„LULU“ – ein Objekt der Begierde

Vor rund 100 Jahren gelang es Frank Wedekind mit „Lulu“, einer Zusammenfassung seiner Dramen „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“, die Bürger zu schockieren. Er schuf ein Werk, das von Regisseuren für Film und Bühne seither immer wieder neu interpretiert und inszeniert wird. Im Salzburger Landestheater setzt sich Intendant Carl Philip von Maldeghem mit „dem schönen wilden Tier“ auseinander. Zur Premiere am 18. März 2017 regnete es Blumen.

Von Elisabeth Pichler

Schon im Foyer wird man von einem Herrn im Glitzer-Jacket freundlich empfangen und zum Glücksspiel an einem Roulettetisch animiert. Auf der Bühne sorgt die „Casino-Band“ mit Franziska Becker als lasziver Chansonnière für Stimmung. Weniger gut geht es Lulu, denn die wird von ehemaligen Liebhabern und zwielichtigen Gestalten erpresst. Sollte sie nicht zahlen, wolle man sie der Polizei ausliefern. Was war geschehen?

Der reiche Zeitungsverleger Dr. Schön hat die blutjunge Lulu von der Straße geholt, sie großgezogen und schließlich zu seiner Geliebten gemacht. Um selbst standesgemäß heiraten zu können, verkuppelt er sie mit dem senilen Medizinalrat Dr. Goll. Als dieser herausfindet, dass sie ihn mit dem Kunstmaler Schwarz betrügt, trifft ihn buchstäblich der Schlag. Auch dem sensiblen Künstler bringt Lulu kein Glück, ihre Affären treiben ihn in den Selbstmord. Die zweifache Witwe scheint ihr Ziel erreicht zu haben, als sich Dr. Schön von seiner Verlobten trennt und Lulu heiratet. Doch auch er wird betrogen. Lulu kann es einfach nicht lassen. Die Ermordung ihres Gatten bringt sie zwar ins Gefängnis, doch nicht für lange, denn auch hier trifft sie auf Menschen, die ihr verfallen und alles daran setzen, ihr zur Flucht zu verhelfen.

Da Regisseur Carl Philip von Maldeghem die Geschichte nicht chronologisch erzählt und manche Rollen doppelt besetzt sind, ist ein Studium des Programmheftes zu empfehlen. Als Polizeispitzel und Mädchenhändler Casti-Piani setzt Georg Clementi gleich zu Beginn Lulu ordentlich unter Druck. Er hat die Absicht, sie an ein Edelbordell in Kairo zu verkaufen, sollte sie nicht zahlen. Axel Meinhardt verlangt als schmieriger Schigolch ebenfalls Geld und erklärt sich sogar bereit, für sie einen Mord zu begehen. Die beiden stehen wenig später als Kunstmaler Schwarz und Medizinalrat Dr. Goll auf der Bühne. Nikola Rudle lässt sich als Lulu treiben und wird getrieben. Der peitschenschwingende Artist Rodrigo Quast (Hanno Waldner), die lesbische Gräfin Geschwitz (Franziska Becker), der schwärmerische Gymnasiast Hugenberg (Elisa Afie Agbaglah), ja selbst Dr. Schöns Sohn Alwa (Gregor Schulz), sie alle liegen ihr zu Füßen. Dass Dr. Schön (Christoph Wieschke) aber beabsichtigt, eine Frau von Stand zu heiraten, will und kann Lulu nicht akzeptieren.

Amouren, Zwistigkeiten, Mord und Selbstmord finden in einem weitläufigen, hellen Salon mit wechselnden Sitzgelegenheiten und vielen Türen statt (Bühne: Thomas Pekny). Conny Lüders sorgt mit glitzernden Kostümkreationen für mondänes, leicht verruchtes Flair.

Frank Wedekinds Absicht war es, das Bürgertum aus seiner Lethargie herauszureißen und mit der Realität zu konfrontieren. Heute ist das Publikum nicht mehr so leicht zu schockieren. Doch die Tragödie Lulus, einer Frau, die sich sämtliche Freiheiten nimmt und dabei alle zerstört und von allen zerstört wird, übt nach wie vor eine starke Faszination aus.

„LULU“ von Frank Wedekind. Inszenierung: Carl Philip von Maldeghem. Bühne: Thomas Pekny. Kostüme: Conny Lüders. Mit: Nikola Rudle, Georg Clementi, Gregor Schulz, Franziska Becker, Hanno Waldner, Axel Meinhardt, Christoph Wieschke, Elisa Afie Agbaglah. Casino-Band: Franziska Becker (Gesang), Georg Clementi (Schlagzeug), Julius von Maldeghem (Klavier), Axel Meinhardt (Klarinette und Saxophon), Christoph Wieschke (Akkordeon). Fotos:© Anna-Maria Löffelberger




„Nicht so wild, Effi“ – Jugendstück nach einem Klassiker

Regisseurin Marion Hackl unterrichtet am Musischen Gymnasium Darstellendes Spiel und weiß daher genau, wie man junge Menschen fürs Theater begeistern kann. Mit dieser temporeichen, unkonventionellen und kurzweiligen Inszenierung gelingt es ihr, Theodor Fontanes Roman über gesellschaftliche Zwänge und Normen in der Wilhelminischen Ära jungem Publikum nahezubringen. Bei der Premiere am 15. März 2017 zeigten sich auch ältere Semester begeistert.

Von Elisabeth Pichler

Drei junge Menschen in weißen Pumphosen zücken gelbe Reclam-Hefte und beginnen, abwechselnd die ersten Zeilen des Romans vorzulesen. Lange halten sie das nicht durch und schon schlüpfen sie in die verschiedensten Charaktere, ob weiblich oder männlich spielt dabei keine Rolle. Voll „Übermut und Grazie“ ist die 17-jährige Effi Briest, wenn sie sich mit ihren Freundinnen im Park des Elternhauses ihren Zukünftigen ausmalt. Es steht für sie fest, dass es ein Mann von Adel mit einer guten Stellung und einem vornehmen Haus sein sollte. Ob ihr das ein ehemaliger Verehrer ihrer Mutter, der 38-jährige Baron von Innstetten, der um ihre Hand anhält, wohl bieten kann? Die Erwartung ist groß, die Enttäuschung ebenso.

In Kessin in Hinterpommern langweilt Effi sich neben ihrem ernsten Mann grenzenlos und ist daher ein leichtes Opfer für den spontanen, leichtlebigen Abenteurer und „Damenmann“ Major Crampas. Da sie ihr schlechtes Gewissen plagt, ist die Erleichterung groß, als ihr Gatte nach Berlin versetzt wird. „Effi sagte kein Wort, und nur ihre Augen wurden immer größer; um ihre Mundwinkel war ein nervöses Zucken, und ihr ganzer zarter Körper zitterte. Mit einem Male aber glitt sie von ihrem Sitz vor Innstetten nieder, umklammerte seine Knie und sagte in einem Tone, wie wenn sie betete: ‚Gott sei Dank!‘“ Als ihr Gatte sechs Jahre später durch Zufall von der Affäre seiner Frau erfährt, sind die Folgen fatal, sowohl für Effi als auch für ihren ehemaligen Liebhaber.

Jonas Breitstadt und Cora Mainz aus dem 3. Jahrgang der hauseigenen Schauspielschule und Magdalena Oettl, die erst Ende 2016 ihre Abschlussprüfung absolviert hat, sind schon im Musical „Der Lebkuchenmann“ gemeinsam auf der Bühne gestanden. In „Nicht so wild, Effi“ legen sie sich mächtig ins Zeug, um den etwas angestaubten Klassiker über verlogene Moralvorstellungen und einen überholten Ehrenkodex aus der Sicht junger Leute zu darzustellen. Mit enormem körperlichen Einsatz schaffen sie es, in nur 80 Minuten das Schicksal der Effie Briest in vielen kleinen Szenen zu präsentieren.

Baumelnde braune Bambusstangen und ein Wintergarten mit abblätternder Tapete, auf die Videos projiziert werden, sorgen für ausdrucksstarke Bilder. Nicht nur für die Bühne zeichnet Johannes Stockinger verantwortlich, er hat auch die Kostüme der jeweiligen Situation angepasst. Auf unschuldiges Weiß und elegante, doch etwas desolate Ballkleider in der Trostlosigkeit von Kessin folgt Rot für die kurze Phase der Leidenschaft, bevor Depressionen und Krankheit alles schwarz umhüllt.

Der ständige blitzschnelle Rollenwechsel erfordert volle Konzentration. Marion Hackl hat die szenische Umsetzung des Romans gemeinsam mit den Schauspielern erarbeitet und so sind manche Zwischenszenen erst während der Probenarbeit entstanden. Ein Theaterabend, der spontan, frech und jung wirkt, gerade richtig für die Zielgruppe ab 14 Jahren.

„Nicht so wild, Effi“ nach Theodor Fontanes „Effi Briest“. Regie und Konzept: Marion Hackl. Ausstattung: Johannes Stockinger. Video: Michael Winiecki. Mit: Jonas Breitstadt, Cora Mainz, Magdalena Oettl. Fotos: Jan Friese




„Töchter des Jihad“ – eine szenisch-dokumentarische Collage

Autorin und Regisseurin Barbara Herold versucht in diesem Theaterprojekt, das Phänomen Jihadismus zu ergründen. Welche Motive bewegen junge Mädchen, die Sicherheit und Freiheit Europas gegen eine Utopie einzutauschen und als Frau eines IS-Kriegers ein gottesfürchtiges Leben in Gefangenschaft zu führen? Der Theaterverein dieheroldfliri.at aus Vorarlberg gastierte am 10. März 2017 im Kleinen Theater in Schallmoos.

Von Elisabeth Pichler

In Stücke gerissene Gebetsteppiche kleiden die Bühne aus und verströmen orientalisches Flair. Auf facebook postet Muhajirah: „Es ist so schön, in einem rein islamischen Land zu leben. Manchmal vergisst man fast, dass man im Jahr 2000 lebt. Man fühlt sich wie in einem Kapitel des Alten Testaments.“  Dokumentarisches Material, Auszüge aus Blogs und Ratgebern dienen ebenso als Grundlage für diese Produktion wie Erläuterungen zur islamischen Religion. Jihad bedeutet nicht nur Kampf, sondern auch jegliche Anstrengung und Mühe. „Gott ist groß und der Jihad unser Weg“ behaupten Maria Fliri, Diana Kashlan und Peter Bocek und drohen dabei mit ihren Kalaschnikows. Auch wenn es sich dabei nur um Staubsauger handelt, verfehlen diese ihre Wirkung nicht, denn sie vernichten mühelos jeglichen Müll.

„Keine Steuern, keine Mieten, der Staat zahlt alles“ klingt durchaus verlockend. Auf Rauchen in der Öffentlichkeit kann man ja verzichten, denn dafür gäbe es 30 Peitschenhiebe. Ein jihadistischer Brautwerber verspricht der jungen Melanie das Paradies. Er selbst sei kein Mörder, denn er töte nur Ungläubige und Verräter. Geschichte sei schon immer mit Tinte und Blut geschrieben worden. „Wir müssen uns opfern, um die Welt zu retten.“

Eine Mischung aus Protest und Provokation gegenüber Familie und Gesellschaft bewegt junge Frauen und Mädchen zur Hijra (Flucht) aus dem Gebiet der Ungläubigen. Wie aber sieht der Alltag von Frauen im IS tatsächlich aus? Das Manifest „Frauen im islamischen Staat“,  herausgegeben von der Al-Khansaa-Frauenbrigade, gibt Aufschluss.

Es sei die natürliche Bestimmung der Frau, dem Ehemann zu dienen. Bildung sei nur hinderlich und für die vom Schöpfer vorgesehene Aufgabe überflüssig. Es wird mit der Abkehr vom westlichen Rollenverständnis geworben. Versprochen wird die Erfüllung durch Sittsamkeit und die Tugenden als Hausfrau und Mutter. Nur dort, so heißt es, erhalte die Frau ihre wahren, vom Islam verbrieften Rechte, werde sie geachtet, wie es ihr gebührt, und habe keine Unterdrückung zu befürchten, sofern sie ihren Pflichten nachkommt.

Barbara Herold betrachtet das komplexe Thema in vielen kleinen Szenen aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln. Sie animiert das Publikum, selbst Stellung zu beziehen. Ein spannender Theaterabend, der aufklären, sensibilisieren und warnen will.

„Töchter des Jihad“ – Eine szenisch-dokumentarische Collage. Text und Regie: Barbara Herold. Ausstattung und Video: Caro Stark. Choreographie: Anne Thaeter. Mit: Maria Fliri, Diana Kashlan, Peter Bocek. Fotos: Mark Mosman

 

 




„Safe Places“ – Projekt „Zukunft Europa“

Schauspielstudierende am Thomas Bernhard Institut der Universität Mozarteum Salzburg haben sich unter Anleitung von Regisseur Volker Lösch mit der Frage „Was bedeutet Europa für uns?“ auseinandergesetzt. So vermischen sich persönliche Geschichten mit Texten aus Falk Richters 2016 in Frankfurt uraufgeführtem Stück „Safe Places“. Die Österreichische Erstaufführung fand am 3. März 2017 im Theater im KunstQuartier statt.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

20 junge Menschen stürmen auf die Bühne und verraten, was für sie persönlich ein sicherer Platz ist: Familie, Musik, Nostalgie, Fantasie, mein Bett, ein Raum, in dem keine Männer sind, u.s.w. Plötzlich erhebt sich im Zuschauerraum die anklagende Stimme einer Fremden. „Warum fürchtet ihr mich? Wo ist mein safe place?“ Die Damen geben zu, dass sie vor großen, dunklen Männern, die laut in einer fremden Sprache sprechen, Angst haben, besonders wenn sie in Gruppen auftreten. Sie beschweren sich aber auch, dass unsere Männer zu verweichlicht sind. „Die können uns nicht mehr helfen.“

Ist es zu viel verlangt, wenn wir von den Flüchtlingen die Akzeptanz unserer Regeln und Werte verlangen? Schließlich leben wir im 21. Jahrhundert und die leben ja noch im Mittelalter. Emotionale Argumente treffen auf ebensolche Gegenargumente. Das Verlesen von Hasspostings aus dem Internet heizt die Stimmung weiter auf. In Chören wird zu politischer Aktivität aufgerufen, doch einige haben von all den Horrormeldungen genug und hören einfach nicht mehr hin.

Was aber ist Europa eigentlich? Historischen Schandtaten, an denen es wahrlich nicht mangelt, werden positive Errungenschaften gegenübergestellt, wobei das Aufzählen der in Österreich erhältlichen verschiedensten Brotsorten sowie tiefschürfende Alpenyogaübungen für Heiterkeit sorgen.

Zum Abschluss der Performance werden Ausschnitte der Rede des damaligen französischen Außenministers Robert Schumann vom 9. Mai 1950 verlesen, in der er die Schaffung einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) vorschlug,  um so weitere Kriege zwischen den Erzrivalen Frankreich und Deutschland „nicht nur undenkbar, sondern materiell unmöglich“  zu machen.  Die Mitgliedschaft in der EGKS stand auch anderen Ländern offen, der erste Schritt zu einem geeinten Europa war getan. Regisseur Volker Lösch lässt gekonnt private und politische Strategien zur Bewältigung der schwelenden Angst vor dem Fremden aufeinanderprallen. Trotz wütender, Angst schürender Sprechchöre erweist sich der Theaterabend als Plädoyer für Europa mit der Maxime „Nie wieder Krieg!“

„SAFE PLACES“ von Falk Richter. Österreichische Erstaufführung. Regie: Volker Lösch. Dramaturgie: Christoph Lepschy. Bühne und Kostüm: Theresa Gregor (Bühnenbildstudierende). Regieassistenz / Inspizienz: Mattia Meier. Mit: Diana Merkel und Konrad Wolf (Regiestudierende) sowie Caroline Adam, Kilian Tobias Bierwirth, Felicia Chin-Malenski, Chris Eckert, Kai Götting, Eva Lucia Grieser, Rudi Grieser, Ron Iyamu, Hannah Jaitner, Sebastian Jehkul, Igor Karbus, Naima Laube, Niklas Mitteregger, Vincent Sauer, Sophia Schiller, Katharina Shakina, Laura Trapp, Genet Zegay und Tino Zihlmann (Schauspielstudierende des 2. und 3. Jahrgangs). Foto: MOZ/ Manuela Seethaler




„Der Zauberlehrling“ – ein schwungvolles Tanzmärchen

Spätestens seit dem Film „Kevin – Allein zu Haus“ wissen Eltern, dass man aufgeweckte Kinder besser nicht unbeaufsichtigt lässt. Was aber passiert, wenn ein Zaubermeister seinen experimentierfreudigen Lehrling samt bestem Freund und einer Elfe für eine Stunde alleine lässt, kann man in den Kammerspielen des Salzburger Landestheaters miterleben. Ein großer Spaß für Groß und Klein.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Süß schaut er aus, der kleine Zauberlehrling, der mit seiner runden, schwarzen Brille an seinen Zauberkollegen Harry Potter erinnert. Er hat nur Unsinn im Sinn, will des Meisters Zauberstab ausprobieren und in dessen geheimnisvollen Büchern stöbern. Vielleicht nützt es ja, ihm einen Besen in die Hand zu drücken und ihn saubermachen zu lassen. Als der Meister das Haus verlässt, stürzen sich die zwei Freunde auf die kleine Hauselfe, die hingebungsvoll mit ihrer Puppe spielt. Schwupps, schon fliegt die Puppe in den Zauberkessel.

Die Begeisterung ist groß, als sie als wunderschöne Prinzessin wiedererscheint. Als diese jedoch ihre Maske abnimmt und ihr wahres Gesicht zeigt, versuchen die Knaben verzweifelt, sie wieder loszuwerden. Die kleine Elfe will auch etwas ausprobieren und so wandert ein Schrumpfkopf des Zauberers in den Kessel. Mit wilden Tänzen begeistern nun vier muntere Kannibalen die Elfe. Während sich die Knaben zitternd in eine Ecke verziehen, setzt sie sich eine Krone auf und tanzt begeistert mit. Ob die herbeizitierten Techniker wohl Ordnung in das Chaos bringen können?

Karl-Heinz Steck zeichnet für das heimelige Labor des Magiers, das mit seinen vielen Büchern und Zaubertrankflaschen an Fausts Studierstube erinnert, sowie die phantasievollen Kostüme verantwortlich. Aus dem riesigen Zauberkessel purzeln neben den Kannibalen noch Frösche, rätselhafte Feuerwesen und jede Menge quicklebendiger Besen. Das Wasser, das in Goethes Ballade vom Zauberlehrling nicht zu bändigen ist, darf natürlich auch nicht fehlen und lädt zum Tauchen und Angeln ein. Nur gut, dass der Hexenmeister noch rechtzeitig heimkommt.

Pedro Pires als übermütiger Zauberlehrling und Karine de Matos als entzückende, muntere Elfe Pixie genießen das Privileg, sich als einzige nie umziehen zu müssen. Was sich hinter der Bühne abspielt, grenzt auch an Zauberei, denn hier werden die Kostüme in Windeseile gewechselt. Das 12-köpfige Ensemble begeistert mit schwungvollen, fast akrobatischen Tänzen zu Disco- und Hillbilly-Sound ebenso wie zu einem alpenländischen Schuhplattler.

Die Choreographen Alexander Korobko, Josef Vesely und Kate Watson begeistern mit diesem mitreißenden, turbulenten Tanzmärchen nicht nur die Kinder. Ein wahrlich „zauberhaftes“ Tanzmärchen.

ngg_shortcode_0_placeholder

Der Zauberlehrling“ Tanzmärchen frei nach Johann Wolfgang von Goethe. Choreographie: Alexander Korobko, Josef Vesely, Kate Watson. Bühne und Kostüme: Karl-Heinz Steck. Mit: Edward Nunes, Pedro Pires, José Flaviano de Mesquita Junior, Karine de Matos, Mikino Karube,  Anna Yanchuk, Diego da Cunha, Iure de Castro, Marian Meszaros, Naila Fiol, Otto Wotroba, Arianna Rene Spitz. Fotos: © Anna-Maria Löffelberger




„Kuss der Spinnenfrau“ – intimstes Sprechtheater

Manuel Puigs Roman aus dem Jahre 1976 wurde als Theaterstück, Film und Musical weltberühmt. Im OFF Theater inszeniert Alex Linse die berührende Geschichte zweier Häftlinge, die sich eine Gefängniszelle teilen müssen und mit gegenseitiger Ablehnung und Zuneigung zu kämpfen haben. Die Premiere fand am 2. März 2017 statt.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Der wegen Verführung eines Minderjährigen verurteilte homosexuelle Molina erzählt seinem Zellengenossen, dem politische Gefangenen Valentin, einen Film, in dem eine rätselhafte Pantherfrau die Hauptrolle spielt. Indem er mit ihm in diese fantastische Scheinwelt eintaucht, versucht er, die brutale Realität auszuklammern. Valentin glaubt fest an die Revolution, die fantasievollen Erzählungen Molinas üben dennoch eine gewisse Faszination auf ihn aus. Von erotischen und kulinarischen Beschreibungen will er nichts hören und so mischt er sich ständig ein. Diese Unterbrechungen schätzt wiederum Molina gar nicht, dann zieht er sich auf sein Feldbett zurück und schmollt. Wenn sich Valentin allerdings, als Folge eines vergifteten Essens, unter Krämpfen windet, sind alle Missstimmungen vorbei und er kümmert sich rührend um ihn. In der letzten Nacht vor Molinas Entlassung kommt es zwischen den beiden zu Intimitäten. Als Dank dafür erklärt sich Molina bereit, Valentins revolutionäre Freunde zu kontaktieren. Das tragische Finale erfährt das Publikum durch eine Stimme aus dem Off.

Das Publikum sitzt rund um die kleine Gefängniszelle, die Alex Linse (Regie und Ausstattung) in der Bühnenmitte aufgebaut hat, und erlebt so hautnah mit, wie sich die zwei Leidensgenossen näherkommen. Während der maskuline Valentin (Maximilian Pfnür) versucht, seine physischen Kräfte durch Liegestütze zu erhalten, legt der sensible Molina (Clemens Ansorg) Patiencen und macht dabei Gedankenübungen. An Valentin sind die Spuren von Folterungen zu erkennen (Maske: Andrea Linse), doch sein ungebrochener Glaube an die Sinnhaftigkeit der Revolution verleiht ihm Kraft und Stärke. Der fürsorgliche Molina kocht, putzt und pflegt seinen Zellengenossen aufopfernd. Dabei kann er es nicht verhindern, dass er sich in ihn verliebt. Sein Liebesbeweis hat für ihn zwar fatale Folgen, doch ist es auch ein Sieg der Liebe und Menschlichkeit über Verrat und Brutalität.

Manuel Puigs Roman über Ausgrenzung und Gewalt war in Argentinien verboten und trieb den Autor ins lebenslange Exil. Das ergreifende Schicksal zweier Menschen, die nicht ins System passen, von Alex Linse mit zwei großartigen Schauspielern feinfühlig in Szene gesetzt, entwickelt einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Ein Stück über Freundschaft, Verrat und seelische Abgründe, das tief berührt.

„Kuss der Spinnenfrau“ nach Manuel Puig. Regie und Ausstattung: Alex Linse. Assistenz: Jonas Zacharias. Maske: Andrea Linse. Mit: Clemens Ansorg, Maximilian Pfnür. Foto: OFF




„Lupus in fabula“ – Requiem für einen Vater

Henriette Dushes Drama, in dem drei Schwestern mit Siechtum und dem nahen Tod des Vaters konfrontiert werden, wurde 2013 mit dem Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnet. Petra Schönwald inszeniert das starke Stück, das wohl niemanden kaltlässt, ausdrucksstark und einfühlsam. Die Premiere fand am 24.2.2017 im Studio der ARGEkultur statt.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Die Älteste hat sich jahrelang um den siechen Vater gekümmert. Jetzt sind seine Finger schon ganz blau und er gibt nur mehr ein rasselndes Röcheln von sich. Sie selbst hat schon lange vorgesorgt, ein neues schwarzes Kleid liegt bereit und die Grabrede ist schon vorformuliert. Die herbeizitierten Schwestern kommen mit dieser Extremsituation weniger gut zurecht. Die Jüngste leidet unter beruflichen und privaten Misserfolgen und wird nun wohl auf die gewohnte finanzielle Unterstützung verzichten müssen. Der Mittleren gelingt es nicht, den Vater mit ihrem Baby zu beeindrucken, das sie ihm aufs Krankenbett legt. Vor ihren massiven Problemen flüchtet sie sich gerne in eine Phantasiewelt, ständig auf der Suche nach Struktur und einem neuen Setting. Sie träumt von einer wilden, verwahrlosten Wiese, die nach feuchtem Laub, Gülle und Mist riecht, und imaginiert ihre Schwestern als Tiere, Comic-Figuren und Bräute in diese eigenwillige Landschaft.

Das gemeinsame Warten auf den Tod des Vaters lässt die drei Schwestern zwar näher zusammenrücken, doch wird auch in alten Wunden gestochert und gegraben. Der Ältesten wird Selbstgerechtigkeit vorgeworfen, hat sie als Kind doch ständig behauptet, immer „eins besser“ zu sein. Sie schlägt zurück und erzählt schonungslos von den unappetitlichen Aspekten der Pflege eines alten Menschen. Positiv besetzt sind die Erinnerungen an die jährlichen Urlaube an der Ostsee, leider war es „für ein anderes Meer immer zu knapp“.

Die Bühne ist mit einer dicken, aufgewühlten Erdschicht bedeckt, in der die Schwestern in zunehmender Verzweiflung graben und dabei auf Schätze, aber auch auf unangenehme Überraschungen stoßen. Anfangs sind die Damen noch adrett gekleidet und mit Gummistiefeln perfekt ausgerüstet. Im Laufe der 70-minütigen Performance legen sie nach und nach ihre Kleidung ab, bis sie schließlich in Unterwäsche, total verschmutzt vom vielen Graben und nass vom plötzlich einsetzenden Regen, ineinander verschlungen am Boden kauern. Die drei Schwestern (Sophie Hichert, Elisabeth Nelhiebel und Eva-Maria Weingärtler) haben trotz aller Selbstzweifel zueinander gefunden, das gemeinsame Leid verbindet.

Das Damentrio hat dieses poetisch-kunstvolle Requiem mit einer gehörigen Portion Selbstironie gewürzt und so Pathos und Rührseligkeit vermieden. Petra Schönwald realisiert nach „Joseph Fouché“ (nach Stefan Zweig) und „Kampf des Negers und der Hunde“ (Koltès) erstmals gemeinsam mit der ARGEkultur als Koproduzent ein Stück, in dem Alter, Tod und Vergänglichkeit schonungslos und offen thematisiert werden. Gratulation zu so viel Mut!

„Lupus in fabula“ von Henriette Dushe. Ein ganz diesseitiges Stück vom (Über-)Leben im Angesicht des Todes. Salzburger Erstaufführung. Eine Koproduktion von Petra Schönwald und ARGEkultur. Regie: Petra Schönwald. Bühne und Kostüme: Elke Gattinger. Mit: Elisabeth Nelhiebel („Die Älteste“), Sophie Hichert („Die Mittlere“) und Eva-Maria Weingärtler („Die Jüngste“). Fotos: ARGEkultur | Andreas Hechenberger




Biedermann und die Brandstifter – zum Löschen zu spät

Mit einer spritzigen, auf 90 Minuten eingedampften Inszenierung von Max Frischs politischer Parabel über die Fähigkeit des Menschen, voraussehbare Katastrophen auszublenden, begeisterte Regisseur Peter Raffalt das Premierenpublikum am 22. Februar 2017 im Schauspielhaus Salzburg. Viel Applaus für ein groß aufspielendes Ensemble und einen überragenden Marcus Marotte.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Als sich der wohlhabende Fabrikant Gottlieb Biedermann eine Zigarre anzünden möchte, muss er unwillkürlich daran denken, dass die Brandstifter in der Stadt sind. „Aufhängen sollte man sie!“ Wann und wo werden sie wohl das nächste Mal zuschlagen? Ihm könnte das nicht passieren, denn einen Hausierer würde er niemals ins Haus lassen. Als der ehemalige Ringer Schmitz bei ihm auftaucht, begehrt dieser jedoch keine Unterkunft, er sucht nur nach Menschlichkeit. Biedermann fühlt sich geschmeichelt und lässt den etwas rüpelhaften Kerl aus purer Gutmütigkeit auf seinem Dachboden übernachten. Ein ungutes Gefühl beschleicht ihn, als ein gewisser Herr Eisenring auftaucht. Der ehemalige Kellner ist zwar eloquent und hat beste Manieren, doch die Fässer, die unter lautem Gepolter auf dem Dachboden verstaut werden, sind mehr als verdächtig. Sie riechen eindeutig nach Benzin. Die beiden unliebsamen Gäste machen keinen Hehl aus ihrem Vorhaben, denn „die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Die glaubt niemand.“ Biedermann beschließt, sich die beiden Brandstifter zu Freunden zu machen. Vielleicht gelingt es ihm so, die drohende Katastrophe abzuwenden.

Marcus Marotte gerät als Gottlieb Biedermann gehörig ins Schwitzen, denn ihm fehlt der Mut, hart durchzugreifen und die zwei dubiosen Gäste auf die Straße zu setzen. Seine Frau Babette (Susanne Wende) zeigt Verständnis für die Schwächen ihres Mannes. Sie ist unendlich dankbar und erleichtert, dass er jeden Abend auf dem Dachboden nachsieht, ob auch ja keine Brandstifter da sind. Sonst könnte sie nämlich die halbe Nacht nicht schlafen. Nur das Dienstmädchen Anna (Magdalena Oettl) zeigt seine Abneigung gegen die ungebetenen Gäste ganz offen und das hat in dieser Inszenierung schlimme Folgen.

Der großgewachsene Frederic Soltow besticht als Ringer Schmitz durch fast unerträglich schlechte Manieren und präpotentes Benehmen. Magnus Pflüger wartet als Eisenring zwar mit besten Manieren auf, doch wirkt seine vornehme, ruhige Art umso gefährlicher. Der warnende Chor erinnert an altgriechische Tragödien und tritt hier in wechselnder Besetzung als eine Gruppe von Feuerwehrleuten im Arbeitseinsatz auf. Bühnenbildner Vincent Mesnaritsch hat das Wohnzimmer und den Dachboden der Familie Biedermann auf eine Ebene gestellt. Mit Hilfe der Lichtregie wird ein rascher Wechsel von oben nach unten und umgekehrt ermöglicht, wobei scherenschnittartige Übergänge für reizvolle Bilder sorgen.

Mit witzigen, absurden Regieeinfällen sorgt Peter Raffalt dafür, dass Max Frischs vielgespielter Klassiker im Schauspielhaus Salzburg zu einem Theaterabend von großem Unterhaltungswert wird. „Einfach perfekt. Besser geht es nicht.“ Dieser Meinung eines Premierengastes kann ich mich nur anschließen.

ngg_shortcode_1_placeholder„Biedermann und die Brandstifter“ – Lehrstück ohne Lehre von Max Frisch. Regie: Peter Raffalt. Bühne: Vincent Mesnaritsch. Kostüme: Elke Gattinger. Musik: Matthias Jakisic. Mit: Marcus Marotte, Susanne Wende, Magdalena Oettl, Frederic Soltow, Magnus Pflüger, Antony Connor, Ute Hamm, Moritz Grabbe. Fotos: Jan Friese/ Schauspielhaus




„Wie es euch gefällt“ – auch der Wald ist Bühne

Das Theaterensemble Brettspiel und BühnenErlebnis Bamer-Ebner präsentierten am 18. Februar 2017 im Kleinen Theater eine integrative, mehrsprachige Komödie nach William Shakespeare. In dem vom Zukunftslabor Salzburg 20.16 ausgezeichneten Theaterprojekt „Spielend Einander Verstehen“ stehen professionelle Schauspieler, erfahrene Amateure, absolute Neulinge sowie drei anerkannte Flüchtlinge auf der Bühne.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Shakespeares Komödie „Wie es euch gefällt“ handelt von Verbannung, Flucht und Heimatlosigkeit. In Angelika Bamer-Ebners Inszenierung trifft die verbannte höfische Gesellschaft im Untersberger Wald aufeinander und hat hier mit Gefühlsverirrungen und Täuschungen zu kämpfen. Im Mittelpunkt stehen der junge Orlando, der sich auf der Flucht vor seinem Bruder befindet, und seine große Liebe Rosalinde. Diese irrt als Mann verkleidet mit ihrer Cousine durch den Wald und macht sich einen Spaß daraus, ihren Liebsten als forscher, junger Ganymed zum Narren zu halten. Ein liebeskranker Schäfer hat seine liebe Not mit der widerspenstigen Phöbe, die nur noch Augen für den jungen Ganymed hat. Bei Shakespeare ist der Wald ein Ort der Utopie, wo die Eindeutigkeit der Geschlechter sowie alle Widersprüche der Welt aufgehoben werden. So kommt es am Ende zu einer Tripel-Hochzeit, bei der sogar Orlandos hartherziger Bruder Oliver geläutert in Rosalindes Freundin Celia die große Liebe findet.

Projektleiter Peter Christian Ebner ist davon überzeugt, dass sich Menschen trotz unterschiedlicher sprachlicher und kultureller Herkunft verstehen können. Den Beweis liefern die 16 Akteure, die in dieser Komödie auf der Bühne stehen, und es funktioniert hervorragend. Regisseurin Angelika Bamer-Ebner hat die Rollen typgerecht besetzt. Die quirlige Melanie Arnezeder aus Salzburg und der gebürtige Ungar Bálint Walter vom Theaterverein Janus schmachten als junge Liebende, Rosemarie Linortner verbreitet als unrechtmäßige Herzogin Angst und Schrecken, und Christine Walther gibt sich als Edeldame Charlotta der Melancholie hin. Bashir Kordaji und Alaaeldin Dyab, zwei Schauspieler aus Aleppo, sorgen als devote, doch redselige Hofmänner für Heiterkeit. Das gesamte Ensemble, ob jung oder alt, Profi oder Amateur, In- oder Ausländer, überzeugt durch Spielfreude und enormen Einsatz. Marina Razumovskaja sorgt mit selbst komponierter Bühnenmusik für die passenden Töne zu den höfischen Liedern und Tänzen.

Die sehenswerte Produktion ist nicht nur im Kleinen Theater (5., 11. und 12. März) zu erleben, sondern gastiert auch im Kunsthaus Nexus in Saalfelden (3. März), auf der Burg Mauterndorf (26. März) und auf Schloss Goldegg (6. April).

Regie: Angelika Bamer-Ebner. Inszenierung: Angelika Bamer-Ebner. Komposition & Live-Musik: Marina Razumovskaja. Choreografie: Marina Razumovskaja. Projektleitung: Peter Christian Ebner, Angelika Bamer-Ebner. (Regie)Assistenz: Sylvia Schlager, Bálint Walter, Mit: Melanie Arnezeder, Bálint Walter, Florian Friedrich, Anita Frohnwieser, Angelika Bamer-Ebner, Florian Sauseng, Rosemarie Linortner, Christine Walther, Mahamed Abdulqadir Yahye, Lukas Abdirasak Osman, Peter Christian Ebner, Sylvia Schlager, Bashir Kordaji, Alaaeldin Dyab, Arnold Niederhuber, Veronika Diehl. Fotos: Christoph Strom




„Muss es heute Nacht sein?“ – eine stürmische Liebeskomödie

Terrence McNallys 1987 uraufgeführtes Zwei-Personen-Stück „Frankie and Johnny in the Clair de Lune“ wurde 1991 mit Michelle Pfeiffer und Al Pacino in den Hauptrollen verfilmt. Im Kleinen Theater liefern sich Judith Brandstätter als Frankie und Jurek Milewski als Johnny heftige Wortgefechte, in denen sich alles um die Liebe dreht.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Frankie und Johnny, eigentlich Franziska und Johann, arbeiten beide in demselben drittklassigen Restaurant in Salzburg-Lehen. Sie als Serviererin, er als Hilfskoch. Eines Abends landen die beiden im Doppelbett in Frankies kleiner Wohnung. „Hätt i jetzt gern an Tschick!“ stöhnt die erschöpfte Frankie, doch hat sie das Rauchen schon vor Jahren aufgegeben, nachdem man sie als „wandelnden Aschenbecher“ bezeichnet hatte. Zigarette gibt es also keine, dann eben einen kleinen Snack zur Stärkung. Höflich, aber bestimmt versucht sie, ihren Gespielen vor die Tür zu setzen, denn sie sehnt sich nach Ruhe und Erholung. So leicht wird sie aber Johnny, der wie ein Wasserfall auf sie einredet, nicht los. Seine völlig überzogenen Komplimente nerven und überfordern sie. Er versteht ihre Zurückhaltung nicht, hat doch alles so toll angefangen. Soll er jetzt schon wieder aus dem Paradies vertrieben werden? Im Laufe des Abends erfährt er den Grund für ihre ablehnende Haltung. Wird Frankie ihre Beziehungsangst überwinden können und Johnny eine Chance geben?

Judith Brandstätter und Jurek Milewski haben schon in Pierre Chesnots Boulevardkomödie „Vier linke Hände“ bewiesen, dass sie auf der Bühne hervorragend harmonieren. Diesmal überzeugen sie als zwei vom Schicksal gebeutelte, einsame Menschen mittleren Alters. Dass hier bodenständiger Salzburger Dialekt auf polnischen Akzent trifft, erweist sich als überaus gelungene Kombination.

Caroline Richards hat diese warmherzige Komödie, in der zwei völlig unterschiedliche Charaktere aufeinanderprallen, in Szene gesetzt, wobei es ihr gelungen ist, auch den intimsten, etwas frivolen Szenen jegliche Peinlichkeit zu nehmen. Harald Schöllbauer hat ein riesiges Bett als wichtigste Requisite auf die Bühne gestellt. Die kleine Kochnische erweist sich als überaus praktisch, schafft es doch der Hilfskoch mit den „sexy Handgelenken“ hier, für seine Angebetete seine Spezialität, „ein Westernomelette“, zu zaubern, dessen betörender Duft die Zuschauer in den vorderen Reihen umschmeichelt.

Auch die zweite Vorstellung am 16.2.2017 war, wie die Premiere am 3.2.2017, ausverkauft. Ein Zeichen dafür, dass das Publikum im Kleinen Theater amüsante Beziehungskomödien mit Tiefgang zu schätzen weiß.

„Muss es heute Nacht sein?“ von Terrence McNally. Regie: Caroline Richards. Bühne: Harald Schöllbauer. Mit Judith Brandstätter & Jurek Milewski. Eine Produktion des Salzburger Tournee Theaters in Kooperation mit dem Kleinen Theater Salzburg. Fotos: Heinz Bayer




„Alice – Anatomie einer Suche“

Christine Winter ließ sich von Lewis Carrolls Kinderbuchklassiker zu einer Performance mit Schauspielern, Bewegungschor, Tänzern und Akrobaten inspirieren. Ohnehin bereits Autorin, Regisseurin und Produzentin des Stücks ist sie auch noch als Schauspielerin auf der Bühne zu erleben. Die Premiere fand am 10.2.2017 im ausverkauften Saal der ARGEkultur statt.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Nach einer frustrierenden Schulstunde marschiert die kleine Alice träumend durch die Straßen, wo sie von „zwei Witzfiguren“ angepöbelt wird. Die jugendliche Alice eilt ihr zu Hilfe und warnt sie vor den Gefahren, die hinter jeder Ecke auf sie lauern. Einer Einladung in den „White Rabbit Club“ können beide nicht widerstehen. Diese Lasterhöhle ist allerdings nichts für kleine Mädchen, denn hier herrscht die absolute Freiheit. Sie erweist sich jedoch als geeigneter Ort, um Erfahrungswerte zu sammeln.

Auf diesem Spielplatz der Sehnsüchte treiben sich die Kreaturen der Nacht herum und eine verführerische Katze erklärt den beiden Mädchen, dass alles seine Moral habe, man dafür aber ein Auge haben müsse. Klein Alice ist schwer überfordert, findet sie sich doch plötzlich in den Armen des netten Lukas wieder. Der erste Kuss verändert so einiges.

Die Tage der unschuldigen Kindheit sind endgültig vorbei und nun muss sie, in einer Folie gefangen, miterleben, wie es mit der jugendlichen Alice weitergeht. Erste Enttäuschungen sind vorprogrammiert, auch die ungeborene Seite von Alice kann das nicht verhindern. Alice muss feststellen, dass sie sich selbst verloren hat und sich selbst fremd findet. Der Bewegungschor jedoch kennt die „Geheimnisse zum Glücklichsein“ und gibt sie dem Publikum mit auf den Heimweg.

Christine Winter hat ganze Arbeit geleistet und die emotionalen Texte der 14-jährigen Alice, ihre Suche nach dem Ich, mit einem spielfreudigen Ensemble in einer poetischen, etwas skurrilen Performance zum Ausdruck gebracht. Als wahrer Glücksgriff erweist sich Dorothee Höhn als kindliche Alice. Mit ihrem staunenden Blick voll Unschuld wirkt sie so authentisch, dass man wirklich glaubt, ein verwirrtes kleines Mädchen stünde auf der Bühne. Kein Wunder, dass Lewis Carroll (Torsten Hermentin) von dieser „Karussellschönheit“ verzaubert ist. Victoria Morawetz als ungeborene Alice bewahrt stets die Ruhe und Übersicht, auch in gefährlichen Situationen. Elisabeth Breckner überzeugt als strenge Lehrerin, überforderte Mutter und extravagante Evelyn im Nachtclub. Der Bewegungschor bringt die unterschiedlichsten Emotionen zum Ausdruck, von Unschuld bis zu zündender Erotik.

Auch wer Lewis Carrolls Kinderbuch „Alice“, in der ein kleines Mädchen versucht, sich in einer unverständlichen, brutalen und gefährlichen Welt zu behaupten, nicht kennt, wird an diesem Abend ein wahres „Wunderland“ erleben. Alices Mutter mahnt ihre Tochter ständig: „Werde endlich erwachsen!“ Der Rat der Herzkönigin klingt wesentlich vernünftiger: „Werde nicht vor deiner Zeit erwachsen!“

„Alice – Anatomie einer Suche“ – Eine Performance nach Lewis Carroll‘s „Alice“. ARGEtheater – Koveranstaltung mit Christine Winter. Text und Regie: Christine Winter. Ausstattung: Morris Wick, Christine Winter. Bühne: Christine Winter. Musik: Christopher Biribauer. Choreographie: Margaretha Zach. Mit: Torsten Hermentin, Dorothee Höhn, Christine Winter, Victoria Morawetz, Thomas L. Hofer, Lisa Kuhn, Benjamin Büche, Morris Wick, Elisabeth Breckner. Bewegungschor: Felicitas Biller, Jana Hauswirth, Helena Hoffmann, Dorothee Horsch, Martin Ruhdofer, Christina Ottonson, Ursula Schwarz, Nina Vaas. Fotos: ARGEkultur/ Michael Größlinger




„Mr. Pilks Irrenhaus“ – Schwachsinn aus Überzeugung

Das OFF Theater feierte am 10.2.2017 mit einer Reihe von schwarzhumorigen, aberwitzigen Szenen aus der Feder des britischen Schauspielers Ken Campbell die erste Premiere in seinen neuen, schmucken Räumen in der Eichstraße 5 in Salzburg-Gnigl. Das Publikum durfte sich mit der Frage „Was ist Wirklichkeit in diesem Spiegelkabinett?“ auseinandersetzen und hatte jede Menge Spaß dabei.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Ken Campbell stellt Henry Pilk in den Vorbemerkungen zu seinem Stück so vor: „Zuallererst muss gesagt werden, dass Henry Pilk ein Wahnsinniger ist. Er unterhält Kontakte zu Dieben und Mördern. Mal befindet er sich innerhalb, mal außerhalb von Irrenanstalten. Ist abwechselnd freundlich und gewalttätig.“ Mit diesen Worten wird das Publikum bereits im Foyer vorgewarnt, bevor sich die Türen zum Theatersaal öffnen. Nun befindet man sich mittendrin im Spiegelkabinett des Wahnsinns und darf auf einem der kreuz und quer im Raum verteilten Stühle Platz nehmen.

„Und die Menschen! Die rennen geschäftig hin und her, tun etwas scheinbar Sinnvolles, was aber in Wahrheit etwas total Sinnloses ist“, sinniert ein Penner auf dem Hochhausdach. Als ein Lebensmüder neben ihm auftaucht, versucht er erst gar nicht, diesen von seinem Vorhaben abzubringen, er ist vielmehr scharf auf dessen Kleidung inklusive Brieftasche. Eine verzweifelte Mutter, deren Sohn sich für ein Huhn hält und echte Eier legt, landet ihrerseits im Irrenhaus. Mögen die einzelnen Szenen anfangs auch befremdlich wirken, so hat dieser Wahnsinn doch Methode und ist eigentlich hochintelligent und einfach genial. Grandios etwa die Szene, in der sich zwei Spionageanwärter am Einüben eines Sprachcodes versuchen. Amüsant auch zu beobachten, was passiert, wenn ein völlig durchgeknallter Cowboy bei einem biederen Ehepaar auftaucht. Mit abstrusen Lügengeschichten schafft er es, die Dame des Hauses so zu beeindrucken, dass sie sofort bereit ist, ihren gutmütigen Ehemann zu verlassen. Kein Wunder, dass dieser ausrastet. Henry Pilks Stimme aus dem Off warnt das Publikum ständig davor, diese Miniaturszenen und Dramolette als Sketche zu bezeichnen, da würde er völlig ausrasten und das wolle wohl niemand.

Das gesamte Ensemble wirft sich mit enormer Spiellust in die absurden Szenen. Maximilian Pfnür darf nicht nur als forscher Cowboy brillieren, er punktet auch als hinreißende, verführerische Lady und als eierlegendes Bübchen. Alex Linse spielt den abgebrühten Penner ebenso überzeugend wie die verzweifelte Mutter und scheut auch nicht davor zurück, seinem „Bierbauch“ ein Gesicht zu verpassen. Anja Clementi wirbelt temperamentvoll von Szene zu Szene und glänzt als männermordende Nymphomanin ebenso wie als hoffnungslos überforderte Spionin. Ein Musiker (Jonas Zacharias), der sich ständig einmischt, und ein gut gelauntes Eichhörnchen (Silke Stein), das immer wieder auftaucht, unterstützen das groß aufspielende Trio des „OFF Theater“-Ensembles.

An dieser schrillen Komödie dürften nicht nur Liebhaber des schwarzen englischen Humors ihre Freude haben. Ein Theaterabend, den man sich fast ein zweites Mal anschauen möchte, denn die vielen Minidramen und skurrilen Szenen verdienen es durchaus, ernst genommen zu werden, und das ist bei dem irrwitzigen Tempo der Vorstellung gar nicht so einfach.

„Mr. Pilks Irrenhaus“ von Ken Campbell. Besetzung: Anja Clementi, Alex Linse, Max Pfnür, Jonas Zacharias, Silke Stein. Foto: OFF