater begeistern kann. Mit dieser temporeichen, unkonventionellen und kurzweiligen Inszenierung gelingt es ihr, Theodor Fontanes Roman über gesellschaftliche Zwänge und Normen in der Wilhelminischen Ära jungem Publikum nahezubringen. Bei der Premiere am 15. März 2017 zeigten sich auch ältere Semester begeistert.

Von Elisabeth Pichler

Drei junge Menschen in weißen Pumphosen zücken gelbe Reclam-Hefte und beginnen, abwechselnd die ersten Zeilen des Romans vorzulesen. Lange halten sie das nicht durch und schon schlüpfen sie in die verschiedensten Charaktere, ob weiblich oder männlich spielt dabei keine Rolle. Voll „Übermut und Grazie“ ist die 17-jährige Effi Briest, wenn sie sich mit ihren Freundinnen im Park des Elternhauses ihren Zukünftigen ausmalt. Es steht für sie fest, dass es ein Mann von Adel mit einer guten Stellung und einem vornehmen Haus sein sollte. Ob ihr das ein ehemaliger Verehrer ihrer Mutter, der 38-jährige Baron von Innstetten, der um ihre Hand anhält, wohl bieten kann? Die Erwartung ist groß, die Enttäuschung ebenso.

In Kessin in Hinterpommern langweilt Effi sich neben ihrem ernsten Mann grenzenlos und ist daher ein leichtes Opfer für den spontanen, leichtlebigen Abenteurer und „Damenmann“ Major Crampas. Da sie ihr schlechtes Gewissen plagt, ist die Erleichterung groß, als ihr Gatte nach Berlin versetzt wird. „Effi sagte kein Wort, und nur ihre Augen wurden immer größer; um ihre Mundwinkel war ein nervöses Zucken, und ihr ganzer zarter Körper zitterte. Mit einem Male aber glitt sie von ihrem Sitz vor Innstetten nieder, umklammerte seine Knie und sagte in einem Tone, wie wenn sie betete: ‚Gott sei Dank!‘“ Als ihr Gatte sechs Jahre später durch Zufall von der Affäre seiner Frau erfährt, sind die Folgen fatal, sowohl für Effi als auch für ihren ehemaligen Liebhaber.

Jonas Breitstadt und Cora Mainz aus dem 3. Jahrgang der hauseigenen Schauspielschule und Magdalena Oettl, die erst Ende 2016 ihre Abschlussprüfung absolviert hat, sind schon im Musical „Der Lebkuchenmann“ gemeinsam auf der Bühne gestanden. In „Nicht so wild, Effi“ legen sie sich mächtig ins Zeug, um den etwas angestaubten Klassiker über verlogene Moralvorstellungen und einen überholten Ehrenkodex aus der Sicht junger Leute zu darzustellen. Mit enormem körperlichen Einsatz schaffen sie es, in nur 80 Minuten das Schicksal der Effie Briest in vielen kleinen Szenen zu präsentieren.

Baumelnde braune Bambusstangen und ein Wintergarten mit abblätternder Tapete, auf die Videos projiziert werden, sorgen für ausdrucksstarke Bilder. Nicht nur für die Bühne zeichnet Johannes Stockinger verantwortlich, er hat auch die Kostüme der jeweiligen Situation angepasst. Auf unschuldiges Weiß und elegante, doch etwas desolate Ballkleider in der Trostlosigkeit von Kessin folgt Rot für die kurze Phase der Leidenschaft, bevor Depressionen und Krankheit alles schwarz umhüllt.

Der ständige blitzschnelle Rollenwechsel erfordert volle Konzentration. Marion Hackl hat die szenische Umsetzung des Romans gemeinsam mit den Schauspielern erarbeitet und so sind manche Zwischenszenen erst während der Probenarbeit entstanden. Ein Theaterabend, der spontan, frech und jung wirkt, gerade richtig für die Zielgruppe ab 14 Jahren.

„Nicht so wild, Effi“ nach Theodor Fontanes „Effi Briest“. Regie und Konzept: Marion Hackl. Ausstattung: Johannes Stockinger. Video: Michael Winiecki. Mit: Jonas Breitstadt, Cora Mainz, Magdalena Oettl. Fotos: Jan Friese

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