„LULU“ – ein Objekt der Begierde

Vor rund 100 Jahren gelang es Frank Wedekind mit „Lulu“, einer Zusammenfassung seiner Dramen „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“, die Bürger zu schockieren. Er schuf ein Werk, das von Regisseuren für Film und Bühne seither immer wieder neu interpretiert und inszeniert wird. Im Salzburger Landestheater setzt sich Intendant Carl Philip von Maldeghem mit „dem schönen wilden Tier“ auseinander. Zur Premiere am 18. März 2017 regnete es Blumen.

Von Elisabeth Pichler

Schon im Foyer wird man von einem Herrn im Glitzer-Jacket freundlich empfangen und zum Glücksspiel an einem Roulettetisch animiert. Auf der Bühne sorgt die „Casino-Band“ mit Franziska Becker als lasziver Chansonnière für Stimmung. Weniger gut geht es Lulu, denn die wird von ehemaligen Liebhabern und zwielichtigen Gestalten erpresst. Sollte sie nicht zahlen, wolle man sie der Polizei ausliefern. Was war geschehen?

Der reiche Zeitungsverleger Dr. Schön hat die blutjunge Lulu von der Straße geholt, sie großgezogen und schließlich zu seiner Geliebten gemacht. Um selbst standesgemäß heiraten zu können, verkuppelt er sie mit dem senilen Medizinalrat Dr. Goll. Als dieser herausfindet, dass sie ihn mit dem Kunstmaler Schwarz betrügt, trifft ihn buchstäblich der Schlag. Auch dem sensiblen Künstler bringt Lulu kein Glück, ihre Affären treiben ihn in den Selbstmord. Die zweifache Witwe scheint ihr Ziel erreicht zu haben, als sich Dr. Schön von seiner Verlobten trennt und Lulu heiratet. Doch auch er wird betrogen. Lulu kann es einfach nicht lassen. Die Ermordung ihres Gatten bringt sie zwar ins Gefängnis, doch nicht für lange, denn auch hier trifft sie auf Menschen, die ihr verfallen und alles daran setzen, ihr zur Flucht zu verhelfen.

Da Regisseur Carl Philip von Maldeghem die Geschichte nicht chronologisch erzählt und manche Rollen doppelt besetzt sind, ist ein Studium des Programmheftes zu empfehlen. Als Polizeispitzel und Mädchenhändler Casti-Piani setzt Georg Clementi gleich zu Beginn Lulu ordentlich unter Druck. Er hat die Absicht, sie an ein Edelbordell in Kairo zu verkaufen, sollte sie nicht zahlen. Axel Meinhardt verlangt als schmieriger Schigolch ebenfalls Geld und erklärt sich sogar bereit, für sie einen Mord zu begehen. Die beiden stehen wenig später als Kunstmaler Schwarz und Medizinalrat Dr. Goll auf der Bühne. Nikola Rudle lässt sich als Lulu treiben und wird getrieben. Der peitschenschwingende Artist Rodrigo Quast (Hanno Waldner), die lesbische Gräfin Geschwitz (Franziska Becker), der schwärmerische Gymnasiast Hugenberg (Elisa Afie Agbaglah), ja selbst Dr. Schöns Sohn Alwa (Gregor Schulz), sie alle liegen ihr zu Füßen. Dass Dr. Schön (Christoph Wieschke) aber beabsichtigt, eine Frau von Stand zu heiraten, will und kann Lulu nicht akzeptieren.

Amouren, Zwistigkeiten, Mord und Selbstmord finden in einem weitläufigen, hellen Salon mit wechselnden Sitzgelegenheiten und vielen Türen statt (Bühne: Thomas Pekny). Conny Lüders sorgt mit glitzernden Kostümkreationen für mondänes, leicht verruchtes Flair.

Frank Wedekinds Absicht war es, das Bürgertum aus seiner Lethargie herauszureißen und mit der Realität zu konfrontieren. Heute ist das Publikum nicht mehr so leicht zu schockieren. Doch die Tragödie Lulus, einer Frau, die sich sämtliche Freiheiten nimmt und dabei alle zerstört und von allen zerstört wird, übt nach wie vor eine starke Faszination aus.

„LULU“ von Frank Wedekind. Inszenierung: Carl Philip von Maldeghem. Bühne: Thomas Pekny. Kostüme: Conny Lüders. Mit: Nikola Rudle, Georg Clementi, Gregor Schulz, Franziska Becker, Hanno Waldner, Axel Meinhardt, Christoph Wieschke, Elisa Afie Agbaglah. Casino-Band: Franziska Becker (Gesang), Georg Clementi (Schlagzeug), Julius von Maldeghem (Klavier), Axel Meinhardt (Klarinette und Saxophon), Christoph Wieschke (Akkordeon). Fotos:© Anna-Maria Löffelberger