R. Lackinger: Weihnachten
in Unterstübming

Heute will ich von der Krippe erzählen. Von einer Weihnachtskrippe mit wunderschönen, handgeschnitzten Figuren aus Tirol. In der Mitte das Christuskind und das hochheilige Paar. Dahinter Ochs und Esel, darüber der Stern und mindestens ein Engel … ferner und rings herum ein Dutzend Hirten.

Irgendwo, hinter Büschen aus Papiermasché könnte ich mir einen neugierigen Herbergsbesitzer vorstellen, aber der Lindenbaum, von dem dieses Holz stammen könnte, ist noch nicht gepflanzt worden.

Die Kinderschar, die zur Weihnachtszeit die Krippe umzingelt, ist sehr klein geworden. Die Augen leuchten nicht mehr groß auf die Krippe gerichtet. Sie zwinkern scheinbar ins Leere. Aus ihren vor das Gesicht gehaltenen Handflächen piepst es gelegentlich.

Der Herr Pfarrer versucht das fehlende Interesse der „heutigen Jugend“ mit neuen Figuren wett zu machen. Aber die Tiroler Holzschnitzer waren mit anderen Aufträgen beschäftigt. In der Woche vor dem ersten Adventssonntag besann sich der Kaplan und beschloss, der Weihnachtskrippe Figuren von Playmobil und anderer Spielzeugklassiker beizufügen.

Die Kinder waren sprachlos, während die Eltern verschiedenste Kommentare von sich gaben. Einer meinte, so ein Tyannosaurus rex würde nicht recht zur Krippe passen, aber der Herr Pfarrer war glücklich. So viele Kinder und auch Erwachsene hatte er schon lange nicht mehr vor der Krippe versammelt gesehen.

Figuren braver Haustiere und frommer Menschen können meinetwegen bleiben, sagte Frau Helene Emberger, die beim Rosenkranz immer so schön blökt. Figuren von wilden Bestien und Monstern, die nicht in den Prospekt passen, sollten sofort entfernt werden, ergänzte sie bewegten Gemüts.

Der Kaplan, ein notorischer Idealist und unverbesserlicher Gutmensch, nützte sogleich die Diskussion und verglich die verpönten Playmobilfiguren mit den unerwünschten Migranten am Rande der Pfarrgemeinde.

Ist schon gut, sagte der Herr Pfarrer … aber eine halbnackte Barbie unter den Krippenfiguren hätte nicht unbedingt sein müssen!

Salvador, Bahia, Brasilien, 21. November 2010

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