Weihnachten in Salvador, Bahia, Brasilien

Erinnerung an den Schnee zuhauseErinnerung an den Schnee zuhause

Die Webseite des Österreichischen Flugwetterdienstes klärt mich über die Temperaturen im gesamten Alpenland auf. Seit Tagen verfolge ich die blauen Ziffern auf der wohlbekannten Landkarte. Lauter Minusgrade.

Reinhard Lacklinger

Von Reinhard Lackinger, Beislwirt in Brasilien

Währenddessen sitze ich mit nacktem Oberkörper in meinem südländischen Domizil, genaugenommen in Salvador, Bahia, Brasilien und schwitze bei offenem Fenster und trotz des über mir rotierenden Deckenventilators. Müdes Tageslicht dringt ins unbeleuchtete Zimmer, vermischt sich mit der Helligkeit des Monitors. Die schrillen Stimmen der Bem-Te-Vis kündigen die nahende Tropennacht an. Sachte, aber bestimmt und ohne Dämmerung, spannt sich die laue Dunkelheit über die Hafenstadt am Südatlantik. Es folgt die Stunde der blauen Abfallsäcke vor den Häusern, die auf die Städtische Müllabfuhr bzw. auf die flinken Hände von Straßenkindern, schwarzen Weibern und Alten warten, die nach Essbarem, nach noch verwendbaren Objekten suchen.

Da sitze ich mit klebriger Haut und freue mich, weil mir eine liebe Freundin aus Österreich eine Adventkalender-Weihnachtskarte geschickt hat. Das glitzernde Etwas, das sich an meinen Fingern ablagerte, erinnert mich an die überladene Schminke einer dunklen Schönen beim Maskenball, laden mich zu einer flüchtigen Gewissenserforschung ein. Die vermeintlichen Spuren einer frivolen Begegnung erwiesen sich jedoch als Schnee auf den Dächern und Gesimsen des weihnachtlichen Motivs des kleinen Adventkalenders. Morgen früh werde ich danach Ausschau gehalten. Welches weihnachtliche Objekt uns diese allererste Illustration wohl zeigen wird?

Die armen Schwarzen von der Straße unten und aus der Favela nebenan, brauchen derart zärtliche Aufmerksamkeiten nicht. Dafür haben sie bestimmt kein Verständnis. Sie würden uns womöglich zahn – und verständnislos anschauen, wollten wir sie mit einem Adventkalender beglücken.

Morgen werde ich unsere Veranda mit bunten Lampen schmücken. Einige Lichter blinken heute schon von Büschen und Zierpalmen gegenüber liegender Wohnbauten. Trotz der tannenähnlichen Bäume vor den befestigten, sorgsam umzäunten und streng bewachten Behausungen, erinnern mich die Weihnachtsdekorationen baianischer Nobelviertel eher an Trios Elétricos, an die dem Karnevalsspektakel dienenden, auf riesigen Tiefladern montierten Höllensoundmaschinen, als an den Advent, an die stille Jahreszeit.

Am Abend des 24.12. wird sich wie immer meine Familie, oder besser, Maria Alices Familie bei uns zu Hause treffen. Bei dieser festlichen Gelegenheit wird gegessen, getrunken und geplaudert. Nichts weiter!
Vergangenes Jahr war die liebe Freundin aus Österreich mit ihrem Mann gerade hier in Salvador und bei unserer Feier. Natürlich nützten wir die Gelegenheit, um meinen Baianos ein paar Weihnachtslieder in deutscher Sprache vorzusingen. Oh Tannenbaum, Leise rieselt der Schnee und selbstverständlich auch Stille Nacht, Heilige Nacht.

Unserem Versuch folgte eine Tragödie! Keiner wollte aufpassen, jeder redete durcheinander… Ein Bürgerkrieg mit Splitterbomben, Granaten und rotativem Maschinengewehr!

So nach ihrem Äußeren zu schließen, hält unsereins die Brasilianer glatt für “zivilisierte”, Europäern ähnliche Menschen. Episoden wie diese jedoch vergiften unser Herz mit Vorurteilen, lassen gewisse Zweifel aufkommen. Wie können sie nur bei einem solchen Kunstgenuss nicht andächtig zuhören wollen? Das ist doch die Höhe! Ein Skandal ist das ! Nach einem kleinen Donnerwetter hörten schließlich alle schweigend zu. Sie schwiegen auch nach der kunstvollen Darbietung noch eine Weile…

Die Weihnachtsbescherung brachte dann alles wieder in die Waage, der Alkohol alles außer Rand und Band.
Weihnachtsstimmung gibt es hier bei uns in Salvador, Bahia, Brasilien so gut wie keine! So etwas darf niemand von uns erwarten. Jedes Fest in Bahia unterliegt zwangsweise der Karnevals-Metamorphose. Egal ob Ostern zelebriert wird, oder Sonnwendfeier oder Advent oder Weihnachten, “tudo vira carnaval”. Alles artet in Karneval aus… “Jingle Bells” schlagen nach und nach in schweren Karnevalssound um. Portale, Fenster, Ziersträucher und Palmen, überladen mit hektisch blinkenden Lampengirlanden.

Der Sturzbäche schwitzende Weihnachtsmann vom nahen Shopping Center zerrt den Wattebart vom Gesicht, zieht seine roten Klamotten aus, besteigt den Omnibus, der ihn an die unwegsame Peripherie der Metropole bringt. Ein Chaos wie die Schafe und Hirten von Bethlehem. Die auf der Straße schlafenden Menschen erinnern an die Heilige Familie. Auch braucht keiner von uns lange nach den Besitzern der Herbergen zu suchen. Nach König Herodes auch nicht…

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Dorfladen

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