Chris Ploier: Der Trollenkuss

Möwe "becapesci"Möwe "becapesci", frei am Ofen geformt, Venini, Murano, um 1950. Entwurf Zuccheri, Glasmuseum Frauenau | Foto: Karl Traintinger
Christian Ploier

Ein Sommermärchen, das man den Kindern erzählen sollte.

 “Bist du schon fortgeflogen, Ethel?”, fragte der Hund. 

“Der Wind steigt und die Tage sind träge. Dein Fell ist trocken und das Wasser riecht dunkel.”

“Wovon redest du Ethel? Sonst ist dir mein Fell einerlei. Kommen deine alten Tage?”

“Sagt man nicht sieche Hundstage, Tschutscha?

“Wovon es viele gibt. Aber die warme Erde lindert die Klage und es ist schön der Nacht zuzuhören.”

Und Tschutscha, der Hund, begann.

Am Rande es großen Waldes lebte ein junger Bauer. Rechtschaffen arm und früh ans harte Leben gewöhnt. „Krotkol“ sangen die Krähen, wenn sie ihn im Wald Holz schlagen hörten. „Krotkol“ nannte ihn der Bach aus dem er trank. Nur die Leute im Dorf riefen ihn mit einem anderen Namen. Den aber habe ich vergessen. Im Sommer ging er für seine Mahlzeiten Pilze sammeln in den Wald – und Beeren, weil sie süß schmeckten. Seine Nase war krumm, dafür besaß er Stiefel und einen tiefen, schönen Bass, wenn er sang. Zu Johanni wollte er Bräutigam sein, doch das Brot reichte nicht für zwei. Drum schlug er die Augen nieder, wenn er die jüngste Tochter des Dorfwirten sah. Ihre Blicke jedoch spürte er im Blut.

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Einmal sah ich ihn gehen. Er ging tief in den Wald um Harz zu sammeln und Pilze. “Armut ist ein kostbar Gut”, sang er um sich die Zeit zu vertreiben – und weil`s ohnehin niemand hörte. Irgendwann fand er sich an einer unbekannten Stelle im Wald wieder, wusste aber nicht wie er hierher gekommen war. Er drehte sich nach allen Seiten und als er die Sonne im Rücken spürte, ging er weiter, bis der Wald so dicht wurde, dass er anstand und lauschte. Der Wind trug ihm eine knarrende Stimme zu. “Ein wenig Mäusedreck, Krötenschleim, Natternblut… oh ja, Johannikraut und Knochenmehl, braucht jeder für sein Brot.” Krotkol tat einen Riesensprung als er den großen Troll sah, der da redete und ihn dabei unverhohlen anblickte. “Willst du mein Brot probieren”, rief der Troll, ohne Krotkol aus den Augen zu lassen. “Ist heute Trollnacht?”, fragte der Bauer erschrocken. “So oder so, es reicht der Duft des Fingerhuts und der Geschmack der Vogelbeere um über Bäume zu fliegen. Komm, ich werde voran gehen. Komm !” Und er winkte Krotkol ihm zu folgen. Der Troll ging zu einer Hütte, die unter dicht verwachsenen Eschen verborgen lag. “Nicht mein Haus. Auch nicht mein Garten. Aber ein schöner Ort. Setz dich. Ich kenne deine Stimme und möchte, dass du zu meiner Hochzeit singst. Dafür gebe ich dir einen Laib Brot.” “Ich würde lieber zu meiner eigenen Hochzeit singen. Doch wenn dir meine Stimme gefällt, gilt der Handel”, antwortete der junge Bauer.

Twotprot hieß der Troll. Er rauchte Pfeife und schwatzte mit Krotkol den ganzen Weg lang, bis sie schließlich eine Lichtung erreichten, die überfüllt mit Trollen war. Sofort bekam er zu trinken und die Trollmädchen schienen ihn sogar anzulachen. “Welch ein buntes, lustiges Völkchen”, dachte der Bauer, der bald mitten unter einer Schar lärmender Trolle saß und sich die dargebotenen Speisen munden ließ. Die Gesellschaft gefiel ihm sosehr, dass er anfing zu summen und singen von einem armen Burschen, der ein Mädchen gern küssen wollte, aber zu arm war sie zu heiraten. Es ist gefährlich arm zu sein, sang er, besonders wenn die Braut kräftige Brüder hat. Im ganzen Trollvölkchen war Ruhe eingekehrt. Manche kletterten auf einen Baum um den Sänger besser zu hören, anderen blieb der Mund offen stehen. So sang der Bauer mit seiner samtig dunklen Stimme Lied um Lied, und als er keines mehr wusste, fiel ihm der Mund von selber zu.

“Singen Trolle nicht, Tschutscha?”

“Sie krächzen wie Eulen, Ethel.

“Singst du mir?”

“Wenn es an der Zeit ist Ethel.”

Jedenfalls bekam Krotkol das versprochene Brot für seinen Dienst und wurde von Twotprot bis zum Waldrand zurück begleitet. “Selbst gebacken, gut gemacht”, ließ der Troll vernehmen. “Lässt du einen Rest in der Brotlade, wird der Laib wieder ganz.” Schließlich hob er die Hand, um sogleich hüpfend und brummend im Wald zu verschwinden. Zuhause angekommen aß Krotkol von dem Brotlaib, der ihn mehr labte als je ein Essen zuvor und ein kleines Stück ließ er liegen und freute sich, als am nächsten Morgen vor ihm ein ganzer Laib lag. “Hat er also recht gesagt.” Von da an schien der Bauer in allem Glück zu haben. Keine Nacht mehr in der er mit Hunger wachlag und im Herbst fuhr er reichlich Ernte ein. Im Frühling des nächsten Jahres freite er des Wirtes Tochter und just zu Johanni sollte die Hochzeit sein. An manchen warmen Abenden saß Krotkol glücklich auf der Bank vor seiner Hütte, rauchte sein Pfeifchen und dachte an die seltsame Begegnung mit dem Troll. “Twotprot wird glücklich verheiratet sein, und ich habe zu seiner Hochzeit gesungen”, sagte er stolz zu sich.

Am Tag seiner eigenen Hochzeit war das Dorf in freudiger Aufruhr. Ob des milden Wetters waren Tische und Bänke kurzerhand vor das Wirtshaus gestellt worden. Für Essen war reichlich gesorgt und den Gästen juckte es bei der lustigen Musik kräftig in den Beinen. Die Braut war so schmuck wie keine zweite gekleidet und auf ihren Wangen lag der Zauber des Sommers. “Sie ist so schön wie der Sommermond”, meinten die Alten und die Jungen erhofften sich mit der Braut zu tanzen und den Brautkuss zu erhalten. Als die ersten Sterne am Himmel auftauchten und das Fest recht im Gang war, verstummte mitten im Tanz die Musik. Die Dorfleute wichen vor einem Neuankömmling scheu zurück. Krotkol der glückliche Bräutigam drängte sich durch die Menge, die wie gebannt auf den Troll blickte, der auf die Tanzfläche raufhopste. “Ah, da bist du ja Krotkol”, rief er, als er den Bräutigam erblickte. “Ich komme um den Brauttanz. Und ich lasse mir gerne Gerstensaft anbieten.” Er lachte schnurrend und blickte neugierig um sich. “Ein Troll, seht ein Troll auf Krotkols Hochzeit”, riefen einige Gäste. Und als die Braut ihn sah, griff sie nach dem nächsten Becher mit Bier und reichte ihn den pfiffig kleinen Kerl. “Ich bin Kinta. Sei mir willkommen.” “Ahh Kinta, die Braut”, schnurrte der Troll hocherfreut. “So schön wie der Sommermond.” Da winkte Kinta den Musikanten, nahm den Troll an der Hand um sich mit ihm zu drehen. Die Gäste klopften und klatschten den Takt und Twotprot hüpfte mit der schönen Braut so gut er konnte. Ist es doch bekannt, dass die wenigsten Trolle gute Tänzer sind. Und unter dem Gelächter aller höchst neugierigen Gäste küsste am Ende Kinta den Troll auf seinen großen Trollenmund. “Der Brautkuss. Der Troll bekommt ihn”, rief man überall. Twotprot gab der Braut zwei schmatzende Küsse auf jede Wange, lachte und kratzte sich vor Wohlbehagen das Fell. “Seht der Troll hat unsere Wirtstochter geküsst”, hörte man den Schmied. “Und umgekehrt”, schrie eine Bäuerin und ehe man in die Luft hüpfen konnte, waren die Leute so ausgelassen wie selten zuvor. Mitten unter ihnen aber hopste und drehte sich Twotprot auf Trollenart zur Musik und ließ sich das Selbstgebraute der Dorfbewohner wohl munden. In dieser Nacht, wie könnte es anders sein, hat niemand sein Bett gefunden, außer vielleicht der glückliche Krotkol und seine schöne Kinta. Dass sich noch mehr Trolle zur Hochzeit gesellten, habe ich auch noch gehört.

“War das alles Tschutscha ?”

“Was erwartest du von einer Hochzeit, Ethel?”

“Was wurde aus den beiden?”

“Irgendwann hat Krotkol das Trollenbrot versehentlich zur Gänze aufgegessen. Doch seiner Frau blieben bis ins hohe Alter zarte, rosige Wangen.”

“Vom Trollenkuß, Tschutscha?”

“Ethel, was kümmert`s dich. Die Nacht ist zu warm um so lange zu reden.”

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Dorfladen

1 Kommentar zu "Chris Ploier: Der Trollenkuss"

  1. Rochus Gratzfeld Rochus Gratzfeld | 17. Juli 2011 um 14:25 |

    sehr fein, chris. lieben gruß!

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