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Im Rahmen des 12. europäischen & internationalen Gehörlosen Theaterfestivals fand im Toihaus die Salzburg-Premiere dieses Dramas des bosnischen Dichters Dževad Karahasan statt. Die Dichterfürsten Goethe und Kleist treffen sich im Salon der Johanna Schopenhauer zu einem Kampf um die Dichterkrone. Ein spannender Dialog für gehörloses und hörendes Publikum, ein Beitrag zum Kleist-Jahr 2011 anlässlich seines 200. Todestages.

Von Elisabeth Pichler.

Johann Wolfgang von Goethe, geboren am 28.8.1744 in Frankfurt am Main, und Heinrich von Kleist, geboren am 18.9.1777 in Frankfurt an der Oder, verbindet außer den ähnlich klingenden Geburtsorten kaum etwas. Wie zwei archetypische Brüder, von denen der eine alles bekommen muss, was dem anderen genommen wird, sind die beiden viel auf Reisen, doch niemals aus demselben Grund. Während Goethe fremde Länder und Menschen kennenlernen möchte, ist Kleist stets auf der Suche nach einer Heimat. Bei einem fiktiven Treffen im Salon der Johanna Schopenhauer, der Mutter der Schriftstellerin Adele und des Philosophen Arthur Schopenhauer, reflektieren und kommentieren sie ihre unterschiedliche Weltanschauung.

Die beiden gehörlosen Schauspieler Horst Dittrich und Werner Mössler verkörpern Goethe und Kleist. Mit ausdrucksstarker Gebärdensprache stellen sie sich vor, der eine gesetzt und ruhig, in fortgeschrittenem Alter, der andere jung und dynamisch. Die Stimmen von Alexander Mitterer und Markus Rupert erklingen aus dem Off, sie übernehmen den lautsprachlichen Teil für das hörende Publikum. Nach der Vorstellungsrunde übersiedeln die beiden in den Salon der Johanna Schopenhauer. Diese wird von Sabine Zeller in Gebärdensprache performt, Julia von Juni leiht ihr die Stimme. Die österreichische Puppenmacherin Burgis Paier hat passend zu dem Stück drei Figuren geschaffen, die Frankie Feutl äußerst gefühlvoll in Bewegung setzt. Mit diesem Schatten- und Figurentheater werden die verschiedenen Situationen in der europäischen und orientalischen Tradition des Theaters aufgezeigt, die sich in diesem Drama begegnen und ergänzen.

Der Schlussapplaus fiel etwas leiser aus als gewöhnlich, da die Hälfte des Publikums mit erhobenen Armen winkte. Ein hochinteressanter Abend, von Herbert Gantschacher liebevoll in Szene gesetzt, absolut nicht nur für gehörloses Publikum gedacht.

Das Gehörlosentheater ist seit 1993 ein zentraler Bestandteil der künstlerischen Arbeit von ARBOS, der Gesellschaft für Musik und Theater in Wien, Salzburg und Klagenfurt. Werner Mössler und Horst Dietrich haben sich auch durch das Übersetzen von Theaterstücken in österreichische Gebärdensprache einen Namen gemacht. ARBOS hat für ihre künstlerischen Arbeiten bereits zahlreiche Auszeichnungen erhalten.

„Die Landkarten der Schatten“ von Dževad Karahasan / Inszenierung: Herbert Gantschacher /Mit: Sabine Zeller, Julia von Juni, Horst Dittrich, Werner Mössler, Alexander Mitterer, Markus Rupert, Frankie Feuchtl /  Puppen, Figuren: Burgis Paier / Fotos: Toihaus