„Momo“ – ein poetisches Märchen über das Rätsel „Zeit“

Michael Endes Kinderbuchklassiker, 1974 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet, wurde von Marco Dott für das Salzburger Landestheater als flottes, aber auch sehr berührendes Musical in Szene gesetzt. Kindern ab sechs Jahren wird so Kritik am Konsumwahnsinn unserer Zeit, der die Menschen herz- und lieblos werden lässt, eindrucksvoll nahe gebracht.

Von Elisabeth Pichler.

Momo, ein kleines Waisenmädchen, lebt glücklich und zufrieden in einem alten Amphitheater, denn ihre Freunde kümmern sich liebevoll um sie. Besonders ans Herz gewachsen sind ihr der geduldige, etwas langsame Straßenkehrer Beppo sowie Gigi, der Fremdenführer und leidenschaftliche Geschichtenerzähler. Momo beherrscht die Kunst des Zuhörens und schafft es auf ihre ganz besondere Art, so manchen Streit zu schlichten. Kein Wunder, dass die Ruine bald zu einem beliebten Treffpunkt für die vielen Kinder der kleinen Stadt wird. Doch wer sind diese Grauen Herren, die plötzlich überall auftauchen und sich als Agenten der Zeitsparkasse ausgeben? Frau Fusi, eine muntere Friseurin, wird ihr erstes Opfer. Agent XYQ384b argumentiert sehr überzeugend, dass nur effiziente Arbeit zählt: „Das Einzige, worauf es im Leben ankommt, ist, dass man es zu etwas bringt, dass man was wird, dass man was hat.“ Er rät ihr dazu, ihre alte Mutter in ein günstiges Heim abzuschieben und sich von ihrem heißgeliebten Wellensittich zu trennen. Die Kinder merken bald, dass da etwas ganz gehörig schiefläuft, denn bald schon hat keiner mehr Zeit für sie, nervös und mürrisch eilen alle von Termin zu Termin. Nach erfolglosen Protesten beschließt Momo, mithilfe der Schildkröte Kassiopeia den Kampf gegen diese stets rauchenden Grauen Herren aufzunehmen.

Shantia Ullmann überzeugt als liebenswerte kleine Momo, die allein durch ihren offenen, unschuldigen Blick die Menschen versöhnlich zu stimmen vermag. Werner Friedl kehrt als Beppo die Straßen, als Meister Hora hingegen verwaltet er die kostbare Zeit. Frau Fusi (Britta Bayer), der Pizzabäcker Nino (Axel Meinhardt) und seine Frau Liliana (Lisa Müller-Trede) sowie der Fremdenführer Gigi (Florian Stohr), sie alle lassen sich von den Grauen Herren die Zeit abschwatzen. Wenn sie jedoch in deren Rolle schlüpfen, marschieren sie robotermäßig, ständig rauchend und Furcht einflößend über die Bühne. Eva Christine Just hat die Fäden der Schildkröte Kassiopeia fest in der Hand und leiht ihr auch ihre Stimme. Für Stimmung sorgt stets der Auftritt der Buben und Mädchen, die extra für diese Aufführung gecastet worden sind. Ihre schwungvoll choreografierten Musical-Einlagen kommen bei den Kindern besonders gut an. Eindrucksvoll der Auftritt von Lisa Müller-Trede als Puppe Bibigirl, die all die einfachen Dinge, die ihr Momo anbietet, ablehnt. Sie will nur schön sein und dazu braucht es Glitzer und Tand. Diese Botschaft dürften auch die Kleinsten im Publikum verstehen

Neben dem alten Amphitheater, das sich in einer Szene in ein Segelschiff verwandeln lässt, beeindruckt die seltsame Residenz des würdigen Meisters Hora: eine sich ständig drehende, überdimensionale Uhr, die viele Geheimnisse birgt.

Marco Dott (Regie) und Manuela Weilguni (Bühne und Kostüme) verzaubern mit dieser märchenhaften Inszenierung das Publikum. Mögen sich vor allem die Erwachsenen diese mahnende Parabel zu Herzen nehmen und sich mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben nehmen.

„Momo“ von Michael Ende mit Musik von Stephan Witt. Inszenierung: Marco Dott. Bühne und Kostüme: Manuela Weilguni. Musikalische Einstudierung: Peter Ewaldt. Choreographie: Nicole Viola Hinz. Mit: Shantia Ullmann, Florian Stohr, Werner Friedl, Axel Meinhardt, Lisa Müller-Trede, Britta Bayer, Marco Stahel, Eva Christine Just, Valerie Mackinger, Salzburger Kinder. Fotos: Christina Canaval

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