„Das weite Land“ – Tennisspiel gegen die Langeweile

Sascha Oskar Weis und Franziska Becker

Arthur Schnitzler blickt in dieser Tragikomödie aus dem Jahre 1911 tief in die Seele der Wiener Wohlstandsbürger zur Zeit der Jahrhundertwende und prophezeit: „Das Stück ist eins der wenigen, zu dem ich mich bedingungslos bekenne. Dieses wird bleiben – ja man könnte fast sagen: Es wird erst kommen.“

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Am Samstag, den 25. Februar 2012 feierte dieses Seelendrama einer glücklosen Ehe am Salzburger Landestheater Premiere. Regisseur Werner Schneyder betonte bei einem „Stage Talk“ kurz vor der Premiere, dass er Wert auf extreme Werktreue lege. Er lasse den 100 Jahre alten, minutiös komponierten Text jedoch sehr „heutig“ phrasieren. Überdeutlichkeiten und Wiederholungen habe er weggelassen und dadurch das Stück auf moderate zweieinhalb Stunden gekürzt. Dass selbst Karlheinz Hackl, der schon oft in der Rolle des Hofreiter geglänzt und diesmal die Rolle des Hoteldirektors von Aigner übernommen hat, nicht feststellen konnte, was da eigentlich fehlt, habe ihn vollkommen überzeugt.

Fabrikant Friedrich Hofreiter, ein erfolgreicher Geschäftsmann, findet das Leben fabelhaft amüsant, für ihn sind Liebessachen nur ein Spiel, ein seltsames Spiel. Er kann nicht verstehen, warum seine Frau Genia sich nicht für seine vielen Liebschaften revanchieren will. Dass ihre Tugend einen Menschen in den Tod getrieben hat, findet er unheimlich, er braucht Abstand und macht sich auf zu weiteren Eroberungen. Als sich Genia aber wirklich rächt, kommt er mit der Situation nicht zurecht, seine männliche Eitelkeit ist schwer verletzt, die Komödie kippt in eine Tragödie.

Die Wiener Gesellschaft des Fin de siècle fadisiert sich bei Tennisspiel und Gesellschaften in ihren prachtvollen, edlen Kostümen (Birgit Hutter). Ihr Domizil besteht jedoch nur aus am Reißbrett entstandenen Pappwänden, eine instabile Behausung, die den Seelenzustand der Protagonisten widerspiegelt (Bühne: Christian Rinke). Entgegen den üblichen Gepflogenheiten wurde in dieser Inszenierung das Ehepaar Hofreiter mit Sascha Oskar Weis und Franziska Becker sehr jung besetzt. Während Friedrich fast hektisch das Abenteuer, den ultimativen Kick sucht, glänzt seine Gattin Genia durch Desinteresse. Als sie sich schließlich doch zu einer Aktion durchringt, endet dies in einer Katastrophe. Britta Bayer sorgt in der Rolle der Frau Wahl, einer lauten Klatschtante, für etwas Schwung in der sich fadisierenden Schar von Freunden und Bekannten des Ehepaars Hochreiter – fast das gesamte Ensemble des Salzburger Landestheaters ist im Einsatz.

„Das weite Land“ ist ein raffiniertes Stück, in dem zwar viel gesprochen, aber noch mehr verschwiegen wird. Der Widerspruch von Verstand und Gefühl veranlasste Arthur Schnitzler, der ein Kritiker Sigmund Freuds war, zu diesem Spiel der Täuschungen. Eine klassische, sehr wienerische Inszenierung mit Unmengen von Handküssen, die vom Publikum sehr freundlich aufgenommen wurde.

„Das weite Land“ von Arthur Schnitzler. Inszenierung: Werner Schneyder. Bühne: Christian Rinke. Kostüme: Birgit Hutter. Musik: Johannes Pillinger. Dramaturgie: Tobias Hell. Mit: Sascha Oskar Weis, Franziska Becker, Ulrike Walther, Tim Oberließen, Karlheinz Hackl, Britta Bayer, Tim-Fabian Hoffmann, Elisabeth Halikiopoulos, Christoph Wieschke, Christiani Wetter, Gero Nievelstein, Peter Marton, Werner Friedl, Wilfried Steiner, Axel Meinhardt. Fotos: Christina Canaval

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