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Lucy Gannon hat in diesem, 1987 mit dem Richard Burton Award ausgezeichneten Drama, ihre Eindrücke, die sie als Sozialarbeiterin gewonnen hat, verarbeitet. Ein sehr emotionales Stück, das die Belastungen aufzeigt, die die Pflege eines Schwerstbehinderten mit sich bringt. Die Premiere fand am 21. Mai 2012 im Kleinen Theater statt.

Von Elisabeth Pichler.

„When you have a handicapped child the whole family is handicapped….“ Doug, der Vater des 24-jährigen, schwerstbehinderten Tom, bringt das Problem auf den Punkt. Nicht nur die Eltern sind am Ende ihrer Kräfte, auch Charlie, die auswärts studierende Schwester, leidet unter der ausweglosen Situation. Die Fürsorge der Eltern hat jedoch etwas Krankhaftes, sie lehnen Hilfsangebote strikt ab, verbitten sich jegliche Einmischung. Die Mutter gefällt sich in der Rolle der aufopfernden Märtyrerin, der Vater hingegen ist voll Zorn ob seiner Hilflosigkeit. Stephen, ein junger Sozialarbeiter, schöpft Verdacht, ihm gefällt es absolut nicht, wie Tom behandelt wird, ihm fehlen echte Zuneigung und Liebe.

Wie in einer griechischen Tragödie übernimmt ein Chor die Rolle des Vermittlers, er bringt die Szene und die Zuschauer zusammen, er spricht Gedanken aus, die niemand auszusprechen wagt. Diese sechs maskenhaften Gestalten, die stets im Hintergrund lauern, erheben immer wieder anklagend ihre Stimmen. Gavin Lyons zeigt einen Vater, der mit den Kräften und auch seiner Geduld am Ende ist, nachdem er 24 Jahre seinen Sohn gepflegt hat. Er leidet mit seinem Sohn und hadert mit dem Schicksal, seine Wut, sein Zorn sind nachvollziehbar. Judith Winter überzeugt in der Rolle der aufopfernden Mutter, der jegliches Gefühl und Mitleid im Laufe der Jahre abhanden gekommen sind. Wie echte Zuneigung ausschauen könnte, zeigt Emily Mahoney als Toms Schwester Charlie, doch auch sie ist völlig überfordert. Nick Edgeworth gibt den engagierten Sozialarbeiter, der in Tom vor allem die verletzliche Seele   und nicht nur einen Pflegefall sieht. Das Publikum war hörbar erleichtert, als Matthias Probst, der den spastischen Tom – überzeugend bis an die Schmerzgrenze – verkörpert, zum Schlussapplaus seinen Rollstuhl verlassen konnte.

Regisseur Michael Darmanin hat dieses Stück ganz bewusst ausgewählt, da er in den Medien immer wieder über das Wort „Familientragödie“ gestolpert sei. Meist hieße es dann, die Nachbarn und Freunde hätten nichts bemerkt. Dieser Blick hinter die Kulissen einer besonders tragischen Familiengeschichte macht überaus betroffen. Gratulation an das gesamte Team für den Mut, dieses Stück auf die Bühne zu bringen. Ein Theaterabend, der nachdenklich und betroffen macht und den man so schnell nicht vergisst.

„Keeping Tom Nice“ – von Lucy Gannon. The English Drama Group Salzburg. Director and Producer: Michael Darmanin, Costume and Make-up Design: Hellmut Hölzl. Set: Alois Ellmauer. Cast: Matthias Probst, Gavin Lyons, Judith Winter, Emily Mahoney, Nick Edgeworth, Vanessa Weber, Caroline Kranzl, Bianca Willen, Undine Ozolina, Martina Landl, Sarah Wagner. Foto: Alois Lobendanz/ Kleines Theater