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sonjaschiffWie Millionen andere Menschen auch, bin ich Fleischesserin. Seit 50 Jahren. Selbstverständlich weiß ich, dass es eine industrielle Fleischproduktion gibt und auf unserem Erdball milliardenfach täglich Tierleid produziert wird. Ist mir alles bekannt. Wie uns allen.

Von Sonja Schiff

Aber mein Schinkensemmerl mag ich halt. Und um von dem vielen Leid nicht zu viel mitzubekommen, klick ich all die Horrorvideos von leidenden Schweinen, Hühnern und Rindern einfach weg, wenn sie irgendwo hochpoppen in den Sozialen Medien. Sonst schmeckt mir am Ende mein Sonntagsschnitzel nicht mehr.

Gestern landete dann dieses Video von einem Kuh-Altersheim in meiner Facebook-Chronik. Das Bild dazu war ansprechend. Also klickte ich es an und konnte daraufhin zwei Minuten lang beobachten, wie Fiete, eine schwarz-weisser Stier, im Gras liegend, von einer Frau gekrault wird und dabei schnurrt. So etwas habe ich noch nie gesehen. Überhaupt, mit einem Rind gemeinsam im Gras liegen? Sind Rinder nicht diese gefährlichen Lebewesen, die jedes Jahr harmlose Wanderer verletzen?

Im Kuh-Altersheim Hof Butenland in Butjadingen an der Nordsee, schräg gegenüber von Bremerhafen, sind die Kühe scheinbar freundlicher, wie ich auf deren Homepage nachlesen kann. Kühe sind sehr soziale Wesen, lieben ihre Kinder, helfen einander bei der Kindererziehung, kennen solidarisches Verhalten und liebkosen sich. Mütter säugen ihre Kinder oft bis kurz vor der Pubertät. Wenn man sie säugen lässt.

Auf der Homepage des Hofes Butenland lächeln einem nur glückliche Kühe, aber auch Schweine, Hühner, Pferde, Katzen, Hunde entgegen. Keine Gräuelfotos. Jedes Tier wird vorgestellt, mit seiner Geschichte, seinem Leid und nur wer will, kann ein Foto anklicken, auf dem das heute lächelnde Tier gezeigt wird in jenem Zustand, in dem es übernommen wurde. Hab ich natürlich nicht getan. Will ja keine Gräuelfotos sehen. Es ist einfach schön zu sehen, dass es auch glückliche Kühe gibt.

Tja, und dann bin ich über Gisela gestolpert. Eine Kuh nach 18 Jahren Vergangenheit als Michkuh. Eine ehemalige 100.000 Liter-Milchkuh. In ihren Augen sieht man das vergangene Leid, sie ist ausgemergelt, nur noch Haut und Knochen, kann kaum ihr Gleichgewicht halten, weil sie es gar nicht kennt frei und ohne Stütze von Stallgitter zu stehen und ihr schlaffes Gesäuge hängt ihr bis zu den Knien. Was für ein Anblick.

Danach lese ich von Kühen, die als Fistulierkühe für die Forschung missbraucht werden, mit einer offenen Bauchecke leben müssen, damit man jederzeit ihren Mageninhalt überprüfen kann. Warum? Nun, damit die Züchtung optimiert werden kann. Ich lese von Kühen, die 15 Jahre an einem Platz stehend verbringen, sich maximal hinlegen können, aber keinen Schritt gehen, die ihr ganzes Leben lang kein Licht sehen und keine Wiese. Ich lese von Schweinen die…., von Bio-Hühner, die,…… und kann nicht mehr wegsehen.

Da ist es wieder dieses Wissen: „Es ist falsch und du machst mit. Es ist Wahnsinn und du schaust weg.“ Vor ein paar Monaten hab ich zufällig einen Film gesehen über Schweine kurz vor der Schlachtung. Daraufhin habe ich drei Wochen kein Fleisch gegessen. Dann schlug wieder der Trott zu. Mein schlechtes Gewissen verging jedoch nicht.

Aber jetzt, der Anblick von Gisela. Das Glück von Fiete, dem schnurrenden Stier. Die Entscheidung ist gefallen. Heute zum Frühstück hab ich bereits auf mein Schinkensemmerl verzichtet, auf mein Ei und meine MIlch in den Tee. Jetzt fahr ich einkaufen: Sojamilch, Hummus, Tomaten, Margarine.

Ich schau nicht mehr weg. Geht nicht mehr.

Fotos Diashow: KTraintinger dorfbild.com