
Autor: Bodo Kirchhoff
Titel: Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
ISBN: 9783423284912
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Erschienen: 15. 1. 2026
Buch in der Salzburger
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Klappentext
Vom Werben um die eigene Frau
Seit fünfzig Jahren sind sie verheiratet. Dann geht er weg, nach Indien. Sie reist ihm nach, besorgt und wütend. Er: Viktor Goll, genannt Vigo, Leiter einer Denkfabrik für Abrüstung. Sie: Terese Weiler, Kinder- und Jugendtherapeutin. Was sie teilen, ist fast nur noch das Gefühl, aus dem anderen jeweils das Schlechteste herauszuholen.
Sollen sie zusammen alt werden? Die Frage ist plötzlich unausweichlich. Gehen oder bleiben? In Indien weiß Terese, dass sie Vigo verlassen muss. Als er um eine letzte Chance bittet, antwortet sie: »Was du tun kannst, damit ich zurückkomme? Von dir absehen. Nur einmal im Leben.«
Worauf Vigo einen Roman zu schreiben beginnt, erzählt aus der Sicht seiner Frau, ihre ganze gemeinsame Geschichte.

Von Peter Reutterer
Autor, Musiker und Kulturvermittler
Henndorf, Flachgau, Salzburg
Liebe und Gewalt in bestmöglicher Wahrhaftigkeit
Angesichts der prekären Weltlage sollte die aktuelle Literatur eine neue entsprechende Qualität aufweisen und gleichzeitig dem Unveränderlichen des Menschlichen, nicht zuletzt der Liebe, Tribut zollen. Der neue Roman von Bodo Kirchhoff entspricht diesen beiden Ansprüchen.
Faszinierend, wie es dem Autor gelingt, eine sehr persönliche Liebesgeschichte mit den monströsen Kriegen von heute und ihrer massenmordenden Geldverschwendung zu verquicken. Protagonistin ist die bereits ältere Terese, eine Therapeutin. Sie reist ihrem Mann Vigo, dem Leiter einer Denkfabrik für Abrüstung, nach Indien hinterher. Er betreibt dort Buchrecherche, sie vermutet eine Affäre. U.a. bespricht sich der Ehemann in einer indischen Bucht mit einem Schweizer Waffenfabrikanten.
In der militärischen Expertise liegt der eine großartige Gewinn für den Leser aus diesem Buch, den viele Besprechungen (vermutlich politisch motiviert) übergehen: Kirchhoff listet auf, welche Unsummen an Geld heutige Waffen verschlingen und zeigt detailliert, wie blutig grausam sie massakrieren. Deutlich u.a. in der Begegnung Thereses mit der Ukrainerin Zlata, die zuvor von Vigo (wohl auch erotisch) kontaktiert wurde. Sie öffnet sich, erzählt, sie habe vor kurzem Mann und Kinder im Ukraine-Krieg verloren. Die Umstände dieser Tragödie drastisch: Während Zlata nämlich auf der Toilette eines Restaurants war, wurden ihr Mann und die zwei Kinder von einer fehlgeleiteten russischen Drohne (mit einem Drei-Kilo-Sprengstoff) zerrissen. …da lag der Rumpf von meinem Mann auf dem Tisch, und es sah aus, als würden Kabel aus dem Fleisch stehen, das waren Arterien, und ein Arm meiner Tochter lag neben Fetzen von dem Fisch, den sie nicht essen wollte…und von Maksym, …, unserem Sohn mit bestandener Aufnahmsprüfung fürs Gymnasium, war nur ein roter Klumpen übrig.
Der andere großartige Gewinn aus diesem neuen Roman Kirchhoffs ist das Erlebnis einer wahrhaftigen und zugleich sinnlichen Liebesgeschichte. Wie auch schon in seinen früheren Büchern umkreist Kirchhoff das Wesen der Liebe auf eindrückliche Weise. Dieses Mal geht es um ein Ehepaar jenseits der Sechzig und um deren Entscheidung, ob ihre Beziehung fortbestehen könne. Terese schlittert bei ihrer Ankunft in Mumbai, obwohl sie ihren Mann finden und sprechen will, in eine Liebesgeschichte mit dem deutlich jüngeren Rana, dem Besitzer eines Guesthouses. Aus dieser unerwarteten, recht emotionalen Liaison wird sie bald herausgerissen. Ava, die gemeinsame Tochter mit Vigo hat ihre Eltern zu etwas -vorerst nicht benannten- Wichtigem nach London beordert. Das Treffen verläuft äußerst angespannt, weil ihnen Ava einen Major (für die pazifistisch Denkenden unerträglich) als Verlobten präsentiert. Während der Übernachtung im gemeinsamen Hotelzimmer findet außerdem ein Sexualakt statt, den Terese dezidiert nicht will, den sie aber nach erfolgloser Abwehr geschehen lässt. Solcherlei erzählt Kirchhoff nüchtern und wird für diese Wahrhaftigkeit von mancher Besprechung (z.B. von Jürgen Deppe, NDR) gescholten. Was die Liebesgeschichte der gealterten Therese mit Rana angeht: Ein Reigen aus Intensität und Ambivalenz, inklusiv der feinen Schilderung sexueller Erfüllung. Diese literarische Qualität ist in der heutigen Literaturszene einmalig und unerreicht meisterlich.
Der eleganten Erzählkunst von Bodo Kirchhoff kann man nur Lob zollen, das könnte man im Weiteren u.a. an der raffinierten Perspektive (eigentlich bemüht sich nämlich der Ehemann, aus der Perspektive der sich entfernenden Ehefrau zu erzählen) oder an einzelnen stilistischen Pretiosen zeigen. Lediglich einen ganz einfachen Satz will ich zitieren: Sie schlief einen Ferienschlaf. Wie unprätentiös, zugleich präzise literarisches Erzählen doch einen Augenblick des Lebens auf den Punkt bringen kann. Das jedenfalls zeigt uns einer der größten deutschen Erzähler.

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Es gab eine Zeit in meinem Leben, da habe ich die frühen Erzählungen von Bodo Kirchhoff verschlungen. Noch heute stehen diese Bücher in unserer Bibliothek in Sarród.