Schauspielhaus Salzburg. Du, Du und ich…

Foto: Eva Maria Griese

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Nina Groß. „Wir wollen niemals auseinander gehen. Wir wollen immer zueinander stehen“ Eine einfache Melodie, ein einprägsamer Text. Dieses Lied stimmt die Familie am Esstisch an. Auf dem Tisch Besteck, Geschirr, vereinzelt Spielzeug. Die dreiköpfige Familie hält sich an den Händen, die Tochter schaut von Mutter zu Vater und zurück. Die Mehrstimmigkeit des Gesangs bricht ab, der Vater schweigt, wirft nur selten ein Wort ein, die Stimme der Mutter krächzt, die Tochter wird lauter und dann ist es still. Und dunkel.

Foto: Eva Maria Griese

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Dies ist die Eingangszene des Stückes „Du, Du & Ich“ von Theo Fransz, das am 9.6.2008 Österreichische Erstaufführung im Schauspielhaus Salzburg feierte. Das Stück hat ein Thema, das viele Kinder und Jugendliche in der heutigen Zeit betrifft: Die Scheidung der Eltern. Hier wird das Geschehen aus den Augen der jugendlichen Frederike erzählt, die nicht begreifen und akzeptieren will, dass „große Menschen nicht für immer zusammen bleiben“.

Das Stück beginnt, nachdem die Eltern der Tochter erklärt haben, dass sie sich trennen werden, aber noch kein Elternteil ausgezogen ist. Frederike kann nicht wirklich verstehen, warum ihre Eltern nicht mehr miteinander können. Sie spürt die Veränderungen am heimischen Esstisch, glaubt aber fest daran, dass „wenn etwas kaputt ist, muss es repariert werden“. So geht Frederike in ihrer Gedankenwelt weit zurück in die Vergangenheit, als sich ihre Eltern kennen lernten, sich zu tief in die Augen schauten und sich „Affenpopöchen“ und „Karamellnippelchen“ nannten. Sie hofft dort zu finden, was ihren Eltern heute fehlt. Und sucht vergebens.

Doch weiter glaubt sie daran, irgendwas tun zu können um ihren Eltern zu helfen. Sei es nun, ihrem Vater das Rauchen abzugewöhnen oder die beiden mit Zaubersprüchen wieder zusammenzubringen. „Und dann sind wir glücklich bis in alle Ewigkeit oder jedenfalls bis zum nächsten Jahr oder so.“, träumt die Jugendliche und verschließt sich immer mehr in ihrer eigenen, für die Eltern unzugänglichen Welt.

Währen Frederike mit allen Mitteln und aller Phantasie eine Lösung für das Familien-Dilemma zu suchen, sehen die Eltern in dem Mädchen nur mehr ein trotziges, schweigendes, apathisches Kind. Das Stück spielt am familiären Esstisch, für den Regisseur Rudolf Frey „das schönste und einfachste Sinnbild für Familie“ und in der Traumwelt der Jugendlichen. Die einzelnen Szenen sind sehr kurz und innerhalb dieser wechseln die Situationen sehr schnell. Zwischen den witzig-tragischen Ausflügen in Frederikes Gedankenwelt (die jedes Mal damit enden, dass die Eltern keine Lust mehr aufs „Mitspielen“ haben), findet sich die Familie immer wieder in der tristen Realität am Esstisch wieder, die Tochter schweigt, die Eltern tauschen bissige Kommentare aus oder löffeln stumm ihre Suppe. Die Eltern werfen ihrer Tochter die ständige Verschwiegenheit vor, unwissend, wie sehr die Tochter leidet.

Foto: Eva Maria Griese

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Der Text des Holländers Theo Fransz behandelt das kritische Thema Scheidung mit viel Wortwitz und Ironie. Und auch die Inszenierung von Rudolf Frey sowie die Schauspielkünste der drei Schauspieler lädt neben dem Nachdenken auch gerne mit übertriebenen Gesangseinlagen und witzigen Dialogen zum Schmunzeln und Lachen ein.

Ulrike Arp und Olaf Salzer verkörpern das Elternpaar in ihrer jugendlichen, frischen Liebe genauso überzeugend, wie in der öd gewordenen Ehe. Olaf Salzer als hilfloser aber liebender Vater, der seine Frau mit trockenen Kommentaren zum Schweigen und mich mit dem Publikum zum Lachen bringt. Und Ulrike Arp als Mutter, die für Frederike zur Hauptschuldigen wird, „deren Herzen gefroren ist“ und die sich ihrer Depression letztendlich entreißt um ihrer Tochter zu zeigen, dass sie immer noch für sie da ist.

Und Hut ab vor Constanze Passin, die Frederkie spielt. Und mit unvergleichbarem kindlichen Charme und unheimlichen Witz in ihre Traumwelt einlädt, die singt und tanzt und schreit und weint und Theater spielt, um den Eltern zu helfen. Constanze Passin hält minutenlange Monologe und ihr Text macht nie den Eindruck einen gekünstelten Blick auf Jugendliche zu werfen.

Unterstrichen wird das Gespielte vom Bühenbild des Vincent Mesnaritsch, der eine „Realitätsinsel“ entwirtf, auf der sich die Familie zum Familienessen trifft und rundherum die Traumwelt der Tochter inszenierte, in der sie alles findet um nach dem „Verlorenen“ zu suchen. Es scheint fast, als hätte ein Kind selbst die Requisiten gewählt, die Schaukel, die Badewanne, den Kreisel, den Baum, den Felsen und die Arztliege, das Spielzeug und die Fingerpuppen.

Das einstündige Theaterstück portraitiert drei Personen, eine Familie, eine Scheidung und letztendlich zeigt es auch einen Lösungsvorschlag. Die Eltern sehen ein, dass Frederike sie immer verbinden wird und diese Verbindung nie verloren gehen wird. Das gibt der Tochter Sicherheit und ein Stück mehr „Wir werden niemals auseinander gehen.“

Der Theaterabend war erfrischend und gefühlvoll. Eine wunderschöne Abwechselung zwischen den blau-gelben Dressen der schwedischen Fußballfans, dem Fanzonen-Gedrängel am Resistenzplatz und dem gegrölten „Hicke Hacke Hicke Hacke“ hier in Salzburg.

Theo Fransz
Du, Du & Ich
ÖSTERREICHISCHE ERSTAUFFÜHURNG //
SCHAUSPIELHAUS SALZBURG- PREMIERE: 9. JUNI 2008
MIT: ULRIKE ARP, CONSTANZE PASSIN, OLAF SALZER
REGIE: RUDY FREY / BÜHNE: VINCENT MESNARITSCH / KOSTÜME: ELKE GATTINGER

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3 Kommentare zu "Schauspielhaus Salzburg. Du, Du und ich…"

  1. Hallo Nina, ich bin “kama” und werke gelegentlich an der Dorfzeitung mit. Deine erste Theaterkritik macht mir richtig Angst. Schließlich wollen wir nicht, daß Dich gleich wieder eine andere Zeitung uns wegschnappt. So großartig war Dein Einstieg. Auch die Interpretation auf Gefühlsebene dürfte wohl den Intentionen der Theatermacher sehr nahe kommen. Allerherzlichst gratuliert! Mit Spannung erwarte ich nun, was von Nina Falkenauge noch so alles kommt… (kama)

  2. Dein Artikel gefällt mir ausgesprochen gut! Hoffentlich kann ich bald wieder etwas von Dir lesen. lg

  3. Ich habe das Stück mittlerweile auch gesehen und kann mich der Kritik von Nina nur anschließen, es ist absolut sehenswert!

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