„Immer noch Sturm“ – Peter Handkes Traumspiel auf der Perner Insel in Hallein

Immer noch Sturm 2011: Oda Thormeyer (Meine Mutter), Matthias Leja (Mein Großvater), Tilo Werner (Gregor, "Jonatan"), Gabriela Maria Schmeide (Meine Großmutter)

Die Zusammenarbeit mit Claus Peymann war wegen „unterschiedlicher Erwartungen an die Ästhetik der Inszenierung“ gescheitert. Nun hat sich Dimiter Gotscheff des 2010 in Buchform erschienenen Textes angenommen und aus Peter Handkes Familiengeschichte, einer Mischung aus Erinnerung und Fiktion, ein sehr berührendes Theatererlebnis gezaubert.

Von Elisabeth Pichler

Der Erzähler, die „Ich“-Figur, sitzt unter einem Apfelbaum „behängt mit etwa 99 Äpfeln“ auf dem Jaunfeld, einem alten Siedlungsgebiet der Kärntner Slowenen. Er erinnert sich an seine Vorfahren und schon tauchen sie wie Geister aus dem Nebel auf: die Großeltern, harte Bauern, die lebenslustige Mutter und ihre vier sehr unterschiedlichen Geschwister (der einäugige Gregor, Patenonkel und Obstbauer, Valentin, der leichtlebige Frauenheld, Benjamin, der jüngste und unsicherste, der sich vor allem ekelt, und die verbitterte Ursula, die dem Publikum meist den Rücken zukehrt). Zu Beginn ist die Atmosphäre friedlich – „unsere glücklichste Zeit“. Doch mit Beginn des 2.Weltkrieges endet die ländliche Idylle, denn die Onkel werden eingezogen. Feldpostbriefe schildern etwas vage die Zustände an der Front, doch bald schon erhält die Großmutter einen Brief, der nicht von ihren Kindern stammt. Der Schmerz ist groß, ihr Schrei geht durch und durch. Die Mutter hat andere Sorgen, denn die Liebesnacht mit einem „Schwaben“ bleibt nicht ohne Folgen. Misstrauisch wird dieses Bündel herum geschoben, die Ablehnung ist groß. Ursula und Gregor schließen sich den Partisanen an und verschwinden in den Wäldern. Nach dem großen Sieg wird Gregors geliebter Obstgarten von den Engländern niedergebrannt. Die glücklichen Zeiten kommen nicht wieder.

Immer noch Sturm 2011: Bibiana Beglau (Ursula, "Snežena")

Jens Harzer, Peter Handkes Alter Ego, ganz in Schwarz mit Sonnenbrille, umkreist ständig das Geschehen auf der Bühne. Er holt die Geister seiner Ahnen aus dem Schatten ans Licht, doch dann lässt er sie selbst erzählen und beobachtet sie still. Sie sind sich jedoch stets seiner Anwesenheit bewusst, sie gehen auf ihn zu, berühren ihn kurz und flüstern ihm etwas ins Ohr, poetische Momente, die keiner Worte bedürfen. Die schauspielerische und auch konditionelle Leistung des gesamten Ensembles des Thalia Theaters Hamburg ist bewundernswert. Mit knapp fünf Stunden Spieldauer ist dieser Abend jedoch nicht nur für die Schauspieler, sondern auch fürs Publikum eine Herausforderung. Katrin Brack ist bekannt für ihre minimalistischen Bühnenbilder. Während es 2007 bei Luk Percevals „Molière“ ununterbrochen schneite, rieselt diesmal Konfetti vom Himmel und bildet einen Kreis, ein grasgrünes Jaunfeld eben. Abwechslungsreich und stimmungsvoll die musikalische Untermalung durch Sandy Lopicic und Matthias Loibner, die gekonnt Balkanmusik und Kärntnerlieder mit Beatles-Songs mischen.

Immer noch Sturm 2011: Ich (Jens Harzer), Meine Mutter (Oda Thormeyer)

Ich muss gestehen, dass ich vor diesem Theaterabend etwas skeptisch war, denn Partisanendramen sind nicht so ganz mein Fall. Für mich stand daher die Familiengeschichte im Vordergrund und die war – ob nun Fakt oder Fiktion – tragisch, berührend, poetisch und teilweise sogar humorvoll auf der Bühne zu erleben. Ein langer, sehr intensiver Theaterabend, eine umjubelte Uraufführung, auch Peter Handke sah zufrieden aus.

„Immer noch Sturm“ – Uraufführung – Koproduktion mit dem Thalia Theater Hamburg / Regie: Dimiter Gotscheff / Bühnenbild: Katrin Brack / Kostüme: Ellen Hofmann / Musik: Sandy Lopicic / Licht: Paulus Vogt / Dramaturgie: Beate Heine / Mit: Jens Harzer, Oda Thormeyer, Tilo Werner, Hans Löw, Bibiana Beglau, Heiko Raulin, Gabriela Maria Schmeide, Matthias Leja, Sandy Lopicic, Matthias Loibner / Fotos: Salzburger Festspiele © Ruth Walz

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