„Bartleby“ – absurdes Theater im Schauspielhaus Salzburg

Marcus Marotte (Advokat)

Marcus Marotte (Advokat), Thomas Enzi (Bartleby)

Bernd Liepold-Mosser hat Herman Melvilles (1819-1891) Kurzgeschichte über den seltsamen Büroangestellten Bartleby, einen Kopisten in der Wall Street, der mit seiner Verweigerung und vor allem mit dem berühmten Satz „I would prefer not to do“ sowohl seinen Chef als auch seine Kollegen fast in den Wahnsinn treibt, für die Bühne bearbeitet. Premiere dieses grotesk-komischen Theaterstücks war am 25.1.2012.

Von Elisabeth Pichler.

Der Herr Advokat hat ein Büro in der Wall Street. Er hat es nicht leicht, er philosophiert über seine sinnlose Arbeit, denn das Anfertigen von Abschriften und Kopien scheint nicht wirklich erfüllend zu sein. Überdies beschäftigt er noch drei unfähige Schreiberlinge, zwei „Halbtagsexzentriker“ und einen jungen Gehilfen. Als sich der sehr korrekt gekleidete Bartleby in der Kanzlei vorstellt, wird er als zusätzliche Hilfe eingestellt. Der merkwürdige, etwas steif wirkende Mann macht sich sofort an die Arbeit und der Herr Advokat ist begeistert. So verzeiht er ihm anfangs auch seine Standardantwort auf fast alle Fragen: „Ich möchte eigentlich nicht“ bzw. „I would prefer not to do that.“ Erklärungen über diese Verweigerung verweigert er ebenfalls. Doch der Chef ist so fasziniert von Bartleby, dass er lange zuschaut, viel zu lange, denn als er endlich beschließt, sich von ihm zu trennen, ist es zu spät.


Marcus Marotte hat in der Rolle des Advokaten ein Monsterprogramm zu absolvieren. Nicht nur die Menge des Textes ist beeindruckend, auch die eingebauten Sprachstörungen, in denen sich die Störung der Gesellschaft widerspiegeln, sind sicher nicht leicht zu bewältigen. Dieser Sprache, die ihren Sinn zu verlieren scheint, zu folgen, ist auch für das Publikum eine Herausforderung. Während der Herr Advokat in seinem Ledersessel philosophieren darf, sind seine etwas schrägen Mitarbeiter in den Untergrund verbannt, ihre Arbeitsplätze sind im Bühnenboden versenkt, sie ragen nur mit dem Oberkörper daraus hervor. Während Isabel Berghout als Lehrling fleißig Dokumente abstempelt, beobachten die beiden Angestellten (Maximilian Pfnür und Christoph Griesser) zunehmend misstrauisch das eigenwillige Verhalten von Bartleby. In dieser Rolle hat Thomas Enzi nicht viel zu sagen und vor allem wenig Emotion zu zeigen, das gelingt ihm ganz hervorragend.

Herman Melvilles Kurzgeschichte „Bartleby“ aus dem Jahre 1851 gilt als Vorläufer existentialistischer und absurder Literatur. Harald Fröhlich hat die Bühnenversion von Bernd Liepold-Mosser ganz in diesem Sinne in Szene gesetzt. So kommt neben all den unlogischen Szenarien, absurden Handlungen und der oft sinnentleerten Kommunikation doch auch die Situationskomik nicht zu kurz. Ein hochintelligentes, sehr modern anmutendes Stück, eine Parabel über die aufkommende Moderne, die – ganz wie gewünscht – viele Fragen offenlässt.

„Bartleby“ – von Bernd Liepold-Mosser. Nach einer Erzählung von Herman Melville. Regie: Harald Fröhlich. Ausstattung: Ragna Heiny. Dramaturgie: Christoph Batscheider. Mit: Marcus Marotte, Thomas Enzi, Christoph Griesser, Maximilian Pfnür, Isabel Berghout. Fotos: Eva-Maria Griese

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