Friedrich Lepperdinger: Die braune Trommel. Bürmoos 1938-1945

Herausgeber: Torferneuerungsverein Bürmoos (2005)
Herausgeber: Torferneuerungsverein Bürmoos (2005)

Herausgeber: Torferneuerungsverein Bürmoos (2005)

Michaela Essler

Michaela Essler

Buchbesprechung von Michaela Essler

Dr. Friedrich Lepperdinger, Autor mehrerer Bücher über Bürmoos, stieß bei seinen Recherchen zur Geschichte von Bürmoos auf die Schulchronik der Volksschule, die vollständig erhalten ist. Das ist insofern bemerkenswert, da in vielen Gemeinden die Chroniken aus der Zeit zwischen 1938 bis 1945 bei Kriegsende vernichtet wurden.

Dr. Lepperdinger (Jahrgang 1927) wuchs am Ortsrand von Bürmoos auf. In seinem Buch „Die braune Trommel“ stellt der Autor der Schulchronik seine Erinnerungen an diese Zeit gegenüber. 1938 war Bürmoos eine kleine Arbeitersiedlung, etwas mehr als 1.100 Einwohner, weitab von den großen Machtzentren, den bedeutenden Städten. Das Leben war von Armut und Elend geprägt – seit Jahren gab es keine Arbeit.

Die Schulchronik beginnt mit dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich im März 1938. Sie belegt, wie schnell gleichgeschaltet wurde. Innerhalb von 10 Tagen wurden die Beamten in der Schulbehörde in Salzburg ausgewechselt, in Bürmoos eine Mädchen- und eine Knabenjungvolkgruppe, eine Hitlerjugend und ein Bund Deutscher Mädel gegründet. Ab dem  Schuljahr 1938/39 ist die Chronik angefüllt mit Berichten über „Feierstunden“ – immer mit Flaggenhissung und dem Absingen einschlägiger Nazi-Lieder. Ebenso wurden Eintragungen und Kommentare über die weltpolitischen Ereignisse gemacht.

Die Schulchronik ist in 24 Abschnitte gegliedert, an deren Ende der Autor jeweils seine Erinnerungen anfügt. Es gab plötzlich wieder Arbeit, man konnte sich wieder Lebensmittel und Kleidung leisten. Es war wieder möglich zum Arzt zu gehen, denn man war wieder krankenversichert. Man konnte wieder am Haus „etwas richten“. Er schildert die Begeisterung der Buben für die „Helden“, das Leben mit Bezugsscheinen für Lebensmittel, Kleidung, Seife, Benzin ab 1939. Wie nach und nach die wehrfähigen Männer eingezogen werden, und für die Familien das bange Warten auf Post vom Vater, Bruder, Sohn beginnt. Wie die Bauern als Ersatz für die fehlenden Arbeitskräfte belgische, polnische und serbische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter zugeteilt bekommen. Wie russische Kriegsgefangene für Bauarbeiten an der Lokalbahn eingesetzt werden. Wie für die Schüler und Lehrer in den Sommerferien der Arbeitseinsatz Pflicht wird. Wie die Viehhaltung der Bauern kontrolliert wird, um „Schwarzschlachtungen“ zu verhindern. Wie die Menschen aus der Stadt bei den Bauern Lebensmittel „schwarz“ kaufen und in der Lokalbahn die Gestapo die Rücksäcke und Taschen kontrolliert und jene abführt, die sich Lebensmitteln bei Bauern besorgt haben.

Dr. Lepperdinger gelingt mit seinen ausführlichen Schilderungen die Atmosphäre des Alltags, das Lebensgefühl zu vermitteln – besonders die vielen kleinen Details in seinen Erzählungen machen das damalige Leben greifbar.

„Die braune Trommel“ ist vor allem ein Buch für diejenigen, die später geboren wurden.

Es zeigt, wie das Nazi-Regime in kleinen Orten und Gemeinden das Leben der Menschen bestimmte und kontrollierte, und ein Teil des Alltags wurde. Dieses Buch veranschaulicht in einfachen Worten und ohne Pathos, wie die Menschen lebten, und wie Nazi-Diktatur und Weltkrieg den Alltag der Menschen  prägten.

 

Ulrike Guggenberger

Buchbesprechung von Ulrike Guggenberger

Der Amts- und Schulgruß ist von nun an „Heil Hitler“, mit dieser Mitteilung aus der Schulchronik von Bürmoos  beginnt  Fritz Lepperdinger sein Buch „Die Braune Trommel“ und endet mit dem lapidaren Satz  aus der Schulchronik: „Schluss der Nazi Zeit“.

Dr. Fritz  Lepperdinger, 1927 in Obereching geboren, begleitet die nüchternen Sätze aus den Aufzeichnungen des Oberlehrers  mit seinen persönlichen Erinnerungen an die Zeit zwischen 1938 und 1945.

„Folgten wir nicht blindlings den Trommeln wie im Märchen die Kinder den Schalmeien des Rattenfängers von Hameln?“, resümiert der Autor  in seinem Vorwort. Die Begeisterung für den zukünftigen Weg ist groß. Ein junger Bürmooser ist so unbändig glücklich über die neue kommener Zeit, dass er seine Freude bei einem Sommerfest lauthals in den Wald hineinbrüllt.  Derselbe junge Mann wird Jahre später auf einem der vielen Schlachtfelder zu Tode kommen.

Die  neue Ära beginnt in der Flachgauer Gemeinde Bürmoos damit, dass die Menschen plötzlich wieder Arbeit haben, z.B. durch Bauaufträge. Die kleine  Schule Bürmoos wird mit neuen Lehrmitteln ausgestattet, eine Ecke des Schulraumes mit Hitlerbild und Hakenkreuzfähnchen geschmückt und das Schulgebet wird durch Aussprüche des Führers ersetzt.

Nicht nur in der Schule wird im Unterricht Zahnpflege eingeführt, sondern auch die Mutter des Autors kann zum ersten Mal einen Zahnarzt aufsuchen. Kinder werden zum „Auffüttern“ ins Reich verschickt, auch der Schüler Fritz Lepperdinger landet in einem Kinderheim auf der Insel Rügen und nimmt ein paar Kilo zu.

Es gibt die ersten mechanischen Spielsachen zu kaufen, z. B. kleine Kriegsmaschinen aus Blech, 1939 ist Krieg noch ein Kinderspiel. Ab 1941 landen diese Spielsachen bei den ständigen Altmetallsammlungen, um echte Kriegsgeräte herzustellen. Aus Spiel ist Ernst geworden.

Was durchgehend auffällt, ist die große Technikbegeisterung  der Bevölkerung. Der erste Opel in Bürmoos ist eine vielbestaunte Sensation! Spannend  zu lesen ist auch sein Bericht über die durchgehende mediale Propaganda und politische Betreuung der Menschen über Funk, Film, Radio. Die Schüler von Bürmoos gehen zu Fuß oder fahren mit dem Rad nach Lamprechtshausen und sehen Filme über die geführten Schlachten. Erste Aktionen wie die „Heimholung der Sudentdeutschen ins Reich“ werden in der Schulchronik mit Begeisterung berichtet, der Führer als der bedeutendste Staatsmann Europas gerühmt. Im Thalleitlgütl, dem Heimathaus des Autors, trifft man sich zum Politisieren, manche schütteln den Kopf, andere sind hochbegeistert.

1939 erste Berichte über Verdunklungen, Luftschutz  und Unterrichtsausfall wegen Bombardierungen. Nach dem Russlandfeldzug kommen die ersten Kriegsgefangenen  zur Arbeit  in den nördlichen Flachgau. Die Lebensmittelkarten stehen plötzlich im krassen Gegensatz zum Überfluss an Waren, die kurz nach dem Anschluss im Handel erhältlich waren.

Fritz Lepperdinger besucht nach der Hauptschule die Lehrerbildungsanstalt, wo es – seiner heute reflektierten Meinung nach – eher auf politische Gesinnungstreue als auf bestimmte Fähigkeiten ankommt. Fritz Lepperdinger hält sich selbst für musikalisch nicht so begabt und hat Angst vor einer diesbezüglichen Prüfung. Als er aber aus der Not heraus ein Lied, das er seit Jahren zu singen gewohnt ist, das Horst-Wessel Lied, vorträgt, wird er in die Ausbildungsstätte aufgenommen. Solche persönlichen Beobachtungen  machen den Reiz und die Bedeutung dieser Erinnerungen aus.

Der Pädagoge Fritz Lepperdinger  schreibt ein Buch, in dem er die „Nazi-Zeit“ aus zeitlichem Abstand als interessierter Beobachter reflektiert und  er versucht eine persönliche Antwort zu geben, die Verständnis für diese Zeit mit einschließt.

 

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