Sonja Schiff: Die Frage nach der Krise

Foto: Rochus Gratzfeld

Foto: Rochus Gratzfeld

“Und, hattest eine Krise?” Das war die mir am häufigsten gestellte Frage der letzten 3 Tage.

Manchmal trug die FragenstellerIn dabei einen ängstlichen Gesichtsausdruck, der gleichzeitig fast um ein “Nein, keine Krise” flehte. Bei anderen war die Frage begleitet von einem spöttischen Gesichtsausdruck. Und manche sahen mich sorgenvoll an, als würden sie meine Krise erwarten. Ja, als müsste ich eine Krise haben, als gehörte sich das einfach für den 50. Geburtstag.

Hatte ich eine Krise?

Ich würde es nicht als Krise bezeichnen. Krise klingt nach Weltuntergangsstimmung, nach Drama und Verzweiflung, nach Schmerz und Angst. Nein, eine Krise hatte ich nicht.

ABER spurlos ging dieser Geburtstag nicht an mir vorüber. Der hat schon Gewicht! Ein halbes Jahrhundert lebe ich nun schon! Und die Hälfte ist mindestens vorbei. Das macht schon nachdenklich. Das wischt man nicht einfach vom Tisch.
In mir tauchten Bilder auf von den Händen meiner Oma. Wie sehr hab ich als Kind diese Hände mit den ausgeprägten Venen, die man so toll hin und her schieben konnte, geliebt. Es waren für mich die Hände einer alten Frau. Meine Oma war damals ungefähr so alt wie ich heute.
Ich erinnerte mich dieser Tage an eine Situation als ich 19 war. Ich ging in die Krankenpflegeschule und eine Kollegin wurde 25. Was war die Frau alt für mich. Damals dachte ich: “Wahnsinn, die hat schon ein Viertel Jahrhundert am Buckel!” Und irgendwie sah ich auch sofort viele Falten in ihrem Gesicht.

Solche Sachen gingen mir durch den Kopf. Brachten mich zum Lächeln. Und immer wieder landete ich bei mir und meinem halben Jahrhundert.

Doch, doch, der 50er macht schon nachdenklich.
Mir wurde wieder bewusst, dass die Zeit immer knapper wird und mein Aufenthalt hier auf diesem Planeten begrenzt ist. Dass es irgendwann ein Ende gibt. Wobei ich mir gar nicht vorstellen kann, wie eine Welt sich weiter drehen kann, der ich nicht mehr angehöre. Ich werde irgendwann einfach nicht mehr da sein. Seltsam unwirklich, diese Vorstellung. Genauso wenig in den Kopf zu bekommen wie die Vorstellung, der Weltraum wäre unendlich.

Das klingt vielleicht für manche nach Krise. Aber ich hab es nicht so erlebt.
Im Gegenteil, ich finde es gut, dass mich dieser runde Geburtstag etwas runter gebremst hat von meinen alltäglichen Wichtigkeiten.
Und dann gab es diese wichtige Aussage eines mir nahen Menschen: “Sei dankbar, dass du es bis hierher geschafft hast”. Ich musste zuerst schlucken. Dann tauchten Bilder auf von jenen Menschen in meinem Leben, die sich bereits verabschiedet haben.

Ja, ich bin dankbar dafür es bis hierher geschafft zu haben. Das auch noch bei Gesundheit und ohne existentiell bedrohlicher Lebenskrisen. Ich bin sehr, sehr dankbar.

Und ich freu mich auf die Zeit, die vor mir liegt. Denn neben der Frage nach der Krise, war es der Satz: “Es wird immer besser!”, der meine letzten drei Tage begleitet hat. Eine Aussage, die von Frauen kam zwischen 52 und 75.

Es wird immer besser!

Nachsatz von KTraintinger, Dorfzeitung:
Liebe Sonja, zuerst einmal herzliche Glückwünsche aus dem Dorf zu Deinem Geburtstag!

Es macht unheimlich viel Spaß, dieser Frau in der Blüte Ihres Daseins beim Leben zuzuschauen. 🙂
Sonja Schiff hat diesen runden Geburtstag zum Anlass genommen, um den Blog: VielFalten zu starten.

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Dorfladen

2 Kommentare zu "Sonja Schiff: Die Frage nach der Krise"

  1. Sonja Schiff | 6. Oktober 2014 um 08:52 |

    Lieber Karl, danke für die Glückwünsche und für den Artikel 🙂 Freu mich über viele Besucherinnen auf meinem Blog.

  2. Bernd Salomon Bernd Salomon | 10. Oktober 2014 um 10:33 |

    Starker Artikel, alles Gute, viel Gesundheit für die Zukunft! Möge die Macht mit Dir sein 🙂

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