Richard Kienberger: Auf der Flucht

Der deutsche Fotograf ist als Berichterstatter in der ganzen Welt unterwegs. Seine Reportagen sind in zahlreichen Ausstellungen zu sehen, auch gibt es Bücher mit seinen Fotografien. Er beschäftigt sich bei seiner nicht immer ungefährlichen Arbeit regelmäßig mit Themen, die berühren, die unter die Haut gehen. Themen, bei denen man manches nicht so genau wissen möchte, um kein schlechtes Gewissen zu bekommen.

Karl TraintingerVon Karl Traintinger

Die Reportagen des Projekts “Zohre escaped“, zu der auch diese Fotoserie gehört, zeigen klassische Schwarzweiß-Fotos. Die Bilder wurden in vielen verschiedenen Ländern gemacht und doch geht es immer um die gleiche Thematik, Menschen auf der Flucht. Plötzlich sind die Aufnahmeorte austauschbar und die Menschen zur Handelsware geworden. Waffen gehören zum bitteren Spiel, das Warten hinter Zäunen ist Flüchtlingsalltag. Man sieht auch Angst in den Gesichtern der fotografierten Menschen, dazwischen spielen scheinbar unbedarft Kinder.

Richard Kienberger versucht die Augen der Betrachter für das vielerorts tolerierte Leiden für die Menschen ganz weit weg zu öffen. Es ist ja sehr bequem über Flüchtliche zur reden und zu urteilen, die sich außerhalb des eigenen Horizonts, eben weit weg von der persönlichen Privatsphäre befinden.

Die Fotos bestechen durch Klarheit in der Bildaussage und in der Einfachheit der eingesetzten fotografischen Techniken und Möglichkeiten. Es wird nichts verändert, beschönigt oder dramatisiert. Man möchte wegschauen und kann es nicht. Es sind die vielen kleinen Details, die berühren. Dass alle Fotos in Schwarzweiß sind, macht es auch nicht einfacher, eher das Gegenteil ist der Fall. Im mir hat diese Fotoserie einen tiefen, zum Teil beklemmenden Eindruck hinterlassen. Es sind ganz starke Bilder, die sich in das Gedächtnis prägen.

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Richard Kienberger: BIOGRAPHISCHE NOTIZEN

Obwohl meine Mutter ausgebildete Fotografin ist, hat meine Berufswahl damit nichts zu tun. Es war vielmehr so, dass wir am Ende meiner Schulzeit im Kunstunterricht sehr viel gezeichnet und gemalt haben. Dafür fehlten mir wohl das Talent und vor allem die Geduld. So war es nur eine Frage der Zeit, bis ich das Medium Fotografie für mich entdeckte. Dessen Schnelligkeit entsprach eher meinen Fähigkeiten und Neigungen. Wobei sich damals – also vor etwas mehr als 35 Jahren – noch niemand vorstellen konnte, wie schnell die Fotografie nach der Erfindung von Internet und digitalem Bild noch werden würde.

Zunächst begann ich als Hobbyfotograf im Arbeitskreis der Fotofreunde an der VHS Pfaffenhofen. Aber schon damals interessierte mich die reportagemäßige Fotografie viel mehr als die gewollt künstlerischen Sujets vieler Amateurlichtbildner. Eine Ausstellung des berühmten Stern-Fotografen Thomas Höpker in München beeindruckte mich ebenso wie die Arbeiten von Robert Capa oder später von James Nachtwey. Auch von den frühen Fotografen wie Brassaï, August Sander oder Weegee versuchte ich zu lernen.

Durch die Berufswahl (zunächst als Volontär/Redakteur auf lokaler Ebene, danach in der Presseabteilung eines Fahrzeugherstellers und schließlich seit über 27 Jahren als freiberuflicher Journalist) ergab sich dann die zunehmend intensiver werdende Verzahnung der Arbeit mit dem anfangs als Hobby betriebenen Medium. Obwohl bis heute Mitglied bei den Fotofreunden, habe ich mich bald von der Wettbewerbsfotografie abgewandt: Die Jurierung der Bilder ist häufig wechselnden und aus meiner Sicht nicht immer nachvollziehbaren Moden unterworfen, daher sah ich darin keine Option für mich – mein Ziel war es immer, eine eigene Bildsprache zu entwickeln, einen bestimmten Stil. Der verändert sich sicherlich im Lauf der Zeit, aber eben nicht alle paar Monate und richtet sich auch nicht nach dem Geschmackvon Juroren. Es ist so etwas wie eine permanente Suche nach dem besten, perfekten Bild, auch wenn es das gar nicht geben kann. Eine Art Jurierung erfolgt natürlich auch bei mir durch die jeweiligen Kunden. Die sind sicherlich nicht mit jedem einzelnen Motiv, das ich ihnen liefere, einverstanden. Aber die positiven Rückmeldungen zu meiner Arbeit zeigen, dass Stil, Sujets und Formensprache bis auf wenige Ausnahmen mit den Erwartungen der Auftraggeber kompatibel sind.

Inzwischen hat sich zusätzlich das Problem der digitalen Bildbearbeitung ergeben, die in der Wettbewerbsfotografie ebenso wie bei bestimmten Medien teilweise exzessiv betrieben wird. Für den Bereich Werbung und PR ist das völlig in Ordnung, aber für meine Reportagebilder lehne ich diese extreme inhaltliche Veränderung ab, sie sollen „ehrliche Fotografien“ (und keine am Rechner geschaffenen Kompositionen) sein, die über die Retuschen von technischen Fehlern hinaus digital nicht viel anders als früher analog in der Dunkelkammer bearbeitet werden. (Wobei die Grenze manchmal schwer zu ziehen ist: Dem Weichzeichner in der analogen Fotografie entspricht heute die mit Hilfe von Photoshop vorgenommene Glättung der Haut.)

Bei der Arbeit mit der Kamera – auch hier: wenn es um Reportagen, und nicht um Werbung/PR geht – interessieren mich vor allem Menschen und ihre Lebenssituationen. Besonders wichtig ist mir dabei, dem jeweiligen Gegenüber mit dem nötigen Respekt entgegenzutreten. Dass ein mit der Kamera gemachtes Bild ein Stück der Seele raubt, ist ja nicht nur eine Platitüde. Jedes Portrait offenbart etwas von dem Menschen, den ich abbilde. Mag sein, dass sich die eine oder der andere hinter einer Fassade oder gar Maske versteckt und wenig von sich preisgibt. Aber wenn mir beispielsweise bei der Arbeit an dem Projekt „Zohre escaped.“ Migranten erlaubt haben, sie zu fotografieren, verfolge ich das Ziel, in meinen Bildern die Würde dieser Menschen zu erhalten. Ob das immer gelingt, hängt letztlich auch vom jeweiligen Betrachter ab. Jedenfalls versuche ich als Fotoreporter meine Menschen-Bilder so zu gestalten, dass niemand vorgeführt oder „ausgestellt“ wird. Die Fotografien sollen eine Geschichte so erzählen, dass auch die dargestellten Akteure damit einverstanden sind (oder sein könnten). Anders ausgedrückt: Es geht um den Versuch, ehrlich zu sein. Auch wenn das schwierig ist, weil ein indisches Kind, das ich fotografiere, gar nicht abschätzen kann, was mit diesem Bild passieren wird.

AUSSTELLUNGEN:
1984 Begegnungen
Haus der Begegnung, Pfaffenhofen/Ilm
1985 Faces
Haus der Begegnung, Pfaffenhofen/Ilm
Cafe St. Germain, Freising
1986 Keramik+Photographie (mit M. Koppen-Hafner) Haus der Begegnung, Pfaffenhofen/Ilm
1994 Bilder aus einer anderen Wirklichkeit
Haus der Begegnung, Pfaffenhofen/Ilm
1995 Kinder
Boston Consulting Group, München
2005 Hammermenschen
Glaspavillon der Gärtnerei Fahn, Hohenwart
2006 Hammermenschen
Eine-Welt-Haus, München
2008 2 Fotografen… (Gemeinschaftsausstellung mit C.Fehringer)
Haus der Begegnung, Pfaffenhofen/Ilm
2013 Zohre escaped.
Kunsthalle Pfaffenhofen/Ilm
2013 Kuba libre?
Kunst im Gut, Scheyern
2013 Zohre escaped.
Reithalle im Klenzepark, Ingolstadt

BÜCHER
2003 Karawane der Hoffnung (Co-Autor)
2005 Hammermenschen
2007 Faszination auf schweren Achsen (Co-Autor)
2007 Trucks und ihre Trucker (Co-Autor)
2012 Horn please – Bitte hupen
2013 Zohre escaped.

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