„Der zerbrochene Krug“ – Lustspiel oder Tragödie?

Studierende des 3. Jahrgangs der Abteilung Schauspiel und Regie des Thomas Bernhard Instituts haben sich intensiv mit Heinrich von Kleists Lustspielklassiker auseinandergesetzt und stellen ihre verblüffend aktuelle Version im KunstQuartier dem Publikum vor.

elipi_aVon Elisabeth Pichler.

In der Anfangsszene verunsichert Dorfrichter Adam die arme Eve mit einem gefälschten Brief. Das erforderliche Attest, um ihren Liebsten vom Kriegsdienst zu befreien, will er ihr selbst vorbeibringen. Bei diesem nächtlichen Besuch geht so einiges schief, unter anderem wird auch ein kostbarer Krug zerbrochen. Dies führt tags darauf zu einer turbulenten Gerichtsverhandlung, in der die Tatsachen gekonnt verschleiert werden. Dorfrichter Adam befindet sich in keinem guten Zustand, als der gestrenge Gerichtsrat Walter auftaucht, um die Bücher unter die Lupe zu nehmen. Dieser nutzt die Gelegenheit, um der ersten Verhandlung beizuwohnen. Dabei geht es um einen zerbrochenen Krug und einen mysteriösen nächtlichen Zwischenfall bei der Jungfrau Eve. Der Herr Gerichtsrat ist entsetzt über den Verlauf der Einvernahme, sie übertrifft seine schlimmsten Befürchtungen. Der Dorfrichter, der nicht einmal seine Perücke finden kann, unterbricht fortwährend die Kontrahenten, setzt alle unter Druck und macht sich schließlich selbst verdächtig.

Der überaus korrekte Gerichtsschreiber Licht (köstlich Julius Schulte) richtet zu Beginn fürsorglich eine Raucherzone ein, die für Entspannung während der Verhandlungspausen sorgen soll. Dann nimmt er diensteifrig auf einem kleinen Schemel Platz, führt Protokoll und genießt es, dass Dorfrichter Adam sich um Kopf und Kragen redet. In dieser Rolle stolpert Marcel Heuperman, schwer angeschlagen von seinem nächtlichen Abenteuer, im Gerichtssaal hin und her. Er wirkt nervös und fahrig, lässt die Kontrahenten kaum zu Wort kommen und unterbindet unangenehme Fragen lautstark mit seinem Hammer. Tobias Artner beobachtet als Gerichtsrat fassungslos das Geschehen. Anna Rieser und Zeynep Bozbay teilen sich die weiblichen Rollen, abwechselnd spielen sie die geschwätzige Frau Marthe Rull und deren eher schweigsame, unglückliche Tochter Eve. Deren Verlobter Ruprecht (Anton Andreew) steht schwer unter Druck, soll er doch eine Tat gestehen, die er nie begangen hat.

Kleists Blankverse stellen selbst für geübte Schauspieler eine große Herausforderung dar, deshalb wohl auch die Frage im Programmfolder: „Können Schauspielstudierende Kleist spielen?“ Die Studierenden des 3. Jahrgangs haben bewiesen, dass sie dazu sehr wohl in der Lage sind. In Verbindung mit einer frischen Inszenierung (Jörg Lichtenstein) wird der Klassiker, der zum Kanon der deutschen Literatur zählt, zur unterhaltsamen Komödie mit ernstem Kern. Nächste Aufführung: 12.12.2014

„Der zerbrochene Krug“ von Heinrich von Kleist. Theater im KunstQuartier. Regie: Jörg Lichtenstein. Kostüm: Anna Brandstätter. Mit: Anton Andreew, Tobias Artner, Zeynep Bozbay, Marcel Heuperman, Anna Rieser, Julius Schulte.

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