
Autorin: Anna Brynhildsen
Aus dem Schwedischen: Franziska Hüther
Titel: Die glücklichste Familie der Welt – Roman
Genre: Belletristik/ Gegenwartsliteratur (ab 1945)
ISBN: 978-3-7587-0034-7
Verlag: Fischer Verlag
Erschienen: 26.01.2026
Klappentext:
Sara ist schwanger und weiß nicht, wie es weitergehen wird. Ausgerechnet jetzt will ihr Onkel Mats mit ihr und ihrer geliebten jungen Cousine Evi nach Berlin fahren – um den Stolperstein zu besuchen, der ihren Familiennamen trägt.
Saras und Evis Großmutter war mit einem Kindertransport aus Berlin nach Schweden gerettet worden; ihre Aufzeichnungen möchte Mats nun dem Jüdischen Museum übergeben. Unverbrüchlich in ihrer Zusammengehörigkeit wissen Sara, Evi und Mats zugleich, dass sie sich auf dünnerem Eis bewegen als andere Familien. Und jeder von ihnen hat seine eigene Zukunftsagenda im Gepäck.

Rezension von Anna Lemberger
Die junge Sara, die an der Universität Malmö an ihrer Dissertation schreibt, fühlt sich ihrem Onkel Mats und dessen Familie enger verbunden als ihren eigenen, geschiedenen Eltern. Besonders ihre Cousine Evi ist für sie eher eine Schwester als ihre leiblichen älteren Brüder. Als ihr Onkel sie bittet, ihn und Evi nach Berlin zu begleiten, um den Stolperstein ihrer Großmutter Irma zu besuchen, sagt sie sofort zu.
Für Sara, die tief in ihrer Familiengeschichte verwurzelt ist, ist es selbstverständlich, diesem Wunsch zu folgen – nicht nur, um das Andenken an Irma zu ehren, sondern auch, um deren hinterlassene Briefe dem Jüdischen Museum in Berlin zu übergeben. Zudem möchte sie der psychisch labilen Evi beistehen, wenn diese von ihrem Vater eine überaus belastende Nachricht erhält, für deren Übermittlung er ganz bewusst Berlin gewählt hat.
Im Mittelpunkt dieses biografischen Romans stehen zwei junge Frauen und die schicksalhafte Geschichte ihrer jüdischen Familie. Die Großmutter von Evi und Sara, Irma, wurde zusammen mit ihrer Schwester per Kindertransport nach Schweden geschickt und so vor der Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten in Sicherheit gebracht. Irma kehrte nie nach Deutschland zurück, sondern baute sich in Schweden ein neues Leben auf. Die Autorin nimmt ihre Leserschaft mit zu den Wurzeln ihrer Protagonistinnen – die zurück ins pommersche Pyritz führen, wo das einstige Kaufhaus der Familie Wolf als Symbol für eine verlorene Welt steht – und lässt sie zugleich an deren aktuellen Konflikten teilhaben.
Sara, die ungewollt schwanger geworden ist, hat für die Zeit nach dem Berlin-Wochenende bereits einen Termin für einen Schwangerschaftsabbruch vereinbart, da sie sich gegen ein Leben mit Kind entschieden hat. Dennoch ist es ihr wichtig, ihre jüngere Cousine nicht allein zu lassen, wenn diese von ihrem Vater eine folgenschwere Mitteilung erhält. Evi, die noch das Gymnasium besucht und nach einer schweren psychischen Erkrankung sehr labil ist, braucht Sara in diesem Moment mehr denn je als starke Stütze.
Das tiefgründige Cover mit seinem ausdrucksstarken, schwermütigen Gesicht lässt bereits ahnen, welche emotionale Tiefe die Lesenden erwartet. Die Einleitung führt behutsam in den Hauptteil ein, der die Leserschaft in der Folge gebannt festhält. Anna Brynhildsen erzählt zwar vordergründig von einem einzigen Wochenende in Berlin, fängt dabei jedoch das Schicksal einer ganzen Familie über Generationen hinweg ein. Während die Handlung der Protagonistinnen in der Gegenwart verankert ist, lässt die Autorin die Familiengeschichte immer wieder in Rückblenden Revue passieren. Bis zum Schluss bleibt der Fokus darauf gerichtet, ob die Begegnung mit der Vergangenheit Saras Entschluss bezüglich ihres geplanten Abbruchs beeinflussen wird. Darf nach dem Abschluss der Berliner Reise in Malmö etwas Neues entstehen?
Ein feinfühliger und psychologisch tiefgründiger Roman über zwei Frauen auf der Suche nach ihrer Identität. Er wirft die existenzielle Frage auf: Was bedeutete und bedeutet es, jüdisch zu sein – damals wie heute? Wer sich mit jüdischer Identität im Spannungsfeld zwischen kultureller Zugehörigkeit und gelebter Religiosität auseinandersetzen möchte, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Anna Brynhildsen ist ein ebenso schmerzhaftes wie hoffnungsvolles Porträt gelungen, das zeigt, dass die Vergangenheit niemals ganz abgeschlossen ist, solange wir bereit sind, ihre Briefe zu lesen.

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