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Rede von Ludwig Laher vom 20. Oktober 2012

Meine Damen und Herren,

wieder einmal hat sich eine kleine Gruppe von Menschen hier an der Erinnerungsstätte versammelt, um an die Opfer der beiden Lager Weyer-St. Pantaleon zu denken, an den Einbruch der Barbarei in die ruhige Provinz.

Schon einmal habe ich bei dieser Gelegenheit aus einer meiner Arbeiten zum Thema die Passage zitiert: Erinnern ist ein Lebensmittel, das nicht allen schmeckt. Aber gesund ist es. Vor allem im Hinblick auf die Zukunft.

Und tatsächlich: Wir ehren die Toten am besten dadurch, daß wir uns bemühen sicherzustellen, daß sich nicht wiederholt, was geschehen ist, daß die Voraussetzungen dafür nicht mehr entstehen. Wer heute nach Griechenland blickt, wo die Nationalsozialisten nach Umfragen bereits die drittstärkste Partei sind und sich getrauen, in aller Öffentlichkeit Jagd auf Mißliebige zu machen, sie zu verprügeln, zu quälen, auch Tote hat es schon gegeben, der bekommt vorgeführt, wie eng verzahnt wirtschaftliche Not und Sündenbockphantasien sind, wie gering die Selbstreinigungskraft einer solchen Gesellschaft, derlei entschieden entgegenzutreten.

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Im Bezirk Braunau und, weil von den internationalen Medien wahrgenommen, weit darüber hinaus gibt es derzeit wieder einmal eine heftige Debatte über Erinnerungskultur, die sich an Schlagwörtern wie dem Hitler-Geburtshaus, dem Konzept Friedensbezirk oder dem sogenannten Franz-Xaver-Gruber-Friedensweg orientiert. Hier ist weder der Ort noch der Anlaß, sich dazu umfassend und kritisch zu äußern, aber einige wenige Gedanken möchte ich zum Grundsätzlichen anbieten:

Erinnerungskultur, die weiterhilft, ist kontinuierliche Erinnerungsarbeit, weder Behübschung noch, wie es auf der Homepage des Friedensbezirkes Braunau entwaffnend ehrlich heißt, das Bestreben, ein „sympathisches, wertschätzendes Image für unseren Bezirk“ aufzubauen. Mit Image bezeichnet man laut Definition den subjektiven Gesamteindruck einer großen Mehrheit von Menschen über einen Meinungsgegenstand, also ein relativ schwammiges Stimmungsbild.

Denkmäler, Skulpturen und dergleichen haben aber nur dann einen Sinn, ja eine Berechtigung, wenn sie, wie hier an diesem Ort, regelmäßig Anlaß einer umfassenden Auseinandersetzung mit dem Grund ihrer Entstehung sind.

In Hitlers Geburtshaus moderne Wohnungen einzurichten oder das alte Gebäude gar aus dem Ensemble herauszubrechen, zu tilgen, diese Absichten verunmöglichen konstruktive Erinnerungsarbeit. Natürlich hat das Kleinkind Hitler, das Braunau auf immer verließ, keinerlei Schaden angerichtet, aber Braunau kann sich der Symbolkraft des Geburtsortes einer historischen Persönlichkeit nicht so einfach entziehen, wie umgekehrt etwa das nahe Marktl in Bayern vom Kleinkind Ratzinger, das mit seinen Eltern verzogen ist, ebendieser Symbolkraft wegen ökonomisch profitieren wollte, als Ratzinger Papst wurde.

Ein Haus der Verantwortung, wie es Andreas Maislinger schon vor einem guten Jahrzehnt anregte, ein lebendiger Ort der zukunftsorientierten Erinnerungsarbeit, der vor allem auch von jungen Menschen getragen und für sie tätig ist, wäre die ideale Nutzung des Geburtshauses von Adolf Hitler.

An der Erinnerungsstätte in St. Pantaleon werden heute zunächst Nicole Sevik mit einer Rede zur Frage, was sich seit der Jahrtausendwende für die Sinti und Roma im Land zum Besseren oder Schlechteren entwickelt hat, dann Gitta Martl mit einem Gedicht an ihren Großvater, ein Opfer von Weyer und Lodz, sowie schließlich im Gemeindeamt

Jens-Jürgen Ventzki als Sohn des NS-Bürgermeisters von Lodz, den es nicht bekümmerte, daß Rosa Martls Großvater im Ghetto umkam, lebendige Erinnerungsarbeit leisten, Nachkommen der Täter und Opfer werden sich austauschen. Ich danke unseren Gästen und Ihnen, die Sie sich dazu eingefunden haben.

Vita:
Ludwig Laher
5120 Sankt Pantaleon
Homepage


Oberösterreich-Österreich in Geschichte und Literatur mit Geographie 32. Jahrgang, Mai-Juni/Juli-August 1988, Heft ¾. Der Aufsatz wurde als Ergänzung zum Referat von Ludwig Laher für die Veröffentlichung in der Dorfzeitung zur Verfügung gestellt.

Ergänzung einer Ortschronik “Arbeitserziehungslager” und “Zigeuneranhaltelager” Weyer (Innviertel)

drmaislinger100x122bVon Andreas Maislinger.

“In Oberösterreich (Gemeinde St. Pantaleon) existierte vom 5. Juli 1940 bis ca. 7. Jänner 1941 ein Erziehungslager für Arbeitsunwillige und Asoziale. Vom 7. Juli 1940 bis etwa Ende August 1940 war das Lager im Gasthaus Göschl in Moosach {Gemeinde St. Georgen, Bezirk Salzburg) untergebracht, vom Frühherbst 1940 (unterschiedliche Angaben) bis 7. oder 9. Jänner 1941 kam es zur Auflösung des Lagers, angeblich wegen vorgekommener schwerer Misshandlungen von Lagerinsassen, von denen fünf an den Folgen dieser Behandlung starben. In einer Anzeige an die Bezirkshauptmannschaft in Braunau vom 3. Dezember 1952 wird darauf hingewiesen, daß der NS-Gauleiter von ,Oberdonau’, Eigruber, das Lager St. Pantaleon bzw. Weyer illegal einrichten ließ, ohne die Regierungsstellen in Berlin davon informiert zu haben. Die Lagerinsassen zog man zu Entwässerungsarbeiten (Ibm – Waidmoos) heran. Die Bewachung der arbeitsfähigen Zigeuner und deren Transport vom bzw. zum Lager besorgten Organe der Reservegendarmerie.

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Unmittelbar nach der Auflösung des Lagers wurde das Gasthaus Geratsdorfer in Weyer in ein Zigeunerlager für in Oberösterreich aufgegriffene Zigeuner umfunktioniert, das allerdings nur vom 18. oder 19.Jänner 1941 bis zum 2. März 1941 existierte und dann aufgelassen wurde, wie einem Erhebungsprotokoll an die Oberösterreichische Landesregierung in Linz vom 18. März 1954 zu entnehmen ist. In einem anderen Akt an die Bezirkshauptmannschaft in Braunau vom 3. August 1959 wird das Auflassungsdatum mit 29. Oktober 1941 angegeben. Es dürfte sich hierbei um den richtigen Termin handeln, da im Lackenbacher Lagertagebuch am 4. November 1941 von einer Einweisung von 301 Zigeunern aus Linz die Rede ist, als vermutlich die Zigeuner von Weyer laut Erhebung allesamt nach Lackenbach überstellt wurden. 1) Als Grund für die rasche und endgültige Auflassung des Lagers wird die geringe Arbeitsleistung der Zigeuner bei der Ibm – Waidmooser Entwässerung angegeben. Die Anzahl der nach Weyer eingewiesenen Zigeuner beträgt laut Protokoll 350, worunter sich auch Kinder befunden haben sollen. Wann allerdings die ersten Zigeuner nach Weyer gebracht wurden, konnte ich nicht eruieren. Außerdem gab es in Oberösterreich in der Nähe von Attnang – Puchheim in Steyrermühl ein NS-Arbeitslager, in dem unter anderem auch Zigeuner untergebracht waren.”2)

Die Gemeinde St. Pantaleon gab 1979 (Anlass: 200 Jahre Innviertel bei Österreich) eine 132 Seiten umfassende Chronik heraus. In dieser Ortschronik findet sich unter anderem eine Geschichte des Gerichtes Wildshut, eine Liste aller Bürgermeister seit 1848, persönliche Erinnerungen einiger Gemeindebürger, Geschichte des Postamtes, Notizen aus der Geschichte des Brauerei- und Gutsbetriebes Wildshut, der Hauptschule, des Schützenvereines und vieles mehr.

Auch der Österreichische Kameradschaftsbund St. Pantaleon kommt zu Wort: ,,1939- 1945 kehrten doppelt so viele Soldaten nicht heim wie im Ersten Weltkrieg: 48 waren gefallen und 16 wurden vermisst. Unsäglicher Schmerz traf die Angehörigen, erschüttert waren Freunde und Bekannte. 1950 wurden diese Helden in einem neuen Kriegerdenkmal verewigt.”3) Von den Ermordeten des Lagers Weyer steht in dieser Ortschronik nichts. 4) Desgleichen findet man darin nichts über die von St. Pantaleon über Salzburg und Lackenbach (Burgenland) nach Auschwitz-Birkenau transportierten Zigeuner.

I

Allgemein fällt auf, daß Ortschroniken in Österreich die Zeit von 1938 bis 1945 aussparen. Dies hat eine Untersuchung der Tiroler Ortschroniken ergeben 5), und der Vergleich mit den Ortschroniken der anderen Bundesländer bestätigt diesen Eindruck. Wenn überhaupt Information über die Zeit des Nationalsozialismus gebracht wird, dann beschränkt sich diese meist auf die Liste der gefallenen “Helden” des Ortes. Gefragt, warum diese Jahre ausgelassen werden, bekommt man meist die Antwort, dies sei noch nicht lange genug zurück, es würden noch zu viele leben. Man kann nicht darüber schreiben. Aber über andere Ereignisse, welche weniger lange zurückliegen, wird ausführlich geschrieben. Weiters wird eingewendet, daß alle Unterlagen aus dieser Zeit verbrannt oder sonst wie vernichtet wurden und man ohne Dokumente nicht berichten könne. Mir fällt allerdings auf, daß über andere Zeitabschnitte oft ebenfalls keine Dokumente vorliegen, über die Ortschroniken sehr wohl berichten, wobei sie sich auf die Erinnerungen einzelner Gemeindebürger verlassen. Nach dieser Methode hätten Bewohner von St. Pantaleon sicher über das Lager berichten können, das haben meine Nachforschungen gezeigt. Sie wurden aber von den Herausgebern der erwähnten Ortschronik nicht danach gefragt, wobei dies aus Unachtsamkeit geschehen sein kann, vielleicht aber auch aus einer falsch verstandenen Sensibilität (“nur nicht daran rühren”). Ortschroniken wollen eine heile Welt vermitteln, und wer will da schon gerne, zumal der Anlass für die Ortschronik St. Pantaleons ein feierlicher war, an die Grausamkeiten der Nazi-Zeit erinnert werden. Neben einem Beitrag über “Fremdenverkehr in St. Pantaleon”, neben einem über ” Theatergesellschaft” ebenda hätten die Erinnerungen Katharina Lindenbauers sicher mehr als ernüchternd gewirkt:

” Wir haben da fürchterlich geweint. Es war ein Novembertag, und da haben sie die Leute bloßfüßig fortgetrieben. Die Kinder haben geschrieen und geweint. Na, die haben auch nur mitnehmen können, was sie in der Tasche haben tragen können. Es war so grauenhaft. Na, und Flöhe haben wir so viele gehabt, daß ich heute, wenn ich daran denke, mich noch oft kratzen muss. Die Flöhe waren von den Zigeunern.”6) Derartige Erinnerungen trüben natürlich jedes harmonische Bild. Verzichten Ortschroniken deshalb auf sie?

II

Spätestens seit dem Fall Reder – Frischenschlager (1985) und den Auseinandersetzungen im Gefolge des Bundespräsidentenwahlkampfes 1986 ist der Eindruck entstanden, daß in Österreich ” Verdränger” in der Mehrheit sind, daß es daran mangelt, Verantwortung für die Beteiligung an den Verbrechen des Nationalsozialismus zu übernehmen. Die Verdrängung eines Teiles der Dorfgeschichte ist Teil der Verdrängung eines Teiles der nationalen Geschichte, die Toten des Arbeitserziehungslagers Weyer wurden vergessen wie die SS-Männer österreichischer Herkunft, die in den Vernichtungslagern mordeten, verdrängt wurden. Bundeskanzler Franz Vranitzky, im September 1987 auf Staatsbesuch in der Volksrepublik Polen, erinnerte im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz- Birkenau an die 30.000 österreichischen Opfer, nicht aber an die Täter österreichischer Herkunft, waren doch Österreicher im Vernichtungsapparat der Nationalsozialisten überproportional vertreten; Simon Wiesenthai hat diese Tatsache in seinem Memorandum für Bundeskanzler Josef Klaus 1966 aufgezeigt.

Neben dieser mangelnden „Trauerarbeit” 7) ist es die gleichgültige bis unterdrückende Politik der Republik Österreich gegenüber Sinti und Roma, weshalb Weyer vergessen wurde. Die Opfer des Lagers Lackenbach haben einen Gedenkstein. Er wurde vor drei Jahren errichtet. Nach jahrelangen Bemühungen der Österreichischen Lagergemeinschaft Auschwitz und anderer Vereinigungen enthüllte Bundespräsident Rudolf Kirchschläger am 6. Oktober 1984 das Denkmal. Bei dieser Denkmalenthüllung kamen Sinti und Roma nicht wesentlich zu Wort. Viele von ihnen fühlten sich zu Recht bevormundet.

III

In Österreich gibt es erst schwache Ansätze einer »Geschichte von unten”, während in der Bundesrepublik bereits viele Forschungsarbeiten über die NS-Zeit nach dieser Methode entstanden sind und entstehen. Obwohl wiederum nur ein Teil dieser Arbeiten veröffentlicht werden konnte, fanden sie oft Eingang in Regionalzeitungen. Auch so genannte Geschichtswerkstätten sind entstanden, und auf Geschichtsfesten werden Forschungsergebnisse aus der Regional-, Lokal- und Ortsgeschichte vorgestellt. In Österreich beschränken sich diese Vorhaben auf kleine, ziemlich abgeschlossene Gruppen von wenigen Interessierten. Von einer neuen Geschichtsbewegung kann keine Rede sein. 1985 förderte das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Sport zwar Schülerarbeiten über  „Heimkehr”, mit dieser Aktion lenkte man das Interesse der Schüler allerdings auf den Zeitraum nach 1945. In St. Pantaleon haben wir uns nicht daran gehalten und auch die NS-Zeit mitbehandelt.

IV

In der Bundesrepublik Deutschland besteht ein Verband Deutscher Sinti und Roma, der in den letzten Jahren viel erreichen konnte. Es sind Bücher über Zigeuner erschienen, Zigeuner haben sich zum ersten Mal auch zusammengeschlossen, um sich zur Wehr zu setzen. In Österreich fehlt dieser Zusammenschluss. Es gibt deshalb auch niemanden, der für die österreichischen Zigeuner sprechen könnte. 8.) Auch bei den ehemaligen Häftlingen des so genannten “Arbeitserziehungslagers” ist es ähnlich. Meist fehlt ihnen das Interesse, sich einem KZ-Verband anzuschließen, und von den ehemaligen KZ-Häftlingen werden sie nicht voll anerkannt. Dies ist jedenfalls mein Eindruck nach zahlreichen Gesprächen mit Angehörigen beider Gruppen. Schließlich hat das Wort „Arbeitserziehungslager“ für einige den Beigeschmack einer berechtigten Strafe. Wer nicht arbeiten wollte, wurde eben von den Nazis dazu erzogen. Dass die meisten Häftlinge dieser Lager wegen Kleinigkeiten oder ihres politischen Widerstandes eingeliefert wurden, scheint weitgehend unbekannt oder unberücksichtigt zu sein und zu bleiben.

Keiner der Verbände der Opfer des NS-Regimes fühlt sich fur diese ehemaligen Häftlinge der Arbeitserziehungslager wirklich verantwortlich. Und den Zigeunern und den ehemaligen Häftlingen fehlt das Vertrauen, sich an diese Verbände zu wenden. Und ohne Druck eines KZ-Verbandes ist kaum zu erwarten, daß eine kleine Gemeinde darauf hinweist, daß es auf ihrem Gebiet ein “kleines Konzentrationslager” gab. In Lackenbach kam die Anregung von außen. 9)

V

Auch die Zeitgeschichtsforschung ist nicht aus der Verantwortung zu entlassen. Ohne eine genaue Analyse der veröffentlichten Forschungsergebnisse geben zu können, fällt doch auf, daß eine gewisse Schwerpunktsetzung bei der Geschichte der Arbeiterbewegung und eine Vernachlässigung der Regional- und Ortsgeschichte zu bemerken ist. Bei der Durchsicht der Veröffentlichungen entsteht der Eindruck, als ob bewusst zwei verschiedene Welten aufrecht erhalten würden: die eine ist die der Zeitgeschichtler, die andere die der Ortschronisten. Inhaltlich bestimmt wird die eine von der Erforschung des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus und die andere von der notwendigen “Pflichterfüllung”. Beispiel für die eine sind die Dokumentationen über „Widerstand und Verfolgung 1934-1945″ 10),  Zeugnis für die Tätigkeit der anderen das in jedem Ort errichtete Kriegerdenkmal, mit dem das Gegenteil behauptet wird: Nicht die, die Widerstand leisteten, sondern die, die im Rock der Deutschen Wehrmacht für Adolf Hitler das Leben gaben, sollen in die Geschichte eingehen. Mit ganz wenigen Ausnahmen fehlt der österreichischen Zeitgeschichtsforschung das Bestreben, bis hinein in die kleinste Gemeinde zu wirken. Die Veröffentlichungen wenden sich größtenteils mehr oder weniger bewusst an einen engen Leserkreis. Es gibt Ausnahmen, das steht fest, aber jeder scheint in seiner Welt bleiben zu wollen.

VI

Soweit meine fünf  Erklärungsversuche. Ermutigt durch meine Arbeiten über den SA-Putschversuch im Juli 1934 in der Nachbargemeinde Lamprechtshausen  11), begann ich mich vor etwa drei Jahren auch mit St. Pantaleon zu beschäftigen. Aus der Literatur über die NS-Zeit in Österreich hatte ich zumindest einige wenige Informationen. In ” Widerstand und Verfolgung in Oberösterreich 1934-1945″ 12) finden sich einige Dokumente über die begangenen Grausamkeiten und Morde, welche eingangs erwähnt wurden. Bei den mir notwendig erscheinenden Ergänzungen ging es jedoch nicht ausschließlich um weitere Fakten, sondern vielmehr um das Wissen der Einwohner dieser Gemeinde und um ihre Fähigkeit und Bereitschaft, sich zu erinnern. Mir wurden immer wieder Beispiele vor Augen gehalten, wonach kaum eine Gemeinde bereit ist, sich ihr “kleines KZ im eigenen Ort” vorzeigen zu lassen. Obwohl mir natürlich auch einige den guten Rat gaben, nicht viel herumzustöbern und die Sache auf sich beruhen zu lassen, bemerkte ich bald ein großes Interesse. Und zwar von verschiedenster Seite: Eine Frau, welche in der Nähe des “Zigeuneranhaltelagers” arbeitete, berichtete offen über ihre schmerzlichen Erinnerungen. Ich habe sie oben bereits kurz zu Wort kommen lassen. Sie war sogar froh, endlich einmal darüber sprechen zu können. Bereitschaft zur Mitarbeit und Unterstützung fand ich auch beim Bürgermeister und beim Direktor der Hauptschule. Im April 1985 konnte daher in der Hauptschule ein vom Unterrichtsministerium unterstütztes Projekt ,,40 Jahre Zeitgeschichte” mit dem Schwerpunkt Nationalsozialismus durchgeführt werden. Im an die Eltern der Schuler weitergegebenen Bericht veröffentlichte ich folgenden Appell, um ein Jahr später eine Ausstellung in der Hauptschule zu organisieren. Ich zitiere diesen Aufruf ganz, weil er eine Art Grundsatzprogramm der folgenden einjährigen Nachforschungen darstellte:

“Beim Wort ,Geschichte’ denkt man entweder an die Geschichte eines Alexander des Großen, Cäsar, Kaiser Maximilian oder Franz Joseph I. Ältere Menschen denken auch an ihre eigenen Erfahrungen im I. oder II. Weltkrieg. Auch bei diesen persönlichen Erinnerungen überwiegen die ,großen Ereignisse’ der Schlachten. Auf die Idee, daß es Geschichte auch bei uns zu entdecken gibt, kommen die meisten nicht.

Die Schüler der Hauptschule St. Pantaleon sind mit ihren Lehrern darauf gekommen. Für sie findet Geschichte nicht mehr nur in den großen Städten statt, sondern auch und gerade in ihrer engsten Umgebung. Dabei ist diese Geschichte nicht nur alltäglich, sondern durchaus auch ,groß’, Jedenfalls bezogen auf das Leid, welches Menschen anderen Menschen zugefügt haben. Um die Gräuel des Nationalsozialismus der Jahre 1938 bis 1945 kennen zu lernen, sind die Schuler zwar in das ehemalige Konzentrationslager Mauthausen gefahren; nichts anderes, nur kleiner (und als ,Arbeitserziehungslager bezeichnet) haben sie auch im benachbarten Weyer vorgefunden. Mit dem Unterschied allerdings, daß diese Geschichte noch nicht geschrieben wurde. Es finden sich über das Lager Weyer nur wenige Aufzeichnungen in den Geschichtsbüchern. Die Geschichte des Zigeunersammellagers ist überhaupt noch nicht geschrieben worden. Dabei sind von Weyer aus einige hundert Zigeuner in den Tod nach Mauthausen und Auschwitz-Birkenau geschickt worden.

Die Geschichte dieser Zigeuner ist noch zu schreiben. Da wahrscheinlich keiner überlebt hat, wird es jedoch sehr schwierig sein. Es geht daher auch. nur, wenn Menschen aus der Nachbarschaft Weyers über Ihre Erinnerungen berichten. Die Arbeit der Schüler und Lehrer aus St. Pantaleon sollte daher nur der Anfang gewesen sein. Ohne Vorwurf an diejenigen, welche damals nichts dagegen getan haben, als ,Asoziale’ beim Verbauen der Moosach geschlagen und ermordet wurden, möchte ich die Burger der Gemeinde St. Pantaleon bitten, uns über diese Zeit zu berichten. Es soll keiner angeklagt, aber über diese Zeit aufgeklärt werden.” 13)

Zu Pfingsten 1986 war diese Aufklärung angesagt. Während der zwei Tage kamen über 200 Personen, und nur wenige meinten, ich sollte mich über andere Diktaturen aufregen und endlich damit aufhören, in der Vergangenheit herumzukramen. Besonders während des Schlussgespräches kam noch eine Fülle von Hinweisen auf die beiden Lager.

Noch Wochen danach beschäftigte diese Veranstaltung die Menschen mehr als vieles andere, was sonst Gesprächsstoff im Dorf bietet. Was die Bereitschaft zur Aufarbeitung und ” Vergangenheitsbewältigung” 14) betrifft, möchte ich jedoch trotzdem noch sehr vorsichtig sein. Es könnte auch ein Strohfeuer gewesen sein. Was jedoch sicherlich bleibt, ist der Umstand, daß einige Menschen zum ersten Mal Gelegenheit hatten, ihre Erinnerungen auszusprechen. Im Gegensatz zu den alten Kameraden der Deutschen Wehrmacht und den alten Parteigenossen haben nämlich Gegner des Nationalsozialismus im Dorf kaum oder gar keine Möglichkeit, ihre Meinung zu äußern. Im Gasthaus dominiert die Erinnerung an den Krieg. Wer nicht an der Front war, kann nicht mitreden. Und wer seine “Pflicht” nicht erfüllte, wird nicht so leicht akzeptiert. War einer gar im KZ, so ist es besser für ihn, den Mund nicht aufzumachen.15) Dabei war St. Pantaleon sicherlich nicht stark nationalsozialistisch eingestellt. Dieser Ort war eher christlich-sozial bis monarchistisch, und der NS-Ortsgruppenleiter und Bürgermeister war eher unbeliebt. Trotzdem entstand nie eine Stimmung gegen den Nationalsozialismus und für den Widerstand. Schon gar nicht nach 1945. Die ehemaligen Soldaten der Deutschen Wehrmacht und der österreichischen Armee des Ersten Weltkrieges haben ihren Kameradschaftsbund mit jährlicher “Heldenehrung” auf dem Friedhof. Der ehemalige KZ-ler kann zu Hause bleiben oder seine Kameraden in Wien besuchen. Im Rahmen der Projektwoche der Hauptschule kam Jaro Dvorak als ehemaliger politischer Häftling des Konzentrationslagers Dachau erstmals im eigenen Ort zu Wort. Und ein Jahr später viele andere, welche wie er gegen den Nationalsozialismus waren.

Das ist schon eine Ergänzung der Ortschronik. Zwar noch nicht geschrieben, aber ausgesprochen. Franz Jägerstätter, welcher nur wenige Kilometer weiter in St. Radegund lebte, hat jedoch bis heute fast nur Gegner. Die meisten St. Pantaleoner können und wollen nicht verstehen, daß Jägerstätter recht hatte, weil er es ablehnte, in einem ungerechten Krieg zu kämpfen und damit dem Terrorregime der Nazis zu dienen.16)

Aber es ist nicht nur dieser Prozess des gemeinsamen Erinnerns in Gang gekommen. Die Ausstellung der Fotos l7) aus dem “Zigeunersammellager” Weyer brachte konkrete neue Informationen, welche den Historikern bis jetzt aus den noch vorhandenen und zugänglichen Akten nicht bekannt waren. Ein Beispiel: Frau Theresia Hamberger arbeitete laut Arbeitsbuch vom 29.Jänner 1941 bis 15. Feber 1942 im Zigeuneranhaltelager Weyer l8) in St. Pantaleon. Wegen dieser Eintragungen ist Frau Hamberger zu glauben, wenn sie berichtet, daß sie mit den etwa 300 Zigeunern aus Weyer über Salzburg nach Lackenbach fuhr. Die Zeitgeschichtsforschung ging immer davon aus, daß der Abtransport über Linz und einige Monate früher geschah. Auch über die Unterschiede in den verschiedenen Lagern war bis jetzt wenig bekannt. Den Eindruck, welchen die Fotos aus dem Lager Weyer im Vergleich zu den Lagern in Salzburg und Lackenbach vermitteln, wurde durch die Schilderung bestätigt. Auch war nicht bekannt, daß Zigeuner aus Auschwitz-Birkenau nach Weyer geliefert wurden. Frau Hamberger beschrieb jedoch die eintätowierten Nummern, welche eindeutig darauf hinweisen, daß diese Menschen tatsächlich in Auschwitz-Birkenau waren. Bei aller Vorsicht beim Umgang mit derartigen mündlichen Quellen kann doch davon ausgegangen werden, daß durch “oral history” 19) das Bild über diese “kleinen KZs” vervollständigt werden kann. Dies besonders dann, wenn die Möglichkeit besteht, die mündlichen Informationen an Hand von Dokumenten zu überprüfen. Außerdem decken sich die voneinander unabhängig gemachten Aussagen über Einzelheiten. So schildert etwa Frau Lindenbauer den Abtransport der Zigeuner ähnlich wie Frau Hamberger. Lindenbauer habe ich bereits eingangs zitiert. Hamberger sagt zum Abtransport:

,Ja, wir haben viel Schnee gehabt, wie wir sie weggebracht haben. Einige hätten ja marschieren müssen bis Bürmoos, weil aber so viel Schnee war, haben wir sie mit Lastwagen hingebracht. Das war im Jänner 1942.” 20)

Hamberger hatte mir aber auch erzählt, daß nach dem Krieg eine Zigeunerfamilie bei ihr war, welche sie aus dem Lager kannte. Einen weiteren Hinweis habe ich von Romani Rose, dem Vorsitzenden des Verbandes Deutscher Sinti und Roma, erhalten: Frau Hildegard Lagrenne soll jemanden auf den Fotos aus dem Lager erkannt haben. Leider habe ich von Frau Lagrenne noch keinen konkreten Hinweis erhalten, 2l) Es scheint jedoch möglich zu sein, Überlebende zu finden. Wenn dies der Fall ist, werde ich das Gespräch über das ehemalige “Zigeuneranhaltelager” fortsetzen und die Überlebenden zu Wort kommen lassen. Diesem Zweck dient auch die Veröffentlichung dieses Aufsatzes im Oberösterreich-Heft dieser Zeitschrift. Ich erhoffe mir Hinweise und bin für eine Nachricht sehr dankbar, 22) 1986 kam erst ein ehemaliger Häftling des “Arbeitserziehungslagers”: Alois Kreil berichtete den Gesprächsteilnehmern über die Unmenschlichkeiten, welche ihm damals von jungen Männern aus der engsten Umgebung angetan wurden. Nur zwei wollten es nicht glauben und begannen über die Schuld der Russen zu sprechen. Für die anderen war es ein Stück Ortsgeschichte, welches sie genau so beachtet sehen wollten wie die bereits niedergeschriebenen Teile.

Mir ging es darum, an Hand dieser Gemeinde einige Strukturmerkmale der Zeitgeschichtsforschung und der Vergangenheitsbewältigung auf unterster geographischer Ebene aufzuzeigen.

Trotz der vielfach auftauchenden Behinderungen bei der Erforschung des Nationalsozialismus “vor Ort” scheint es zumindest einige wenige Ausnahmen zu geben. Nicht alle Bürgermeister sind gegen diese Beschäftigung. Dies sei deshalb betont, weil einige Bürgermeister bekannt wurden, welche sich gegen eine derartige Aufarbeitung zur Wehr setzten. Vielleicht gelingt es jedoch in St. Pantaleon beispielhaft, die Ortschronik für die Jahre 1938 bis 1945 zu ergänzen?

Dies wäre nicht nur für diese Gemeinde zu wünschen, sondern auch ein Beispiel für tausende andere Gemeinden Österreichs.

Nach der Ergänzung der Ortschronik müsste dann noch das Kriegerdenkmal ergänzt werden: Ergänzt um die Opfer, welcher der örtliche Kriegerverein in den seltensten Fällen gedenkt. Ich schreibe bewusst ergänzt und nicht ersetzt, weil ich nicht davon ausgehe, daß es uns weiterhilft, wenn die bestehenden Denkmäler abgerissen werden. Ein Denkmal kann auch als Mahnung dienen, gerade wenn es auf ein fragwürdiges Lob von “Heldentum” hinweist. Es handelt sich ja bei der überwiegenden Zahl schlicht um in die Irre geführte Opfer eines verbrecherischen Krieges. Wir können nur hoffen, daß problematische Begleiterscheinungen in den Diskussionen um den österreichischen Bundespräsidenten das Verständnis für diese Fragen nicht beeinträchtigen, denn gerade auf lokaler Ebene würde sich die Fortsetzung dieser Arbeiten sehr lohnen.

Fußnoten

1) Zum Lager Lackenbach: Erika Thurner: Nationalsozialismus und Zigeuner in Österreich. (Veröffentlichungen der Zeitgeschichte, 2. Band.) Wien-Salzburg (Geyer) 1983. Dies.: Kurzgeschichte des Nationalsozialistischen Zigeunerlagers in Lackenbach (1940 bis 1945), Eisenstadt 1984.

2) Herbert Michael Burggasser: Zigeuner in Österreich, Diplomarbeit Universität. Wien 1980/81.

3) St. Pantaleon -200 Jahre Innviertel bei Österreich, St. Pantaleon 1979, S. 120.

4) Siegwald Ganglmair: Das “Arbeitserziehungslager” Weyer im Bezirk Braunau am lnn 1940-1941 Ein Beitrag zur Zeitgeschichte Oberösterreichs, in: Oberösterreichische Heimatblättter, 37. Jg. 1983, Heft 1.

5) Andreas Maislinger: ” Tirol am Atlantischen Ozean” -Die Jahre 1938 bis 1945, in: Andreas Maislinger-

Anton Pelinka (Hg.): Handbuch zur Geschichte Tirols, Band 4, Zeitgeschichte, Innsbruck (in Vorbereitung).

6) Gespräch mit Katharina Lindenbauer am 17. März 1985. Archiv Andreas Maislinger SNS 10.

7) Alexander und Margarete Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens. München 1967. Margarete Mitscherlich: Erinnerungsarbeit – Zur Psychoanalyse der Unfähigkeit zu trauern. Frankfurt am Main 1987.

8.) Erste Ansätze zu einer Organisierung gab es während der Tagung “Minderheitenpolitik -Vom Umgang mit Ausländern und ethnischen Minderheiten” der Gesellschaft für Politikwissenschaft im Juni 1987, Dr. Karl Renner-Institut, im Arbeitskreis Sinti und Roma.

9) Vom Bundesministerium für Inneres und der Österreichischen Lagergemeinschaft Auschwitz.

10) Bis jetzt sind Dokumentationen über Wien (3 Bände), Burgenland (1 Band), Oberösterreich (2 Bände), Tirol (2 Bände) und Niederösterreich (3 Bände) erschienen. In Bearbeitung ist die Dokumentation über Salzburg. Für Vorarlberg hat die Johann-August-Malin-Gesellschaft “Von Herren und Menschen -Verfolgung und Widerstand in Vorarlberg 1933-1945”, Bregenz (Fink) 1985, herausgegeben.

11) Andreas Maislinger:Spuren in die Vergangenheit, in: Oberösterreichische Heimatblätter, 40.Jg. 1986, Heft 2; ders. :Zeugen eines Putsches -Lamprechtshausen im Juli 1934 (in Vorbereitung).

12) Widerstand und Verfolgung in Oberösterreich 1934-1945, hgg. vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, Wien 1982, Band 2, S. 493- 504.

13) 40 Jahre Zeitgeschichte, Hauptschule St. Pantaleon 15.-19.4. 1985. Direktor Karlheinz Schönswetter, 5120 St. Pantaleon, Oberösterreich.

14) Informationen zur Vergangenheitsbewältigung sind erhältlich bei der Gesellschaft für politische Aufklärung (GfpA), Innsbrucker Sekretariat, Mag. Reinhold Gärtner, Innrain 52, 6020 Innsbruck, (0512) 724-3099. Unter anderem organisiert dee GfpA jedes Jahr zu Ostern eine Fahrt in die Gedenkstätte Auschwitz- Birkenau.

15) Andreas Maislinger: “‘, ‘eigentlich hatte ich schon alles bewältigt”, Gespräch mit Jaro Dvorak! 62 Jahre, 5 Jahre politischer Häftling Im KZ Dachau, lebt als Künstler in St. Georgen bei Salzburg; in: Jugendliche & Rechtsextremismus, Schulheft 31/1983.

16) Erna Putz: Franz Jägerstätter. “, ..besser die Hände als der Wille gefesselt. ..”, Linz-Wien (Veritas) 1985.

17) Die von Tischlermeister Georg Felber zur Verfügung gestellten Fotos wurden von der Gesellschaft für politische Aufklärung zu einer kleinen Ausstellung zusammengestellt. Diese kann vom Wiener Sekretariat,

Dr. Andreas Pribersky, Stumpergasse 56, 1060 Wien, (0222) 59991-169, angefordert werden.

18) Archiv Andreas Maislinger SNS 15/2.

19) Zur “oral history”: Gerhard Botz – Josef Weidenholzer: Mündliche Geschichte und Arbeiterbewegung. Eine Einführung in Arbeitsweisen und Themenbereiche der Geschichte “geschichtloser Sozialgruppen, Wien-Köln (Böhlau) 1984. Hubert Ehalt (Hg.): Geschichte von unten. Fragestellungen, Methoden und Projekte einer Geschichte des Alltags, Wien-Köln (Böhlau) 1984.

20) Gespräch mit Theresia Hamberger, Archiv Andreas Maislinger SNS 15/2.

21) Wer sich für die Situation der Sinti und Roma im deutschen Sprachraum interessiert, kann sich an folgende Adressen wenden: Gesellschaft für bedrohte Völker, Postfach 2024, D-3400 Göttingen. Verband Deutscher Sinti und Roma, Bergheimer Straße 26, D-6900 Heidelberg 1.

22) Dr. Andreas Maislinger, Institut für Politikwissenschaft der Universität Innsbruck, Innrain 100, 6020 Innsbruck.


Gebundene von Dieter Schmidt | Foto: Karl Traintinger

Erinnerungsstätte Lager Weyer / St. Pantaleon, Innviertel, OÖ

Diesmal habe ich eine Skulptur mit einem aktuellen geschichtlichen Hintergrund (vor 80 Jahren begann der 2. Weltkrieg) ausgewählt. Knapp vor der Moosachbrücke in St. Pantaleon befindet sich ein Denkmal zur Erinnerung an die hier stattgefundenen Gräueltaten zur NS-Zeit.

Karl Traintinger

Von Karl Traintinger

Das unaufdringliche und dennoch sehr beeindruckende Denkmal lädt den Besucher zum Innehalten und Nachdenken ein. Im Gemeindeamt von St. Pantaleon ist eine kostenlose Broschüre mit geschichtlichen Erläuterungen rund um die Erinnerungsstätte vorrätig.

Ich habe Ludwig Laher >, den in St. Pantaleon lebenden Schriftsteller und sehr guten Kenner der Lagergeschichte (Herzfleischentartung >) von Weyer gefragt, wie es zur Errichtung dieser Erinnerungsstätte gekommen ist. Hier seine Antwort:

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Es gab zur Jahrtausendwende eine regionale Ausschreibung für einen Wettbewerb, das Denkmal betreffend. Eine Jury wählte den Entwurf des bayerischen Bildhauers Dieter Schmidt, der damals in Fridolfing lebte und arbeitete und später in den Bayerischen Wald übersiedelte. Die anderen Einreichungen wiesen allesamt einen allzu hohen Grad an Abstraktion auf. Begründet wurde die Wahl Dieter Schmidts mit der Zugänglichkeit seines Werkes, das stilisiert, aber nicht abstrakt, menschliche Gestalten zeigt, die als „Gebundene“ (so nennt Schmidt sein Kunstwerk) dem Betrachter den Rücken zukehren, also nur noch innerhalb des (Stachel-)Drahtes existieren, von der Welt isoliert. Man kann das Werk umkreisen und hat von überall unterschiedliche Blickwinkel auf einzelne Gesichter. Die Untersicht (das Auge muss nach oben blicken) gibt den Dargestellten eine Würde, die sie gleichzeitig der Schwere ihres Leids ein wenig enthebt.

Die Gestaltung lehnt sich überdies an die österreichische Marterlkultur (von Martyrium) an, die am Land besten bekannt ist. Die Bronzeplastik ruht auf einer Mühlviertler Granitsäule (Assoziation zu Mauthausen). Auf hervorragende Weise kontrastiert das bescheidene Denkmal auch größenmäßig, vor allem aber was die Behandlung der menschlichen Gestalt anlangt, mit dem martialischen Kriegerdenkmal bei der Kirche von St. Pantaleon. Dieter Schmidts Werk für die Erinnerungsstätte hat in den vergangenen 19 Jahren verbreitet große Anerkennung gefunden. Finanziert wurde es übrigens zu gleichen Teilen von der Gemeinde St. Pantaleon und dem Land Oberösterreich (die NS-Lager Weyer waren Reichsgaulager von Oberdonau, nicht exterritoriale KZ).

Die Erinnerungsstätte ist mittlerweile selbstverständlicher Teil der Ortsgeschichte. War sie am Anfang durchaus umstritten, so gilt sie mittlerweile als Wahrzeichen von St. Pantaleon. Der offizielle Ortsplan zeigt unter ‚Sehenswürdigkeiten‘ zuerst das Schmidt-Denkmal und dann erst die Pfarrkirche, die Prospekte der Urlaubsregion Oberes Innviertel / Seelentium bewerben St. Pantaleon zentral mit dem abgebildeten Denkmal Dieter Schmidts. Der Pfarrer setzt sich mit den Firmlingen auf die Steinbänke rund um das Denkmal und erläutert, was damals passierte. Immer wieder werden Grablichter an der Erinnerungsstätte angezündet. Zu Beschädigungen der Anlage ist es Gott sei Dank bisher nie gekommen.

Die Erinnerungsstätte in der Dorfzeitung >
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Jennifer Teege & Nikola Sellmair: Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen.

Jennifer Teege & Nikola Sellmair: Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen.

Autor(en): Jennifer Teege & Nikola Sellmair
Titel: Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen.
ISBN: E- Book: 978-3-644-02821-0
ISBN: Printausgabe: 978-3-498-06493-8
Verlag: Rowohlt Verlag GmbH
Erschienen: September 2013

Klappentext:

Es ist ein Schock, der ihr ganzes Selbstverständnis erschüttert: Mit 38 Jahren erfährt Jennifer Teege durch einen Zufall, wer sie ist. In einer Bibliothek findet sie ein Buch über ihre Mutter und ihren Großvater Amon Göth. Millionen Menschen kennen Göths Geschichte.

In Steven Spielbergs Film «Schindlers Liste» ist der brutale KZ-Kommandant der Saufkumpan und Gegenspieler des Judenretters Oskar Schindler. Göth war verantwortlich für den Tod Tausender Menschen und wurde 1946 gehängt. Seine Lebensgefährtin Ruth Irene, Jennifer Teeges geliebte Großmutter, begeht 1983 Selbstmord.

Jennifer Teege ist die Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers. Sie wurde bei Adoptiveltern groß und hat danach in Israel studiert. Jetzt ist sie mit einem Familiengeheimnis konfrontiert, das sie nicht mehr ruhen lässt. Wie kann sie ihren jüdischen Freunden noch unter die Augen treten? Und was soll sie ihren eigenen Kindern erzählen? Jennifer Teege beschäftigt sich intensiv mit der Vergangenheit. Sie trifft ihre Mutter wieder, die sie viele Jahre nicht gesehen hat.

Gemeinsam mit der Journalistin Nikola Sellmair recherchiert sie ihre Familiengeschichte, sucht die Orte der Vergangenheit noch einmal auf, reist nach Israel und nach Polen. Schritt für Schritt wird aus dem Schock über die Abgründe der eigenen Familie die Geschichte einer Befreiung.

Anna Lemberger

Rezension von Anni Lemberger

Wer Literatur über den Holocaust liest, kommt an Amon Göth nicht vorbei. Er erhielt seine gerechte Strafe, indem er 1946 hingerichtet wurde.

Wie aber ging es weiter? Mit seiner Lebensgefährtin Irene, Ruth Göth, seiner Tochter Monika Göth („ich muss meinen Vater doch lieben, oder?“) und seiner älteren Enkelin Jennifer Teege?

Als Jennifer Teege erfährt, dass ihr Großvater ein grauenvoller Sadist war, hatte sie bereits 4 Jahre in Israel studiert, ihre besten Freunde waren Juden. Sie fiel erneut in eine schwere Depression und zog sich vor ihren Freunden zurück.

Denn: Was, wenn gerade ihre besten Freunde die Enkel von Opfern ihres Großvaters sind?

Ihre Recherchen dienen gleichzeitig ihrer „Gesundung“ und überwindet den Schock, von ihrer Mutter im gefundenen Buch nicht einmal erwähnt zu werden.

Mich führte das Verschweigen dieser Enkelin von Göth zu dem Buch von Jennifer Teege, weil ich meine Lücke in Monika Göth´s Biografie schließen wollte.

Nichts von den Verbrechen wird beschönigt, die geliebte Großmutter dorthin gestellt, wo sie hingehört: Sie war nicht nur Mitläuferin, sondern hat den Täter als „ihren König“ gehuldigt – und trotzdem verzichtet Jennifer nicht auf die positiven Gefühle, die sie in Zusammenhang mit der „Oma Irene Ruth“ hat.

Ein ehrlich aufklärendes, aber nie anklagendes Buch aus der Sicht der dritten Generation des Holocaust. Sie sind nicht Schuld an dem, was passiert ist, wohl aber verpflichtet durch die Aufarbeitung eine Wiederholung zu verhindern.

Das 3. Reich in der Dorfzeitung

Camp Herzl – vergessene Salzburger Stadtgeschichte >
Ludwig Laher: Wo nur die Wiege stand >
Ludwig Laher: Herzfleischentartung >
Ludwig Laher: Erinnerungsstätte Lager Weyer >
Andreas Maislinger: Arbeitserziehungslager und Zigeuneranhaltelager Weyer (Innviertel) >
Lisa Gadenstätter/ Elisabeth Gollackner: Schluss mit Schuld >
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Innenminister Sobotka möchte das Hitlerhaus abreißen, hört man, jeder Zusammenhang zu Adolf Hitler muß verschwinden. Ganz und gar.

Ein Supermarkt wäre gut, oder ein Würstelstand, berichten gewöhnlich gut informierte Kreise aus der Bundeshauptstadt.

Wahrscheinlich geht die Enthitlerisierung soweit, daß in den Braunauer Würstelbuden bald keine braunen Frankfurter mehr verkauft werden dürfen, sondern nur mehr weiße Münchner, vielleicht noch ganz helle Augsburger, auf keinen Fall aber dunkelbraune Nürnberger Rostbratwürste oder rostigbraune Burenhäuteln.

Der braune Estragonsenf vom Mautner-Markhoff wird womöglich durch eine hellgelbe Mayonaise ersetzt werden müssen oder durch die rote, bundesdeutsche Currywurstsauce.

Oder es werden überhaupt nur noch Kebapstände und Mr. Wongs Asia Noodles zugelassen werden, wer weiß das schon.

Aus Wien kommen immer wieder einmal die abstrusesten Anordnungen und Erlässe, das war schon immer so. Über das mögliche “Haus der Verantwortung” hört man zur Zeit eher sehr wenig bis gar nichts, auch wenn in Innsbruck immer wieder Befürworter nominiert werden.

Infos zum Hitlerhaus in der Dorfzeitung:
Andreas Maislinger: Was würden Sie mit dem Geburtshaus von Adolf Hitler in Braunau am Inn machen?
Norbert Mappes-Niediek: Entnervt – Debatte um Hitlers Geburtshaus will nicht enden
Cathrin Kalweit: Sein Haus
Andreas Maislinger: Franz Jägerstätter und die Juden (in der Bibel und während des Nationalsozialismus)
Andreas Maislinger: Arbeitserziehungslager und Zigeuneranhaltelager Weyer (Innviertel)
Theater Holzhausen: Heinz R. Unger – Zwölfeläuten
Theater Holzhausen: Jägerstätter – kritisches Theater in Holzhausen
Buchtipp: Ludwig Laher – Herzfleischentartung
Fotos: Karl Traintinger dorfbild.com


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Hitlerhaus, Braunau

Samstagmittag in der Salzburger Vorstadt in Braunau. Mehrere Arbeiter sitzen vor einem Fastfoodlokal, essen einen Dönerkebap und trinken eine Cola dazu. Einige Häuser weiter genießen einige Gäste ihren Prosecco und Kinder stehen beim ital. Eisgeschäft und freuen sich auf eine Kugel Eis. Diskutiert wird über Fußball und das Wetter.

Karl Traintinger

Von Karl Traintinger

Einge leere Stadthäuser fallen im Straßenbild ins Auge, das  Hitlerhaus ist eines davon. Es ist etwas heruntergekommen, verwaschen gelb und offensichtlich leerstehend. Vor dem Haus steht ein Gedenkstein, der nicht wirklich informativ ist. Das “Adolf-Hitler-Geburtshaus”, er verbrachte hier seine ersten Lebensjahre, also die Zeit, in der er noch Windeln benötigte, sorgt immer wieder für heftige Diskussionen, die eigentlich niemand haben möchte.

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Hört man den Namen Braunau, wird damit für viele Menschen der Name Hitler verbunden, obwohl es nur seine Geburtsstadt ist und er damit weiter nichts zu tun hatte. Niemand macht der schönen Stadt am Inn den Ruf als Hitlerstadt streitig, wie man es sonst so häufig bei bekannten Persönlichkeiten beobachten kann. Es ist kaum zu glauben, wie viele “Stille Nacht” Gemeinden es gibt!

Hitlerhaus, Braunau

Braunaun ist eine beschauliche Kleinstadt mit knapp 17.000 Einwohnern im oberösterreichischen Innviertel, liegt am Inn und ist die Nachbarstadt vom bayrischen Simbach. Es verfügt über ein Krankenhaus, eine aufstrebende Wirtschaft und ein buntes kulturelles Leben. Man hat, wenn man durch die Straßen geht nicht den Eindruck, dass das Gedenken an die NS-Zeit allgegenwärtig ist. Braunau ist eine nette Kleinstadt wie viele andere auch.

Hitlerhaus, Braunau

Der Innsbrucker Politikwissenschaftler Dr. Andreas Maislinger möchte das Hitlerhaus in ein “Haus der Verantwortung” umwandeln. Das ist eine interessante Idee und müsste beispielsweise wohl ähnlich dem Kehlsteinhaus am Obersalzberg organisiert werden, damit es zu keiner Pilgerstätte für irgendwelche rostigen Gesinnungsträger von gestern oder heute wird. Der Unterschied ist aber auch der, dass am Obersalzberg NS Politik gemacht wurde und in Braunau war Adolf Hitler ein neugeborenes Kleinkind. Daher stellt sich schon die Frage der Verhältnismäßigkeit bei der historischen Bedeutung der Innstadt.

Hitlerhaus, Braunau

Ich glaube auch, dass das Hitlerhaus kein Problem der Stadt Braunau ist und wenn die Huthändlerin nebenan meint, Wohnungen wären nicht schlecht, kann ich das auch verstehen. Sollte es ein “Haus der Verantwortung” oder etwas änliches werden, muß das in der Verantwortung der Republik Österreich geschehen. Einer möglichen Enteignung der jetzigen Besitzerin durch die Republik stehe ich äußerst kritisch gegenüber, ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich mit “öffentlichem Interesse” zu rechtfertigen ist. Eigentumsrechte sollten auch von der Republik Österreich akzeptiert werden. Eine informative Gedenktafel könnte meines Erachtens nach ein erster Schritt in der Aufarbeitung der Geschichte sein.

In den etwa 2 Stunden, die ich in der Salzburger Vorstadt verbrachte, hat sich, soweit ich es gesehen habe, nur eine Gruppe von 3 vornehm gekleideten Indern für das Hitlerhaus interessiert und Erinnerungsfotos gemacht. Ob das die typische Frequenz für Interessenten ist, weiß ich nicht.

Infos zum Hitlerhaus in der Dorfzeitung:
Andreas Maislinger: Was würden Sie mit dem Geburtshaus von Adolf Hitler in Braunau am Inn machen?
Norbert Mappes-Niediek: Entnervt – Debatte um Hitlers Geburtshaus will nicht enden
Cathrin Kalweit: Sein Haus
Andreas Maislinger: Franz Jägerstätter und die Juden (in der Bibel und während des Nationalsozialismus)
Andreas Maislinger: Arbeitserziehungslager und Zigeuneranhaltelager Weyer (Innviertel)
Theater Holzhausen: Heinz R. Unger – Zwölfeläuten
Theater Holzhausen: Jägerstätter – kritisches Theater in Holzhausen
Buchtipp: Ludwig Laher – Herzfleischentartung
Fotos: Karl Traintinger dorfbild.com


Ludwig Laher

„Das Reich der Justiz ist fremdes Land“ steht im neuen Roman „Verfahren“ von Ludwig Laher zu lesen.

Er beschreibt darin das Leben einer kosovo-serbischen Asylwerberin und deren Erfahrungen mit der österreichischen Justiz im Zusammenhang mit ihrem Asylverfahren.

Rezension von Manfred Fischer

“Verfahren ist der dritte Roman zu meiner motivischen Trilogie über Menschen, die sich schwer tun, ihre Füße auf den Boden zu bekommen. Mit der Arbeit an der Trilogie habe ich vor etwa sechs Jahren begonnen. In allen drei Geschichten stehen Frauen im Mittelpunkt, weil ich glaube, dass diese es manchmal besonders schwer haben”, sagt Autor Ludwig Laher zu seinem neuen Buch.

Buchtitel: Verfahren
Autor: Laher, Ludwig
Verlag: Haymon Verlag,
Erschienen: 2011
Umfang: 180 Seiten
ISBN: 978-3852186801

“Es gab keinen konkreten Anlassfall, mich mit Asylfällen zu beschäftigen. Es war vielmehr meine Neugierde zu erkunden, was die Welt im Innersten zusammenhält. Mit genauer Recherche machte ich mich kundig, was Asylverfahren betrifft. Ich sprach mit Asylwerbern, Richtern und juristischen Mitarbeitern, um zu erfahren, wie die Verfahren ablaufen. Mir wurde dabei schnell klar, dass jene, die wirklich in Not sind, eigentlich wenig Aufmerksamkeit bekommen”, erklärt der Autor weiter.

Traumatisiert durch unvorstellbare Gewalt

Im Mittelpunkt von „Verfahren“ steht Jelena, eine junge Kosovo-Serbin. Sie und ihre Familie wurden im Kosovo Opfer unvorstellbarer Gewalt. Nach der Ermordung von Familienmitgliedern und einer Vergewaltigung ist Jelena schwer traumatisiert. Sie begeht zwei Selbstmordversuche. Um all dies hinter sich zu lassen, begibt sie sich nach Österreich. Hier hofft sie auf politisches Asyl.

Ludwig Laher beschäftigte sich eingehend mit etwa 20 Asylverfahren, um den Fall Jelenas akribisch nachzuzeichnen. Für die junge Asylsuchende erweist sich das österreichische Asylverfahren als ein Feld mit vielen Fußangeln und Minen, auf die man treten kann. Sie weist beispielsweise bei ihren ersten Einvernahmen aus Scham nicht auf ihre schweren psychischen Probleme und Selbstmordversuche als Folge ihrer Vergewaltigung hin. Als sie dies später tut, hat dies keine Relevanz mehr für das Asylverfahren. Ihr Recht auf Asyl wird ihr daher verwehrt.

Ihr „Gegenüber“ im Asylverfahren bildet der Richter am Asylgerichtshof. Ihn skizziert Ludwig Laher als eine Person, eingezwängt zwischen dem politischen Druck möglichst viele Asylfälle abzulehnen, dem herrschenden Personalmangel und der ihm gegenüber stehenden Asylwerberin. Er ist ein Synonym für die Justiz und „… ist die ´Zusammenfassung´ mehrerer Menschen aus dem Justizbereich mit denen ich bei der Recherche zum Buch gesprochen habe. Es ging mir nicht darum, die Justiz zu denunzieren, sondern deren Entscheidungsfindung darzustellen”, erklärte Ludwig Laher dazu.

Dem Autor gelingt es, mit seinem Roman ein erschreckendes Bild der Asylverfahren in Österreich zu vermitteln. Im Zusammenhang damit von AsylRECHT zu sprechen, fällt schwer. Unsentimental wird in „Verfahren“ der Fall einer schwer traumatisierten asylsuchenden jungen Frau geschildert, die nicht zu ihrem Recht kommt.

Einen Hoffnungsschimmer eröffnet der Roman gegen Schluss, als Jelena eine junge Österreicherin kennen lernt. Durch die Freundschaft zu dieser keimt die Hoffnung, nun möglicherweise in Österreich doch anzukommen – irgendwann.

Ludwig Laher lebt seit 1993 in St. Pantaleon. Ein Motiv, seinen Wohnsitz von Salzburg nach St. Pantaleon zu verlegen, war die offene, schöne Landschaft. In seinen Werken befasste er sich auch mit lokalen Themen, wie dem Roma- und Sintilager während der NS-Zeit in St. Pantaleon. Er schrieb dazu das Buch „Herzfleischentartung“ und war Gründungsmitglied des Vereins „Erinnerungsstätte Lager Weyer/Innviertel“.

Annelore Achatz

Rezension Annelore Achatz

Diesmal hat mir Ludwig Laher wirklich eine „Aufgabe“ gestellt mit seinem Roman. Ich bin ja ein Fan seiner Arbeiten und bis jetzt hatte ich keine Schwierigkeiten seine Romane zu „verschlingen“.
Nun, dies war bei Verfahren net ganz so einfach….
Diese Geschichte wird aus verschiedene Sichtweisen erzählt: aus der eines Richters am Asylgerichthof, mit Amtssprache wohlgemerkt; dann aus der Sicht der Asylwerberin und schließlich kommt noch die Geschichte eines Juden hinzu, wo man erst am Ende erfährt, wie Dieser mit Jelena „zusammenhängt“.
Gut, finde ich, dass Laher diesmal am Ende die Kapitel noch einmal aufgeführt hat, denn mit einmal lesen ist die Geschichte nicht getan. Dafür ist das Thema zu komplex und als Leser wird man tief berührt!
Jedenfalls ist es keine Geschichte, die man so zwischendurch lesen kann, oder gar als „Strandlektüre“.
Verfahren sollten vor allem Jene lesen, die sich von den diversen Hetz- Propaganda- Wahlplakaten der Rechten Parteien angezogen fühlen, vielleicht würde es helfen Deren Weltbild etwas zu erweitern.
Es lohnt sich in jedem Fall Lahers Verfahren zu „studieren“, denn die Augen öffnet es einem sicher!

Ludwig Laher in der Dorfzeitung >


Dorfzeitung


Milan. Eine Reise

Milan. Eine Reise.

Veronika Pernthaner hat sich mit der Geschichte und dem Leben der Roma auseinander gesetzt und darüber ein Theaterstück geschrieben, die Geschichte einer Flucht, die Geschichte einer Reise.

Von Karl Traintinger

Milan, ein Rom aus der Slowakei wird durch politische und soziale Verfolgung, aber auch durch die Liebe und durch die Sehnsucht nach Liebe durch halb Europa getrieben. Die Grenze zwischen äußerem Zwang und innerer Notwendigkeit, einen Ort zu verlassen, um einen anderen zu finden, ist unscharf.

Milan lässt uns an der Armut und Gewalt in seinem langen Leben teilhaben, entführt uns aber auch in die Poesie der Lyrik und der Musik der Roma. Er kommt auf seinem Weg zur Erkenntnis: “Wenn wir heim kommen wollen, müssen wir weiter!”

Das Stück zeigt viele Probleme der Roma auf, das fahrende Volk wird aber auch etwas einseitig als Volk der Diebe dargestellt. Der Hinweis auf die klassischen Berufe, wie Schmiede, Kessler, Ledergerber, Pferdehändler, Musikanten, Schlangen- und Bärenbändiger, Kesselflicker, Korbbinder, Wäscherinnen Wahrsagerinnen, Ziegelbrenner, nur um die wichtigsten zu nennen, fehlt fast gänzlich.

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Fakt ist bis in die heutige Zeit, dass unsere Gesellschaft mit “Zigeunern” wenig anfangen kann und mit der “fahrenden Lebensweise” nicht wirklich klar kommt. Der Begriff “Zigeuner” ist in unserem Sprachgebrauch noch immer negativ besetzt. Im dritten Reich war für die Roma kein Platz. Wie aber schaut es heute aus? Gibt es noch Roma in ihren traditionellen Berufen, wie weit geht die Integration, wie und wo wohnen sie?

Veronika Pernthaner hat das Stück berührend inszeniert, die Rolle des Milan ist Matthias Hochradl auf den Leib geschrieben. Er kann die Stimmungen und Gefühle des Milan für den Zuschauer perfekt in Szene setzen, man glaubt ihm seine Reise durch Europa. Er ist Milan. Die Einspielung einiger Roma – Gedichte in Originalsprache und von Roma – Musik ergänzen die Aufführung in perfekter Weise.

Milan. Eine Reise. Drama für einen Schauspieler von Veronika Pernthaner / Uraufgeführt am 30. April 2010 im Theater Holzhausen / Mit Matthias Hochradl / Regie: Veronika Pernthaner / Musik: Neslapeto (tschechische Straßen- und Jahrmarktsmusiker) / Stimmen vom Band: Ljiljana Jovanovic, Ilija Jovanovic, Veronika Pernthaner / Gedichte aus: Ilija Jovanovic – Vom Wegrand, Jovan Nikolic – Zimmer mit Rad, Ceija Stojka – Meine Wahl zu schreiben – Ich kann es nicht / Bühnenbild: Veronika Pernthaner, Matthias Hochradl / Licht: Peter Stein / Technik: Wolfgang Schweinsteiger

Literaturhinweise:
Karl-Markus Gauß: Die Hundeesser von Svinia 
Ludwig Laher: Herzfleischentartung 
Ludwig Laher: Und nehmen was kommt
Weblinks:
Gedenkstunde für Roma und Sinti >
Arbeitserziehungslager und Zigeuneranhaltelager Weyer (Innviertel) >
Kulturverein Österreichischer Roma >


Der schöne Herbsttag hat mich noch einmal aus dem Haus gelockt und ich bin zu Fuß vom Bootsverleih entlang des Mattsees zum Schloß gewandert.

Der Touristenauflauf ist vorbei, die Seen gehören wieder den Einheimischen. Beim Schloß angekommen war mir klar, dass ich mir ganz sicher einen Kuchen verdient habe.

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Ich fand auf der wunderschönen Terrasse mit Blick auf die in der Weyerbucht vertäuten Segelboote einen Platz und genoss die herrliche Aussicht. Bei den sehr aufmerksamen Kellnerinnen konnte ich schnell meine Bestellung aufgeben: Eine Passionsfruchttorte mit Ananas und einen Cappuccino; ich weiß schon, die Italiener trinken den nur am Vormittag.

Das Kalorienbömbchen
Das Kalorienbömbchen

Die Torte war geschmacklich eine Sensation, nur leider viel zu klein; das ist aber bei mir jede Torte, leider. Der Cappuccino schmeckte ausgezeichnet, der Schaum hielt bis zum Schluss. Auch das Bezahlen, in vielen Kaffeehäusern eine nicht unerhebliche Geduldsprobe, ging flott.

Alles in allem eine empfehlenswerte Adresse, wenngleich die Torte nicht in Plastik eingepackt serviert hätte werden müssen, meint ein sehr zufriedener Spaziergänger. Ich komme wieder. Das nächste Mal werde ich ein Frühstück probieren, das liest sich in der Speisekarte auch sehr verlockend.


Ludwig Laher

Vortrag von Ludwig Laher zum 1. Georg Rendl Symposion “Land-Schriftsteller” Schriftsteller und Landbevölkerung St. Georgen bei Salzburg, Sigl.Haus, 3.- 5. Oktober 2003

„Schon längst hatten mich die Schützen – der älteste Verein im Dorf, dessen Präsident noch dazu unser hausmeisterlicher Totengräber war – geplagt, ich solle ihnen eine neue Fahne stiften. Denn die alte, hundertjährige, so ehrwürdig sie war, ging schon langsam in Fetzen. Man stellte mir die begehrenswertesten Vorteile in Aussicht, falls ich die Anschaffung einer neuen Fahne ermöglichte, so zum Beispiel, daß über meinem Grab drei Ehrensalven geschossen würden. Aber ich kannte die Bauern und wußte, daß man ihnen nicht zu rasch nachgeben darf, besonders in materiellen Dingen, will man nicht ihren Respekt verlieren und als Trottel oder Verschwender gelten. Jetzt aber, als eine Art von Opfergabe für sieben glückliche Jahre in diesem Ort, entschloß ich mich, ja zu sagen. Der Jubel war unbeschreiblich.“

Diese bezeichnenden Zeilen finden sich in Carl Zuckmayers Erinnerungsbuch „Als wär’s ein Stück von mir“, und wenn man zwischen ihnen zu lesen vermag, verraten sie eine ganze Menge über das komplexe Sozialgefüge auf dem Land, konkret im Henndorf der frühen 30er Jahre, und das noch komplexere Verhältnis zwischen dem zugezogenen Schriftsteller und den Alteingesessenen.

Den Schriftsteller, die Schriftstellerin auf dem Land gibt es freilich genauso wenig, wie es das Land an sich gibt. Schon die kategorische Unterscheidung zwischen Einheimischen und Zugezogenen, die auf dem Land bis heute eine absurd große Rolle spielt, teilt auch die dort lebenden AutorInnen in zwei Gruppen. Dabei ist noch gar nicht gesagt, daß der von Geburt an heimische Schriftsteller immer die besseren Karten gezogen hat.

Auf dem Land spielen in erster Linie schreibende Menschen eine besondere Rolle, die nur eingeweihten Kreisen in einem relativ engen Umkreis bekannt sind, dort jedoch als die wahren Dichter gefeiert werden. Sie bedienen sich zumeist der jeweiligen Umgangssprache, seltener schon des ursprünglichen Dialekts, umrahmen mit gereimten Strophen gekonnt Volksmusikabende, in deren Einladungen es heißt, Launiges und Nachdenkliches werde geboten. Schon der Zusatz Kritisches kann dem Betreffenden zum Verhängnis werden, und manche Heimatdichter, die in Lebenspraxis und Werk auffällig werden, setzen sich zwischen alle Stühle, denn ihr ernsthaftes Bemühen wird weder auf dem Land noch durch den Literaturbetrieb gewürdigt.

Ich will in erster Linie über mich, mein Verhältnis zu St. Pantaleon und vice versa nachdenken, folglich konzentriere ich mich auch im allgemeinen Teil dieser Überlegungen auf jenen Typus des Schriftstellers, der aus welchen Gründen immer aus der Stadt aufs Land zieht und dort damit leben muß, daß er den Intellektuellen zugerechnet wird.

Wir wären also wieder bei Zuckmayer. Denn ich will die scheinbar beiläufig erzählte Geschichte von der Schützenfahne genau durchgehen, es lohnt sich allemal:

„Schon längst hatten mich die Schützen – der älteste Verein im Dorf, dessen Präsident noch dazu unser hausmeisterlicher Totengräber war – geplagt, ich solle ihnen eine neue Fahne stiften. Denn die alte, hundertjährige, so ehrwürdig sie war, ging schon langsam in Fetzen.“ Wir erfahren zunächst, wenig überraschend, daß ein Dorf sich wesentlich über seine Vereine definiert, Zuckmayer nennt neben den Schützen an dieser Stelle noch die Feuerwehr und die Heimkehrer, „die sich jedes Jahr am Tage des ehemaligen Kriegsausbruchs sternhagelvoll tranken – denn, so folgerten sie, wäre der Krieg damals nicht ausgebrochen, so hätten sie ihn auch nicht überleben können.“ Zuckmayer signalisiert dem Leser deutlich, daß er von einer Welt redet, die beim besten Willen nicht die seine ist. Daran können alle Liebeserklärungen an Henndorf und einzelne Bewohner, der in vielen Textpassagen geäußerte Respekt vor noch den einfachsten Menschen, die Zuckmayer als außergewöhnliche Persönlichkeiten würdigt, nichts ändern.

Dem Heimkehrerverein begegnet er mit liebenswürdigem Spott, der für ihn offenbar einzigen Möglichkeit, das Unbegreifliche des rituellen Verhaltens seiner Mitglieder zu kommentieren. Das Anliegen der Schützen empfindet er als Plage, auch ihre Wertewelt ist nicht von der seinen: „Man stellte mir die begehrenswertesten Vorteile in Aussicht, falls ich die Anschaffung einer neuen Fahne ermöglichte, so zum Beispiel, daß über meinem Grab drei Ehrensalven geschossen würden.“

Spannend wird es vor allem in den nächsten Sätzen, in denen Carl Zuckmayer gleichsam im Stil der frühen Chronisten kolonialer Landnahmen auf fernen Kontinenten erläutert: „Aber ich kannte die Bauern und wußte, daß man ihnen nicht zu rasch nachgeben darf, besonders in materiellen Dingen, will man nicht ihren Respekt verlieren und als Trottel oder Verschwender gelten.“

Wir kennen alle den alten Witz, wonach der Fremde auf dem orientalischen Basar sich nach dem Preis einer Ware erkundigt und bereitwillig in die Tasche greift, den genannten Betrag zu begleichen. Der Händler jedoch fährt ihn an, er möge gefälligst feilschen, soviel sei das begehrte Ding nämlich nie wert.

Damit ich nicht mißverstanden werde: Ich unterstelle Zuckmayer nichts Ehrenrühriges, im Gegensatz zu den spanischen Conquistadores ist das Ziel seiner ethnologischen Feldforschungen nicht Betrug, Ausbeutung, Unterwerfung. Es sind vielmehr die Eingeborenen selbst, die etwas von ihm wollen. Wiederum beschreibt er Rituale, wie ja auch das Feilschen eines ist, deren stillschweigende Befolgung darüber entscheidet, wo in der dörflichen Hackordnung der zugezogene Kopfmensch eingeordnet wird. Doch rührt mich sein Stil trotz dieses Wissens unangenehm an, vermittelt er doch ungebrochen das Überlegenheitsgefühl, man kann auch sagen die Arroganz dessen, der sich zubilligt, das von ihm beschriebene Biotop von außen, quasi objektiv einschätzen zu können, während die Beschriebenen, ganz gleich, ob sie ihrerseits den Kommentator zum Trottel ernennen oder nicht, nie über den Schweinsbratentellerrand blicken werden können und auf ewig im eigenen Saft schmoren müssen.

Viele der Vorurteile und Urteile gegenüber auf dem Land lebenden Künstlern und Intellektuellen, wie sie im Dorf typisch sind, speisen sich, getraue ich mich zu vermuten, aus dem Empfinden, deren Arbeit und Lebenspraxis rühre unablässig an den oft nicht hinterfragten Grundfesten überkommener Tradition, an Hierarchien und Vereinsritualen, und zwar selbst, wenn sie sich wie der Fahnenvater Zuckmayer dreinschicken.

Nun kann man mir entgegenhalten, inzwischen seien doch siebzig Jahre ins Land gezogen, wenngleich Carl Zuckmayer erst vor weniger als vierzig darüber geschrieben hat. Demgegenüber stelle ich die These in den Raum: An dem zugrundeliegenden Problem hat sich nur verhältnismäßig wenig verändert.

Ganz gleich, ob man sich – wie Zuckmayer zu Zeiten – unters Volk mischt, den Stammtisch mitbevölkert, alle Begräbnisse abdient, oder eher freundliche Distanz zum dörflichen Leben hält: Dessen beharrendes Element, die Wagenburgmentalität vieler Alteingesessener, gespeist häufig aus angstkompensierender Sturheit, die phantasiereiche Gerüchtebörse in Wirtshäusern und auf dem Kirchplatz, all dies und mehr wirft die Frage auf, wie man als Schriftsteller, abgesehen von den hier wie überall gewonnenen Freunden, die Menschen auf dem Land hinreichend stimmig zur Sprache bringt, welche ja nichts anderes sein kann als die Übersetzung der eigenen Erfahrungen und Bilder.

„Das Land“ ist nun einmal unter anderem ein weites Feld mit tiefen Abgründen. Wir wissen, um im salzburgisch-oberösterreichischen Raum zu bleiben, von Franz Innerhofer aus Krimml oder von O.P. Zier aus Lend, von Franz Rieger aus Riedau oder von Franz Kain aus Posern bei Bad Goisern, um nur wenige Namen zu nennen, wie rigide dörfliche Strukturen jenen im wahrsten Sinne des Wortes zuleibe rücken können, deren Sensibilität zu ausgeprägt ist, um sich unwidersprochen einzugliedern, zu fügen. Heute, wo etwa das Spannungsfeld bäuerliche Herrschaft – Gesinde weggefallen ist, wo dem Diktat der Elterngeneration relativ leicht durch Landflucht begegnet werden kann, wo die Macht der katholischen Kirche über ihre Schäfchen selbst im Dorf längst bröckelt, sind viele Ursachen weggefallen, die einst für Disziplinierung ohne Wenn und Aber sorgten. Wenn man jedoch einen genaueren Blick wagt, so zeigt sich schnell, daß es beispielsweise immer noch schlecht möglich ist, sich als eingesessener Dörfler abseits der eingesessenen Parteien in Bürgerlisten oder Umweltverbänden, in „(Nichtvolks)Kulturinitiativen“ oder meinetwegen in fernöstlichen Spiritualitätszusammenhängen zu engagieren.

So getrauen sich nach eigenem Bekunden – und damit schlage ich endgültig die Brücke zu St. Pantaleon und mir – manche Ortsbewohner, denen es ein Anliegen wäre, ganz einfach nicht, an der Jahresgedenkfeier für die beiden NS-Lager am Ort teilzunehmen, weil sie damit in den sozialen Zusammenhängen, über die sie sich definieren, unten durch wären.

In gewissen gesamtgesellschaftlichen Kontexten potenziert sich zudem die dörfliche Kontrollfunktion, muß sich zwangsläufig auch das Überlebensinstrument Verdrängung perfektionieren. Als jene Frauen aus St. Pantaleon mit mir von sich aus nach bald sechzig Jahren über die Ereignisse von damals zu reden begannen, weil sie mir, dem Schriftsteller, wie sie meinten, Geschichten zu erzählen hätten, „da könntest du Bücher drüber schreiben“, war das nicht nur ein dezenter, womöglich unbewußter Hinweis, das auch tatsächlich so zu halten, sondern auch ein Befreiungsschlag aus den obsolet gewordenen Umgarnungen dörflichen Eingebettetseins: Die Männer sind tot, kameradschaftsbundliche Normerfüllung damit hinfällig, die Kinder sind weggezogen, lange, einsame Tage bringen die Bilder zurück, die nie versprachlicht werden durften, weil sie das gesamte Gefüge von kollektiver Ohnmacht im Angesicht extremster Barbarei bis zu schuldhafter Verstrickung einzelner aus Profitinteresse, aus Lust an Gewalt und am Totquälen, oder was da sonst noch an Motiven in Frage kommt, an die Oberfläche geschwemmt hätten. Wären diese Bilder bald nach dem Krieg Sprache geworden, wären sie wohl zur Sollbruchstelle von Ehen geworden, der Rückkehr der alten Nazis an die Schalthebel der Macht im Wege gestanden, dem blinden Aufbruch zum Wiederaufbau, dem mehrheitlichen Konsens der Niederlage statt der Befreiung, dem Bedürfnis nach Schwamm drüber.

Aber sie blieben, diese Bilder, diese Geräusche, diese Empfindungen, die zwischengelagerten Toten in der Gerümpelkammer unter der Kirche, die gespenstischen Gesänge der ausgemergelten Zwangsarbeiter in ihren viel zu leichten Kleidern beim frühmorgendlichen Marsch an die Baustelle, die brutalen Schläge des Vaters, der erfahren hat, daß die Tochter auf dem Schulweg internierten Kindern Mostäpfel über den Lagerzaun geworfen hat.

Die Frauen jenseits der siebzig haben nach sechzig Jahren endlich doch geredet, und ein schöneres Beispiel für die Not-Wendigkeit unserer marginalisierten Zunft kann ich mir kaum vorstellen. Mein offenes Ohr und das Gespür der alten Damen, es würde noch eine, eine letzte Chance bestehen, das subjektiv Erlebte einigermaßen zu objektivieren, schwarz auf weiß in einem Buch festzuhalten, geschehen zu machen statt ungeschehen, hatten gereicht, die Zungen zu lösen.

Aber da stand ich nun, mußte mich entscheiden, ob ich mich auf diesen kleinen Ort, in dem ich nun seit einigen Jahren gern lebte, kompromißlos einlassen sollte, auf seine jüngere Vergangenheit, deren zeitlichen Rahmen ich, das war mir von vornherein klar, gegen den Usus der Geschichtsbücher definieren mußte: Von 1940, als das erste Lager provisorisch für einige Wochen im ehemaligen Gasthof Göschl in Moosach, Gemeinde St.Georgen an der Salzach, eröffnet wurde, wo prompt auch gleich das erste Opfer seinen Folterverletzungen erlag, bis zu meiner Geburt 1955.

Abgesehen von kleinen Aufsätzen zweier Zeithistoriker an entlegenen Orten und einem Hauptschulprojekt in St. Pantaleon Mitte der 80er Jahre waren die beiden NS-Reichsgaulager nicht nur aus dem öffentlichen dörflichen Bewußtsein, sondern auch aus dem des ganzen Landes komplett verschwunden. Immer noch hing (und hängt bis heute) das Portrait des damaligen NS-Bürgermeisters im Sitzungssaal der Gemeinde, eines Mannes, der nicht nur erheblichen Anteil daran hatte, daß Gauleiter Eigruber seine Parallelinfrastruktur zu Himmlers KZs ausgerechnet an der Peripherie Oberdonaus realisierte, der nicht nur persönlich finanziellen Profit aus dem unermeßlichen Leid vieler Hunderter zog (übrigens, indem er die eigene NSDAP sowie die Grundstückseigner des Lagergeländes betrog), der nicht nur zahllose Denunzierungen seiner Bürger mit erheblichen Folgen zum Beispiel gleich für zwei Ortspfarrer veranlaßte, für die er nach dem Krieg rechtskräftig verurteilt wurde, sondern der in seiner Eigenschaft als Standesbeamter auch die Totenscheine der Ermordeten und der durch die Lagerumstände anderweitig zu Tode Gekommenen ausfüllte, wobei er falsche Todesursachen unterschrieb, die er mutmaßlich selbst mitformuliert hat.

Während also dieser Herr unverdrossen von der Wand des Sitzungssaales auf die heutigen Gemeindevertreter blickt, blieben bis zur Jahrtausendwende die Namen der Toten unbekannt, die vielen absurden Gründe für eine Inhaftierung im Arbeitserziehungslager, das weitere Schicksal der schließlich mit Güterzügen abtransportierten Roma und Sinti und natürlich die Mitverantwortung des Dorfes konsequent ausgespart. Das offizielle Gemeindebuch von St. Pantaleon Ende der siebziger Jahre berichtet zwar ausführlich, daß Erzbischof Hiltibald von Köln am 18. Oktober 788 auf seinem Weg von Eggelsberg über Ibm, Franking, Haigermoos und Ernsting nach Ostermiething St. Pantaleon, damals – wenn überhaupt – Weng genannt, fast berührt hätte, erwähnt die dunklen Zeiten Mitte des 20. Jahrhunderts dafür jedoch mit keinem Wort, wenn man davon absieht, daß in einem Kapitel über die Mühlen in St. Pantaleon erläutert wird, „die Mitte der Dreißigerjahre einsetzende Entsumpfung des Ibmer Moores“ habe „den Mühlen die Kraftquelle genommen.“ Die Frage, wer diese Arbeit ab 1940 verrichtete, würde uns freilich schnell auf die richtige Spur bringen.

Die Tatsache, daß die Nachbargemeinde Haigermoos mit ihrem Weiler Weyer vor dem Krieg nach St. Pantaleon eingemeindet und bald nachher wieder ausgegliedert wurde, bot beiden Dörfern eine ideale Ausrede für das jeweils kollektive Verdrängen: Sagten die einen, sie seien gegen ihren Willen als Gebietskörperschaft aufgelöst und zum Zeitpunkt der Verbrechen vom größeren St. Pantaleon und seinem Nazi-Dorfestablishment beherrscht gewesen, meinten die anderen, Weyer liege, wie jede Landkarte beweise, in Haigermoos, St. Pantaleon habe mit den Lagern rein gar nichts zu tun.

Tausende Seiten über die Lager in St. Pantaleon-Weyer, so der offizielle Name, lagen indes in einem Dutzend österreichischer Archive. Ich habe sie, teils unter abenteuerlichen Umständen, zu Tage gefördert. Nie hatte ich die Absicht gehabt, ein literarisches Buch über die NS-Zeit zu schreiben, alles Wesentliche schien mir dazu in guten und gut gemeinten Romanen, Erzählungen und Gedichten geäußert.

Und nun saß ich vor einer Unmenge unglaublichen Materials, das ästhetisch bewältigt werden wollte. Zu bewältigen war aber auch das Wissen, im eigenen Wohnort, der mir Heimat zu werden versprach, damit wahrscheinlich auf Lebenszeit eine Zuordnung zu erfahren, die, wenn man den bisherigen Umgang mit der dörflichen Vergangenheit als Maßstab nahm, nicht viel Gutes versprach.

Der 2001 erschienene Roman „Herzfleischentartung“, das Resultat meiner Bemühungen, ist wesentlich viel weniger ein Roman über die NS-Zeit und die ersten zehn Jahre nach dem Krieg als einer über Erinnerungskultur, er ist viel weniger die Geschichte einiger positiver und negativer Protagonisten als die Geschichte struktureller Verflechtungen extremster Natur, die erst möglich machten, was bald wieder unaussprechlich schien. Die vielen handelnden Personen agieren zwar auch in Berlin und Wien, werden zwar auch in Svetlik und Steyr vermißt, sterben zwar auch in Lodz und Salzburg, im Mittelpunkt steht jedoch die minutiöse Beobachtung des Mikrokosmos einer kleinen Gemeinde am Rande des Innviertels während fünfzehn Jahren. In St. Pantaleon finden wir alles, was die große Welt draußen in jener Zeit vorrätig hatte: Terror im Lager, auf der Straße, bei der Flußregulierung der Moosach, kleine, aber bedeutende Akte des Widerstandes bzw. des bewußten Nichtmitmachens, ausgeprägten Opportunismus, Denunziation und Korruption, enthemmte Bauernknechte als SA-Schergen und wild gewordene Kleinbürger als Drahtzieher. Wir finden brutal ausgebeutete und wir finden anständig behandelte ukrainische oder französische Zwangsarbeiter auf den Höfen, größenwahnsinnige NS-Renommierprojekte, die auf die Zerstörung der letzten nennenswerten Moorgebiete abzielen, um 250 Großbauernhöfe zu schaffen. Wir finden nach dem Krieg wiedereingesetzte lokale NS-Größen, als Vizebürgermeister der SPÖ zum Beispiel, als einflußreiche Gemeinderäte der ÖVP, wobei der wirtschaftliche Einfluß brauner, später schwarzer Funktionäre ohnehin nie eine Zäsur erfahren hatte. Wir finden neugebaute, groß dimensionierte Anlagen für die gefallenen Söhne der Heimat, wir finden die Gräber der hier Ermordeten nicht und keine Tafel, auf der ihre Namen stehen, wir finden Beteuerungen, die Gequälten und Ermordeten werden an ihrem Schicksal schon selbst schuld gewesen sein, und Entrüstung über die ohnehin milden Strafen für schuldig gewordene Ortsbewohner. Wir finden vor allem die flächendeckende Entsorgung der jüngsten Vergangenheit.

Und das alles vor dem Hintergrund einer lieblichen, mit allen Vorzügen landschaftlicher Schönheit ausgestatteten Umgebung, vor dem Hintergrund der gewöhnlichen, alltäglichen Verrichtungen auf den Feldern, in den Handwerksbetrieben und den Schulen, vor dem Hintergrund der dörflichen Feste, der Feuerwehreinsätze, der Dorfkinovorstellungen und öffentlichen Mutterkreuzverleihungen, privaten Glücks und Leides.

Eine der ersten germanistischen Untersuchungen meines Buches stammt aus der Feder einer englischen Universitätsprofessorin, die ihren Aufsatz 2002 bei einem Kongreß in Canterbury vortrug und 2003 publizierte. Er hat den bezeichnenden Titel „The politicised pastoral idyll in Ludwig Laher’s ‘Heimatroman’ Herzfleischentartung“, also etwa „Die politisierte ländliche Idylle in Ludwig Lahers ‚Heimatroman’ Herzfleischentartung“.

Susan Tebbutt meint darin unter anderem: „Indem die Bedeutung der Landschaft im Roman herausgestellt wird, ist es möglich, die Raffiniertheiten des literarischen Stils und die Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie die Feinheiten der Beziehung zwischen Heimat, Leser und Gegend zu erkennen. Der Gebrauch von Metaphern der Restrukturierung von Land und Nation, die Romantisierung der Landschaft, in der Folge als pseudo-utopische Heimat enthüllt, indem auf ironische Weise der Wald, der Fluß und die Weite des Landes nicht nur als topographische Merkmale auf einer tatsächlichen Landkarte, sondern auch als Elemente einer sozio-politischen Landkarte der Vergangenheit Verwendung finden, all das kulminiert im Brennpunkt des Erinnerns.“ Und sie gibt eine Reihe von Beispielen aus meinem Text wie jenes von dem einst sich in Mäandern durch das Feuchtgebiet windenden Flüßchen, dem riesige Granitblöcke an den regulierten Ufern jetzt deutlich machen: Fliehen ist zwecklos!

Die Autorin zitiert aber auch von mir verwendete Originaltexte aus NS-Publikationen, die auf das Verhältnis zwischen der Landschaft des Innviertels und den Segnungen des Regimes abstellen. So folgt in einer Passage mit Passionsgeschichten Inhaftierter auf meinen Satz „Aus dem ganzen Reichsgau Oberdonau also sind seit Monaten asoziale männliche Wesen (…) in dieses idyllisch gelegene Lager geströmt, um endlich eine ordentliche Erziehung zu genießen“ das Zitat „In Natur, Kultur und Menschentum eine Einheit darstellend, die immer nur durch reichsfeindliche politische Gewalten gestört werden konnte, erscheint das Land so recht eine Wiege für ganzheitliches Denken, Fühlen und Handeln.“ Dieses ganzheitliche Denken, Fühlen und Handeln wird von mir unter anderem an den sadistischen Foltermethoden an der Baustelle am Fluß und ihren perversen Begründungen exemplifiziert.

Ich beschreibe, wie ein Schwammerlsucher den Aufsehern zu nahe an die im Moor werkenden Häftlinge gerät und mit dem Erschießen bedroht wird, wie flußaufwärts von Dorfbewohnern Apfelschalen ins Wasser geworfen werden, weil sie den Ausgemergelten wenigstens so etwas Nahrung zukommen lassen wollen, wie der Berliner Reichsmoorberater in St. Pantaleon von mäßig mit Mineralboden überdecktem Moor als idealem dauerndem Ackerland nach einer Regulierung schwärmt.

Mit einem Wort: Tatsächlich habe ich, wie Susan Tebbutt zurecht vermutet, an verschiedenen Stellen meines Romans versucht, diese Wechselbeziehung zwischen vordergründiger Idylle und der materialisierten Barbarei Menschen und Landschaft gegenüber einzufangen. Wäre ich allerdings nicht selbst ein Bewohner dieser Gegend, hätte ich diesem Aspekt wahrscheinlich nicht so viel Bedeutung zugemessen. Denn ein wichtiger Beweggrund dafür war, daß nicht nur die Erinnerung zugeschüttet war, Lager und Baustelle quasi im Bewußtsein St. Pantaleons nicht mehr vorhanden waren, sondern auch ganz real draußen im Moosachtal nichts mehr darauf hindeutet, daß dort je einmal Mord und Totschlag regierten. Mehr noch: Meine ursprüngliche Entscheidung, in der Gegend der Oberinnviertler Moorseen leben zu wollen, gründete sogar wesentlich auf dem Reiz der archaischen Landschaft, auf einem intensiven Naturerlebnis, das mir bis heute Quelle künstlerischer Inspiration ist.

Ich mußte also selbst damit umgehen lernen, daß nicht nur die Erinnerung, sondern auch die Landschaft trügen kann, daß ich, der Schriftsteller auf dem Land, nicht nur in jenen zu Anfang am Beispiel Zuckmayers skizzierten sozialen dörflichen Zusammenhängen existiere, sondern auch in einem Spannungsverhältnis zur Landschaft, die mir, indem sie ja nicht selbst für ihren Mißbrauch verantwortlich zu machen ist, immer noch gleich lieb, aber nicht mehr unschuldig ist. Das Wort ‚unschuldig’ will ich dabei in jenem Sinne verstanden wissen, den der Satz „Er raubte ihr die Unschuld“ ausdrückt. Geraubte Unschuld meint im überholten traditionellen Verständnis, abgesehen vom konkreten Hymen, den Verlust einer emotionalen wie erfahrungsfreien Bewußtlosigkeit gegenüber den Verlockungen des sexuellen Trieblebens, herbeigeführt eben durch den ersten Sexualakt. Nicht umsonst meint im Mittelhochdeutschen die Phrase ‚sin wip erkennen’ mit ihr zum ersten Mal schlafen, also diesbezügliche Erkenntnis schaffen. In den Bibelübersetzungen hat man den Gläubigen übrigens bis weit ins 20. Jahrhundert folgende scheinbar unverständliche Antwort Mariens auf die Ankündigung Gabriels zugemutet, sie werde jetzt schwanger werden und die Mutter Gottes: ‚Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?’ Und die teuflische Erkenntnis, Maria habe schlicht ‚wo ich doch noch mit keinem Mann geschlafen habe’ gesagt, wird heute in modernen Bibeln durch den dummen Halbsatz ‚wo ich doch von keinem Mann weiß’ vernebelt.

Von wegen nichts wissen. Die Landschaft rund um St. Pantaleon wurde reichlich mit den ausgelebten Trieben sadistischer Aufseher, mit den Grenzerfahrungen Scheinertränkter, mit den auf Scheibtruhen weggekarrten Sterbenden konfrontiert, sie bleibt mir verwundet, sie bleibt mir wissend, wenngleich die meisten, die ihr begegnen, keine Ahnung davon haben wie ich, als ich mich in ihr niederließ. Und ich habe sie erkannt, bin also intim mit ihr geworden, mit allen Unwägbarkeiten, die dergleichen nach sich zieht.

Ich bin nicht aufs Land gezogen, um dort romantische Gefühle zu befriedigen, nach blauen Blumen zu suchen oder gar dem Paradies. Als Schriftsteller ist man viel unterwegs, und eine einladende Gegend, in der man, wenn man gestrickt ist wie ich, die Muße zur konzentrierten Arbeit leichter finden kann als in der hektischen Großstadt, gibt Kraft, führt auf das Wesentliche zurück, schärft die Klarheit des Gedankens. Verkehrsgeographisch günstig gelegen zwischen Salzburg und München, Drehscheiben für mich, um an meine Arbeitsstätten für je einen Abend zu gelangen, die verschiedenen Lesungsorte, aber auch zu den Rundfunkanstalten, den Bibliotheken und Archiven usw., bleibt mir St. Pantaleon trotz allem, was es war, ein Ruhepol, geeigneter Platz meiner Werk-Stätte.

Gelegentlich überlege ich mir sogar, ob es nicht – weit über den damit verbundenen Roman „Herzfleischentartung“ und seinen relativ großen Erfolg hinaus – für mein Verhältnis zum Ort sein Gutes hatte, in ihm, ohne das zu wissen, für meine Beheimatung etwas getan zu haben, indem ich mit seiner Geschichte in einen Dialog getreten bin, stellvertretend für all die anderen Plätze in meinem Leben, an deren keinem ich, die Kindheit eingerechnet, länger als neun Jahre verbracht habe. Abgründe hätten sich überall aufgetan.

Carl Zuckmayer spricht noch Jahrzehnte nach dem Krieg in seinem Erinnerungsbuch „Als wär’s ein Stück von mir“ davon, seine Henndorfer Jahre als das Paradies auf Erden erlebt zu haben. Umso schlimmer ist es, wenn du feststellen mußt, ein Teil der Leute, die du gut kennst, mit denen du nicht selten ein Glas geleert hast, führen sich ab einem gewissen Moment, der ihnen dies erlaubt, völlig enthemmt auf und schrecken vor nichts zurück. Zuckmayer, der sich gerade in Wien aufhält, entschließt sich gleich nach dem Anschluß im März 1938 zur Flucht in die Schweiz. „In Henndorf hatten sie bereits – wir wußten es noch nicht – unser Haus besetzt und den treuen Jung-Gendarmen Lackner, einen unentwegten Nazi-Gegener, der so oft bei uns am Abend die Zither gespielt hatte, halb totgeschlagen.“ Als nach 1945 plötzlich alles wieder in geordneten Bahnen ablief, wollte Zuckmayer wie so viele andere nicht mehr zurück. Überall tummelten sich dieselben Leute, die gerade noch die Sau rausgelassen hatten, und die anderen hatten immer noch Angst vor ihnen oder fanden gar gut, was sie gemacht hatten. Das ist in der Stadt nicht anders gewesen als auf dem Land, aber viel anonymer.

St. Pantaleon kann mir wenig vormachen, ich habe zu genau nachgeschaut. Wir haben uns ausgeredet, eine Vertrautheit geschaffen, die den Schrecken nicht ausspart. Darauf läßt sich aufbauen. Diese neue Vertrautheit läßt mich so manche Distanzierung als wohlbegründet und konsequent einordnen, hat aber andererseits Barrieren aufgehoben, die sich einer von Fremdheit gespeisten Unsicherheit verdankten.

Eine Erinnerungsstätte für die Lageropfer gibt es mittlerweile, die Gemeinde bekennt sich, ohne viel Aufhebens zu machen, zu ihrer Verantwortung. ‚Ohne viel Aufhebens’ heißt aber auch, daß es, grotesk genug, in zweieinhalb Jahren seit dem Erscheinen von „Herzfleischentartung“ keine Einladung des offiziellen St. Pantaleon an mich gab, in der Gemeinde aus dem Buch zu lesen, wie es überhaupt in zehn Jahren nie auch nur eine einzige Einladung gab, in der Gemeinde als wohl bekanntester dort lebender Künstler mit irgendeinem meiner Werke aufzutreten. Ich habe dafür bei fast hundert Auftritten in verschiedenen Ländern aus dem Roman über meine engere Lebensgegend gelesen, das in der Neuen Zürcher Zeitung genauso hymnisch besprochen wurde wie in der Frankfurter Allgemeinen oder in der Neuen Südtiroler Tageszeitung und im österreichischen STANDARD, das als Buch über die Provinz, nicht aber als provinzielles Buch vor kurzem unter dem Titel „Una enfermedad del corazón“ in Spanien herauskam und nächstes Jahr in Großbritannien erscheinen wird. „Herzfleischentartung“ hat allein im deutschsprachigen Raum immerhin schon drei Auflagen erlebt, mehrere literarische Auszeichnungen, darunter den österreichischen BUCH.PREIS 2001 und eben jetzt den oberösterreichischen Landeskulturpreis, erhalten, überraschend schnell ausführlichen Eingang in Überblickswerke wie in die Neuausgabe von Klaus Zeyringers „Österreichische Literatur seit 1945“ gefunden.

Ich habe aus dem Roman in St. Pantaleons unmittelbarer Nähe vor über hundert Leuten in Haigermoos im ehemaligen Lager gelesen, vor über achtzig in Eggelsberg, in zwei großen Braunauer Veranstaltungen vor mehr als zweihundert Besuchern und jetzt sogar in St. Georgen. In St. Pantaleon selbst lud einzig die Grüne Bildungswerkstatt Oberösterreich halböffentlich einmal zu einem Leseabend, zu dem hauptsächlich Menschen aus anderen Teilen des Landes kamen.

Für mein Selbstwertgefühl als Autor ist die Wahrnehmung in St. Pantaleon ohne Belang, auch unterscheide ich sehr genau zwischen den Menschen, von denen viele dieses oder andere Bücher von mir gelesen haben, und dem offiziellen St. Pantaleon. Schließlich stelle ich auch den Umstand in Rechnung, daß ich mich lokalpolitisch in einer überparteilichen Liste engagierter BürgerInnen betätige und das nicht von allen im Gemeindeestablishment goutiert wird. Dennoch wäre es mir prinzipiell natürlich angenehm, zuhause nicht erst – wie in vergleichbaren Fällen vielfach belegt – nach meinem Tod offiziell wahrgenommen und, ohne noch widersprechen zu können, für welche Zwecke immer eingespannt zu werden.

Es gibt eine Reihe von SchriftstellerInnen, die von früher Jugend an subjektiv erfahrene, meist wohl auch objektiv erfolgte persönliche Demütigungen, Kränkungen, Zurückweisungen, die zum Teil aus der Enge, Engstirnigkeit, Intoleranz dörflicher Strukturen resultieren, in ihrem Werk ausführlich thematisieren. Die notwendig damit verbundenen Zuspitzungen, emotionell gefärbten Anklagen, der Zorn und der Aufschrei solcher Texte von Franz Innerhofer bis Josef Winkler lassen einen zumindest nachvollziehen, warum die darin porträtierten Gemeinden sich schwer tun, diese AutorInnen trotzdem als Teil dieser Welt anzunehmen und ihre Leistungen auf einer anderen Ebene zu schätzen.

Ich glaube, weit weniger als mit mir als Person, der ich ja keine persönlichen Rechnungen mit St. Pantaleon offen hatte, die mich zu bitteren, gar zu ungerechten Texten genötigt hätten, hat die weitgehende Gleichgültigkeit der Gemeinde gegenüber meinem Werk mit einer allgemeinen Gleichgültigkeit am Ort gegenüber jeder Form von künstlerischer Betätigung zu tun, die nicht traditionell volkskulturell geprägt ist und nicht auf Amateurbasis ausgeübt wird. Iregndwelche Initiativen des Kulturausschusses der Gemeinde, ein Kunstbudget jenseits der Unterstützung des Laientheaters etc. zu installieren, sind mir nicht bekannt.

Ich äußere mich zu so einer Offenbarung größtmöglicher Wurstigkeit St. Pantaleons gegenüber dem von mir behaupteten Lebensmittel Kunst gewöhnlich nicht öffentlich, würde jede Erwähnung in diese Richtung doch als pro domo-Einspruch abgetan werden, als ob ich es auf ein Denkmal im Dorf abgesehen hätte. Im Zusammenhang von Überlegungen über Land-Schriftsteller aber hat eine diesbezügliche Anmerkung ihren Platz, denn anders als in der Stadt, wo die Marginalisierung von Kunst und Kultur nicht so auffällt, weil für entsprechende Angebote gesorgt ist, fällt deren völliges Fehlen am Land sofort ins Auge.

Vielleicht ist eine 3000-Seelen-Gemeinde in dieser Hinsicht auch schlicht überfordert. Eine effektive Auseinandersetzung mit Kunst wäre eigentlich eine lohnende Aufgabe für Regionen, zum Beispiel von der Größe des Oberinnviertels. Das Land Oberösterreich unterstützt seit Jahren gezielt regionale Kulturarbeit; wer aber weiß, wie schwer es den Landgemeinden fällt, selbst in so offensichtlichen Bereichen wie dem Öffentlichen Verkehr an einem Strang zu ziehen, darf sich auch davon nicht zuviel erhoffen.

Es ist Zeit, zum Schluß zu kommen, denn ich bin nicht eingeladen worden, mir allgemeine kulturpolitische Erwägungen zu leisten, sondern darüber nachzudenken, wie es mir, einem halbwegs bekannten hauptberuflichen Schriftsteller, der sich entschlossen hat, in ländlicher Umgebung zu arbeiten, dort so geht.

Bevor ich Ihnen im zweiten Teil des Abends einen längeren Ausschnitt aus jenem hier in der Gegend spielenden Roman vorlese, von dem jetzt schon einigermaßen ausführlich die Rede war, hören Sie noch ein kurzes Gedicht aus meinem letzten Lyrikband, das im Anschluß an einen abendlichen Spaziergang am Ufer des Höllerer Sees in St. Pantaleon entstand, wie ich ihn häufig zu unternehmen pflege.

Der kurze Text handelt von einer höchst persönlichen Begegnung zwischen einem Landschaftsdetail und mir. Beide Seiten halten nichts davon, sich wechselseitig anzubiedern. Aber sie haben miteinander zu tun. So möchte ich mein Verhältnis zu dem Ort verstanden wissen, in dem ich lebe.

feuerstunde, S.55


Dorfzeitung


Ludwig Laher | Foto: 2017 Karl Traintinger, Dorfbild.com

Buchtitel: Herzfleischentartung
Autor: Ludwig Laher
Verlag: Haymon Verlag Innsbruck
Erschienen: 2001

Klapptext der Erstausgabe

Im Jahr 1940 errichtete die SA im Innviertler Dorf St. Pantaleon ein “Arbeitserziehungslager” und nach dessen überhasteter Schließung ein “Zigeuneranhaltelager”. Hunderte willkürlich Inhaftierte werden dort gequält, etliche umgebracht.

Lagerarzt ist der dazu genötigte Gemeindedoktor. Lange Zeit konstatiert er irgendwelche harmlose Todesursachen (die “Herzfleischentartung” bei einer Zigeunerin ist allerdings nicht seine Erfindung. Eines Tages aber schaltet er die Staatsanwaltschaft ein.

Die Aktenbestände der damit ausgelösten Untersuchung – den Prozeß hat schließlich der Führer höchstpersönlich niedergeschlagen – sind erhalten.

Sie waren die Grundlage seiner literarischen Arbeit, die sich im Ton zum Teil in beklemmender Weise der Sprache und Logik der Mörder bedient, gleichzeitig aber einen kollektiven Erzähler einführt und diesen das Unerhörte einmal vom zeitgenössischen Standpunkt, dann wieder vom heutigen aus begleiten läßt.

Laher verfolgt die Täter auch in das 1945 wieder erstandene Österreich, rollt die späteren Verfahren auf: Die Richter sind milde.

Gebundene Ausgabe 2001

Der mitten ins Geschehen geholte Leser erlebt, was passieren konnte, wenn ein Lagerarzt Anzeige gegen NS-Schergen erstattete, er wird auch Zeuge, wie schnell der Einbruch bestialischer Zustände in den Alltag der österreichischen Provinz zur Normalität wird, wie schnell aber auch alles nicht mehr gewesen sein soll in der berühmten Stunde Null.

Ludwig Laher
1955 in Linz geboren, studierte Germanistik, Anglistik und Klassische Philosophie in Salzburg. Dr. phil., lebt in St. Pantaleon in Oberösterreich.

Er schreibt Prosa, Lyrik, Essays, Hörspiele, Drehbücher und Übersetzungen: dazu kommen wisschenschaftliche Arbeiten.

Laher in der Dorfzeitung >

Dr. Karl Traintinger

Rezension von Karl Traintinger

Die Gefangenen des 1940 in der Gemeinde St. Pantaleon errichteten “Arbeitserziehungslagers” haben unter menschenunwürdigen Bedingungen die Moosach reguliert und mit Steinplatten ausgelegt. Von den Insassen des “Zigeuner-Aanhaltelagers”, das das “Arbeitserziehungslager” ablöste, wurde nicht mehr so viel “weitergebracht”. Den Krieg überlebt hat von den Zigeunern, die in dem “Anhaltelager” interniert waren, keiner.

Ich habe mit einigen alten Bauern aus der Gegend gesprochen, gewusst haben sie alle, was “unten in der Moosach” los war. Ab und zu hat man auch Schreie gehört … nur hätte man etwas gesagt, wer weiß schon, was dann passiert wäre …

Heute erinnert nur mehr eine Gedenkstätte an die Greueltaten. Das Buch von Ludwig Laher ist ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung gar nicht so alter Geschichte, es sollte in keiner (Gemeinde) Bibliothek fehlen.

Anbei noch einige Fotos (KTraintinger) vom Originalschauplatz sowie von der Denkstätte:

Die Moosach
Idyllisch schlängelt sich die Moosach durch die Landschaft.

Die Moosach

Die Moosach
Das Bachbett wurde mit Steinen ausgelegt.

Die Moosach
Die Denkstätte an der Moosach in St. Pantaleon.

Die Moosach
“Gebundene” – Plastik von Dieter Schmidt

Die Moosach

Weblinks:
Arbeitserziehungslager Weyer >
Im Schatten der Mozartkugel >