„Das Sissi Syndrom“ – Eine Notverstaatlichung

Die Uraufführung von Alexander Mitterers Farce, in der neben Kaiserin Sissi, Romy Schneider und dem Attentäter Lucheni auch die Bankenmisere eine wichtige Rolle spielt, fand am 12. März 2015 im TTZ Graz (Tanz & Theater Zentrum Graz) statt. Am 25. März 2015 feierte das temporeiche Stück, eine Koproduktion des Theaters Kaendace Graz und der Theater (Off)ensive Salzburg, auf der Bühne im Café Shakespeare Premiere.

elipi_aVon Elisabeth Pichler.

Solange sich Besucher im Museum aufhalten, lächeln sie freundlich aus ihren Goldrahmen: die stolze Kaiserin, ihr tablettensüchtiges Double Romy und der wütende Anarchist Lucheni. Kaum ist Ruhe eingekehrt, erwachen die Figuren zum Leben. Die Kaiserin beginnt mit Turnübungen, Romy kümmert sich um die Mehlspeisen, die ständig anzubrennen drohen und der finstere Lucheni greift zur verbotenen Zigarette. In posttraumatischer Depression verbunden schwelgen die beiden Damen gerne in Erinnerungen. Romy träumt vom Swimming Pool und dem schönen Alain Delon, mit dem es gar nicht so schön gewesen ist. Ständig trägt sie das Bild ihres heißgeliebten, tragisch verunglückten Sohnes David mit sich. Sissi will nur raus aus der Etikette, will reiten und reisen, schimpft auf ihren furzenden Mann und kann den schönen Grafen Andrássy nicht vergessen. Neben all den privaten Kümmernissen machen sich die beiden zunehmend Sorgen um die ehemaligen Kronländer. Sie wissen, es werden harte Zeiten kommen. „Wir werden euch helfen und eure Not verstaatlichen.“ Dies wird natürlich im Zeichen des Eisenkreuzes mit den zwei Pferdeköpfen geschehen. Aber Vorsicht ist geboten, denn faule Winde wehen durch das marode Reich. Rettung naht in Gestalt von Dr. Lucheni. Er sieht die Verzweiflung der Damen und, wie sie leiden. Als Arzt ihres Vertrauens verspricht er, ihnen zu helfen.

Bei Klaudia Reichenbacher (SissiRomy) und Anja Clementi (RomySissi) weiß man nicht so recht, wer hier Original und wer Kopie ist. Streitobjekt sind die lieblichen Plastikquietschentchen, die unbedingt neu gewickelt werden müssen. Geheimnisvoll und bedrohlich wirkt Torsten Hermentin (Dr.Lucheni), der sich als Arzt und Erlöser um die beiden Damen kümmert. Neben den drei großen Bildern gibt es an den Wänden dieses Museums jede Menge zu entdecken. Frau Merkel ist hier ebenso verewigt wie Ferdinand, der Rosenzüchter mit dem Wasserkopf, die Gewinn versprechenden Bankenlogos sowie ein Werbeplakat für glücklich machende Pillen.

Im Programmheft ist nachzulesen, was unter einer Farce zu verstehen ist. „Eine Farce ist eine Komödie, die das Ziel hat, die Zuschauer durch die Darstellung von unwahrscheinlichen oder extravaganten, aber häufig denkbaren Situationen, Verkleidungen und Verwechslungen zu unterhalten. Sprachlicher Humor inklusive Wortspielen und sexueller Anspielungen und ein schnelles Tempo, das im Verlaufe des Stückes noch schneller wird, und bewusste Absurdität oder Unsinn sind ebenfalls häufig in einer Farce zu finden.“ Alexander Mitterer hat sich genau an diese Vorgaben gehalten und einen kritisch-spritzigen Text verfasst, der auch als modernes Märchen verstanden werden kann. Alex Linse hat den 90-minütigen unterhaltsamen und informativen Streifzug durch die Geschichte gekonnt locker in Szene gesetzt.

„Das Sissi Syndrom“ – eine Notverstaatlichung. Farce von Alexander Mitterer. Eine Koproduktion Theaters Kaendace Graz & Theater (Off)ensive Salzburg. Regie: Alex Linse. Mit: Klaudia Reichenbacher, Anja Clementi und Torsten Hermentin.

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