Sommerszene Salzburg 2017

Von 20. Juni bis 1. Juli 2017 präsentiert das Festival der performativen Künste zehn Produktionen, davon fünf österreichische Erstaufführungen, drei extra für dieses Festival kreierte Performances  sowie zwei Gastspiele. 

Elisabeth PichlerVon Elisbeth Pichler

Die ehemalige Frontfrau von La La La Human Steps, Louise Lecavalier, eröffnet am 20. Juni mit „Battleground“ das Festival im republic. Gemeinsam mit dem Tänzer Robert Abubo erkundet sie in diesem pointierten, vibrierenden  Stück das Phänomen einer Kunstfigur.Der Katalane Pere Faura zollt in der ARGEkultur seinen persönlichen Ikonen Gene Kelly, Anne Teresa De Keersmaeker, Anna Pavlova und John Travolta mit  „No Dance, No Paradise“ Anerkennung und Bewunderung, eine humorvollen Auseinandersetzung mit der Welt des Tanzes.

Was haben David Bowie und Rainer Maria Rilkes Duineser Elegien gemeinsam? Mit dieser Frage beschäftigt sich Claire Croizé in ihrer aktuellen Produktion „EVOL“. Ein überaus komplexer Abend, an dem vier junge Tänzer ihre eigene Bewegungssprache und Musikalität als Resonanzraum erkunden (Österreich-Premiere am 24. Juni im republic).

Die von der Choreografie kommende Tänzerin Meg Stuart hat sich in letzter Zeit immer mehr dem Theater zugewandt. So spielen in ihrem gefeierten Meisterwerk  „Built to Last“ Bühnenbild, Kostüme und Requisiten eine große Rolle. Die Erfolgsproduktion, die 2012 in Kooperation mit den Münchner Kammerspielen entstanden und seitdem durch halb Europa und auch nach Mexiko getourt ist, wird am 28. und  29. Juni im republic zu erleben sein.

Das Salzburger Kollektiv ohnetitel wird das Publikum in „Gärten von Gestern. Techniken des Erinnerns.“ durch den Kommunalfriedhof  führen und versuchen, mit einer Musikkapelle, zehn Grammophonen, fünfzehn lebenden Bildern und 213 Fotos  kollektive und individuelle Erinnerungen wachzurufen. Im Schauspielhaus Salzburg werden am 26. und 27. Juni fünf Reinigungsfrauen aus Athen, weibliche Migrantinnen verschiedener Generationen, aus ihrem Leben erzählen und über ihre Sehnsüchte und Wünsche sprechen. Der europaweit gefeierte Abend „Clean City“ verspricht dichtes, politisches Theater.

Zum Abschluss des Festivals am 1. Juli 2017 wird es der gebürtige Oberösterreicher Simon Mayer im republic so richten krachen lassen, indem er Tradition und Moderne aufeinanderprallen lässt. In „Sons of Sissy“ werden sich die Tänzer zwischen den archaischen und körperlichen Wurzeln der Volkskultur und dem zeitgenössischen Tanz bewegen, wobei Schuhplatteln, Jodeln, Goaßlschnalzen und alpine Livemusik nicht fehlen dürfen,

Das gesamte Programm und weitere Informationen finden Sie unter szene-salzburg.net

 




„Le nozze di Figaro“ – Opera buffa von Wolfgang Amadeus Mozart

Mit einer frechen, frivolen Inszenierung sorgt Regisseurin Karoline Gruber, gemeinsam mit Studierenden des Departements für Musiktheater und Gesang an der Universität Mozarteum, für einen hinreißend erfrischenden, heiteren Opernabend im großen Studio des Mozarteums Salzburg.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Im Vorwort zu „Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit“ schreibt Beaumarchais: „Ein spanischer großer Herr (Conte Almaviva) liebt ein verlobtes junges Mädchen (Susanna), das er zu verführen sucht. Die Verlobte, der Mann, den sie heiraten soll (Figaro), und die Frau des Edelmanns (Contessa Almaviva) finden sich zusammen, um den Plan eines absoluten Heuchlers zum Scheitern zu bringen, dem Rang, Vermögen und Freigiebigkeit alle Macht verleihen, sein Vorhaben zu verwirklichen. Das ist alles, nichts weiter.“

Kürzer und präziser lässt sich Mozarts Figaro wohl kaum zusammenfassen. Der turbulente Tag, an dem nach etlichen Enttäuschungen dank schlauer Intrigen schließlich sogar eine Doppelhochzeit gefeiert werden kann, endet im nächtlichen Schlosspark mit einem Verwechslungsspiel, bei dem der Graf nicht die glücklichste Rolle spielt.

Roy Spahn (Bühne, Kostüm, Licht) hat einen großräumigen, großzügig mit Pflanzen ausgestatteten Wintergarten auf die Bühne gestellt. Hier sind Vorbereitungen für eine Hochzeit in vollem Gange. Der Gärtner liefert Unmengen von Bier und Sekt und bedient sich gleich selbst. Die Biertische werden mit Blumen geschmückt und die Gläser poliert. Beim Schriftzug „JUST MARRIED“ blinken zwar noch nicht alle Lämpchen, doch Figaro steckt schon im Frack. Wohl etwas voreilig, denn der Graf hat sein Okay zu dessen Trauung mit der Kammerzofe Susanna noch nicht gegeben. Er rechnet sich nämlich bei der flotten jungen Dame noch immer Chancen aus, vertraut er doch auf seinen unwiderstehlichen Charme und präsentiert sich ihr nach einem Saunabesuch fast nackt. Weil die Gräfin, die völlig gebrochen auf einem der Biertische sitzt, die Avancen ihres umtriebigen Gemahl miterleben muss, ist es kein Wunder, dass sie dem Werben des liebestollen jungen Cherubino nicht widerstehen kann. So gibt es in dieser Inszenierung, die voller Überraschungen steckt, ein Happy End, mit dem der Herr Graf nicht zufrieden sein dürfte.

In der Vorstellung vom 15.5. begeisterten die jungen Sängerinnen und Sänger stimmlich wie schauspielerisch und punkteten mit enormer Bühnenpräsenz. Bei all dem Trubel auf der Bühne sind es besonders die ruhigen, sinnlichen Momente, die bewegen und zu Herzen gehen. Kai Röhrig, der das Kammerorchester der Universität Mozarteum Salzburg einfühlsam leitet, lässt sich selbst von den beatboxenden Bauernmädchen, die dem Grafen huldigen, nicht aus der Ruhe bringen. Eine junge, ungestüme Version des Figaro, wie man sie in dieser Qualität wohl nur an der Universität Mozarteum erleben kann.

ngg_shortcode_0_placeholder„Le nozze di Figaro“ – Oper in vier Akten von Wolfgang Amadeus Mozart. Kammerorchester der Universität Mozarteum, Studierende der Departments für Musiktheater und Gesang. Musikalische Leitung: Kai Röhrig. Szenische Leitung: Karoline Gruber. Ausstattung: Roy Spahn. Mit: Chi-An Chen / Thanapat Tripuvananantakul, Hongyu Cui / Mariya Taniguchi,Karina Benalcazar / Wendy Krikken, Reba Evans / Maria Hegele, Clemens Joswig / Philipp Kranjc, Julia Leckner / Emma Marnoch, Svyatoslav Besedin / Daniel Weiler, Markus Ennsthaler / Yu Hsuan Cheng, Jakob Hoffmann / Felix Mischitz, Claire Austin / Alina Martemianova, Bettina Meiers, Leonie Stoiber, Neelam Brader, Domenica Radlmeier. Fotos: Mozarteum Salzburg




Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Den Bestseller des schwedischen Autors Jonas Jonasson bringt Christoph Batscheider als überdimensionales Kasperltheater, in dem acht Schauspieler 46 Rollen übernehmen, auf die Bühne des Schauspielhauses Salzburg. Bei der Premiere am 12. Mai 2017 sorgte der rasante, aufregende Roadtrip von vier schrägen Vögeln für beste Unterhaltung.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Allen Karlsson wird 100 und im Altersheim soll das gebührend gefeiert werden. Der Jubilar hat jedoch keine Lust darauf und flüchtet in Morgenmantel und Filzpantoffeln zur nächsten Busstation. Dort soll er nur kurz auf einen Koffer aufpassen, doch dann nimmt er diesen einfach mit und fährt los. Noch weiß er nicht, dass der unscheinbare Koffer 50 Millionen Kronen aus einem Drogendeal enthält. In einem verlassenen Bahnhofsgebäude lernt Allen den notorischen Dieb und Betrüger Julius kennen und gemeinsam sorgen sie dafür, dass der wütende Besitzer des Koffers für immer verschwindet. Dass dieser ein Mitglied der berüchtigten „Never again“-Bande war, wird noch für weiteren Ärger sorgen. Auch Polizei und Medien sind hinter dem Hundertjährigen her, der gemeinsam mit dem Schlitzohr Julius, dem Imbissbudenbesitzer und ewigen Studenten Benny und der schönen Bäuerin Gunilla samt ihrem Elefanten quer durch Schweden fährt.

Mit einem gut gefüllten Koffer bleibt man eben nicht lange allein. Um auf der Reise keine Langeweile aufkommen zu lassen, erzählt Allen von seinem langen Leben und seinen ganz speziellen Begegnungen. Obwohl er sich nie für Politik interessierte, war er in viele der großen historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts verwickelt. Im spanischen Bürgerkrieg sprengte er Brücken und rettete so ganz nebenbei General Franco das Leben, später lernte er Truman und Mao kennen, bevor er von Stalin höchstpersönlich wegen Spionagetätigkeit ins Arbeitslager geschickt wurde.

Auf die Frage, was Christoph Batscheider daran gereizt habe, ausgerechnet diesen Stoff auf die Bühne zu bringen, gesteht er: „Erst einmal die Unmöglichkeit… Dieser Roman hat so viele Figuren, so viele Schauplätze und nicht zuletzt auch noch einen Elefanten. Wie stellt man das dar?“ Als hilfreich bei der Umsetzung erweist sich das raffinierte Bühnenbild von Annett Lausberg, das sich auf verschiedenen Ebenen bespielen lässt. Hinter einem Bretterverschlag residiert nicht nur der Elefant, im Handumdrehen bastelt hier Oppenheimer an seiner Atombombe. Olaf Salzer gibt einen anfangs etwas verwirrten, tattrigen Greis, für den die abenteuerliche Reise als wahrer Jungbrunnen wirkt. Köstlich seine Spießgesellen: der liederliche Julius (Theo Helm) und Benny (Antony Connor), der ein Auge auf die schöne Gunilla (Susanne Wende) geworfen hat. Frederik Soltow fegt als bärenstarker, unbedarfter junger Sprengstoffexperte Allen durch die Weltgeschichte. Moritz Grabbe, Magnus Pflüger und Alexandra Sagurna ergänzen das spielfreudige Ensemble, das sich mit Elan in die unterschiedlichsten Rollen stürzt.

Wer das Buch gelesen oder den Film gesehen hat, wird feststellen, dass es Christoph Batscheider gelungen ist, die absurde Kriminalgeschichte und das historische Panorama des letzten Jahrhunderts gekonnt zu verschmelzen. Ein vergnüglicher Abend, der die Vorzüge des Alterns aufzeigt, denn der moralische Stress bleibt irgendwann auf der Strecke.

ngg_shortcode_1_placeholder„Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ – Theaterstück nach dem Roman von Jonas Jonasson. Regie: Christoph Batscheider, Bühne und Kostüme: Annett Lausberg. Video: Michael Winiecki. Mit: Olaf Salzer, Theo Helm, Antony Connor, Susanne Wende, Moritz Grabbe, Frederik Soltow, Magnus Pflüger, Alexandra Sagurna. Fotos: Jan Friese




„36 Stunden“ – Die Geschichte vom Fräulein Pollinger

Pia Kolb und Max Pfnür gastieren mit der Bühnenfassung von Ödön von Horváths 1928/1929 verfasstem, erstem Roman im OFF-Theater in Salzburg. Eine unsentimentale, doch berührende Tragikomödie über die Sehnsucht und Suche der Menschen nach etwas Glück und Liebe in der hoffnungslosen Zeit der großen Weltwirtschaftskrise.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Der arbeitslose Kellner Eugen Reithofer aus Wien trifft vor dem Arbeitsamt in München auf die ebenso arbeitslose Näherin Agnes Pollinger. Bei einem gemeinsamen Spaziergang kommen sich die beiden näher und landen schließlich unter einer Ulme am Oberwiesenfeld. Sie wollen sich am nächsten Tag wiedersehen, doch am vereinbarten Treffpunkt wird Eugen vergeblich warten. Desillusioniert von ihren bisherigen Männerbekanntschaften, lässt sich nämlich Agnes von dem dubiosen, mit Pornobildern handelnden Zimmerherrn ihrer Tante als Aktmodell an einen exzentrischen Kunstmaler vermitteln.

In dessen Atelier, wo er sie als „Hetäre im Opiumrausch“ porträtieren will, trifft sie auf den Metzger und Eishockeyspieler Harry, der sie auf eine Spritztour mit seinem Automobil an den Starnberger See einlädt. Der Ausflug endet trotz schmackhaften Wienerschnitzels mit Gurkensalat in einem Fiasko. Zutiefst gedemütigt muss Agnes den Heimweg zu Fuß antreten. Nach einer siebenstündigen Nachtwanderung gelangt sie endlich zum verabredeten Ort. Dort erwartet sie der gutmütige Eugen, der der Meinung ist, dass ein „Mistvieh“ dem anderen auch hin und wieder helfen sollte.

Mit betont spröder Sprache gewährt Horváth einen unverblümten Blick auf die Figuren, die durch das ungeschönte Aussprechen ihrer Gedanken und Träume schonungslos ihr unglückliches Leben ausbreiten. Wenige Requisiten, versteckt in kleinen Hockern, reichen Pia Kolb und Max Pfnür, um in die unterschiedlichsten Rollen zu schlüpfen.

Der zwischen zwei Zuschauerreihen ausgelegte Teppich, auf dem sich das Drama abspielt, wird von einem Ulmenzweig und einem Verkündigungsbild begrenzt. Dazwischen pendelt das arme Münchner Mädel, das sich zu oft auf die falschen Männer einlässt, hin und her. Die Nähe zum Publikum sorgt für eine dichte, beklemmende Stimmung.

Ödön von Horváth, der sich als Chronist seiner Zeit sah, legt die Motive und Lügen des Kleinbürgertums offen und zeichnet die einzelnen Figuren messerscharf und eindringlich.

Max Pfnür war bereits 2016 mit der Theater-Fassung von Horváths letztem Roman „Ein Kind unserer Zeit“ äußerst erfolgreich unterwegs. Dank der Unterstützung der Ödön-von-Horváth-Gesellschaft Murnau wurde ihm nun diese Produktion ermöglicht. Im OFF-Theater bietet sich die einmalige Gelegenheit, beide Vorstellungen zu genießen, mit dem speziellen HORVÁTH-KOMBITICKET zu einem besonders günstigen Preis. Alle Termine gibt es unter www.theateroffensive.at

„36 Stunden“ nach dem Roman von Ödön von Horváth. Regie: Georg Büttel. Musik: Thomas Unruh. Dramaturgie: Jonas Meyer-Wegener. Mit Pia Kolb und Max Pfnür. Fotos: OFF-Theater




„Forever 27“ – „Jung, berühmt, tot.“

Mit einem mitreißenden, dynamischen Rockballett, in dem sich alles um den mysteriösen Club mit 27 Jahren verstorbener Musiker dreht, verabschieden sich Peter Breuer und sein famoses Ensemble von der Probebühne im Rainberg. Viel Jubel bei der Premiere am 4. Mai 2017. Das stimmungsvolle, felsige Ambiente wird uns fehlen.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Unter die verstorbenen Rocklegenden wie Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Kurt Cobain und Amy Winehouse mischen sich auch weniger bekannte Stars und Sternchen. Peter Breuer stellt in seiner Einführung deren 13 Biografien und ihre unterschiedlichen Todesarten vor. Vergeblich wird sich hingegen der mexikanische Sänger Valentin Elizalde bemühen, in den elitären Club aufgenommen zu werden. Zu Beginn nähert sich „The Devil’s Brother“ dem „King of the Delta Blues“, Robert Johnson. Der gemeinsame Tanz endet tödlich, die erste der 13 Türen öffnet sich für ihn. Der teuflische Geselle (Josef Vesely) hat an diesem Abend noch viel zu tun: Er verteilt Drogen, jede Menge Alkohol und hängt für den suizidgefährdeten Pete Ham, Sänger, Songwriter und Gitarristen der Band „Badfinger“, vorsorglich eine Schlinge auf.

Liliya Markina betört als Schlager- und Chansonsängerin Alexandra die Männer, bevor sie ein rätselhafter Autounfall für immer verstummen lässt. Jimi Hendrix, die Ikone der Hippie-Ära (Iure de Castro), lässt es ordentlich krachen. Auch Janis Joplin (Gala Isabella Lara) und Jim Morrison (Marian Meszaros) werden Opfer ihres exzessiven Lebensstils. Berührend die Geschichte der Grunge-Ikone Kurt Cobain (Alexander Korobko), der sich, vollgepumpt mit Heroin, einen Kopfschuss verpasst.

Seine trauernde Witwe Courtney Love (Liliya Markina) liest wütend seinen Abschiedsbrief, bevor sie sich auf ihre Rivalin Kristen Pfaff (Anna Yanchuk) stürzt. Hat sie bei deren Tod in der Badewanne wirklich mitgeholfen oder ist das nur ein böses Gerücht? Zur Aufmunterung trällern die Mitglieder der Girl-Popband „Passion Fruit“ ihren „Rigga-Ding-Dong-Song“. Einen Flugzeugabsturz überleben zwei Bandmitglieder nicht.

Von „Summertime“ von Janis Joplin, „Mein Freund der Baum“ von Alexandra bis zum „Alabama Song“ von den Doors reicht die bunte musikalische Palette, bevor sich zu „Highway to hell“ von AC/DC die dreizehn Türen öffnen und alle Toten zum großen Finale wiederauferstehen. Nur der arme Valentin Elizalde (José Flaviano de Mesquita Junior) muss hinter der Mauer bleiben, er hat es wieder einmal nicht geschafft.

Die Geschichten werden durch großformatige Projektionen (Videodesign: Felix Kiesel), die auf der felsigen Wand eindrucksvoll zur Geltung kommen, zusätzlich belebt. Bettina Richter lässt die Damen in wunderschönen Flatterkleidchen tanzen, steckt sie aber auch in grelle Hippie-Kostüme. Die Herren wiederum punkten mit extrem weiten Schlaghosen und Langhaarperücken.

Nach den Beatles, den Rolling Stones und Pink Floyd widmet Peter Breuer seinen letzten Tanzabend im Rainberg einer illustren Reihe von bereits verstorbenen Musikern. Ein tänzerisch perfekter Tanzabend, der große Emotionen und leise Zwischentöne mixt und mit rasanten, schwungvollen Gruppenszenen für beste Stimmung sorgt.

ngg_shortcode_2_placeholder„Forever 27“ Ballett von Peter Breuer. Uraufführung. Geschichten um den mysteriösen Club der toten Musiker. Idee, Raum und Choreographie: Peter Breuer. Kostüme: Bettina Richter. Sound- und Videodesign: Felix Kiesel. Dramaturgie Tamara Yasmin Bauer. Choreographische Assistenz: Alexander Korobko. Mit: Josef Vesely, Diego da Cunha, Liliya Markina, Iure de Castro, Gala Isabella Lara, Marian Meszaros, Otto Wotroba, Edward Nunes, Mikino Karube, Alexander Korobko, Anna Yanchuk, Cristina Uta, Pedro Pires, Chigusa Fujiyoshi, Naila Fiol, José Flaviano de Mesquita Junior, Arianna Rene Spitz. Fotos: © Anna-Maria Löffelberger




„Der Theatermacher“ – Shakespeare, Voltaire und ich…

Robert Pienz inszeniert im Schauspielhaus Salzburg Thomas Bernhards viel gespieltes Künstlerdrama, welches 1985 am Salzburger Landestheater in der Regie von Claus Peymann uraufgeführt wurde. Kräftigen Applaus gab es bei der Premiere am 3. Mai 2017 vor allem für Harald Fröhlich als monologisierenden Staatsschauspieler Bruscon.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

„Was, hier in dieser muffigen Atmosphäre?“, beklagt sich Bruscon beim Wirt in Utzbach. Der Tanzsaal sei vermodert und verstaubt, wie auch die übrigen beklagenswerten 280 Einwohner. Hier also soll die von ihm verfasste Menschheitskomödie „Das Rad der Geschichte“ zur Aufführung gelangen. Der Geruch der Schweinemastanlage ist widerlich und macht dem größten Schauspieler aller Zeiten, der einst in Berlin den Faust und in Zürich den Mephisto gegeben hat, schwer zu schaffen. Ein Problem aber ist noch immer nicht gelöst. Wird der örtliche Feuerwehrhauptmann die Ausschaltung des Notlichtes für die letzten fünf Minuten der Vorstellung genehmigen? Die Regieanweisungen für seine unfähigen, untalentierten Kindern, den „debilen“ Sohn und die „dumme“ Tochter, erweisen sich als vergeblich. Seine Frau hat sich ins Bett zurückgezogen, wendet sie doch ihre ganze Kunst dafür auf, Krankheiten vorzutäuschen. Der ihn umgebende Dilettantismus setzt Bruscon gehörig zu. „Wir gehen auf eine Tournee, gehen doch nur in eine Falle, sozusagen in eine Theaterfalle.“ Und nun ausgerechnet Utzbach, wenn es doch wenigstens Gaspoltshofen wäre, aber nein: Utzbach – und das ausgerechnet am Blutwursttag.

Bewundernswert, wie Harald Fröhlich den monströsen Text des an Selbstüberschätzung, Hochmut und maßloser Arroganz leidenden Bruscon stemmt, ein faszinierender Machtkampf zwischen ihm und der fast stummen Opposition, die mit Gestik und Mimik zu punkten versucht. Mit stumpfem Blick lässt Marcus Marotte als Wirt die Beleidigungen über sich ergehen, während Ute Hamm als seine beim Blutwurstmachen gestörte Ehefrau mit blutigen Gummistiefeln unwillig die georderte Frittatensuppe serviert. Bruscons ungeschickter, ständig verletzter Sohn Feruccio (Matthias Hinz) und seine Tochter Sarah (Kristina Kahlert) unterwerfen sich nur widerwillig, doch gegen die Erniedrigungsrituale und Demütigungen kommen sie nicht an. Seine Ehefrau (Daniela Enzi) hat sich in die Hypochondrie geflüchtet, dagegen ist Bruscon wiederum machtlos.

Der angestaubte Tanzsaal (Ausstattung: Ragna Heiny) erinnert an das Bühnenbild der Uraufführung. In dem von Robert Pienz in Szene gesetzten Stück, zelebriert Thomas Bernhard seine Hassliebe zu Österreich, im Speziellen zu Salzburg. Außerdem lässt er Bruscon über Künstlertum, Krankheiten und die Absurditäten der menschlichen Existenz schwadronieren:

„Wenn wir ehrlich sind
ist das Theater an sich eine Absurdität
aber wenn wir ehrlich sind
können wir kein Theater machen
weder können wir wenn wir ehrlich sind
ein Theaterstück schreiben
noch ein Theaterstück spielen
wenn wir ehrlich sind
können wir überhaupt nichts mehr tun
außer uns umzubringen…“

Ein zwar langer, doch intensiver Theaterabend, ein Genuss für jeden Thomas-Bernhard-Liebhaber.

ngg_shortcode_3_placeholder„Der Theatermacher“ von Thomas Bernhard. Regie: Robert Pienz. Ausstattung: Ragna Heiny. Dramaturgie: Theresa Taudes. Mit: Harald Fröhlich, Daniela Enzi, Matthias Hinz, Kristina Kahlert, Marcus Marotte, Ute Hamm, Sophia Fischbacher. Fotos: Jan Friese




„Der Gott des Gemetzels“- entfaltet seine Macht

Helmut Vitzthum inszeniert Yasmina Rezas bissig pointierte Komödie, die 2011 von Roman Polanski verfilmt wurde, mit einem grandios aufspielenden Quartett. Ewa Rataj, Sinikka Schubert, Hans Jürgen Bertram und Volker Wahl liefern sich geschliffen scharfe Wortgefechte, die schließlich in Handgreiflichkeiten münden. Die Premiere fand am 28. April 2017 im Kleinen Theater statt und garantiert beste Unterhaltung.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Der elfjährige Ferdinand und der gleichaltrige Bruno haben sich im Park geprügelt. Die fatalen Folgen: zwei abgebrochene Schneidezähne und eine geschwollene Lippe. Die Eltern des „Schuldigen“ treffen sich bei den Eltern des „Opfers“, um den unangenehmen Vorfall kultiviert zu besprechen und gemeinsam zu überlegen, wie man auf die Kinder pädagogisch richtig einwirken sollte. Zu ersten Unstimmigkeiten kommt es bereits beim Protokollieren des Tathergangs, denn der Ausdruck „bewaffnet mit einem Stock“ geht Alain und Annette doch etwas zu weit. Nachdem Veronique und Michel bereit sind, eine Korrektur vorzunehmen, versucht man sich höflich und zurückhaltend zu geben. Diese Fassade kann nicht lange aufrechterhalten werden, sie beginnt zu bröckeln. Die Paarbeziehungen rücken mehr und mehr in den Vordergrund, denn auch hier lauert enormes Konfliktpotential. Die Situation wird immer grotesker, mal verbünden sich die Frauen, mal die Männer, bald schon geht es jeder gegen jeden. Die Folgen sind ein angekotzter Kokoschka-Bildband, ein im Wasser versenktes Handy und jede Menge brutal gekillter Tulpen. Als eine völlig fertige Annette feststellt: „Das ist der unglücklichste Tag meines Lebens“, stimmen ihr erstmals an diesem Abend alle zu.

Sinikka Schubert und Volker Wahl sind bereits 2013 im Schauspielhaus Salzburg mehrmals gemeinsam auf der Bühne gestanden und begeisterten das Publikum in „Der Vorname“ und „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“. In Yasmina Rezas bitterbösem Stück müssen sie ihren „wilden“ Sohn verteidigen und dabei ist ihnen jedes Mittel recht. Volker Wahl darf als dauertelefonierender, skrupelloser Anwalt Arroganz und Zynismus voll ausleben. Kein Wunder, dass seine Frau das buchstäblich zum Kotzen findet. Hans Jürgen Bertram, ehemaliges Ensemblemitglied des Salzburger Landestheaters, überzeugt als gutmütiger, biederer Großhändler von Haushaltsartikeln. Dass er dem Hamster seiner Tochter die „Freiheit geschenkt“ hat, macht ihn in den Augen der anderen zum brutalen Mörder und führt dazu, dass auch er ausrastet. Seine Frau, eine Afrikaspezialistin (Ewa Rataj), verliert hingegen völlig die Nerven, als ihr kostbarer Bildband ruiniert wird.

Das mit modernen weißen Sitzmöbeln minimalistisch eingerichtete Wohnzimmer wird im Laufe des Abends zu einem Schlachtfeld, wobei auch die extra für diesen Anlass gekauften Tulpen nicht verschont werden. Dem Publikum macht es hörbar Spaß, das rasante Pointenfeuerwerk der eskalierenden Streitereien auf der Bühne mitzuverfolgen. 90 Minuten, die wie im Flug vergehen, wobei der Reiz der Wiedererkennung bestimmter Verhaltensmuster enorm groß ist.

„Der Gott des Gemetzels“ – Komödie von Yasmina Reza. Regie: Helmut Vitzthum. Regieassistenz: Melanie Arnezeder. Bühnenbau: Franz Holzschuh. Ausstattung: Nicole Horn. Mit: Ewa Rataj, Hans Jürgen Bertram, Sinikka Schubert, Volker Wahl.




„Kudlich – eine anachronistische Puppenschlacht“

Der von der Theaterallianz, einer bundesweiten Plattform für das zeitgenössische Theater in Österreich, 2016 erstmals vergebene Autorenpreis ging an den oberösterreichischen Dramatiker Thomas Köck. Sein am Schauspielhaus Wien uraufgeführtes Stück über den Bauernbefreier Hans Kudlich (1823-1917) war am 27. und 28. April 2017 im Schauspielhaus Salzburg zu Gast.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Das Publikum wird aufgefordert, sich im Stehen den Prolog einer Marionette und eines „krumm gebuckelten“ Zwerges anzuhören. Wer von den beiden die Fäden in der Hand hält, bleibt unklar. Wo es Macht gibt, regt sich der Widerstand. So rief der österreichische Bauernbefreier Hans Kudlich im Oktoberaufstand 1848 die Bauern zum Landsturm auf. Als Unruhestifter wurde er von Kaisertreuen verfolgt und gejagt. Während sein Bruder Hermann im Zuge der Aufstände ums Leben kam, gelang Hans die Flucht nach Amerika. Doch wie erging es den befreiten Bauern? Konnten sie der Attacke der Raiffeisenrösser entkommen, oder schlitterten sie direkt in die Abhängigkeit der neu gegründeten Raiffeisenbank? Die Ausbeutung geht also weiter. Kein Wunder, dass der ständig Kreide fressende Bürgermeisteranwärter und Rechtspopulist Wenzel Bumsti Hofer, der mit sanfter Stimme um Wählerstimmen wirbt, so gut ankommt. Gekonnt spannt der Autor diesen Bogen zwischen 1848 und der Jetztzeit.

Fünf hochmotivierte junge Schauspieler bewältigen den anspruchsvollen, schwer mit Ideologiekritik beladenen Text des Autors mit Bravour, während sie energiegeladen auf einem riesigen Stahlgerüst herumturnen und klettern. Hans Kudlich, ein androgyner Visionär in rosa Rüschenhemdchen, fordert die Bauern dazu auf, den Protest nicht den Idioten zu überlassen.

Die Bühne dominiert ein riesiger, in Scheiben geschnittener, hölzerner Stier, der an Marionettenketten hängt (Bühne und Kostüme: Jil Bertermann). Marco Štorman hat das anspruchsvolle Stück präzise in Szene gesetzt, wobei auch der Humor nicht zu kurz kommt. Eine gelungene, frische Inszenierung, die durch Österreich tourt und auf den Bühnen der sechs Mitglieder der „Theaterallianz“ gastiert. Zu den Gründungsmitgliedern (Kosmos Theater Bregenz, Theater Phönix Linz, Klagenfurter Ensemble sowie den Schauspielhäusern Salzburg und Wien) gesellte sich 2016 das Grazer Theater am Lend. Dieses Gastspiel ist der beste Beweis dafür, was ein „Miteinander“ zu schaffen vermag.

„Kudlich – eine anachronistische Puppenschlacht“ von Thomas Köck. Regie: Marco Štorman. Bühne und Kostüme: Jil Bertermann. Musik: Gordian Gleiss. Dramaturgie: Tobias Schuster. Mit: Nicolaas van Diepen, Max Gindorff, Lisa Maria Sexl, Peter Elter, Katharina Haudum. Foto: Schauspielhaus Salzburg




„Gretchen 89ff“ –Variationen der Kästchen-Szene

Lutz Hübner beleuchtet in der 1997 uraufgeführten Komödie die Konflikte zwischen Regisseur und Schauspieler, zwei natürlichen Angstgegnern. Im Kleinen Theater lassen Bina Blumencron und Gerhard Greiner in kurzweiligen Probenszenen die unterschiedlichsten Charaktere aufeinanderprallen. Ein köstlicher, ironisch-selbstkritischer Blick hinter die Kulissen des Theaterbetriebes.

Von Elisabeth Pichler

Ein beflissener Hospitant (Gerhard Greiner), eigentlich ein Germanistikstudent, der das Theater einfach toll findet, begegnet einer gefeierten Schauspielerin (Bina Blumencron), die er über alles bewundert. Anfangs wagt er kaum, sie anzusprechen, doch dann ist er nicht mehr zu bremsen. Ihr totales Desinteresse scheint er nicht zu bemerken. Kaum wiederzuerkennen ist Gerhard Greiner, als er kurz darauf als arroganter Regisseur mit einer sehr bemühten Schauspielerin die Kästchen-Szene aus Goethes Faust, im Textheft auf Seite 89ff, probt. Die Arme kann es ihm trotz aller Bemühungen einfach nicht recht machen. Bina Blumencron wiederum mutiert in der folgenden Szene zur übermotivierten Anfängerin. Frisch von der Schauspielschule nervt sie den Provinz-Regisseur mit Lockerungsübungen und eigenwilligen Improvisationen.

Foto: Kleines Theater | Martin Brunnemann

Grandios die Szene mit „dem Streicher“, der es schafft, die Kästchen-Szene auf wenige Sätze zu verknappen: „Schwül ist es irgendwie – Mutter ist nicht zu Hause – toller Mann – ich Arme“. Für ihn ist da alles drin. Ganz anders gepolt ist der Wiener Charmeur, der sein Gretchen Walzer tanzen lässt. Einmal darf sich auch Bina Blumencron als Regisseurin versuchen. Sie schickt Gerhard Greiner als geschlechtsneutrales Gretchen auf die Bühne. Dieser ist zwar völlig überfordert, doch als arbeitsloser Schauspieler kann er auf die in Aussicht gestellte Probenpauschale einfach nicht verzichten. Es folgen „ein alter Haudegen“, ein „Freudianer“ und schließlich ein totaler Anfänger, der gegen eine Diva keine Chance hat.

Nach diesem Abend stellt sich die Frage, was von einem Original-Text eigentlich noch übrig bleibt, wenn sich ein „begnadeter“ Regisseur darüber hermacht. Das kleine Wörtchen „nach“ wird da heute gerne bemüht. Wenn dieses im Programmheft nach dem Autor steht, ist daher Vorsicht geboten. Bina Blumencron und Gerhard Greiner führen in der Regie von Daniela Meschtscherjakov die unterschiedlichsten, oftmals äußerst schrägen Künstlertypen vor. Mit spürbarer Freude wird der amüsante Text von Lutz Hübner zelebriert, der zwar überspitzt, doch stets nahe der Realität den Theaterbetrieb persifliert. Auch wenn Gretchen immer wieder beteuert: „Mir ist so schwül, so dumpfig hie…“, unterhält sich das Publikum bestens. Ein vergnüglicher Theaterabend, ein absolutes Muss für jeden Theaterliebhaber.

„Gretchen 89ff“ von Lutz Hübner. Theater Transversale. Regie: Daniela Meschtscherjakov. Mit: Bina Blumencron & Gerhard Greiner.




„Der nackte Wahnsinn“ – vor und hinter der Kulisse

Michael Frayns irrwitzige Chaos-Komödie über die beruflichen und privaten Schwierigkeiten einer drittklassigen Schauspieltruppe feierte am 1. April 2017 in der Regie von Thomas Enzinger am Salzburger Landestheater Premiere. Es darf gelacht werden.

Von Elisabeth Pichler

Diese Generalprobe treibt Regisseur Lloyd Dallas fast in den Wahnsinn. Die Schauspieler beherrschen den Text nicht, kommen dauernd mit Änderungsvorschlägen oder glänzen überhaupt durch Abwesenheit. Der total übermüdete Techniker muss daher für den Kollegen, der mit Alkoholproblemen zu kämpfen hat, einspringen. Dass die Türen klemmen, ist wohl noch das geringste Problem. Nach der Pause erlebt das Publikum den ersten Akt der Premiere dieses erfolgversprechenden Stückes nochmals, doch diesmal backstage. Da zwischen den Schauspielern so einige Beziehungen parallel laufen, kommt es zu Eifersuchtsszenen, die völlig ausufern und in blanker Gewalt münden. Auch der „göttliche“ Regisseur, der mit fast allen Damen, von der quirligen Inspizientin bis zur jungen Naiven, verbandelt ist, kommt ins Trudeln. Wider Erwarten überleben alle Beteiligten diese chaotische Premiere und so steht einer erfolgreichen Tournee nichts mehr im Wege. Doch wie wird es bei der Dernière ausschauen, werden sich bis dahin die Wogen geglättet haben?

Kein Wunder, dass bei dieser unfähigen Truppe die Nerven des Regisseurs (Sascha Oskar Weis) blank liegen. Dotty (Britta Bayer) hat nicht nur mit dem Text Probleme, sondern auch mit der Zeitung und vor allem dem Teller mit Sardinen. Wohin nur damit? Selsdons (Walter Sachers) Alkoholproblem ist allgemein bekannt, daher warten Zweit- und Drittbesetzungen auf ihren Auftritt. Die naive Brooke (Janina Raspe) ist zwar eine Augenweide, nervt jedoch mit der ewigen Suche nach ihren Kontaktlinsen. Der gutmütige Tim (Gregor Schleuning) wird als Inspizient und Bühnenmeister schamlos ausgenutzt. Julienne Pfeil und Marcus Bluhm, die als steuerflüchtige Hausbesitzer eigentlich in Spanien sein sollten, sorgen mit ihren privaten Problemen für weiteren Wirbel vor und hinter der Bühne. Die schusselige Poppy (Hanna Kastner) dürfte Lloyd als Regieassistentin wohl etwas zu nahe gekommen sein, sie sucht das Gespräch mit dem windigen Regisseur.

Thomas Pekny hat das Wohnzimmer eines entzückenden englischen Landhauses, eigentlich „eine ausgebaute Molkerei aus dem 16. Jahrhundert“, mit Treppe ins Obergeschoss als drehbare Kulisse auf die Bühne gestellt. Acht Türen führen, wie im Theater so üblich, ins Nirgendwo, doch spielen sich hier im 2. Akt mörderische Szenen ab. Thomas Enzinger, Spezialist für rasante Komödien, hat Michael Frayns Farce über einen „normalen Theaterbetrieb“ mit Slapsticks gewürzt und sorgt damit für beste Stimmung im Salzburger Landestheater.

„Der nackte Wahnsinn“ von Michael Frayn. Inszenierung: Thomas Enzinger. Bühne: Thomas Pekny. Kostüme: Toto. Mit: Sascha Oskar Weis, Hanna Kastner, Gregor Schleuning, Britta Bayer, Marco Dott, Janina Raspe, Marcus Bluhm, Julienne Pfeil, Walter Sachers. Fotos: © Christina Canaval




„Der reizende Reigen nach dem Reigen des reizenden Herrn Arthur Schnitzler“

David Bösch hat gemeinsam mit Schauspielstudierenden des 4. Jahrgangs des Thomas Bernhard Institutes der Universität Mozarteum Werner Schwabs bitterböse Satire auf Arthur Schnitzlers einstiges Skandalstück inszeniert. Die Premiere fand am 23. März 2017 im KunstQuartier statt.

Von Elisabeth Pichler

Der Autor hat in diesem Stück auf das übertrieben Derbe und Fäkalische verzichtet. Doch zeigt bereits die erste Szene seine ungeheure Sprachgewalt, mit ihren grotesken Übersteigerungen und überspitzten Wortgebilden, echt „SCHWABISCH“ eben.

HURE: „Na, du schönes schnelles Auto, willst du nicht machen etwas mit deiner einsamen Karosserie an der meinigen Person am heutigen Abend?“

ANGESTELLTER: „Ich bin kein schönes schnelles Auto, ich bin ein waschechter Angestellter. Ich bin durch und durch gut angestellt und ich bin mir zu jung und zu schlank und zu gut ausgelastet, auf dass ich mir schon eine Bezahlung leisten müssen täte für die Witze in der Geschlechtlichkeit.“

Das Karussell des „geschlechtlichen Totalverkehrs“ dreht sich weiter. Eine Kaugummi kauende Friseuse massiert dem Angestellten am Faschingsdienstag ordentlich die Kopfhaut, bevor sie ihren neuen Hausherrn besucht. Dieser wiederum beeindruckt seine verheiratete Geliebte mit einer gut bestückten Bibliothek. Nach einem „Mach es mir, du Bücherwurm“ bringen sich die beiden mit einem Literaturquiz zum Höhepunkt. Daheim im Ehebett mutiert die selbstbewusste Dame zum „dummen Liebling“. Als überheblicher, schleimiger Chef verführt besagter Ehegatte wiederum eine junge Sekretärin, indem er sie mit Alkohol abfüllt. Nachdem er sein Ziel erreicht hat, „erscheint eine Abschiebung am Horizont“. Die Sekretärin wandert weiter zu einem Straßenbahnschaffner, der sich als Dichter ausgibt und „in ihrer feuchten Buchhaltung blättern“ möchte, bevor er sich in einem Landgasthaus mit einer Kammerschauspielerin trifft. Diese macht in ihrer Künstlergarderobe einen Politiker so richtig fertig, bevor dieser sturzbetrunken in der Gosse landet. Mit dem Auftauchen der Hure, die wie ein Todesengel wirkt, schließt sich der Kreis.

David Bösch hat in seiner Inszenierung auf Schwabs Vorgabe der „abschraubbaren Geschlechtsteile“ verzichtet. Ohne sich zu berühren, erreichen die Protagonisten ihre sexuellen Ekstasen, da reicht oft schon laszives Kauen, Trinken oder einfach nur Stöhnen. Die hinter den Klappen einer einfachen Holzwand verborgenen Requisiten geben Hinweise auf die jeweiligen Tatorte (Bühne/Kostüme: Marion A. Käfer).

Die jungen Schauspielstudenten beweisen enorme Wandlungsfähigkeit und Bühnenpräsenz. Auch Theaterfreunden, die mit Werner Schwabs Fäkal-Dramen wenig anzufangen wissen, sei diese originelle, amüsante Inszenierung, die es noch am 31. März sowie am 1., 5. und 6. April im Theater im KunstQuartier zu sehen gibt, ans Herz gelegt. Viel Glück wünsche ich dem tollen Ensemble auch für die Aufführung beim Theatertreffen deutschsprachiger Schauspielstudierender im Theaterhaus im Stuttgart am 29. Juni. Toi, toi, toi!

ngg_shortcode_4_placeholder„Der reizende Reigen nach dem Reigen des reizenden Herrn Arthur Schnitzler“ von Werner Schwab. Regie: David Bösch. Bühne/Kostüme: Marion A. Käfer. Dramaturgie: Andreas Erdman. Mit: Valentina Schüler, Steffen Lehmitz, Marie Jensen, Jonas Hackmann, Yascha Finn Nolting, Lili Epply, Alexander Prince Osei, Florenze Schüssler, Fabian Felix Dott. Fotos: Manuela Seethaler

 

 




„Ungeduld des Herzens“ – Vergiftung durch Mitgefühl

Stefan Zweigs einziger zu seinen Lebzeiten veröffentlichter Roman ist bereits drei Mal verfilmt worden. Die Theaterfassung des Schriftstellers, Theaterautors und Regisseurs Thomas Jonigk wurde 2015 am Landestheater Niederösterreich uraufgeführt. Am Schauspielhaus Salzburg feierte das Kammerspiel in der Regie des Salzburgers Rudolf Frey am 22. März 2017 Premiere.

Von Elisabeth Pichler

Zu Beginn gibt es Szenenapplaus für das mit spöttisch lächelnder Miene vorgetragene bitterböse Krüppellied „Krüppel ham so was Rührendes“ von Helmut Qualtinger. Dann vertiefen sich die Schauspieler in die Romanvorlage und das psychologische Drama kann beginnen. Es ist Mai 1914 und Leutnant Anton Hofmiller fadisiert sich in der Garnison. Die Einladung auf das Schloss des ungarischen Magnaten Lajos von Kekesfalva kommt da wie gerufen. Aus Unwissenheit fordert er Edith, die gelähmte Tochter des Gastgebers, zum Tanze auf. Um sich für diesen Fauxpas zu entschuldigen, schickt er tags darauf einen Strauß Blumen aufs Schloss. Bald schon besucht er das Mädchen täglich, doch wird sein Mitleid missverstanden und mit echter Zuneigung verwechselt. Er ist sich zwar bewusst, dass man „diesen Wahn“ abstellen müsste, doch der „Narr des Mitleids“ ist zu feige und schafft es nicht. Als Edith erfährt, dass sich der Herr Leutnant ihrer schämt, kann sie das nicht verkraften. Anton Hofmiller muss mit dem Bewusstsein weiterleben, dass „keine Schuld vergessen ist, solange noch das Gewissen um sie weiß“.

Der feige Rittmeister (stark Matthias Hinz) genießt aus naiver Gefallsucht die Aufmerksamkeiten, die ihm in dem feinen Hause zuteilwerden, denn der besorgte Vater (Olaf Salzer), der überhebliche Arzt (Theo Helm) und die fröhliche Cousine Ilona (Alexandra Sagurna) sehen durch seine Besuche Ediths psychische Kräfte wachsen. Er jedoch empfindet für „dieses Halbwesen“, „dieses unfertige Geschöpf“ nur Ekel, glaubt aber, dass sein Mitleid wie Morphium wirke.

Stefan Zweig unterscheidet im Vorwort zu seinem Roman zwei Arten von Mitleid: „Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mit-leiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele. Und das andere, das einzig zählt – das unsentimentale, aber schöpferische Mitleid, das weiß, was es will, und entschlossen ist, geduldig und mitduldend alles durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über dies Letzte hinaus.“

Kristina Kahlert überzeugt in der Rolle der gelähmten, schnippischen und launischen Edith mit erschreckend realistischen Wutausbrüchen. Auf einen Rollstuhl hat die Regie verzichtet und so wuchtet sie sich mittels eines Hockers mitleiderregend, doch kraftvoll über die Bühne. Christiane Warnecke nimmt dem Stück als hellsehende, ironische Kommentatorin Frau Engelmayer jegliche Rührseligkeit. Auf der Bühne hat Vincent Mesnaritsch ein kunstvolles Trümmerfeld aus zerbrochenem Holz gestaltet, eine kleine Glasvitrine verbirgt die zerronnenen Träume des lahmen Mädchens und dient als multifunktionaler Rückzugsort.

Rudolf Frey hat das psychische Kammerspiel körperbetont und leicht grotesk in Szene gesetzt. Die vielen Berührungen wirken gekünstelt, eben die „instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele“, wobei wir wieder bei Stefan Zweigs grandioser Textvorlage gelandet wären.

ngg_shortcode_5_placeholder„Ungeduld des Herzens“ Thomas Jonigk nach dem Roman von Stefan Zweig. Regie: Rudolf Frey. Bühne: Vincent Mesnaritsch. Kostüme: Elke Gattinger. Musik: Fabio Buccafusco. Mit: Matthias Hinz, Olaf Salzer, Kristina Kahlert, Alexandra Sagurna, Theo Helm, Christiane Warnecke. Fotos: Jan Friese