„Obludarium“ – genial-grotesker Zirkus (Tschechien)

Forman Brothers 1(c) Irena Vodáková

Die Forman Brothers Matej und Petr, Zwillingssöhne des Regisseurs Milos Forman, sind mit ihrer unvergleichlichen Freakshow, einer Mischung aus Monstrositäten-Kabinett und Varieté, zu Gast beim Winterfest im Volksgarten. Die Österreich-Premiere dieses schaurigen Stückes fand am 19.12.2013 in einem faszinierend altmodischen, doppelstöckigen Zirkuszelt statt.

Von Elisabeth Pichler

Forman Brothers 4 (c) Irena VodákováWinterfest-Organisator Georg Daxner stimmt das Publikum auf diesen ganz speziellen Abend ein und entschuldigt sich vorweg für die eigenwilligen Sitzmöglichkeiten, die nicht gerade komfortabel sein sollen. Beim Einlass heißt es, Geduld zu bewahren. Er erfolgt nur grüppchenweise, da nicht alle 120 Personen – und so viele fasst das Zirkuszelt – gleichzeitig dem wilden, gefährlichen Mann, der in einer Blockhütte bzw. einem Wohnwagen im dunklen Wald wohnt, einen Besuch abstatten können. Beim Betreten des Zeltes muss man sich entscheiden, ob man in einer der Logen im 1. Stock Platz nehmen oder lieber dicht gedrängt im Parterre sitzen möchte. Die Beleuchtung ist schwach, es gibt angeblich Stromprobleme. Doch man hat vorgesorgt. Kleine Kästchen mit Kurbel werden ans Publikum verteilt und jetzt heißt es drehen, wenn man etwas sehen will. Auch für die Drehbühne scheint der Strom nicht zu reichen, denn diese wird mit Beinkraft betrieben. Auf der kleinen Bühne spielen sich viele kleine, verrückte Szenen ab, teils in rasendem Tempo, dann wieder provozierend langsam, als ob Zeit keine Rolle spiele. An Rasanz und Schnelligkeit kaum zu überbieten, begeistert die wilde Dressur-Nummer mit einem künstlichen Pferd. Drei einfältig wirkende Sonderlinge mit riesigen Köpfen hingegen erweisen sich als publikumsscheu und versuchen ständig, die Flucht zu ergreifen. Die Truppe verzichtet bewusst auf akrobatische Höchstleistungen, selbst der Kraftlackel benutzt ein leicht zu durchschauendes Hilfsmittel, um seine Schöne in die Höhe zu stemmen.

Forman Brothers 2(c) Irena Vodáková

Auf faszinierende, traumhaft schöne Bilder von fliegenden Fischen und tanzenden Meerjungfrauen folgen bedrohlich düstere Szenen. So wird ein völlig behaartes Wesen in einem an Sadomaso-Praktiken erinnernden Käfig von der Decke gelassen. Sein mit einem Eisenhaken bewaffneter Wärter lässt es zwar frei, zwingt es jedoch zu einem grotesken Striptease. Zur Entspannung darf sich das Publikum zwischendurch bei einem Hütchenspiel der anderen Art erholen. Vier Männer mit Maske tanzen zu „Frère Jacques“, doch nur einer ist der Echte.

Aus den angekündigten 105 Minuten werden über zwei Stunden, doch die Zeit vergeht wie im Flug, gibt es doch im Obludarium-Zelt („Obluda“: ein altes tschechisches Wort für Monstrum) wirklich Monströses zu sehen. Die zwölf Artisten und die dreiköpfige Band bescheren dem Publikum mit dieser eigenwilligen Show einen unvergesslichen, wie von Georg Daxner angekündigt, „ganz speziellen“ Abend.

Forman Brothers 3 (c) Irena Vodáková

„Obludarium“ – Forman Brothers. Tschechien. 007 mit der freundlichen Unterstützung des Théâtre National de Bretagne, der Stadt Prag und des tschechischen Kultusministeriums kreiert. Regie: Petr Forman. Skript: Ivan Arsenjev, Veronika Švábová, Petr Forman. Bühnenbild: Josef Sodomka, Anti Sodomková. Kostüme: Anti Sodomková, Josef Sodomka. Choreographie: Veronika Švábová a company. Musik: Marko Ivanović, Jarda Svoboda, Staří mistři. Fotos: Irena Vodáková

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