Alexander Lernet-Holenia: Der Graf Luna

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Alexander Lernet-Holenia: Der Graf Luna

Autor: Alexander Lernet-Holenia
Titel: Der Graf Luna
Mit einem ausführlichen Nachwort zu Leben und Werk des Autors von Prof. Dr. Wynfrid Kriegleder (Universität Wien)
Genre: Belletristik, Roman
ISBN: 9783903244481
Verlag: Das vergessene Buch
Ausstattung: Hardcover mit geriffeltem Vor- und Nachsatzpapier, Surbalinbezug und Lesebändchen
Erschienen: 3. 7. 2026

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Klappentext:

WIEN IN DEN FRÜHEN 1950er JAHREN… Alexander Jessiersky, österreichischer Aristokrat russisch- polnischer Abstammung, bewohnt mit seiner Familie ein prächtiges Stadtpalais im Wiener Ersten Bezirk. Er verhält sich nach dem Anschluss unauffällig und angepasst – und geht als Profiteur aus dem Zweiten Weltkrieg hervor.

Doch die Vergangenheit lässt sich nicht so einfach begraben. Jessiersky trägt Mitschuld an der Deportation eines Mannes ins Konzentrationslager Mauthausen: des Grafen Luna. Ist es dieser totgeglaubte Graf, den er unvermutet im Mondschein in der Nähe seines Palais erspäht und der nun Rache an ihm und seiner Familie nehmen will?

Getrieben von Schuldgefühlen und zunehmend ins Paranoide übergreifender Angst gerät Jessiersky immer stärker in den Bann der rätselhaften Gestalt und deren wechselvoller Familiengeschichte, mit der er sich manisch zu beschäftigen beginnt. Doch so sehr er sich auch vom Albdruck des Geschehenen befreien will: Der geheimnisvolle Graf Luna verfolgt ihn gleich einem Dämon durch das irrlichternde Wien der Nachkriegszeit, sodass Jessiersky bald zum Äußersten bereit ist, um seinen Seelenfrieden wiederherzustellen.

Ein abgründiges Katz-und-Mausspiel bahnt sich an, das Jessiersky in atemlosem Tempo über die Bergkämme des Salzkammerguts bis in die Katakomben Roms treibt, wo sich sein Schicksal zuletzt besiegelt. Alexander Lernet-Holenias 1955 bei Zsolnay in Wien erschienener phantastischer Kriminalroman ist ein Werk von dichter Atmosphäre, psychologischer Spannung und stilistischer Eleganz. Im literarischen Spiel mit Motiven wie Schein und Wahrheit, Schuld und Verantwortung, arbeitet der k.u.k-Meistererzähler die Erfahrung des Nationalsozialismus in Österreich und die Verstrickungen Einzelner darin auf.

Irene Schrattenecker 120

Rezension von Irene Schrattenecker

Der 1897 in Wien geborene und 1976 in seiner Geburtsstadt gestorbene Alexander Lernet-Holenia war schon früh sehr erfolgreich, zeitlebens unheimlich produktiv und – obwohl in den Jahrzehnten seit seinem Tod weniger gelesen – nie wirklich in Vergessenheit geraten. Vor allem ist er einer jener österreichischen Schriftsteller, die nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch im fremdsprachigen Ausland geschätzt werden, weil seine Romane vielschichtig sind und mehrere Lesarten zulassen.

Der Graf Luna erschien zum ersten Mal 1955 im Wiener Zsolnay-Verlag und handelt retrospektiv von einer Geschichte, die um das Jahr 1940 in Wien anfängt und im Mai 1954 in Rom ihren Abschluss findet. Der Protagonist, Alexander Jessiersky, ein wohlhabender österreichischer Aristokrat russisch-polnischer Abstammung und Erbe eines Transportunternehmens, hat – weil seine Arbeit ihn langweilt und die Firma ihm kein Anliegen ist, die Leitung seines Unternehmens immer schon seinen Direktoren überlassen. Während der NS-Zeit drängen die Leiter des Unternehmens darauf, dass zum Vorteil der Firma Grundstücke aus dem Besitz des Grafen Luna erworben werden müssten. Obwohl Jessiersky die Notwendigkeit dafür nicht einsieht und Luna die Grundstücke durchaus nicht abtreten will, setzt Jessiersky seinen Direktoren aus Gleichgültigkeit keinen Widerstand entgegen und das Vorhaben wird durchgesetzt, Luna bei der Gestapo denunziert und ins Konzentrationslager Mauthausen deportiert, wo er auch umkommt. Jessiersky ist zwar weder überzeugter Nationalsozialist, noch bewirkt er selber Lunas Verfolgung und Deportation, aber durch sein durch den fehlenden Widerspruch und durch sein gleichgültiges Wegschauen lädt er Schuld auf sich.

Diese seine Schuldgefühle treiben Jessiersky nach dem Krieg zunehmend in einen paranoiden Wahn. Gegen jede offenkundige Tatsache deutet er Zufälligkeiten als Hinweise auf Lunas Überleben und seine Racheabsichten ihm gegenüber. Dieser Wahn lässt ihn schließlich zum mehrfachen Mörder werden, in die Berge des Salzkammerguts und schließlich nach Rom fliehen, wo er vermutlich in den Katakomben endet.

Der Graf Luna sei ein „phantastischer Kriminalroman […] von dichter Atmosphäre, psychologischer Spannung und stilistischer Eleganz“ informiert der dvb-Verlag auf S. 2 der Neuauflage. Und weiter heißt es da, dass der „k.u.k-Meistererzähler“ „[i]m literarischen Spiel mit Motiven wie Schein und Wahrheit, Schuld und Verantwortung die Erfahrung des Nationalsozialismus in Österreich und die Verstrickungen Einzelner darin“ aufarbeite.

Ja, Lernet-Holenia hält der österreichischen Nachkriegsgesellschaft mit Der Graf Luna den Spiegel  der kollektiven Amnesie vor. Er legtseinem Protagonisten auch die illusionslose Erkenntnis in den Mund, dass die amerikanische Besatzungsmacht sich sehr bald von den Problemen der Bevölkerung abwandte und allein ihre eigenen, wirtschaftlichen und außenpolitischen Interessen verfolgte und damit sehr bald zu verstehen gab, dass „der Kampf gegen das Dritte Reich in der Tat nur etwas vorübergehend Überschätztes gewesen sei“ (GL 58). Dies bekräftigt Jessiersky in der Überzeugung, dass die Welt von heute „eine Welt von Händlern geworden ist, die bloß zwischendurch Kriege führen“ (GL 53). Und er spottet voll Hohn und Verachtung über die Anpassungsfähigkeit einiger seiner Landsleute, die sehr schnell einsahen, daß „die Politik im Begriffe sei, den Spieß, den sie eben umgedreht hatte, neuerlich, d.h. in seine alte Richtung, umzudrehen“ (GL 68).

Der Graf Luna ist aber nicht nur eine Abrechnung mit der Nazizeit. Dass ein auktorialer Erzähler eine Art Rahmenhandlung berichtet, in der ein Wiener Ministerialbeamter die Umstände von Jessierskys Verschwinden untersucht, lässt den Eindruck eines Berichts über einen rätselhaften Kriminalfall entstehen, gleichzeitig gleitet die Erzählung zunehmend ins Unheimliche und Phantastische hinein, wird zur ironisch gebrochenen Gespenstergeschichte.

Gegen Ende des Romans wird dann klar, dass alles, was der Autor bis dahin erzählt hat, nichts anderes ist als eine Vorbereitung auf die philosophischen Betrachtungen über den Tod und über das Seiende und das Nicht-Seiende im Schlusskapitel. Lernet-Holenia lässt seinen Protagonisten die Frage nach der Unsterblichkeit stellen. Die Antwort legt er einem wie Jessiersky in den Katakomben verschollenen Geistlichen in den Mund: „Doch. Es gibt sie, wenngleich bloß insofern,  als es auch das Nichts, zu dem man dann geworden ist, noch gibt. Das heißt aber, dass selbst das, was nicht mehr ist, noch ist. Wenn es nie gewesen wäre, so würde es freilich überhaupt nicht mehr sein., Weil es aber ist, ist es auch noch immer. […] Da wir nun einmal sind, sind wir für immer.“ (GL 223).

Die Tür zur Ewigkeit stößt Lernet-Holenia also weit auf.


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