„Safe Places“ – Projekt „Zukunft Europa“

Schauspielstudierende am Thomas Bernhard Institut der Universität Mozarteum Salzburg haben sich unter Anleitung von Regisseur Volker Lösch mit der Frage „Was bedeutet Europa für uns?“ auseinandergesetzt. So vermischen sich persönliche Geschichten mit Texten aus Falk Richters 2016 in Frankfurt uraufgeführtem Stück „Safe Places“. Die Österreichische Erstaufführung fand am 3. März 2017 im Theater im KunstQuartier statt.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

20 junge Menschen stürmen auf die Bühne und verraten, was für sie persönlich ein sicherer Platz ist: Familie, Musik, Nostalgie, Fantasie, mein Bett, ein Raum, in dem keine Männer sind, u.s.w. Plötzlich erhebt sich im Zuschauerraum die anklagende Stimme einer Fremden. „Warum fürchtet ihr mich? Wo ist mein safe place?“ Die Damen geben zu, dass sie vor großen, dunklen Männern, die laut in einer fremden Sprache sprechen, Angst haben, besonders wenn sie in Gruppen auftreten. Sie beschweren sich aber auch, dass unsere Männer zu verweichlicht sind. „Die können uns nicht mehr helfen.“

Ist es zu viel verlangt, wenn wir von den Flüchtlingen die Akzeptanz unserer Regeln und Werte verlangen? Schließlich leben wir im 21. Jahrhundert und die leben ja noch im Mittelalter. Emotionale Argumente treffen auf ebensolche Gegenargumente. Das Verlesen von Hasspostings aus dem Internet heizt die Stimmung weiter auf. In Chören wird zu politischer Aktivität aufgerufen, doch einige haben von all den Horrormeldungen genug und hören einfach nicht mehr hin.

Was aber ist Europa eigentlich? Historischen Schandtaten, an denen es wahrlich nicht mangelt, werden positive Errungenschaften gegenübergestellt, wobei das Aufzählen der in Österreich erhältlichen verschiedensten Brotsorten sowie tiefschürfende Alpenyogaübungen für Heiterkeit sorgen.

Zum Abschluss der Performance werden Ausschnitte der Rede des damaligen französischen Außenministers Robert Schumann vom 9. Mai 1950 verlesen, in der er die Schaffung einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) vorschlug,  um so weitere Kriege zwischen den Erzrivalen Frankreich und Deutschland „nicht nur undenkbar, sondern materiell unmöglich“  zu machen.  Die Mitgliedschaft in der EGKS stand auch anderen Ländern offen, der erste Schritt zu einem geeinten Europa war getan. Regisseur Volker Lösch lässt gekonnt private und politische Strategien zur Bewältigung der schwelenden Angst vor dem Fremden aufeinanderprallen. Trotz wütender, Angst schürender Sprechchöre erweist sich der Theaterabend als Plädoyer für Europa mit der Maxime „Nie wieder Krieg!“

„SAFE PLACES“ von Falk Richter. Österreichische Erstaufführung. Regie: Volker Lösch. Dramaturgie: Christoph Lepschy. Bühne und Kostüm: Theresa Gregor (Bühnenbildstudierende). Regieassistenz / Inspizienz: Mattia Meier. Mit: Diana Merkel und Konrad Wolf (Regiestudierende) sowie Caroline Adam, Kilian Tobias Bierwirth, Felicia Chin-Malenski, Chris Eckert, Kai Götting, Eva Lucia Grieser, Rudi Grieser, Ron Iyamu, Hannah Jaitner, Sebastian Jehkul, Igor Karbus, Naima Laube, Niklas Mitteregger, Vincent Sauer, Sophia Schiller, Katharina Shakina, Laura Trapp, Genet Zegay und Tino Zihlmann (Schauspielstudierende des 2. und 3. Jahrgangs). Foto: MOZ/ Manuela Seethaler




„Der Zauberlehrling“ – ein schwungvolles Tanzmärchen

Spätestens seit dem Film „Kevin – Allein zu Haus“ wissen Eltern, dass man aufgeweckte Kinder besser nicht unbeaufsichtigt lässt. Was aber passiert, wenn ein Zaubermeister seinen experimentierfreudigen Lehrling samt bestem Freund und einer Elfe für eine Stunde alleine lässt, kann man in den Kammerspielen des Salzburger Landestheaters miterleben. Ein großer Spaß für Groß und Klein.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Süß schaut er aus, der kleine Zauberlehrling, der mit seiner runden, schwarzen Brille an seinen Zauberkollegen Harry Potter erinnert. Er hat nur Unsinn im Sinn, will des Meisters Zauberstab ausprobieren und in dessen geheimnisvollen Büchern stöbern. Vielleicht nützt es ja, ihm einen Besen in die Hand zu drücken und ihn saubermachen zu lassen. Als der Meister das Haus verlässt, stürzen sich die zwei Freunde auf die kleine Hauselfe, die hingebungsvoll mit ihrer Puppe spielt. Schwupps, schon fliegt die Puppe in den Zauberkessel.

Die Begeisterung ist groß, als sie als wunderschöne Prinzessin wiedererscheint. Als diese jedoch ihre Maske abnimmt und ihr wahres Gesicht zeigt, versuchen die Knaben verzweifelt, sie wieder loszuwerden. Die kleine Elfe will auch etwas ausprobieren und so wandert ein Schrumpfkopf des Zauberers in den Kessel. Mit wilden Tänzen begeistern nun vier muntere Kannibalen die Elfe. Während sich die Knaben zitternd in eine Ecke verziehen, setzt sie sich eine Krone auf und tanzt begeistert mit. Ob die herbeizitierten Techniker wohl Ordnung in das Chaos bringen können?

Karl-Heinz Steck zeichnet für das heimelige Labor des Magiers, das mit seinen vielen Büchern und Zaubertrankflaschen an Fausts Studierstube erinnert, sowie die phantasievollen Kostüme verantwortlich. Aus dem riesigen Zauberkessel purzeln neben den Kannibalen noch Frösche, rätselhafte Feuerwesen und jede Menge quicklebendiger Besen. Das Wasser, das in Goethes Ballade vom Zauberlehrling nicht zu bändigen ist, darf natürlich auch nicht fehlen und lädt zum Tauchen und Angeln ein. Nur gut, dass der Hexenmeister noch rechtzeitig heimkommt.

Pedro Pires als übermütiger Zauberlehrling und Karine de Matos als entzückende, muntere Elfe Pixie genießen das Privileg, sich als einzige nie umziehen zu müssen. Was sich hinter der Bühne abspielt, grenzt auch an Zauberei, denn hier werden die Kostüme in Windeseile gewechselt. Das 12-köpfige Ensemble begeistert mit schwungvollen, fast akrobatischen Tänzen zu Disco- und Hillbilly-Sound ebenso wie zu einem alpenländischen Schuhplattler.

Die Choreographen Alexander Korobko, Josef Vesely und Kate Watson begeistern mit diesem mitreißenden, turbulenten Tanzmärchen nicht nur die Kinder. Ein wahrlich „zauberhaftes“ Tanzmärchen.

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Der Zauberlehrling“ Tanzmärchen frei nach Johann Wolfgang von Goethe. Choreographie: Alexander Korobko, Josef Vesely, Kate Watson. Bühne und Kostüme: Karl-Heinz Steck. Mit: Edward Nunes, Pedro Pires, José Flaviano de Mesquita Junior, Karine de Matos, Mikino Karube,  Anna Yanchuk, Diego da Cunha, Iure de Castro, Marian Meszaros, Naila Fiol, Otto Wotroba, Arianna Rene Spitz. Fotos: © Anna-Maria Löffelberger




„Lupus in fabula“ – Requiem für einen Vater

Henriette Dushes Drama, in dem drei Schwestern mit Siechtum und dem nahen Tod des Vaters konfrontiert werden, wurde 2013 mit dem Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnet. Petra Schönwald inszeniert das starke Stück, das wohl niemanden kaltlässt, ausdrucksstark und einfühlsam. Die Premiere fand am 24.2.2017 im Studio der ARGEkultur statt.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Die Älteste hat sich jahrelang um den siechen Vater gekümmert. Jetzt sind seine Finger schon ganz blau und er gibt nur mehr ein rasselndes Röcheln von sich. Sie selbst hat schon lange vorgesorgt, ein neues schwarzes Kleid liegt bereit und die Grabrede ist schon vorformuliert. Die herbeizitierten Schwestern kommen mit dieser Extremsituation weniger gut zurecht. Die Jüngste leidet unter beruflichen und privaten Misserfolgen und wird nun wohl auf die gewohnte finanzielle Unterstützung verzichten müssen. Der Mittleren gelingt es nicht, den Vater mit ihrem Baby zu beeindrucken, das sie ihm aufs Krankenbett legt. Vor ihren massiven Problemen flüchtet sie sich gerne in eine Phantasiewelt, ständig auf der Suche nach Struktur und einem neuen Setting. Sie träumt von einer wilden, verwahrlosten Wiese, die nach feuchtem Laub, Gülle und Mist riecht, und imaginiert ihre Schwestern als Tiere, Comic-Figuren und Bräute in diese eigenwillige Landschaft.

Das gemeinsame Warten auf den Tod des Vaters lässt die drei Schwestern zwar näher zusammenrücken, doch wird auch in alten Wunden gestochert und gegraben. Der Ältesten wird Selbstgerechtigkeit vorgeworfen, hat sie als Kind doch ständig behauptet, immer „eins besser“ zu sein. Sie schlägt zurück und erzählt schonungslos von den unappetitlichen Aspekten der Pflege eines alten Menschen. Positiv besetzt sind die Erinnerungen an die jährlichen Urlaube an der Ostsee, leider war es „für ein anderes Meer immer zu knapp“.

Die Bühne ist mit einer dicken, aufgewühlten Erdschicht bedeckt, in der die Schwestern in zunehmender Verzweiflung graben und dabei auf Schätze, aber auch auf unangenehme Überraschungen stoßen. Anfangs sind die Damen noch adrett gekleidet und mit Gummistiefeln perfekt ausgerüstet. Im Laufe der 70-minütigen Performance legen sie nach und nach ihre Kleidung ab, bis sie schließlich in Unterwäsche, total verschmutzt vom vielen Graben und nass vom plötzlich einsetzenden Regen, ineinander verschlungen am Boden kauern. Die drei Schwestern (Sophie Hichert, Elisabeth Nelhiebel und Eva-Maria Weingärtler) haben trotz aller Selbstzweifel zueinander gefunden, das gemeinsame Leid verbindet.

Das Damentrio hat dieses poetisch-kunstvolle Requiem mit einer gehörigen Portion Selbstironie gewürzt und so Pathos und Rührseligkeit vermieden. Petra Schönwald realisiert nach „Joseph Fouché“ (nach Stefan Zweig) und „Kampf des Negers und der Hunde“ (Koltès) erstmals gemeinsam mit der ARGEkultur als Koproduzent ein Stück, in dem Alter, Tod und Vergänglichkeit schonungslos und offen thematisiert werden. Gratulation zu so viel Mut!

„Lupus in fabula“ von Henriette Dushe. Ein ganz diesseitiges Stück vom (Über-)Leben im Angesicht des Todes. Salzburger Erstaufführung. Eine Koproduktion von Petra Schönwald und ARGEkultur. Regie: Petra Schönwald. Bühne und Kostüme: Elke Gattinger. Mit: Elisabeth Nelhiebel („Die Älteste“), Sophie Hichert („Die Mittlere“) und Eva-Maria Weingärtler („Die Jüngste“). Fotos: ARGEkultur | Andreas Hechenberger




Biedermann und die Brandstifter – zum Löschen zu spät

Mit einer spritzigen, auf 90 Minuten eingedampften Inszenierung von Max Frischs politischer Parabel über die Fähigkeit des Menschen, voraussehbare Katastrophen auszublenden, begeisterte Regisseur Peter Raffalt das Premierenpublikum am 22. Februar 2017 im Schauspielhaus Salzburg. Viel Applaus für ein groß aufspielendes Ensemble und einen überragenden Marcus Marotte.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Als sich der wohlhabende Fabrikant Gottlieb Biedermann eine Zigarre anzünden möchte, muss er unwillkürlich daran denken, dass die Brandstifter in der Stadt sind. „Aufhängen sollte man sie!“ Wann und wo werden sie wohl das nächste Mal zuschlagen? Ihm könnte das nicht passieren, denn einen Hausierer würde er niemals ins Haus lassen. Als der ehemalige Ringer Schmitz bei ihm auftaucht, begehrt dieser jedoch keine Unterkunft, er sucht nur nach Menschlichkeit. Biedermann fühlt sich geschmeichelt und lässt den etwas rüpelhaften Kerl aus purer Gutmütigkeit auf seinem Dachboden übernachten. Ein ungutes Gefühl beschleicht ihn, als ein gewisser Herr Eisenring auftaucht. Der ehemalige Kellner ist zwar eloquent und hat beste Manieren, doch die Fässer, die unter lautem Gepolter auf dem Dachboden verstaut werden, sind mehr als verdächtig. Sie riechen eindeutig nach Benzin. Die beiden unliebsamen Gäste machen keinen Hehl aus ihrem Vorhaben, denn „die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Die glaubt niemand.“ Biedermann beschließt, sich die beiden Brandstifter zu Freunden zu machen. Vielleicht gelingt es ihm so, die drohende Katastrophe abzuwenden.

Marcus Marotte gerät als Gottlieb Biedermann gehörig ins Schwitzen, denn ihm fehlt der Mut, hart durchzugreifen und die zwei dubiosen Gäste auf die Straße zu setzen. Seine Frau Babette (Susanne Wende) zeigt Verständnis für die Schwächen ihres Mannes. Sie ist unendlich dankbar und erleichtert, dass er jeden Abend auf dem Dachboden nachsieht, ob auch ja keine Brandstifter da sind. Sonst könnte sie nämlich die halbe Nacht nicht schlafen. Nur das Dienstmädchen Anna (Magdalena Oettl) zeigt seine Abneigung gegen die ungebetenen Gäste ganz offen und das hat in dieser Inszenierung schlimme Folgen.

Der großgewachsene Frederic Soltow besticht als Ringer Schmitz durch fast unerträglich schlechte Manieren und präpotentes Benehmen. Magnus Pflüger wartet als Eisenring zwar mit besten Manieren auf, doch wirkt seine vornehme, ruhige Art umso gefährlicher. Der warnende Chor erinnert an altgriechische Tragödien und tritt hier in wechselnder Besetzung als eine Gruppe von Feuerwehrleuten im Arbeitseinsatz auf. Bühnenbildner Vincent Mesnaritsch hat das Wohnzimmer und den Dachboden der Familie Biedermann auf eine Ebene gestellt. Mit Hilfe der Lichtregie wird ein rascher Wechsel von oben nach unten und umgekehrt ermöglicht, wobei scherenschnittartige Übergänge für reizvolle Bilder sorgen.

Mit witzigen, absurden Regieeinfällen sorgt Peter Raffalt dafür, dass Max Frischs vielgespielter Klassiker im Schauspielhaus Salzburg zu einem Theaterabend von großem Unterhaltungswert wird. „Einfach perfekt. Besser geht es nicht.“ Dieser Meinung eines Premierengastes kann ich mich nur anschließen.

ngg_shortcode_1_placeholder„Biedermann und die Brandstifter“ – Lehrstück ohne Lehre von Max Frisch. Regie: Peter Raffalt. Bühne: Vincent Mesnaritsch. Kostüme: Elke Gattinger. Musik: Matthias Jakisic. Mit: Marcus Marotte, Susanne Wende, Magdalena Oettl, Frederic Soltow, Magnus Pflüger, Antony Connor, Ute Hamm, Moritz Grabbe. Fotos: Jan Friese/ Schauspielhaus




„Wie es euch gefällt“ – auch der Wald ist Bühne

Das Theaterensemble Brettspiel und BühnenErlebnis Bamer-Ebner präsentierten am 18. Februar 2017 im Kleinen Theater eine integrative, mehrsprachige Komödie nach William Shakespeare. In dem vom Zukunftslabor Salzburg 20.16 ausgezeichneten Theaterprojekt „Spielend Einander Verstehen“ stehen professionelle Schauspieler, erfahrene Amateure, absolute Neulinge sowie drei anerkannte Flüchtlinge auf der Bühne.

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Shakespeares Komödie „Wie es euch gefällt“ handelt von Verbannung, Flucht und Heimatlosigkeit. In Angelika Bamer-Ebners Inszenierung trifft die verbannte höfische Gesellschaft im Untersberger Wald aufeinander und hat hier mit Gefühlsverirrungen und Täuschungen zu kämpfen. Im Mittelpunkt stehen der junge Orlando, der sich auf der Flucht vor seinem Bruder befindet, und seine große Liebe Rosalinde. Diese irrt als Mann verkleidet mit ihrer Cousine durch den Wald und macht sich einen Spaß daraus, ihren Liebsten als forscher, junger Ganymed zum Narren zu halten. Ein liebeskranker Schäfer hat seine liebe Not mit der widerspenstigen Phöbe, die nur noch Augen für den jungen Ganymed hat. Bei Shakespeare ist der Wald ein Ort der Utopie, wo die Eindeutigkeit der Geschlechter sowie alle Widersprüche der Welt aufgehoben werden. So kommt es am Ende zu einer Tripel-Hochzeit, bei der sogar Orlandos hartherziger Bruder Oliver geläutert in Rosalindes Freundin Celia die große Liebe findet.

Projektleiter Peter Christian Ebner ist davon überzeugt, dass sich Menschen trotz unterschiedlicher sprachlicher und kultureller Herkunft verstehen können. Den Beweis liefern die 16 Akteure, die in dieser Komödie auf der Bühne stehen, und es funktioniert hervorragend. Regisseurin Angelika Bamer-Ebner hat die Rollen typgerecht besetzt. Die quirlige Melanie Arnezeder aus Salzburg und der gebürtige Ungar Bálint Walter vom Theaterverein Janus schmachten als junge Liebende, Rosemarie Linortner verbreitet als unrechtmäßige Herzogin Angst und Schrecken, und Christine Walther gibt sich als Edeldame Charlotta der Melancholie hin. Bashir Kordaji und Alaaeldin Dyab, zwei Schauspieler aus Aleppo, sorgen als devote, doch redselige Hofmänner für Heiterkeit. Das gesamte Ensemble, ob jung oder alt, Profi oder Amateur, In- oder Ausländer, überzeugt durch Spielfreude und enormen Einsatz. Marina Razumovskaja sorgt mit selbst komponierter Bühnenmusik für die passenden Töne zu den höfischen Liedern und Tänzen.

Die sehenswerte Produktion ist nicht nur im Kleinen Theater (5., 11. und 12. März) zu erleben, sondern gastiert auch im Kunsthaus Nexus in Saalfelden (3. März), auf der Burg Mauterndorf (26. März) und auf Schloss Goldegg (6. April).

Regie: Angelika Bamer-Ebner. Inszenierung: Angelika Bamer-Ebner. Komposition & Live-Musik: Marina Razumovskaja. Choreografie: Marina Razumovskaja. Projektleitung: Peter Christian Ebner, Angelika Bamer-Ebner. (Regie)Assistenz: Sylvia Schlager, Bálint Walter, Mit: Melanie Arnezeder, Bálint Walter, Florian Friedrich, Anita Frohnwieser, Angelika Bamer-Ebner, Florian Sauseng, Rosemarie Linortner, Christine Walther, Mahamed Abdulqadir Yahye, Lukas Abdirasak Osman, Peter Christian Ebner, Sylvia Schlager, Bashir Kordaji, Alaaeldin Dyab, Arnold Niederhuber, Veronika Diehl. Fotos: Christoph Strom




„Muss es heute Nacht sein?“ – eine stürmische Liebeskomödie

Terrence McNallys 1987 uraufgeführtes Zwei-Personen-Stück „Frankie and Johnny in the Clair de Lune“ wurde 1991 mit Michelle Pfeiffer und Al Pacino in den Hauptrollen verfilmt. Im Kleinen Theater liefern sich Judith Brandstätter als Frankie und Jurek Milewski als Johnny heftige Wortgefechte, in denen sich alles um die Liebe dreht.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Frankie und Johnny, eigentlich Franziska und Johann, arbeiten beide in demselben drittklassigen Restaurant in Salzburg-Lehen. Sie als Serviererin, er als Hilfskoch. Eines Abends landen die beiden im Doppelbett in Frankies kleiner Wohnung. „Hätt i jetzt gern an Tschick!“ stöhnt die erschöpfte Frankie, doch hat sie das Rauchen schon vor Jahren aufgegeben, nachdem man sie als „wandelnden Aschenbecher“ bezeichnet hatte. Zigarette gibt es also keine, dann eben einen kleinen Snack zur Stärkung. Höflich, aber bestimmt versucht sie, ihren Gespielen vor die Tür zu setzen, denn sie sehnt sich nach Ruhe und Erholung. So leicht wird sie aber Johnny, der wie ein Wasserfall auf sie einredet, nicht los. Seine völlig überzogenen Komplimente nerven und überfordern sie. Er versteht ihre Zurückhaltung nicht, hat doch alles so toll angefangen. Soll er jetzt schon wieder aus dem Paradies vertrieben werden? Im Laufe des Abends erfährt er den Grund für ihre ablehnende Haltung. Wird Frankie ihre Beziehungsangst überwinden können und Johnny eine Chance geben?

Judith Brandstätter und Jurek Milewski haben schon in Pierre Chesnots Boulevardkomödie „Vier linke Hände“ bewiesen, dass sie auf der Bühne hervorragend harmonieren. Diesmal überzeugen sie als zwei vom Schicksal gebeutelte, einsame Menschen mittleren Alters. Dass hier bodenständiger Salzburger Dialekt auf polnischen Akzent trifft, erweist sich als überaus gelungene Kombination.

Caroline Richards hat diese warmherzige Komödie, in der zwei völlig unterschiedliche Charaktere aufeinanderprallen, in Szene gesetzt, wobei es ihr gelungen ist, auch den intimsten, etwas frivolen Szenen jegliche Peinlichkeit zu nehmen. Harald Schöllbauer hat ein riesiges Bett als wichtigste Requisite auf die Bühne gestellt. Die kleine Kochnische erweist sich als überaus praktisch, schafft es doch der Hilfskoch mit den „sexy Handgelenken“ hier, für seine Angebetete seine Spezialität, „ein Westernomelette“, zu zaubern, dessen betörender Duft die Zuschauer in den vorderen Reihen umschmeichelt.

Auch die zweite Vorstellung am 16.2.2017 war, wie die Premiere am 3.2.2017, ausverkauft. Ein Zeichen dafür, dass das Publikum im Kleinen Theater amüsante Beziehungskomödien mit Tiefgang zu schätzen weiß.

„Muss es heute Nacht sein?“ von Terrence McNally. Regie: Caroline Richards. Bühne: Harald Schöllbauer. Mit Judith Brandstätter & Jurek Milewski. Eine Produktion des Salzburger Tournee Theaters in Kooperation mit dem Kleinen Theater Salzburg. Fotos: Heinz Bayer




„Alice – Anatomie einer Suche“

Christine Winter ließ sich von Lewis Carrolls Kinderbuchklassiker zu einer Performance mit Schauspielern, Bewegungschor, Tänzern und Akrobaten inspirieren. Ohnehin bereits Autorin, Regisseurin und Produzentin des Stücks ist sie auch noch als Schauspielerin auf der Bühne zu erleben. Die Premiere fand am 10.2.2017 im ausverkauften Saal der ARGEkultur statt.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Nach einer frustrierenden Schulstunde marschiert die kleine Alice träumend durch die Straßen, wo sie von „zwei Witzfiguren“ angepöbelt wird. Die jugendliche Alice eilt ihr zu Hilfe und warnt sie vor den Gefahren, die hinter jeder Ecke auf sie lauern. Einer Einladung in den „White Rabbit Club“ können beide nicht widerstehen. Diese Lasterhöhle ist allerdings nichts für kleine Mädchen, denn hier herrscht die absolute Freiheit. Sie erweist sich jedoch als geeigneter Ort, um Erfahrungswerte zu sammeln.

Auf diesem Spielplatz der Sehnsüchte treiben sich die Kreaturen der Nacht herum und eine verführerische Katze erklärt den beiden Mädchen, dass alles seine Moral habe, man dafür aber ein Auge haben müsse. Klein Alice ist schwer überfordert, findet sie sich doch plötzlich in den Armen des netten Lukas wieder. Der erste Kuss verändert so einiges.

Die Tage der unschuldigen Kindheit sind endgültig vorbei und nun muss sie, in einer Folie gefangen, miterleben, wie es mit der jugendlichen Alice weitergeht. Erste Enttäuschungen sind vorprogrammiert, auch die ungeborene Seite von Alice kann das nicht verhindern. Alice muss feststellen, dass sie sich selbst verloren hat und sich selbst fremd findet. Der Bewegungschor jedoch kennt die „Geheimnisse zum Glücklichsein“ und gibt sie dem Publikum mit auf den Heimweg.

Christine Winter hat ganze Arbeit geleistet und die emotionalen Texte der 14-jährigen Alice, ihre Suche nach dem Ich, mit einem spielfreudigen Ensemble in einer poetischen, etwas skurrilen Performance zum Ausdruck gebracht. Als wahrer Glücksgriff erweist sich Dorothee Höhn als kindliche Alice. Mit ihrem staunenden Blick voll Unschuld wirkt sie so authentisch, dass man wirklich glaubt, ein verwirrtes kleines Mädchen stünde auf der Bühne. Kein Wunder, dass Lewis Carroll (Torsten Hermentin) von dieser „Karussellschönheit“ verzaubert ist. Victoria Morawetz als ungeborene Alice bewahrt stets die Ruhe und Übersicht, auch in gefährlichen Situationen. Elisabeth Breckner überzeugt als strenge Lehrerin, überforderte Mutter und extravagante Evelyn im Nachtclub. Der Bewegungschor bringt die unterschiedlichsten Emotionen zum Ausdruck, von Unschuld bis zu zündender Erotik.

Auch wer Lewis Carrolls Kinderbuch „Alice“, in der ein kleines Mädchen versucht, sich in einer unverständlichen, brutalen und gefährlichen Welt zu behaupten, nicht kennt, wird an diesem Abend ein wahres „Wunderland“ erleben. Alices Mutter mahnt ihre Tochter ständig: „Werde endlich erwachsen!“ Der Rat der Herzkönigin klingt wesentlich vernünftiger: „Werde nicht vor deiner Zeit erwachsen!“

„Alice – Anatomie einer Suche“ – Eine Performance nach Lewis Carroll‘s „Alice“. ARGEtheater – Koveranstaltung mit Christine Winter. Text und Regie: Christine Winter. Ausstattung: Morris Wick, Christine Winter. Bühne: Christine Winter. Musik: Christopher Biribauer. Choreographie: Margaretha Zach. Mit: Torsten Hermentin, Dorothee Höhn, Christine Winter, Victoria Morawetz, Thomas L. Hofer, Lisa Kuhn, Benjamin Büche, Morris Wick, Elisabeth Breckner. Bewegungschor: Felicitas Biller, Jana Hauswirth, Helena Hoffmann, Dorothee Horsch, Martin Ruhdofer, Christina Ottonson, Ursula Schwarz, Nina Vaas. Fotos: ARGEkultur/ Michael Größlinger




„Mr. Pilks Irrenhaus“ – Schwachsinn aus Überzeugung

Das OFF Theater feierte am 10.2.2017 mit einer Reihe von schwarzhumorigen, aberwitzigen Szenen aus der Feder des britischen Schauspielers Ken Campbell die erste Premiere in seinen neuen, schmucken Räumen in der Eichstraße 5 in Salzburg-Gnigl. Das Publikum durfte sich mit der Frage „Was ist Wirklichkeit in diesem Spiegelkabinett?“ auseinandersetzen und hatte jede Menge Spaß dabei.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Ken Campbell stellt Henry Pilk in den Vorbemerkungen zu seinem Stück so vor: „Zuallererst muss gesagt werden, dass Henry Pilk ein Wahnsinniger ist. Er unterhält Kontakte zu Dieben und Mördern. Mal befindet er sich innerhalb, mal außerhalb von Irrenanstalten. Ist abwechselnd freundlich und gewalttätig.“ Mit diesen Worten wird das Publikum bereits im Foyer vorgewarnt, bevor sich die Türen zum Theatersaal öffnen. Nun befindet man sich mittendrin im Spiegelkabinett des Wahnsinns und darf auf einem der kreuz und quer im Raum verteilten Stühle Platz nehmen.

„Und die Menschen! Die rennen geschäftig hin und her, tun etwas scheinbar Sinnvolles, was aber in Wahrheit etwas total Sinnloses ist“, sinniert ein Penner auf dem Hochhausdach. Als ein Lebensmüder neben ihm auftaucht, versucht er erst gar nicht, diesen von seinem Vorhaben abzubringen, er ist vielmehr scharf auf dessen Kleidung inklusive Brieftasche. Eine verzweifelte Mutter, deren Sohn sich für ein Huhn hält und echte Eier legt, landet ihrerseits im Irrenhaus. Mögen die einzelnen Szenen anfangs auch befremdlich wirken, so hat dieser Wahnsinn doch Methode und ist eigentlich hochintelligent und einfach genial. Grandios etwa die Szene, in der sich zwei Spionageanwärter am Einüben eines Sprachcodes versuchen. Amüsant auch zu beobachten, was passiert, wenn ein völlig durchgeknallter Cowboy bei einem biederen Ehepaar auftaucht. Mit abstrusen Lügengeschichten schafft er es, die Dame des Hauses so zu beeindrucken, dass sie sofort bereit ist, ihren gutmütigen Ehemann zu verlassen. Kein Wunder, dass dieser ausrastet. Henry Pilks Stimme aus dem Off warnt das Publikum ständig davor, diese Miniaturszenen und Dramolette als Sketche zu bezeichnen, da würde er völlig ausrasten und das wolle wohl niemand.

Das gesamte Ensemble wirft sich mit enormer Spiellust in die absurden Szenen. Maximilian Pfnür darf nicht nur als forscher Cowboy brillieren, er punktet auch als hinreißende, verführerische Lady und als eierlegendes Bübchen. Alex Linse spielt den abgebrühten Penner ebenso überzeugend wie die verzweifelte Mutter und scheut auch nicht davor zurück, seinem „Bierbauch“ ein Gesicht zu verpassen. Anja Clementi wirbelt temperamentvoll von Szene zu Szene und glänzt als männermordende Nymphomanin ebenso wie als hoffnungslos überforderte Spionin. Ein Musiker (Jonas Zacharias), der sich ständig einmischt, und ein gut gelauntes Eichhörnchen (Silke Stein), das immer wieder auftaucht, unterstützen das groß aufspielende Trio des „OFF Theater“-Ensembles.

An dieser schrillen Komödie dürften nicht nur Liebhaber des schwarzen englischen Humors ihre Freude haben. Ein Theaterabend, den man sich fast ein zweites Mal anschauen möchte, denn die vielen Minidramen und skurrilen Szenen verdienen es durchaus, ernst genommen zu werden, und das ist bei dem irrwitzigen Tempo der Vorstellung gar nicht so einfach.

„Mr. Pilks Irrenhaus“ von Ken Campbell. Besetzung: Anja Clementi, Alex Linse, Max Pfnür, Jonas Zacharias, Silke Stein. Foto: OFF




„Terror“ – SCHULDIG oder NICHT SCHULDIG?

Ferdinand von Schirachs Justizdrama wurde im Oktober 2015 in Berlin und Frankfurt am selben Abend uraufgeführt und wandert seitdem mit großem Erfolg rund um den Globus. Das Publikum fungiert als Schöffengericht und so variiert der Ausgang des Stückes von Vorstellung zu Vorstellung. Bei der Premiere am Salzburger Landestheater am 5. Februar 2017 wurde der Angeklagte freigesprochen.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Der vorsitzende Richter ersucht das Publikum, sich von den Plätzen zu erheben, und ermahnt es: „Nehmen Sie diese Verantwortung ernst und bleiben Sie in Ihrem Urteil selbst Mensch.“ Dann nimmt der Angeklagte Lars Koch neben seinem Verteidiger Platz, ihnen gegenüber die Staatsanwältin und eine Klägerin. Die Sachlage ist klar. Major Lars Koch, Pilot eines Kampfjets der deutschen Luftwaffe, hat 164 Menschen getötet. Aber hat er richtig oder falsch gehandelt, als er ein von Terroristen gekapertes Zivilflugzeug der Lufthansa abschoss, das sich auf dem Weg in die mit 70.000 Menschen vollbesetzte Allianz-Arena in München befand?

Oberstleutnant Lauterbach schildert den genauen Ablauf von der Entführung der Maschine bis zu deren Abschuss. Er gehörte zu der für die Sicherung des Luftraumes zuständigen Gruppe von Bundeswehroffizieren und Beamten. Hat man dort vielleicht die Meinung vertreten, der Major werde schon das einzig Richtige machen? Eine Evakuierung des Stadions wurde nie in Erwägung gezogen. Frau Meiser, deren Gatte im Flugzeug ums Leben kam, erhebt schwere Vorwürfe. Ihr war per SMS mitgeteilt worden, dass man dabei sei, das Cockpit zu stürmen. In den Schlussplädoyers prallen die Meinungen aufeinander. Durfte der Angeklagte Unschuldige töten, um andere Unschuldige zu retten? Kann ein übergesetzlicher Notstand nicht doch ein Gesetz außer Kraft setzen? Die Staatsanwältin hingegen vertritt die Meinung, dass die Würde des Menschen unantastbar sei und er nie zum Objekt gemacht werden dürfe.

Major Koch (Gregor Schleuning), einem besonnenen, hochintelligenten jungen Mann, dürften die sieben Monate in Untersuchungshaft schwer zugesetzt haben. Sein Verteidiger (Sascha Oskar Weis) zeigt sich umso gesprächiger, unterbricht ständig die Verhandlung und sieht nicht ein, wieso man seinen Mandanten wegen eines Prinzips einsperren sollte. Die Staatsanwältin (Julienne Pfeil) erläutert ebenso plausibel, warum Leben nie gegen Leben abgewogen werden dürfe. Amüsant das Verhör des überheblichen Oberleutnants Lauterbach (Georg Clementi), der für Zivilisten nur ein müdes Lächeln übrig hat. Berührend der Auftritt von Frau Meiser (Nikola Rudle), die nicht verstehen kann, warum ihr Mann sterben musste. Souverän leitet Christoph Wieschke als vorsitzender Richter die Verhandlung.

Die israelische Regisseurin Dedi Baron hat das Drama in einem kalten Gerichtssaal (Bühne und Kostüme: Eva Musil) als reines Sprechtheater in Szene gesetzt. Bei den Befragungen werden großformatige, auf die Bühnenrückwand projizierte Nahaufnahmen eingesetzt. Ein Theaterabend, der schon in der Pause für rege Diskussionen sorgte. Die, die auf schuldig plädierten, vertraten zumindest die Ansicht, dass die Strafe möglichst gering ausfallen sollte. Doch so weit kam es nicht, denn auch in Salzburg erfolgte ein Freispruch.

ngg_shortcode_2_placeholderWie andere Theater abgestimmt haben erfährt man unter http://terror.theater/

„Terror“ von Ferdinand von Schirach. Inszenierung: Dedi Baron, Bühne und Kostüme: Eva Musil. Mit: Christoph Wieschke, Gregor Schleuning, Sascha Oskar Weis, Julienne Pfeil, Georg Clementi, Nikola Rudle, Eva Christine Just, Felix Mayrhofer. Fotos: © Anna-Maria Löffelberger




„Salzburg träumt“ – Fantasien einer gelingenden Integration

Die Regisseurinnen Marion Hackl und Bernadette Heidegger unterrichten am Musischen Gymnasium Darstellendes Spiel. Gemeinsam mit sieben Schülern und acht Flüchtlingen gingen sie der Frage nach: „Was wäre, wenn Salzburg die flüchtlingsfreundlichste Stadt Österreichs wäre?“ Das Ergebnis eines produktiven Miteinanders feierte am 2.2.2017 in der ARGEkultur Premiere. Herzerwärmend!

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Hackl und Heidegger berichten zu Beginn per Videobotschaft, dass es gar nicht so einfach gewesen sei, Flüchtlinge für eine Performance zu gewinnen, hätten sich diese doch unter „Theater“ absolut nichts vorstellen können. Über einen am BFI abgehaltenen Deutschkurs für Flüchtlinge wurde man schließlich fündig. Von den ursprünglich 20 jungen Männern blieben letztlich acht übrig, die sich mit der nötigen Neugierde und Begeisterung auf das Projekt einließen. Warum keine muslimischen Frauen für dieses Projekt zu gewinnen waren, erklären die jungen Männer ganz offen. Bei ihnen dürfen Frauen nichts, sie fühlten sich im Gespräch mit fremden Männern nicht so sicher, das bräuchte noch mehr Zeit.

„Wie wir feststellen durften, setzt gemeinsam träumen vertraut sein voraus und Vertrauen entsteht langsam und vorsichtig, besonders wenn sich zwei verschiedene Kulturen annähern. Wir haben also beschlossen, dem zu folgen, was ist, und nicht dem, was wir geplant hatten. Eigentlich haben wir nicht geträumt … wir hatten die Augen offen, ganz nüchtern und unverträumt und haben angefangen, einander zu sehen, was noch lange nicht bedeutet, dass wir uns schon kennen. Aber wir haben damit angefangen und das ist sehr schön.“

In der Vorstellrunde geht bei allen die Fantasie durch, ein verwirrendes, doch amüsantes Gemisch aus Wahrheit und Lüge ist die Folge. Auf die Bitte, doch ein österreichisches Lied zum Besten zu geben, hält sich die Begeisterung in Grenzen, seien diese doch grundsätzlich peinlich. Man einigt sich schließlich auf den Andachtsjodler. Auf die Frage, was denn das „Tjo tjo iri“ zu bedeuten habe, gibt es nur eine Antwort: Nix. Auch die Flüchtlinge zieren sich anfangs etwas, doch zu einem somalischen Lied formiert sich nach und nach ein rhythmischer Kreistanz. Ernst wird es bei einem „Gesinnungstest“, dessen Fragen so kompliziert sind, dass In- und Ausländer aufgeben müssen. Was für die Akteure mit fünf oder zehn Jahren wichtig war, plaudern sie gerne aus, doch aktuelle Wünsche und Sehnsüchte flüstert man sich lieber ins Ohr. Ein Rest Privatheit muss bleiben.

Bernadette Heidegger und Marion Hackl haben gemeinsam mit dem Musiker Benjamin Baierlein eine gelungene Vision des Zusammenlebens junger Leute von „hier“ und „dort“ geschaffen. Dieses einzigartige kulturelle Projekt ist Doraja Eberle von der Organisation „Bauern helfen Bauern“ zu verdanken. Gemeinsam mit dem Regisseur, Coach und Journalisten Peter Arp, den sie im Krisenteam am Salzburger Bahnhof kennenlernte, nützte sie die großzügige Weihnachtsspende eines Galeristen, um endlich einmal etwas MIT Flüchtlingen zu machen und nicht immer nur FÜR.

Salzburg träumt“ – Fantasien einer gelingenden Integration. ARGEtheater – Koveranstaltung mit Bauern helfen Bauern. Regie: Marion Hackl, Bernadette Heidegger. Musik: Benjamin Baierlein. Projektkoordination: Peter Arp. Fotos: ARGEkultur




„Die Macht der Gewohnheit“ – morgen in Augsburg

Thomas Bernhards Künstlerkomödie wurde 1974 im Rahmen der Salzburger Festspiele im Salzburger Landestheater uraufgeführt. In der Rolle des Zirkusdirektors Caribaldi schimpfte und tobte damals der großartige Bernhard Minetti, Dieter Dorn führte Regie. Nun inszeniert Marco Dott das Stück auf der Bühne 24 im Marionettentheater mit Marcus Bluhm als cholerischem, monologisierendem Wüterich.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Zirkusdirektor Caribaldi zelebriert seine vielen Zwangshandlungen und Marotten, besonders während der täglich stattfindenden Proben des Forellenquintetts von Schubert. Er nervt damit seine Mitspieler, die alle mit wenig Begeisterung bei der Sache sind. Der Jongleur behauptet, er werde den Zirkus bald schon Richtung Bordeaux verlassen, da er dort nicht nur die grandiose Tellernummer, sondern auch seine Kunstpudelnummer zeigen dürfe. Mehr Geld und eine Kleiderzulage gäbe es natürlich auch.

Zur Strafe für diese Unverschämtheit täuscht Caribaldi eine „altersbedingte Fingerschwäche“ vor, verliert ständig sein Kolophonium und lässt den Jongleur auf dem Boden herumkriechen. Nach und nach trudeln die restlichen Artisten ein: sein seiltanzendes Enkelkind, der einfältige Spaßmacher und zuletzt sein Vetter, der betrunkene Dompteur, der wieder einmal die Probe sabotiert. Für Caribaldi sind sie alle unglückliche Figuren, lebenslängliche Nervensägen, einfach widerwärtig. Seit 22 Jahren versucht er nun, eine fehlerfreie Aufführung hinzubekommen, doch mit diesen ungebildeten Banausen wird das wohl nie möglich sein. Aber vielleicht wird ja morgen in Augsburg alles besser.

Neben dem sprachmächtigen Caribaldi darf auch der Jongleur (Hanno Waldner) längere Reden schwingen. Er begehrt zwar auf, kann sich jedoch nie durchsetzen und befolgt schließlich servil die unsinnigsten Befehle des großen Meisters. Die Enkeltochter (entzückend naiv Janina Raspe), befolgt ebenso brav die Forderungen ihres rücksichtslosen Opas, nervt ihn aber mit ihrem schrillen Lachen.

Der Spaßmacher (Walter Sachers) hat mit seiner Seidenkappe zu kämpfen. Dies sorgt zwar in der Manege für Heiterkeit, bei der Probe treibt es Caribaldi aber fast in den Wahnsinn. Der schäbig grinsende Dompteur (Axel Meinhardt) hat sich wohl die größte Tortur für den Zirkusdirektor ausgedacht. Er ist ständig betrunken und frisst stinkenden Rettich.

Für diese bunte Truppe, die es hervorragend versteht, die Kunst zu sabotieren, hat Katja Schindowski einen in Schwarz-Weiß gehaltenen Probenraum, der etwas in Schieflage geraten ist, auf die Bühne 24 im gemütlichen Marionettentheater gestellt. Die Zuseher, die die Pause zur Flucht vor zu viel Thomas Bernhard nutzen, verpassen das köstliche Finale, in dem Marcus Bluhm zu Höchstform aufläuft.

 

„Die Macht der Gewohnheit“ von Thomas Bernhard. Inszenierung: Marco Dott. Bühne und Kostüme: Katja Schindowski. Mit: Marcus Bluhm, Janina Raspe, Hanno Waldner, Axel Meinhardt, Walter Sachers. Fotos: © Anna-Maria Löffelberger

 




„Schlag sie tot“ – bitterböses Puppentheater

In der ARGEkultur wurde am 28. Jänner 2017 das 35. MotzArt Kabarett Festival eröffnet. Nikolaus Habjan und Manuela Linshalm nehmen das Publikum mit ins Altersheim Immergrün, wo Herr Berni seinen Mitbewohnern das Leben schwermacht, denn er hasst sie alle.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Der zweifache Nestroy-Theaterpreis-Träger (2012 Beste Off-Produktion, 2016 Publikumspreis) Nikolaus Habjan war mit seinen lebensgroßen, selbstgefertigten Klappmaulpuppen schon drei Mal in der ARGEkultur zu Gast. Nach „Der Herr Karl“, „Don Quijote“ und „6 Österreicher unter den ersten 5“ serviert er diesmal ein bitterböses, sozialkritisches Stück, benannt nach dem Chanson-Klassiker von Georg Kreisler.

Die Verwandten und ein Schlaganfall haben dafür gesorgt, dass Herr Berni, eigentlich Herr Diplomingenieur Bernhard Schwingenschläger, im Heim gelandet ist. Der cholerische Heimleiter Dr. Gerd Oberwetz-Schnittke aus Detmold legt sich mit dem aus Polen stammenden Musiker an und wirft ihn kurzerhand hinaus. Wer soll nun die ehemals in Bayreuth gefeierte Operndiva Gisela Hering am Klavier begleiten? Der liebenswürdige, etwas vergessliche Eisverkäufer Hermann Dilette plagt sich vergeblich mit einem Sudoku. Er kann es einfach nicht fassen, dass er das Wort „Affe“ nicht unterbringen kann. Berni jedoch kennt sich aus, er weiß, was da schiefläuft: „Das ist ja der Zahlenschas aus Japan.“ Die adipöse Bettina Bunzl dämmert auf der Couch vor sich hin und gibt außer unangenehmen Geräuschen nichts von sich. Als im Heim die Fliegengrippe ausbricht, kommt auch das Publikum nicht ungeschoren davon. Diesmal sind nicht nur die vorderen Reihen dran, der Heimleiter schafft es mit seinem Giftspray bis in die obersten Ränge. Als die kokette Schwester Sylvie herausfindet, dass bei Herrn Dilette Geld zu holen ist, greift sie zum Giftfläschchen und ein mörderisches Spiel beginnt.

Nikolaus Habjan hat in Graz Musiktheaterregie studiert und mit seinem großen Vorbild, dem berühmten australischen Puppenspieler Neville Trantner, gearbeitet. Virtuos haucht er seinen Figuren Leben ein. Er agiert nicht nur als Bauchredner, der den Puppen die Stimme leiht und sie in Bewegung setzt, sondern führt mit ihnen auch Streitgespräche, denn nicht immer sind die Puppen mit den ihnen zugedachten Texten einverstanden. Manuela Linshalm erweist sich ihm als ebenbürtige Partnerin.

Die zynische Altenheimsatire ist eine Produktion des von Simon Meusburger und Nikolaus Habjan geleiteten Schubert Theaters Wien. Die kleine, versteckte Bühne im 9. Wiener Gemeindebezirk hat sich auf Figurentheater für Erwachsene spezialisiert und ist für seine morbid-humorvollen Produktionen bekannt. Das Programm für die kommenden Monate ist unter http://schuberttheater.at/ zu finden.

Foto: ARGEkultur