München, Kiew und Sibiu (Hermannstadt) zu Gast im Odeïon

Einfach kompliziert – Thomas Bernhard

Das Theater- und Tanzfestival „Borderlines“ wurde mit zwei internationalen Produktionen eröffnet. Die Studiobühne EXTRA München und das Russische Nationaltheater Lessja Ukrainka, Kiew, begeisterten mit Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“, einer Inszenierung in deutscher, russischer und ukrainischer Sprache. Die deutsche Abteilung am Nationaltheater RADU STANCA Sibiu, Rumänien, brachte das „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ von Nicolai Gogol auf die Bühne im Dorothea-Porsche-Saal.

Elisabeth Pichler

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler.

„Frühlings Erwachen“, ein gesellschaftskritisch-satirisches Drama aus dem Jahre 1891, schildert die Probleme von Jugendlichen mit ihrer psychischen Instabilität und ihrer sexuellen Neugier. Melchior macht seine überdurchschnittliche Intelligenz zu schaffen, sein Freund Moritz hingegen hat schwere Probleme in der Schule. Während Wendla wohlbehütet, doch ohne die nötige Aufklärung, aufwächst, werden ihre Freundinnen mit häuslicher Gewalt konfrontiert. Jurij Diez steht als „vermummter Herr“ für das Leben, er begleitet die Jugendlichen durch die schwierige Zeit der Pubertät. Frank Wedekind kritisiert in seinem Stück die bürgerliche Sexualmoral seiner Zeit und den daraus resultierenden Druck auf junge Menschen. Das Stück dient heute noch oftmals als Schullektüre. Faszinierend an der Aufführung (Regie und Bühne: Katrin Kazubko) war die Besetzung mit jungen Schauspielerinnen und Schauspielern aus der Ukraine und Deutschland. Trotz der Dreisprachigkeit hatte das Publikum keinerlei Schwierigkeiten, der Geschichte zu folgen.

Nicolai Gogols „Tagebuch eines Wahnsinnigen“, eine Produktion der deutschen Abteilung des Nationaltheaters Sibiu, erzählt die Geschichte eines an Schizophrenie und Größenwahn leidenden kleinen russischen Staatsbeamten, der sich schließlich für den spanischen König Ferdinand VIII. hält. Für den Luxemburger Regisseur Daniel Plier ist der Monolog weniger eine Beamtensatire, er stellt vielmehr die seelischen und körperlichen Qualen des verspotteten, pedantischen Poprischtin in den Vordergrund. Wolfgang Kandler, einem jungen Salzburger Schauspieler, gelingt es, das völlige Abrutschen dieses verzweifelten, unglücklichen jungen Beamten in eine fiktive Welt erschütternd realistisch aufzuzeigen. Im Anschluss an die Aufführung wurde dem Publikum die Möglichkeit geboten, Fragen an Daniel Plier (Regie) und Wolfgang Kandler (Schauspiel) zu richten. Sie erzählten von Sibiu, der kulturell aufblühenden ehemaligen Metropole Siebenbürgens. Die beiden lernten sich 2007 kennen, als die Stadt gemeinsam mit der Stadt Luxemburg Kulturhauptstadt Europas war, und arbeiten seitdem in der deutschen Abteilung am Nationaltheater.

Mit diesen beiden Produktionen ist es Reinhold Tritscher, dem künstlerischen Leiter des Odeïon Kulturforums und Initiator des Borderlines Festivals, gelungen, die geographischen Grenzen, die theatraler Kunst vielfach gesetzt sind, zu durchbrechen. Zwei außergewöhnliche Theaterabende, eine gelungene Ergänzung und Bereicherung der Salzburger Kulturlandschaft.

„Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind. In deutscher, russischer und ukrainischer Sprache. Koproduktion der Studiobühne EXTRA (München) und des Akademischen Russischen Nationaltheaters Lessja Ukrainka (Kiew).

„Tagebuch eines Wahnsinnigen“ von Nikolai Gogol. Deutsche Abteilung am Nationaltheater RADU STANCA Sibiu, Rumänien.

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Dorfladen

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