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Rede von Ludwig Laher vom 20. Oktober 2012

Meine Damen und Herren,

wieder einmal hat sich eine kleine Gruppe von Menschen hier an der Erinnerungsstätte versammelt, um an die Opfer der beiden Lager Weyer-St. Pantaleon zu denken, an den Einbruch der Barbarei in die ruhige Provinz.

Schon einmal habe ich bei dieser Gelegenheit aus einer meiner Arbeiten zum Thema die Passage zitiert: Erinnern ist ein Lebensmittel, das nicht allen schmeckt. Aber gesund ist es. Vor allem im Hinblick auf die Zukunft.

Und tatsächlich: Wir ehren die Toten am besten dadurch, daß wir uns bemühen sicherzustellen, daß sich nicht wiederholt, was geschehen ist, daß die Voraussetzungen dafür nicht mehr entstehen. Wer heute nach Griechenland blickt, wo die Nationalsozialisten nach Umfragen bereits die drittstärkste Partei sind und sich getrauen, in aller Öffentlichkeit Jagd auf Mißliebige zu machen, sie zu verprügeln, zu quälen, auch Tote hat es schon gegeben, der bekommt vorgeführt, wie eng verzahnt wirtschaftliche Not und Sündenbockphantasien sind, wie gering die Selbstreinigungskraft einer solchen Gesellschaft, derlei entschieden entgegenzutreten.

Im Bezirk Braunau und, weil von den internationalen Medien wahrgenommen, weit darüber hinaus gibt es derzeit wieder einmal eine heftige Debatte über Erinnerungskultur, die sich an Schlagwörtern wie dem Hitler-Geburtshaus, dem Konzept Friedensbezirk oder dem sogenannten Franz-Xaver-Gruber-Friedensweg orientiert. Hier ist weder der Ort noch der Anlaß, sich dazu umfassend und kritisch zu äußern, aber einige wenige Gedanken möchte ich zum Grundsätzlichen anbieten:

Erinnerungskultur, die weiterhilft, ist kontinuierliche Erinnerungsarbeit, weder Behübschung noch, wie es auf der Homepage des Friedensbezirkes Braunau entwaffnend ehrlich heißt, das Bestreben, ein „sympathisches, wertschätzendes Image für unseren Bezirk“ aufzubauen. Mit Image bezeichnet man laut Definition den subjektiven Gesamteindruck einer großen Mehrheit von Menschen über einen Meinungsgegenstand, also ein relativ schwammiges Stimmungsbild.

Denkmäler, Skulpturen und dergleichen haben aber nur dann einen Sinn, ja eine Berechtigung, wenn sie, wie hier an diesem Ort, regelmäßig Anlaß einer umfassenden Auseinandersetzung mit dem Grund ihrer Entstehung sind.

In Hitlers Geburtshaus moderne Wohnungen einzurichten oder das alte Gebäude gar aus dem Ensemble herauszubrechen, zu tilgen, diese Absichten verunmöglichen konstruktive Erinnerungsarbeit. Natürlich hat das Kleinkind Hitler, das Braunau auf immer verließ, keinerlei Schaden angerichtet, aber Braunau kann sich der Symbolkraft des Geburtsortes einer historischen Persönlichkeit nicht so einfach entziehen, wie umgekehrt etwa das nahe Marktl in Bayern vom Kleinkind Ratzinger, das mit seinen Eltern verzogen ist, ebendieser Symbolkraft wegen ökonomisch profitieren wollte, als Ratzinger Papst wurde.

Ein Haus der Verantwortung, wie es Andreas Maislinger schon vor einem guten Jahrzehnt anregte, ein lebendiger Ort der zukunftsorientierten Erinnerungsarbeit, der vor allem auch von jungen Menschen getragen und für sie tätig ist, wäre die ideale Nutzung des Geburtshauses von Adolf Hitler.

An der Erinnerungsstätte in St. Pantaleon werden heute zunächst Nicole Sevik mit einer Rede zur Frage, was sich seit der Jahrtausendwende für die Sinti und Roma im Land zum Besseren oder Schlechteren entwickelt hat, dann Gitta Martl mit einem Gedicht an ihren Großvater, ein Opfer von Weyer und Lodz, sowie schließlich im Gemeindeamt

Jens-Jürgen Ventzki als Sohn des NS-Bürgermeisters von Lodz, den es nicht bekümmerte, daß Rosa Martls Großvater im Ghetto umkam, lebendige Erinnerungsarbeit leisten, Nachkommen der Täter und Opfer werden sich austauschen. Ich danke unseren Gästen und Ihnen, die Sie sich dazu eingefunden haben.

Vita:
Ludwig Laher
5120 Sankt Pantaleon
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