Vom Dienstmädchen zur gnädigen Frau …

Fünfzig Jahre ihres Lebens hat Berta Pflanzl in ihren Tagebüchern festgehalten, die nur durch einen Zufall erhalten blieben und nun von ihrem Enkel, Robert H. Pflanzl, herausgegeben wurden.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Direktor Dr. Erich Marx stellte am Donnerstag, den 5. Februar 2009 die Kunsthalle des Salzburg Museum, in der gerade die Ausstellung „Stadt Salzburg – Ansichten aus fünf Jahrhunderten“ zu bewundern ist, als stimmigen Rahmen für diese Präsentation des Buchs „Vom Dienstmädchen zur gnädigen Frau“ zur Verfügung.

Als im Jahre 1993 eine Dienstwohnung der Stieglbrauerei in der Festungsgasse 6 in Salzburg geräumt werden musste, wurde in einem feuchten Hinterzimmer ein wahrer Schatz entdeckt: die Tagebücher der Berta Pflanzl. Robert H. Pflanzl, der historisch interessierte Enkel, war so fasziniert, dass er mehr als 15 Jahre später – nach umfangreicher Ordnungsarbeit und gründlicher Recherche –  voll Stolz das Buch über das 71-jährige Leben seiner Großmutter präsentieren konnte. In seiner Einleitung betont er, dass es uns besonders heute gut tun werde, zu lesen, was wirkliche Not bedeutet.

pflanzlBerta Pflanzl, geboren 1882 in Pocking (Niederbayern) als lediges Kind, wird mit acht Jahren Vollwaise und muss bereit mit dreizehn Jahren in den Dienst. Als Siebzehnjährige kommt sie nach Salzburg als Kindermädchen zu den vier Kindern des Mundartdichters Otto Pflanzl, dem als Leiter des Filialbüros der Stieglbrauerei eine Dienstwohnung in der Festungsgasse zur Verfügung stand. Als dessen Frau im Kindbett stirbt, heiratet sie im Jahr 1900 den doppelt so alten Witwer und bekommt in den folgenden Jahren noch sechs eigene Kinder, von denen aber nur drei den Lebensabend der Mutter überleben sollten.

Berta Pflanzls Kindheitswunsch war es, eine „Frau in Österreich“ zu werden. In diesem mitreißenden und spannenden Buch dürfen wir sie auf ihrem Weg begleiten, denn schonungslos hielt sie in ihren Tagebüchern fest, was der Tag an Freud und Leid brachte: Hunger und Elend der Kriege und Nachkriegsjahre, Inflation und politische Unruhen.

Doch besonders berührend sind ihre Lebensskizzen, wenn es um die alltägliche Dinge geht. So erinnert sie sich bis ins kleinste Detail an ihren Hochzeitstag, sie schildert uns Schleier und Brautstrauß und selbst die etwas merkwürdige Hochzeitsnacht. Bestechend ist die absolute Ehrlichkeit, mit der alles niedergeschrieben wurde: die Streitigkeiten mit ihrem Mann, ihre wohl nicht unbegründete Eifersucht, die Probleme mit ihren Stiefkindern. Und so beginnt immer wieder eine Eintragung mit den Worten: „Viel Verdruss heute.“ Aber auch die heiteren und glücklichen Momente hat Berta Pflanzl in oft wunderbar poetischen Sätzen festgehalten.

Ein besonderer Dank gilt Robert H. Pflanzl, dem Herausgeber und Enkel von Berta Pflanzl, der durch seine sicherlich äußerst zeitaufwendige Ordnungsarbeit dieses thematisch wunderbar gegliederte Buch ermöglicht hat. Es sei jedem Salzburger zur Lektüre empfohlen, denn es macht Salzburger Geschichte lebendig und ist ein wahres Lesevergnügen.

Textauszug:
Bertas Tagebuch – 8. März 1919

Wenn ich so meine weißen durchsichtigen abgemagerten Hände betrachte – was hatte ich für mollige Hände voll von Grübchen. Wie oft bewunderte man sie? Und als ich im Mai 1898 nach Gastein ging, meinte die Baronin Schider: „Du hast ja Hände wie eine Aristokratin, du musst nicht viel arbeiten“. Und doch haben diese Hände arbeiten müssen, grob und schwer von der frühesten Jugend an.

Ich war noch fast ein Kind, seit dem 13.Lebensjahr unter fremden Menschen ausgenützt bis auf das Letzte. Die Männer sahen mich schon immer mit vielsagenden Blicken an und ich freute mich in meiner so großen Bescheidenheit und Armut, wenn sie mir sagten, ich sei ein so schönes Mädl und bräuchte nicht arbeiten, ich könnte ein schönes Leben bekommen usw. Viele wollten mich auf ihre Seite bringen in dieser Art. Diese Bestien glaubten, wenn man arm ist, kann man auch moralisch minderwertig sein. Aber sie täuschten sich alle.

Robert H. Pflanzl (Hrg.)
Berta Pflanzl – Vom Dienstmädchen zur gnädigen Frau
Salzburger Tagebücher 1898 – 1953
476 S. Böhlau Verlag Wien
Preis: Euro 29,90
ISBN 978-3-205-78287-2

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