„Absolution“ – Der Sarg bleibt zu

 

Das „klagenfurter ensemble“ ist im Rahmen der TheaterAllianz mit Alois Hotschnigs beklemmendem Kammerspiel über das Phänomen der Verdrängung im Schauspielhaus Salzburg zu Gast. Das schonungslose Psychogramm einer kaputten Familie, deren Oberhaupt den Schein zu wahren sucht, feierte am 4. November 2014 Premiere.

elipi_aVon Elisabeth Pichler

Blütenweiß strahlen in diesem Wohnzimmer Türen, Fenster und Vorhänge, doch die Möbel versinken im Morast, in feuchter Erde. Rita Weisheim sucht einen geeigneten Platz für den Sarg ihres Sohnes. Ludwig, ihr Erstgeborener, hat Selbstmord begangen und soll hierher überführt werden. Ernst Weisheim flüchtet sich, sehr zum Verdruss seiner Gattin, in das Korrigieren von Heften: „Immer die Hefte, immer die Fehler der Anderen.“ Als Georg, der zweite Sohn des Ehepaares, auftaucht, wird der Familienvater mit der Vergangenheit konfrontiert. Die Vorwürfe sind massiv, doch versucht er, die Sache herunterzuspielen. Er ist der Meinung, dass nach 20 Jahren endlich Schluss sein sollte. Verunsicherung entsteht durch ein Telegramm des Toten: „Für euch bin ich tot, nicht für die Anderen.“ Sollte der Sarg nur ein übler Scherz sein, um den Vater aus der Reserve zu locken und endlich zum Sprechen zu bewegen? Die Fronten sind verhärtet, die geforderte Absolution wird wohl nicht gewährt.

Oliver Vollmann versteht es als egozentrischer Patriarch, jedem Gespräch aus dem Weg zu gehen und seine Familie mit jähzornigen Ausbrüchen einzuschüchtern. In der Rolle seiner Gattin leidet Katharina Schmölzer still vor sich hin. Wenn es für sie unangenehm wird, flieht sie in die Küche, einer Konfrontation ist sie nicht gewachsen. Eindringlich Theo Helm in der Rolle des anklagenden Sohnes, der auch im Namen seines angeblich toten Bruders spricht. Für die wenigen heiteren Momente in dieser tristen, explosiven Atmosphäre sorgt Julia Gschnitzer als alte Berta. Sie versteckt sich gekonnt hinter Altersdemenz, doch ihr listiger Blick spricht Bände. Wenn die Abschiebung ins Altersheim droht, macht Aufbegehren wohl keinen Sinn mehr.

Rüdiger Hentzschel lässt in seiner Inszenierung das Publikum im Ungewissen, es gibt weder Absolution noch Auflösung. Die Gespenster der Vergangenheit lassen sich nicht so einfach aus der Welt schaffen. Viel Applaus für eine kraftvolle Inszenierung und eine beeindruckende Ensembleleistung.

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„Absolution“ – von Alois Hotschnig. Regie und Bühne: Rüdiger Hentzschel. Mit: Oliver Vollmann, Katharina Schmölzer, Theo Helm, Julia Gschnitzer. Fotos: Marco Riebler/ SSH

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