„Der einsame Weg“ – eine Wahrheit ohne Kraft

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In Arthur Schnitzlers schonungslosem Gesellschaftsporträt aus dem Jahre 1904 mit dem ursprünglich überaus passenden Arbeitstitel „Die Egoisten“ ist die Zeit der wilden Feste schon lange vorbei. Robert Pienz inszeniert das melancholische Seelendrama in einem grandiosen Bühnenbild, in dem der einsame Weg in den Abgrund zu führen scheint.

elipi02Von Elisabeth Pichler.

Julian Fichtner, einst ein vielversprechender Maler, hat ein abenteuerliches Leben hinter sich, doch zufrieden hat ihn das nicht gemacht: „Was ist denn das Leben? Ekel vor der Vergangenheit, Grauen vor der Zukunft.“ Immer öfter denkt er nun an seinen 23-jährigen Sohn Felix, der völlig ahnungslos als legitimer Sohn des Akademieprofessors Wegrat aufwuchs. Als Felix‘ Mutter Gabriele, die von Julian einst schmählich in Stich gelassen worden war, stirbt, konfrontiert er seinen Sohn mit der Wahrheit, doch dieser wendet sich von ihm ab. Auch Johanna, Felix‘ Schwester hat es nicht leicht. Erst kümmert sie sich widerwillig um ihre leidende Mutter, dann verliebt sie sich in den todkranken Dichter Stephan von Sala. Irene Herms, eine Freundin der Familie und einstige Geliebte von Julian, bringt nur oberflächlich gute Laune in diese triste Gesellschaft. Sie hat ihrer Karriere willen auf ein Kind verzichtet und überspielt nun ihre Trauer und Einsamkeit mit aufgesetzter Fröhlichkeit.

Sophie Hichert tanzt als verträumte Johanna über die Bühne und entsteigt schon zu Beginn einem Teich, der ihr später zum Verhängnis werden sollte. Thomas Pfertner als schneidiger Soldat Felix ist seiner depressiven Schwester keine große Hilfe, er denkt im Moment nur an seine Karriere. Als Professor Wegrat verkörpert Georg Reiter einen gutmütigen Familienmenschen, der vor Problemen gerne die Augen verschließt und sich einfach in seine Kunstakademie zurückzieht. Harald Fröhlich darf als Julian Fichtner ein Prachtexemplar von einem Egoisten mimen und rücksichtslos auf den Gefühlen seiner Mitmenschen herumtrampeln. Er zeigt keinerlei Reue über seine feige Flucht aus der Verantwortung und ist immer noch stolz auf den Rausch der Freiheit, den er anschließend umso mehr genoss. Als stets gut gelaunte Ex-Schauspielerin Irene Herms versteht es Daniela Enzi, mit viel Temperament ihre Verbitterung zu überspielen.

In Ragna Heinys Bühnenbild dominiert ein schier endlos langer Bretterweg, der die Distanz zwischen den Personen betont. Regisseur Robert Pienz wies bei seiner Einführung auf die Aktualität des Stückes hin, denn der Vorwurf, dass die Alten ihr Leben genossen hätten, für die Kinder aber nichts mehr übrig bliebe, ist heute immer öfter zu hören. Optimistischer klingt da ein Ausspruch des Zynikers Stephan von Sala: „Es scheint mir überhaupt, dass jetzt wieder ein besseres Geschlecht heranwächst –  mehr Haltung und weniger Geist.“

„Der einsame Weg“ von Arthur Schnitzler. Regie: Robert Pienz. Bühne & Kostüme: Ragna Heiny. Musik: Georg Brenner. Mit: Georg Reiter, Ute Hamm, Thomas Pfertner, Sophie Hichert, Harald Fröhlich, Antony Connor, Daniela Enzi, Albert Friedl. Bildnachweis: Marco Riebler

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