Reinhard Lackinger: Die vielen Masken des Teufels

Der mir bekannte Rabbiner Uri Fromm schrieb unlängst im facebook, er wolle einige Volumen der Bibel nach Salvador bringen. In meinem Kommentar äußerte ich den Wunsch nach einem Neuen Testament. Uri ignorierte meinen Scherz, sagte aber, er verfüge nur über die Genesis. Als getaufter Katholik, der seit vielen Jahren nur noch Totenmessen beiwohnt, dachte ich daraufhin über die Heilige Schrift nach.

Lackinger125se_bVon Reinhard Lackinger.

Sind wir katholische Christen nicht zu bequem geworden mit der Zeit? Rund um uns praktizieren Gläubige anderer Bekenntnisse ihre Religion, geben unmissverständliches Zeugnis von ihrem Glauben. Die einen beten knieend, die Stirn in Richtung Mecca. Die anderen schrauben am Freitagnachmittag die Lampe aus dem Kühlschrank damit diese nicht leuchtet, sobald es sie am Sabbath nach einem kalten Bier dürstet.
Währenddessen sind wir Katholiken längst aus dem Schneider! Wir sind uns der Barmherzigkeit Gottes bewusst und haben die Frohe Botschaft. Das genügt uns!

Würden wir uns öfter und mehr mit dem Alten Testament und insbesondere mit der Genesis befassen, ginge uns spätestens bei Moses 1,28 ein Licht auf. “Macht euch die Erde untertan”, heißt es da. Also nur schnell her mit der Motorsäge, mit dem Feuerzeug! Der Amazonas muss abgeholzt werden, damit sich mehr und mehr Ochsen zu allen Tieren der Erde und allen Vögeln des Himmels gesellen können. Das grüne Kraut und die Baumfrucht, wovon in der Genesis die Rede ist, sind längst nichts weiter als Beilage für saftige Steaks.

Ehe meine schlecht gekritzelten Linien in den Sumpf allgemeiner Blödelei rutschen, möchte ich einige leicht pamphletarische Fragen stellen! Sind wir uns angesichts aller, von Menschenhand hervorgerufenen Tragödien bewusst? Fürchten wir uns eigentlich noch vor der offensichtlichen, nach Schwefel stinkenden Gegenwart des Teufels?

Können wir uns die einst grüne, jetzt verkohlte und graubraune Einöde von der Größe der Steiermark nebst Burgenland vorstellen, die das Amazonasgebiet jährlich gegen das Agrarbusiness verliert? Warum protestieren einige Europäer gegen den Bau des Kraftwerkes Belo Monte im brasilianischen Bundesstaat Pará? Verliert der Regenwald rings herum und Jahr um Jahr nicht viel mehr Land, um die Ochsenmast voranzutreiben und Rekordernten von Sojabohnen, Mais und Zuckerrohr zu garantieren und einzufahren?

Worum geht es bei diesem Umweltschutz-Gezeter eigentlich? Liegt der Grund vielleicht nur beim elektrischen Strom, den das Kraftwerk Belo Monte fördern wird? Energie, die hauptsächlich uns Brasilianern gehört, während europäische Konsumenten an das Schnitzerl von glücklichen brasilianischen Rindern denken? An die Sojabohnen und den Mais, mit denen europäische Schweine gemästet werden und an den guten Schnaps und den Zucker für die Caipirinha? Wie steht es um die Tonnen Marihuana, die in Brasilien gepflanzt, geerntet und gepresst werden? Rauschgift, das zusammen mit dem Kokain aus Kolumbien Peru und Bolivien den Weg quer durch Brasilien zu den Abnehmern in den reichen Industrieländern findet?

Wie reagieren wir angesichts der über 50.000 Mordopfer, den der Drogenkrieg Brasiliens jährlich fordert?

Wer von uns ist in der Lage, diesen Teufel stupider Eigennützigkeit ins Auge zu fassen? Wie lange werden wir den kollektiven Höllenfürst aus unserem Bewusstsein verdrängen können? Was fangen wir an mit dem Satan, der konstant den Planeten bedroht und uns immer näher kommt? Ein weit kleinerer Teufel hat unser liebliches Strandviertel in Salvador kaputt gemacht. Unsummen wurden investiert, nur damit unsere Straßen einigen wenigen Caranavalsmillionären zur Faschingszeit eine gute Woche lang als Kulissen dienen. Zulasten der Bewohner, Anrainer, Geschäftsleute, und Gastwirte, denen von gestern auf heute fast alle Parkmöglichkeiten genommen wurden.

Währenddessen lassen sich die vielen kleinen Teufelein der öffentlichen Unordnung nicht ignorieren. Höllische Figuren, die mich täglich bedrängen. Anmaßende Bürger und aufsässiger Pöbel. Lärmendes Gesindel, aber hauptsächlich stinkende Zombies, voll mit Alkohol oder Crack, die sich wie die streunenden Hunde an die Tische vor dem Lokal drängen. Ihr Flehen um Speisereste ist kein Betteln mehr. Es gilt, diese unappetitlichen Satansjünger so schnell wie möglich von meinen Gästen abzulenken.

Und Gott sieht alles, was er gemacht hat, und siehe, es ist trotz allen unerwünschten Teufeleien sehr gut! Ich muss demnächst mit Rabbiner Uri Fromm darüber sprechen. In Augenblicken der Schwäche und der Frage: “Wohin soll ich mich wenden” erinnere ich mich sehnsuchtsvoll an die österreichische Insel der Glückseligkeit.
Kein Teufel weit und breit. Höchstens ein Krampus.

Salvador 30.November 2014

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