Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Den Bestseller des schwedischen Autors Jonas Jonasson bringt Christoph Batscheider als überdimensionales Kasperltheater, in dem acht Schauspieler 46 Rollen übernehmen, auf die Bühne des Schauspielhauses Salzburg. Bei der Premiere am 12. Mai 2017 sorgte der rasante, aufregende Roadtrip von vier schrägen Vögeln für beste Unterhaltung.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Allen Karlsson wird 100 und im Altersheim soll das gebührend gefeiert werden. Der Jubilar hat jedoch keine Lust darauf und flüchtet in Morgenmantel und Filzpantoffeln zur nächsten Busstation. Dort soll er nur kurz auf einen Koffer aufpassen, doch dann nimmt er diesen einfach mit und fährt los. Noch weiß er nicht, dass der unscheinbare Koffer 50 Millionen Kronen aus einem Drogendeal enthält. In einem verlassenen Bahnhofsgebäude lernt Allen den notorischen Dieb und Betrüger Julius kennen und gemeinsam sorgen sie dafür, dass der wütende Besitzer des Koffers für immer verschwindet. Dass dieser ein Mitglied der berüchtigten „Never again“-Bande war, wird noch für weiteren Ärger sorgen. Auch Polizei und Medien sind hinter dem Hundertjährigen her, der gemeinsam mit dem Schlitzohr Julius, dem Imbissbudenbesitzer und ewigen Studenten Benny und der schönen Bäuerin Gunilla samt ihrem Elefanten quer durch Schweden fährt.

Mit einem gut gefüllten Koffer bleibt man eben nicht lange allein. Um auf der Reise keine Langeweile aufkommen zu lassen, erzählt Allen von seinem langen Leben und seinen ganz speziellen Begegnungen. Obwohl er sich nie für Politik interessierte, war er in viele der großen historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts verwickelt. Im spanischen Bürgerkrieg sprengte er Brücken und rettete so ganz nebenbei General Franco das Leben, später lernte er Truman und Mao kennen, bevor er von Stalin höchstpersönlich wegen Spionagetätigkeit ins Arbeitslager geschickt wurde.

Auf die Frage, was Christoph Batscheider daran gereizt habe, ausgerechnet diesen Stoff auf die Bühne zu bringen, gesteht er: „Erst einmal die Unmöglichkeit… Dieser Roman hat so viele Figuren, so viele Schauplätze und nicht zuletzt auch noch einen Elefanten. Wie stellt man das dar?“ Als hilfreich bei der Umsetzung erweist sich das raffinierte Bühnenbild von Annett Lausberg, das sich auf verschiedenen Ebenen bespielen lässt. Hinter einem Bretterverschlag residiert nicht nur der Elefant, im Handumdrehen bastelt hier Oppenheimer an seiner Atombombe. Olaf Salzer gibt einen anfangs etwas verwirrten, tattrigen Greis, für den die abenteuerliche Reise als wahrer Jungbrunnen wirkt. Köstlich seine Spießgesellen: der liederliche Julius (Theo Helm) und Benny (Antony Connor), der ein Auge auf die schöne Gunilla (Susanne Wende) geworfen hat. Frederik Soltow fegt als bärenstarker, unbedarfter junger Sprengstoffexperte Allen durch die Weltgeschichte. Moritz Grabbe, Magnus Pflüger und Alexandra Sagurna ergänzen das spielfreudige Ensemble, das sich mit Elan in die unterschiedlichsten Rollen stürzt.

Wer das Buch gelesen oder den Film gesehen hat, wird feststellen, dass es Christoph Batscheider gelungen ist, die absurde Kriminalgeschichte und das historische Panorama des letzten Jahrhunderts gekonnt zu verschmelzen. Ein vergnüglicher Abend, der die Vorzüge des Alterns aufzeigt, denn der moralische Stress bleibt irgendwann auf der Strecke.

ngg_shortcode_0_placeholder„Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ – Theaterstück nach dem Roman von Jonas Jonasson. Regie: Christoph Batscheider, Bühne und Kostüme: Annett Lausberg. Video: Michael Winiecki. Mit: Olaf Salzer, Theo Helm, Antony Connor, Susanne Wende, Moritz Grabbe, Frederik Soltow, Magnus Pflüger, Alexandra Sagurna. Fotos: Jan Friese




„36 Stunden“ – Die Geschichte vom Fräulein Pollinger

Pia Kolb und Max Pfnür gastieren mit der Bühnenfassung von Ödön von Horváths 1928/1929 verfasstem, erstem Roman im OFF-Theater in Salzburg. Eine unsentimentale, doch berührende Tragikomödie über die Sehnsucht und Suche der Menschen nach etwas Glück und Liebe in der hoffnungslosen Zeit der großen Weltwirtschaftskrise.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Der arbeitslose Kellner Eugen Reithofer aus Wien trifft vor dem Arbeitsamt in München auf die ebenso arbeitslose Näherin Agnes Pollinger. Bei einem gemeinsamen Spaziergang kommen sich die beiden näher und landen schließlich unter einer Ulme am Oberwiesenfeld. Sie wollen sich am nächsten Tag wiedersehen, doch am vereinbarten Treffpunkt wird Eugen vergeblich warten. Desillusioniert von ihren bisherigen Männerbekanntschaften, lässt sich nämlich Agnes von dem dubiosen, mit Pornobildern handelnden Zimmerherrn ihrer Tante als Aktmodell an einen exzentrischen Kunstmaler vermitteln.

In dessen Atelier, wo er sie als „Hetäre im Opiumrausch“ porträtieren will, trifft sie auf den Metzger und Eishockeyspieler Harry, der sie auf eine Spritztour mit seinem Automobil an den Starnberger See einlädt. Der Ausflug endet trotz schmackhaften Wienerschnitzels mit Gurkensalat in einem Fiasko. Zutiefst gedemütigt muss Agnes den Heimweg zu Fuß antreten. Nach einer siebenstündigen Nachtwanderung gelangt sie endlich zum verabredeten Ort. Dort erwartet sie der gutmütige Eugen, der der Meinung ist, dass ein „Mistvieh“ dem anderen auch hin und wieder helfen sollte.

Mit betont spröder Sprache gewährt Horváth einen unverblümten Blick auf die Figuren, die durch das ungeschönte Aussprechen ihrer Gedanken und Träume schonungslos ihr unglückliches Leben ausbreiten. Wenige Requisiten, versteckt in kleinen Hockern, reichen Pia Kolb und Max Pfnür, um in die unterschiedlichsten Rollen zu schlüpfen.

Der zwischen zwei Zuschauerreihen ausgelegte Teppich, auf dem sich das Drama abspielt, wird von einem Ulmenzweig und einem Verkündigungsbild begrenzt. Dazwischen pendelt das arme Münchner Mädel, das sich zu oft auf die falschen Männer einlässt, hin und her. Die Nähe zum Publikum sorgt für eine dichte, beklemmende Stimmung.

Ödön von Horváth, der sich als Chronist seiner Zeit sah, legt die Motive und Lügen des Kleinbürgertums offen und zeichnet die einzelnen Figuren messerscharf und eindringlich.

Max Pfnür war bereits 2016 mit der Theater-Fassung von Horváths letztem Roman „Ein Kind unserer Zeit“ äußerst erfolgreich unterwegs. Dank der Unterstützung der Ödön-von-Horváth-Gesellschaft Murnau wurde ihm nun diese Produktion ermöglicht. Im OFF-Theater bietet sich die einmalige Gelegenheit, beide Vorstellungen zu genießen, mit dem speziellen HORVÁTH-KOMBITICKET zu einem besonders günstigen Preis. Alle Termine gibt es unter www.theateroffensive.at

„36 Stunden“ nach dem Roman von Ödön von Horváth. Regie: Georg Büttel. Musik: Thomas Unruh. Dramaturgie: Jonas Meyer-Wegener. Mit Pia Kolb und Max Pfnür. Fotos: OFF-Theater




„Forever 27“ – „Jung, berühmt, tot.“

Mit einem mitreißenden, dynamischen Rockballett, in dem sich alles um den mysteriösen Club mit 27 Jahren verstorbener Musiker dreht, verabschieden sich Peter Breuer und sein famoses Ensemble von der Probebühne im Rainberg. Viel Jubel bei der Premiere am 4. Mai 2017. Das stimmungsvolle, felsige Ambiente wird uns fehlen.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Unter die verstorbenen Rocklegenden wie Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Kurt Cobain und Amy Winehouse mischen sich auch weniger bekannte Stars und Sternchen. Peter Breuer stellt in seiner Einführung deren 13 Biografien und ihre unterschiedlichen Todesarten vor. Vergeblich wird sich hingegen der mexikanische Sänger Valentin Elizalde bemühen, in den elitären Club aufgenommen zu werden. Zu Beginn nähert sich „The Devil’s Brother“ dem „King of the Delta Blues“, Robert Johnson. Der gemeinsame Tanz endet tödlich, die erste der 13 Türen öffnet sich für ihn. Der teuflische Geselle (Josef Vesely) hat an diesem Abend noch viel zu tun: Er verteilt Drogen, jede Menge Alkohol und hängt für den suizidgefährdeten Pete Ham, Sänger, Songwriter und Gitarristen der Band „Badfinger“, vorsorglich eine Schlinge auf.

Liliya Markina betört als Schlager- und Chansonsängerin Alexandra die Männer, bevor sie ein rätselhafter Autounfall für immer verstummen lässt. Jimi Hendrix, die Ikone der Hippie-Ära (Iure de Castro), lässt es ordentlich krachen. Auch Janis Joplin (Gala Isabella Lara) und Jim Morrison (Marian Meszaros) werden Opfer ihres exzessiven Lebensstils. Berührend die Geschichte der Grunge-Ikone Kurt Cobain (Alexander Korobko), der sich, vollgepumpt mit Heroin, einen Kopfschuss verpasst.

Seine trauernde Witwe Courtney Love (Liliya Markina) liest wütend seinen Abschiedsbrief, bevor sie sich auf ihre Rivalin Kristen Pfaff (Anna Yanchuk) stürzt. Hat sie bei deren Tod in der Badewanne wirklich mitgeholfen oder ist das nur ein böses Gerücht? Zur Aufmunterung trällern die Mitglieder der Girl-Popband „Passion Fruit“ ihren „Rigga-Ding-Dong-Song“. Einen Flugzeugabsturz überleben zwei Bandmitglieder nicht.

Von „Summertime“ von Janis Joplin, „Mein Freund der Baum“ von Alexandra bis zum „Alabama Song“ von den Doors reicht die bunte musikalische Palette, bevor sich zu „Highway to hell“ von AC/DC die dreizehn Türen öffnen und alle Toten zum großen Finale wiederauferstehen. Nur der arme Valentin Elizalde (José Flaviano de Mesquita Junior) muss hinter der Mauer bleiben, er hat es wieder einmal nicht geschafft.

Die Geschichten werden durch großformatige Projektionen (Videodesign: Felix Kiesel), die auf der felsigen Wand eindrucksvoll zur Geltung kommen, zusätzlich belebt. Bettina Richter lässt die Damen in wunderschönen Flatterkleidchen tanzen, steckt sie aber auch in grelle Hippie-Kostüme. Die Herren wiederum punkten mit extrem weiten Schlaghosen und Langhaarperücken.

Nach den Beatles, den Rolling Stones und Pink Floyd widmet Peter Breuer seinen letzten Tanzabend im Rainberg einer illustren Reihe von bereits verstorbenen Musikern. Ein tänzerisch perfekter Tanzabend, der große Emotionen und leise Zwischentöne mixt und mit rasanten, schwungvollen Gruppenszenen für beste Stimmung sorgt.

ngg_shortcode_1_placeholder„Forever 27“ Ballett von Peter Breuer. Uraufführung. Geschichten um den mysteriösen Club der toten Musiker. Idee, Raum und Choreographie: Peter Breuer. Kostüme: Bettina Richter. Sound- und Videodesign: Felix Kiesel. Dramaturgie Tamara Yasmin Bauer. Choreographische Assistenz: Alexander Korobko. Mit: Josef Vesely, Diego da Cunha, Liliya Markina, Iure de Castro, Gala Isabella Lara, Marian Meszaros, Otto Wotroba, Edward Nunes, Mikino Karube, Alexander Korobko, Anna Yanchuk, Cristina Uta, Pedro Pires, Chigusa Fujiyoshi, Naila Fiol, José Flaviano de Mesquita Junior, Arianna Rene Spitz. Fotos: © Anna-Maria Löffelberger




„Der Gott des Gemetzels“- entfaltet seine Macht

Helmut Vitzthum inszeniert Yasmina Rezas bissig pointierte Komödie, die 2011 von Roman Polanski verfilmt wurde, mit einem grandios aufspielenden Quartett. Ewa Rataj, Sinikka Schubert, Hans Jürgen Bertram und Volker Wahl liefern sich geschliffen scharfe Wortgefechte, die schließlich in Handgreiflichkeiten münden. Die Premiere fand am 28. April 2017 im Kleinen Theater statt und garantiert beste Unterhaltung.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Der elfjährige Ferdinand und der gleichaltrige Bruno haben sich im Park geprügelt. Die fatalen Folgen: zwei abgebrochene Schneidezähne und eine geschwollene Lippe. Die Eltern des „Schuldigen“ treffen sich bei den Eltern des „Opfers“, um den unangenehmen Vorfall kultiviert zu besprechen und gemeinsam zu überlegen, wie man auf die Kinder pädagogisch richtig einwirken sollte. Zu ersten Unstimmigkeiten kommt es bereits beim Protokollieren des Tathergangs, denn der Ausdruck „bewaffnet mit einem Stock“ geht Alain und Annette doch etwas zu weit. Nachdem Veronique und Michel bereit sind, eine Korrektur vorzunehmen, versucht man sich höflich und zurückhaltend zu geben. Diese Fassade kann nicht lange aufrechterhalten werden, sie beginnt zu bröckeln. Die Paarbeziehungen rücken mehr und mehr in den Vordergrund, denn auch hier lauert enormes Konfliktpotential. Die Situation wird immer grotesker, mal verbünden sich die Frauen, mal die Männer, bald schon geht es jeder gegen jeden. Die Folgen sind ein angekotzter Kokoschka-Bildband, ein im Wasser versenktes Handy und jede Menge brutal gekillter Tulpen. Als eine völlig fertige Annette feststellt: „Das ist der unglücklichste Tag meines Lebens“, stimmen ihr erstmals an diesem Abend alle zu.

Sinikka Schubert und Volker Wahl sind bereits 2013 im Schauspielhaus Salzburg mehrmals gemeinsam auf der Bühne gestanden und begeisterten das Publikum in „Der Vorname“ und „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“. In Yasmina Rezas bitterbösem Stück müssen sie ihren „wilden“ Sohn verteidigen und dabei ist ihnen jedes Mittel recht. Volker Wahl darf als dauertelefonierender, skrupelloser Anwalt Arroganz und Zynismus voll ausleben. Kein Wunder, dass seine Frau das buchstäblich zum Kotzen findet. Hans Jürgen Bertram, ehemaliges Ensemblemitglied des Salzburger Landestheaters, überzeugt als gutmütiger, biederer Großhändler von Haushaltsartikeln. Dass er dem Hamster seiner Tochter die „Freiheit geschenkt“ hat, macht ihn in den Augen der anderen zum brutalen Mörder und führt dazu, dass auch er ausrastet. Seine Frau, eine Afrikaspezialistin (Ewa Rataj), verliert hingegen völlig die Nerven, als ihr kostbarer Bildband ruiniert wird.

Das mit modernen weißen Sitzmöbeln minimalistisch eingerichtete Wohnzimmer wird im Laufe des Abends zu einem Schlachtfeld, wobei auch die extra für diesen Anlass gekauften Tulpen nicht verschont werden. Dem Publikum macht es hörbar Spaß, das rasante Pointenfeuerwerk der eskalierenden Streitereien auf der Bühne mitzuverfolgen. 90 Minuten, die wie im Flug vergehen, wobei der Reiz der Wiedererkennung bestimmter Verhaltensmuster enorm groß ist.

„Der Gott des Gemetzels“ – Komödie von Yasmina Reza. Regie: Helmut Vitzthum. Regieassistenz: Melanie Arnezeder. Bühnenbau: Franz Holzschuh. Ausstattung: Nicole Horn. Mit: Ewa Rataj, Hans Jürgen Bertram, Sinikka Schubert, Volker Wahl.




„Kudlich – eine anachronistische Puppenschlacht“

Der von der Theaterallianz, einer bundesweiten Plattform für das zeitgenössische Theater in Österreich, 2016 erstmals vergebene Autorenpreis ging an den oberösterreichischen Dramatiker Thomas Köck. Sein am Schauspielhaus Wien uraufgeführtes Stück über den Bauernbefreier Hans Kudlich (1823-1917) war am 27. und 28. April 2017 im Schauspielhaus Salzburg zu Gast.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Das Publikum wird aufgefordert, sich im Stehen den Prolog einer Marionette und eines „krumm gebuckelten“ Zwerges anzuhören. Wer von den beiden die Fäden in der Hand hält, bleibt unklar. Wo es Macht gibt, regt sich der Widerstand. So rief der österreichische Bauernbefreier Hans Kudlich im Oktoberaufstand 1848 die Bauern zum Landsturm auf. Als Unruhestifter wurde er von Kaisertreuen verfolgt und gejagt. Während sein Bruder Hermann im Zuge der Aufstände ums Leben kam, gelang Hans die Flucht nach Amerika. Doch wie erging es den befreiten Bauern? Konnten sie der Attacke der Raiffeisenrösser entkommen, oder schlitterten sie direkt in die Abhängigkeit der neu gegründeten Raiffeisenbank? Die Ausbeutung geht also weiter. Kein Wunder, dass der ständig Kreide fressende Bürgermeisteranwärter und Rechtspopulist Wenzel Bumsti Hofer, der mit sanfter Stimme um Wählerstimmen wirbt, so gut ankommt. Gekonnt spannt der Autor diesen Bogen zwischen 1848 und der Jetztzeit.

Fünf hochmotivierte junge Schauspieler bewältigen den anspruchsvollen, schwer mit Ideologiekritik beladenen Text des Autors mit Bravour, während sie energiegeladen auf einem riesigen Stahlgerüst herumturnen und klettern. Hans Kudlich, ein androgyner Visionär in rosa Rüschenhemdchen, fordert die Bauern dazu auf, den Protest nicht den Idioten zu überlassen.

Die Bühne dominiert ein riesiger, in Scheiben geschnittener, hölzerner Stier, der an Marionettenketten hängt (Bühne und Kostüme: Jil Bertermann). Marco Štorman hat das anspruchsvolle Stück präzise in Szene gesetzt, wobei auch der Humor nicht zu kurz kommt. Eine gelungene, frische Inszenierung, die durch Österreich tourt und auf den Bühnen der sechs Mitglieder der „Theaterallianz“ gastiert. Zu den Gründungsmitgliedern (Kosmos Theater Bregenz, Theater Phönix Linz, Klagenfurter Ensemble sowie den Schauspielhäusern Salzburg und Wien) gesellte sich 2016 das Grazer Theater am Lend. Dieses Gastspiel ist der beste Beweis dafür, was ein „Miteinander“ zu schaffen vermag.

„Kudlich – eine anachronistische Puppenschlacht“ von Thomas Köck. Regie: Marco Štorman. Bühne und Kostüme: Jil Bertermann. Musik: Gordian Gleiss. Dramaturgie: Tobias Schuster. Mit: Nicolaas van Diepen, Max Gindorff, Lisa Maria Sexl, Peter Elter, Katharina Haudum. Foto: Schauspielhaus Salzburg




„Gretchen 89ff“ –Variationen der Kästchen-Szene

Lutz Hübner beleuchtet in der 1997 uraufgeführten Komödie die Konflikte zwischen Regisseur und Schauspieler, zwei natürlichen Angstgegnern. Im Kleinen Theater lassen Bina Blumencron und Gerhard Greiner in kurzweiligen Probenszenen die unterschiedlichsten Charaktere aufeinanderprallen. Ein köstlicher, ironisch-selbstkritischer Blick hinter die Kulissen des Theaterbetriebes.

Von Elisabeth Pichler

Ein beflissener Hospitant (Gerhard Greiner), eigentlich ein Germanistikstudent, der das Theater einfach toll findet, begegnet einer gefeierten Schauspielerin (Bina Blumencron), die er über alles bewundert. Anfangs wagt er kaum, sie anzusprechen, doch dann ist er nicht mehr zu bremsen. Ihr totales Desinteresse scheint er nicht zu bemerken. Kaum wiederzuerkennen ist Gerhard Greiner, als er kurz darauf als arroganter Regisseur mit einer sehr bemühten Schauspielerin die Kästchen-Szene aus Goethes Faust, im Textheft auf Seite 89ff, probt. Die Arme kann es ihm trotz aller Bemühungen einfach nicht recht machen. Bina Blumencron wiederum mutiert in der folgenden Szene zur übermotivierten Anfängerin. Frisch von der Schauspielschule nervt sie den Provinz-Regisseur mit Lockerungsübungen und eigenwilligen Improvisationen.

Foto: Kleines Theater | Martin Brunnemann

Grandios die Szene mit „dem Streicher“, der es schafft, die Kästchen-Szene auf wenige Sätze zu verknappen: „Schwül ist es irgendwie – Mutter ist nicht zu Hause – toller Mann – ich Arme“. Für ihn ist da alles drin. Ganz anders gepolt ist der Wiener Charmeur, der sein Gretchen Walzer tanzen lässt. Einmal darf sich auch Bina Blumencron als Regisseurin versuchen. Sie schickt Gerhard Greiner als geschlechtsneutrales Gretchen auf die Bühne. Dieser ist zwar völlig überfordert, doch als arbeitsloser Schauspieler kann er auf die in Aussicht gestellte Probenpauschale einfach nicht verzichten. Es folgen „ein alter Haudegen“, ein „Freudianer“ und schließlich ein totaler Anfänger, der gegen eine Diva keine Chance hat.

Nach diesem Abend stellt sich die Frage, was von einem Original-Text eigentlich noch übrig bleibt, wenn sich ein „begnadeter“ Regisseur darüber hermacht. Das kleine Wörtchen „nach“ wird da heute gerne bemüht. Wenn dieses im Programmheft nach dem Autor steht, ist daher Vorsicht geboten. Bina Blumencron und Gerhard Greiner führen in der Regie von Daniela Meschtscherjakov die unterschiedlichsten, oftmals äußerst schrägen Künstlertypen vor. Mit spürbarer Freude wird der amüsante Text von Lutz Hübner zelebriert, der zwar überspitzt, doch stets nahe der Realität den Theaterbetrieb persifliert. Auch wenn Gretchen immer wieder beteuert: „Mir ist so schwül, so dumpfig hie…“, unterhält sich das Publikum bestens. Ein vergnüglicher Theaterabend, ein absolutes Muss für jeden Theaterliebhaber.

„Gretchen 89ff“ von Lutz Hübner. Theater Transversale. Regie: Daniela Meschtscherjakov. Mit: Bina Blumencron & Gerhard Greiner.




„Der nackte Wahnsinn“ – vor und hinter der Kulisse

Michael Frayns irrwitzige Chaos-Komödie über die beruflichen und privaten Schwierigkeiten einer drittklassigen Schauspieltruppe feierte am 1. April 2017 in der Regie von Thomas Enzinger am Salzburger Landestheater Premiere. Es darf gelacht werden.

Von Elisabeth Pichler

Diese Generalprobe treibt Regisseur Lloyd Dallas fast in den Wahnsinn. Die Schauspieler beherrschen den Text nicht, kommen dauernd mit Änderungsvorschlägen oder glänzen überhaupt durch Abwesenheit. Der total übermüdete Techniker muss daher für den Kollegen, der mit Alkoholproblemen zu kämpfen hat, einspringen. Dass die Türen klemmen, ist wohl noch das geringste Problem. Nach der Pause erlebt das Publikum den ersten Akt der Premiere dieses erfolgversprechenden Stückes nochmals, doch diesmal backstage. Da zwischen den Schauspielern so einige Beziehungen parallel laufen, kommt es zu Eifersuchtsszenen, die völlig ausufern und in blanker Gewalt münden. Auch der „göttliche“ Regisseur, der mit fast allen Damen, von der quirligen Inspizientin bis zur jungen Naiven, verbandelt ist, kommt ins Trudeln. Wider Erwarten überleben alle Beteiligten diese chaotische Premiere und so steht einer erfolgreichen Tournee nichts mehr im Wege. Doch wie wird es bei der Dernière ausschauen, werden sich bis dahin die Wogen geglättet haben?

Kein Wunder, dass bei dieser unfähigen Truppe die Nerven des Regisseurs (Sascha Oskar Weis) blank liegen. Dotty (Britta Bayer) hat nicht nur mit dem Text Probleme, sondern auch mit der Zeitung und vor allem dem Teller mit Sardinen. Wohin nur damit? Selsdons (Walter Sachers) Alkoholproblem ist allgemein bekannt, daher warten Zweit- und Drittbesetzungen auf ihren Auftritt. Die naive Brooke (Janina Raspe) ist zwar eine Augenweide, nervt jedoch mit der ewigen Suche nach ihren Kontaktlinsen. Der gutmütige Tim (Gregor Schleuning) wird als Inspizient und Bühnenmeister schamlos ausgenutzt. Julienne Pfeil und Marcus Bluhm, die als steuerflüchtige Hausbesitzer eigentlich in Spanien sein sollten, sorgen mit ihren privaten Problemen für weiteren Wirbel vor und hinter der Bühne. Die schusselige Poppy (Hanna Kastner) dürfte Lloyd als Regieassistentin wohl etwas zu nahe gekommen sein, sie sucht das Gespräch mit dem windigen Regisseur.

Thomas Pekny hat das Wohnzimmer eines entzückenden englischen Landhauses, eigentlich „eine ausgebaute Molkerei aus dem 16. Jahrhundert“, mit Treppe ins Obergeschoss als drehbare Kulisse auf die Bühne gestellt. Acht Türen führen, wie im Theater so üblich, ins Nirgendwo, doch spielen sich hier im 2. Akt mörderische Szenen ab. Thomas Enzinger, Spezialist für rasante Komödien, hat Michael Frayns Farce über einen „normalen Theaterbetrieb“ mit Slapsticks gewürzt und sorgt damit für beste Stimmung im Salzburger Landestheater.

„Der nackte Wahnsinn“ von Michael Frayn. Inszenierung: Thomas Enzinger. Bühne: Thomas Pekny. Kostüme: Toto. Mit: Sascha Oskar Weis, Hanna Kastner, Gregor Schleuning, Britta Bayer, Marco Dott, Janina Raspe, Marcus Bluhm, Julienne Pfeil, Walter Sachers. Fotos: © Christina Canaval




„Der reizende Reigen nach dem Reigen des reizenden Herrn Arthur Schnitzler“

David Bösch hat gemeinsam mit Schauspielstudierenden des 4. Jahrgangs des Thomas Bernhard Institutes der Universität Mozarteum Werner Schwabs bitterböse Satire auf Arthur Schnitzlers einstiges Skandalstück inszeniert. Die Premiere fand am 23. März 2017 im KunstQuartier statt.

Von Elisabeth Pichler

Der Autor hat in diesem Stück auf das übertrieben Derbe und Fäkalische verzichtet. Doch zeigt bereits die erste Szene seine ungeheure Sprachgewalt, mit ihren grotesken Übersteigerungen und überspitzten Wortgebilden, echt „SCHWABISCH“ eben.

HURE: „Na, du schönes schnelles Auto, willst du nicht machen etwas mit deiner einsamen Karosserie an der meinigen Person am heutigen Abend?“

ANGESTELLTER: „Ich bin kein schönes schnelles Auto, ich bin ein waschechter Angestellter. Ich bin durch und durch gut angestellt und ich bin mir zu jung und zu schlank und zu gut ausgelastet, auf dass ich mir schon eine Bezahlung leisten müssen täte für die Witze in der Geschlechtlichkeit.“

Das Karussell des „geschlechtlichen Totalverkehrs“ dreht sich weiter. Eine Kaugummi kauende Friseuse massiert dem Angestellten am Faschingsdienstag ordentlich die Kopfhaut, bevor sie ihren neuen Hausherrn besucht. Dieser wiederum beeindruckt seine verheiratete Geliebte mit einer gut bestückten Bibliothek. Nach einem „Mach es mir, du Bücherwurm“ bringen sich die beiden mit einem Literaturquiz zum Höhepunkt. Daheim im Ehebett mutiert die selbstbewusste Dame zum „dummen Liebling“. Als überheblicher, schleimiger Chef verführt besagter Ehegatte wiederum eine junge Sekretärin, indem er sie mit Alkohol abfüllt. Nachdem er sein Ziel erreicht hat, „erscheint eine Abschiebung am Horizont“. Die Sekretärin wandert weiter zu einem Straßenbahnschaffner, der sich als Dichter ausgibt und „in ihrer feuchten Buchhaltung blättern“ möchte, bevor er sich in einem Landgasthaus mit einer Kammerschauspielerin trifft. Diese macht in ihrer Künstlergarderobe einen Politiker so richtig fertig, bevor dieser sturzbetrunken in der Gosse landet. Mit dem Auftauchen der Hure, die wie ein Todesengel wirkt, schließt sich der Kreis.

David Bösch hat in seiner Inszenierung auf Schwabs Vorgabe der „abschraubbaren Geschlechtsteile“ verzichtet. Ohne sich zu berühren, erreichen die Protagonisten ihre sexuellen Ekstasen, da reicht oft schon laszives Kauen, Trinken oder einfach nur Stöhnen. Die hinter den Klappen einer einfachen Holzwand verborgenen Requisiten geben Hinweise auf die jeweiligen Tatorte (Bühne/Kostüme: Marion A. Käfer).

Die jungen Schauspielstudenten beweisen enorme Wandlungsfähigkeit und Bühnenpräsenz. Auch Theaterfreunden, die mit Werner Schwabs Fäkal-Dramen wenig anzufangen wissen, sei diese originelle, amüsante Inszenierung, die es noch am 31. März sowie am 1., 5. und 6. April im Theater im KunstQuartier zu sehen gibt, ans Herz gelegt. Viel Glück wünsche ich dem tollen Ensemble auch für die Aufführung beim Theatertreffen deutschsprachiger Schauspielstudierender im Theaterhaus im Stuttgart am 29. Juni. Toi, toi, toi!

ngg_shortcode_2_placeholder„Der reizende Reigen nach dem Reigen des reizenden Herrn Arthur Schnitzler“ von Werner Schwab. Regie: David Bösch. Bühne/Kostüme: Marion A. Käfer. Dramaturgie: Andreas Erdman. Mit: Valentina Schüler, Steffen Lehmitz, Marie Jensen, Jonas Hackmann, Yascha Finn Nolting, Lili Epply, Alexander Prince Osei, Florenze Schüssler, Fabian Felix Dott. Fotos: Manuela Seethaler

 

 




„Ungeduld des Herzens“ – Vergiftung durch Mitgefühl

Stefan Zweigs einziger zu seinen Lebzeiten veröffentlichter Roman ist bereits drei Mal verfilmt worden. Die Theaterfassung des Schriftstellers, Theaterautors und Regisseurs Thomas Jonigk wurde 2015 am Landestheater Niederösterreich uraufgeführt. Am Schauspielhaus Salzburg feierte das Kammerspiel in der Regie des Salzburgers Rudolf Frey am 22. März 2017 Premiere.

Von Elisabeth Pichler

Zu Beginn gibt es Szenenapplaus für das mit spöttisch lächelnder Miene vorgetragene bitterböse Krüppellied „Krüppel ham so was Rührendes“ von Helmut Qualtinger. Dann vertiefen sich die Schauspieler in die Romanvorlage und das psychologische Drama kann beginnen. Es ist Mai 1914 und Leutnant Anton Hofmiller fadisiert sich in der Garnison. Die Einladung auf das Schloss des ungarischen Magnaten Lajos von Kekesfalva kommt da wie gerufen. Aus Unwissenheit fordert er Edith, die gelähmte Tochter des Gastgebers, zum Tanze auf. Um sich für diesen Fauxpas zu entschuldigen, schickt er tags darauf einen Strauß Blumen aufs Schloss. Bald schon besucht er das Mädchen täglich, doch wird sein Mitleid missverstanden und mit echter Zuneigung verwechselt. Er ist sich zwar bewusst, dass man „diesen Wahn“ abstellen müsste, doch der „Narr des Mitleids“ ist zu feige und schafft es nicht. Als Edith erfährt, dass sich der Herr Leutnant ihrer schämt, kann sie das nicht verkraften. Anton Hofmiller muss mit dem Bewusstsein weiterleben, dass „keine Schuld vergessen ist, solange noch das Gewissen um sie weiß“.

Der feige Rittmeister (stark Matthias Hinz) genießt aus naiver Gefallsucht die Aufmerksamkeiten, die ihm in dem feinen Hause zuteilwerden, denn der besorgte Vater (Olaf Salzer), der überhebliche Arzt (Theo Helm) und die fröhliche Cousine Ilona (Alexandra Sagurna) sehen durch seine Besuche Ediths psychische Kräfte wachsen. Er jedoch empfindet für „dieses Halbwesen“, „dieses unfertige Geschöpf“ nur Ekel, glaubt aber, dass sein Mitleid wie Morphium wirke.

Stefan Zweig unterscheidet im Vorwort zu seinem Roman zwei Arten von Mitleid: „Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mit-leiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele. Und das andere, das einzig zählt – das unsentimentale, aber schöpferische Mitleid, das weiß, was es will, und entschlossen ist, geduldig und mitduldend alles durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über dies Letzte hinaus.“

Kristina Kahlert überzeugt in der Rolle der gelähmten, schnippischen und launischen Edith mit erschreckend realistischen Wutausbrüchen. Auf einen Rollstuhl hat die Regie verzichtet und so wuchtet sie sich mittels eines Hockers mitleiderregend, doch kraftvoll über die Bühne. Christiane Warnecke nimmt dem Stück als hellsehende, ironische Kommentatorin Frau Engelmayer jegliche Rührseligkeit. Auf der Bühne hat Vincent Mesnaritsch ein kunstvolles Trümmerfeld aus zerbrochenem Holz gestaltet, eine kleine Glasvitrine verbirgt die zerronnenen Träume des lahmen Mädchens und dient als multifunktionaler Rückzugsort.

Rudolf Frey hat das psychische Kammerspiel körperbetont und leicht grotesk in Szene gesetzt. Die vielen Berührungen wirken gekünstelt, eben die „instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele“, wobei wir wieder bei Stefan Zweigs grandioser Textvorlage gelandet wären.

ngg_shortcode_3_placeholder„Ungeduld des Herzens“ Thomas Jonigk nach dem Roman von Stefan Zweig. Regie: Rudolf Frey. Bühne: Vincent Mesnaritsch. Kostüme: Elke Gattinger. Musik: Fabio Buccafusco. Mit: Matthias Hinz, Olaf Salzer, Kristina Kahlert, Alexandra Sagurna, Theo Helm, Christiane Warnecke. Fotos: Jan Friese




„LULU“ – ein Objekt der Begierde

Vor rund 100 Jahren gelang es Frank Wedekind mit „Lulu“, einer Zusammenfassung seiner Dramen „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“, die Bürger zu schockieren. Er schuf ein Werk, das von Regisseuren für Film und Bühne seither immer wieder neu interpretiert und inszeniert wird. Im Salzburger Landestheater setzt sich Intendant Carl Philip von Maldeghem mit „dem schönen wilden Tier“ auseinander. Zur Premiere am 18. März 2017 regnete es Blumen.

Von Elisabeth Pichler

Schon im Foyer wird man von einem Herrn im Glitzer-Jacket freundlich empfangen und zum Glücksspiel an einem Roulettetisch animiert. Auf der Bühne sorgt die „Casino-Band“ mit Franziska Becker als lasziver Chansonnière für Stimmung. Weniger gut geht es Lulu, denn die wird von ehemaligen Liebhabern und zwielichtigen Gestalten erpresst. Sollte sie nicht zahlen, wolle man sie der Polizei ausliefern. Was war geschehen?

Der reiche Zeitungsverleger Dr. Schön hat die blutjunge Lulu von der Straße geholt, sie großgezogen und schließlich zu seiner Geliebten gemacht. Um selbst standesgemäß heiraten zu können, verkuppelt er sie mit dem senilen Medizinalrat Dr. Goll. Als dieser herausfindet, dass sie ihn mit dem Kunstmaler Schwarz betrügt, trifft ihn buchstäblich der Schlag. Auch dem sensiblen Künstler bringt Lulu kein Glück, ihre Affären treiben ihn in den Selbstmord. Die zweifache Witwe scheint ihr Ziel erreicht zu haben, als sich Dr. Schön von seiner Verlobten trennt und Lulu heiratet. Doch auch er wird betrogen. Lulu kann es einfach nicht lassen. Die Ermordung ihres Gatten bringt sie zwar ins Gefängnis, doch nicht für lange, denn auch hier trifft sie auf Menschen, die ihr verfallen und alles daran setzen, ihr zur Flucht zu verhelfen.

Da Regisseur Carl Philip von Maldeghem die Geschichte nicht chronologisch erzählt und manche Rollen doppelt besetzt sind, ist ein Studium des Programmheftes zu empfehlen. Als Polizeispitzel und Mädchenhändler Casti-Piani setzt Georg Clementi gleich zu Beginn Lulu ordentlich unter Druck. Er hat die Absicht, sie an ein Edelbordell in Kairo zu verkaufen, sollte sie nicht zahlen. Axel Meinhardt verlangt als schmieriger Schigolch ebenfalls Geld und erklärt sich sogar bereit, für sie einen Mord zu begehen. Die beiden stehen wenig später als Kunstmaler Schwarz und Medizinalrat Dr. Goll auf der Bühne. Nikola Rudle lässt sich als Lulu treiben und wird getrieben. Der peitschenschwingende Artist Rodrigo Quast (Hanno Waldner), die lesbische Gräfin Geschwitz (Franziska Becker), der schwärmerische Gymnasiast Hugenberg (Elisa Afie Agbaglah), ja selbst Dr. Schöns Sohn Alwa (Gregor Schulz), sie alle liegen ihr zu Füßen. Dass Dr. Schön (Christoph Wieschke) aber beabsichtigt, eine Frau von Stand zu heiraten, will und kann Lulu nicht akzeptieren.

Amouren, Zwistigkeiten, Mord und Selbstmord finden in einem weitläufigen, hellen Salon mit wechselnden Sitzgelegenheiten und vielen Türen statt (Bühne: Thomas Pekny). Conny Lüders sorgt mit glitzernden Kostümkreationen für mondänes, leicht verruchtes Flair.

Frank Wedekinds Absicht war es, das Bürgertum aus seiner Lethargie herauszureißen und mit der Realität zu konfrontieren. Heute ist das Publikum nicht mehr so leicht zu schockieren. Doch die Tragödie Lulus, einer Frau, die sich sämtliche Freiheiten nimmt und dabei alle zerstört und von allen zerstört wird, übt nach wie vor eine starke Faszination aus.

„LULU“ von Frank Wedekind. Inszenierung: Carl Philip von Maldeghem. Bühne: Thomas Pekny. Kostüme: Conny Lüders. Mit: Nikola Rudle, Georg Clementi, Gregor Schulz, Franziska Becker, Hanno Waldner, Axel Meinhardt, Christoph Wieschke, Elisa Afie Agbaglah. Casino-Band: Franziska Becker (Gesang), Georg Clementi (Schlagzeug), Julius von Maldeghem (Klavier), Axel Meinhardt (Klarinette und Saxophon), Christoph Wieschke (Akkordeon). Fotos:© Anna-Maria Löffelberger




„Nicht so wild, Effi“ – Jugendstück nach einem Klassiker

Regisseurin Marion Hackl unterrichtet am Musischen Gymnasium Darstellendes Spiel und weiß daher genau, wie man junge Menschen fürs Theater begeistern kann. Mit dieser temporeichen, unkonventionellen und kurzweiligen Inszenierung gelingt es ihr, Theodor Fontanes Roman über gesellschaftliche Zwänge und Normen in der Wilhelminischen Ära jungem Publikum nahezubringen. Bei der Premiere am 15. März 2017 zeigten sich auch ältere Semester begeistert.

Von Elisabeth Pichler

Drei junge Menschen in weißen Pumphosen zücken gelbe Reclam-Hefte und beginnen, abwechselnd die ersten Zeilen des Romans vorzulesen. Lange halten sie das nicht durch und schon schlüpfen sie in die verschiedensten Charaktere, ob weiblich oder männlich spielt dabei keine Rolle. Voll „Übermut und Grazie“ ist die 17-jährige Effi Briest, wenn sie sich mit ihren Freundinnen im Park des Elternhauses ihren Zukünftigen ausmalt. Es steht für sie fest, dass es ein Mann von Adel mit einer guten Stellung und einem vornehmen Haus sein sollte. Ob ihr das ein ehemaliger Verehrer ihrer Mutter, der 38-jährige Baron von Innstetten, der um ihre Hand anhält, wohl bieten kann? Die Erwartung ist groß, die Enttäuschung ebenso.

In Kessin in Hinterpommern langweilt Effi sich neben ihrem ernsten Mann grenzenlos und ist daher ein leichtes Opfer für den spontanen, leichtlebigen Abenteurer und „Damenmann“ Major Crampas. Da sie ihr schlechtes Gewissen plagt, ist die Erleichterung groß, als ihr Gatte nach Berlin versetzt wird. „Effi sagte kein Wort, und nur ihre Augen wurden immer größer; um ihre Mundwinkel war ein nervöses Zucken, und ihr ganzer zarter Körper zitterte. Mit einem Male aber glitt sie von ihrem Sitz vor Innstetten nieder, umklammerte seine Knie und sagte in einem Tone, wie wenn sie betete: ‚Gott sei Dank!‘“ Als ihr Gatte sechs Jahre später durch Zufall von der Affäre seiner Frau erfährt, sind die Folgen fatal, sowohl für Effi als auch für ihren ehemaligen Liebhaber.

Jonas Breitstadt und Cora Mainz aus dem 3. Jahrgang der hauseigenen Schauspielschule und Magdalena Oettl, die erst Ende 2016 ihre Abschlussprüfung absolviert hat, sind schon im Musical „Der Lebkuchenmann“ gemeinsam auf der Bühne gestanden. In „Nicht so wild, Effi“ legen sie sich mächtig ins Zeug, um den etwas angestaubten Klassiker über verlogene Moralvorstellungen und einen überholten Ehrenkodex aus der Sicht junger Leute zu darzustellen. Mit enormem körperlichen Einsatz schaffen sie es, in nur 80 Minuten das Schicksal der Effie Briest in vielen kleinen Szenen zu präsentieren.

Baumelnde braune Bambusstangen und ein Wintergarten mit abblätternder Tapete, auf die Videos projiziert werden, sorgen für ausdrucksstarke Bilder. Nicht nur für die Bühne zeichnet Johannes Stockinger verantwortlich, er hat auch die Kostüme der jeweiligen Situation angepasst. Auf unschuldiges Weiß und elegante, doch etwas desolate Ballkleider in der Trostlosigkeit von Kessin folgt Rot für die kurze Phase der Leidenschaft, bevor Depressionen und Krankheit alles schwarz umhüllt.

Der ständige blitzschnelle Rollenwechsel erfordert volle Konzentration. Marion Hackl hat die szenische Umsetzung des Romans gemeinsam mit den Schauspielern erarbeitet und so sind manche Zwischenszenen erst während der Probenarbeit entstanden. Ein Theaterabend, der spontan, frech und jung wirkt, gerade richtig für die Zielgruppe ab 14 Jahren.

„Nicht so wild, Effi“ nach Theodor Fontanes „Effi Briest“. Regie und Konzept: Marion Hackl. Ausstattung: Johannes Stockinger. Video: Michael Winiecki. Mit: Jonas Breitstadt, Cora Mainz, Magdalena Oettl. Fotos: Jan Friese




„Töchter des Jihad“ – eine szenisch-dokumentarische Collage

Autorin und Regisseurin Barbara Herold versucht in diesem Theaterprojekt, das Phänomen Jihadismus zu ergründen. Welche Motive bewegen junge Mädchen, die Sicherheit und Freiheit Europas gegen eine Utopie einzutauschen und als Frau eines IS-Kriegers ein gottesfürchtiges Leben in Gefangenschaft zu führen? Der Theaterverein dieheroldfliri.at aus Vorarlberg gastierte am 10. März 2017 im Kleinen Theater in Schallmoos.

Von Elisabeth Pichler

In Stücke gerissene Gebetsteppiche kleiden die Bühne aus und verströmen orientalisches Flair. Auf facebook postet Muhajirah: „Es ist so schön, in einem rein islamischen Land zu leben. Manchmal vergisst man fast, dass man im Jahr 2000 lebt. Man fühlt sich wie in einem Kapitel des Alten Testaments.“  Dokumentarisches Material, Auszüge aus Blogs und Ratgebern dienen ebenso als Grundlage für diese Produktion wie Erläuterungen zur islamischen Religion. Jihad bedeutet nicht nur Kampf, sondern auch jegliche Anstrengung und Mühe. „Gott ist groß und der Jihad unser Weg“ behaupten Maria Fliri, Diana Kashlan und Peter Bocek und drohen dabei mit ihren Kalaschnikows. Auch wenn es sich dabei nur um Staubsauger handelt, verfehlen diese ihre Wirkung nicht, denn sie vernichten mühelos jeglichen Müll.

„Keine Steuern, keine Mieten, der Staat zahlt alles“ klingt durchaus verlockend. Auf Rauchen in der Öffentlichkeit kann man ja verzichten, denn dafür gäbe es 30 Peitschenhiebe. Ein jihadistischer Brautwerber verspricht der jungen Melanie das Paradies. Er selbst sei kein Mörder, denn er töte nur Ungläubige und Verräter. Geschichte sei schon immer mit Tinte und Blut geschrieben worden. „Wir müssen uns opfern, um die Welt zu retten.“

Eine Mischung aus Protest und Provokation gegenüber Familie und Gesellschaft bewegt junge Frauen und Mädchen zur Hijra (Flucht) aus dem Gebiet der Ungläubigen. Wie aber sieht der Alltag von Frauen im IS tatsächlich aus? Das Manifest „Frauen im islamischen Staat“,  herausgegeben von der Al-Khansaa-Frauenbrigade, gibt Aufschluss.

Es sei die natürliche Bestimmung der Frau, dem Ehemann zu dienen. Bildung sei nur hinderlich und für die vom Schöpfer vorgesehene Aufgabe überflüssig. Es wird mit der Abkehr vom westlichen Rollenverständnis geworben. Versprochen wird die Erfüllung durch Sittsamkeit und die Tugenden als Hausfrau und Mutter. Nur dort, so heißt es, erhalte die Frau ihre wahren, vom Islam verbrieften Rechte, werde sie geachtet, wie es ihr gebührt, und habe keine Unterdrückung zu befürchten, sofern sie ihren Pflichten nachkommt.

Barbara Herold betrachtet das komplexe Thema in vielen kleinen Szenen aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln. Sie animiert das Publikum, selbst Stellung zu beziehen. Ein spannender Theaterabend, der aufklären, sensibilisieren und warnen will.

„Töchter des Jihad“ – Eine szenisch-dokumentarische Collage. Text und Regie: Barbara Herold. Ausstattung und Video: Caro Stark. Choreographie: Anne Thaeter. Mit: Maria Fliri, Diana Kashlan, Peter Bocek. Fotos: Mark Mosman