R. Lackinger: “Coxinhas”

“Coxinhas”, auf deutsch “Hühnerschenkel”, nennen wir in Brasilien einen “Snack”, einen frittierten Jausenhappen aus “Mehlpapp”, gefüllt mit einigen wenigen und kleinwinzigen Stückchen Hühnerfleisch. Der brasilianische Ausdruck “Coxinhas” bedeutet seit einiger Zeit aber auch konservative, an ihrem Status Quo festgekrallte Bürger.

Lackinger125se_bVon Reinhard Lackinger,
als Antwort auf Zeitungsartikel in der österr. Presse: Konzept des guten Lebens. Kein Leuchtturm mehr: In Lateinamerika ist der Drang zur Utopie verloren gegangen. (Die Presse 15. 5. 2015)

Warum gerade “Coxinha”? Verglichen mit dem “Snack” haben zweibeinige “Coxinhas” auch viel Masse und genauso wenig Inhalt! Schätzungsweise 90% der 45 Millionen Brasilianer, die bei den letzten Präsidentschaftswahlen ihre Stimme dem Kandidaten der Opposition gegeben haben, sind “Coxinhas”. Ihnen stehen 65 Millionen andere Brasilianer gegenüber. Das sind diejenigen, die Dilemma von der Arbeiterpartei gewählt haben. Ich erlaubte mir, die Nummern ein bisserl abzurunden.

“Coxinhas” sind gegen “Positive Aktionen”, wie die Verteilung von Reichtum. Zum Beispiel “Bolsa Família”, das Familiengeld für Mittellose, mit dem die Arbeiterpartei, seit sie an der “Macht”(1) ist, über 35 Millionen Miserable in Konsumenten verwandelt hat. ¨Coxinhas” sind auch gegen Quoten, die armen und finanziell benachteiligten Brasilianern Türen zu Universitäten und zu höheren Stellen im Öffentlichen Dienst öffnen.

“Coxinhas” hassen Lula (Luiz Inácio Lula da Silva) und Dilma (Rousseff), Ex-Präsident und jetzige Präsidentin und die Arbeiterpartei. Sie haben guten Grund dazu! Seit Jahren müssen die “Coxinhas” die heiligen Hallen der Airports, aber auch die Supermärkte und Einkaufszentren mit dem einfachen Volk teilen.

“Coxinhas” sind anachronische Antikommunisten. “Coxinhas” hassen soziale Gerechtigkeit! Dieser Hass liegt heute wie eine offene Wunde vor uns, vor der ganzen Gesellschaft. “Coxinhas” bevölkern nicht nur Brasilien. Sie sind in ganz Lateinamerika zugegen und anzutreffen. “Coxinhas” sind nicht nur die Elite von Brasilien, sondern auch die von Argentinien, Venezuela, Columbien, Bolivien und so weiter.

“Coxinhas” sind auch alle jene, die den “Leuchtturm” des endlich erklärten Bürgerkrieges – Arm gegen Reich, Herrenhaus gegen Skavenhütte nicht sehen, nicht wahrhaben wollen! Ich rede von einem seit 5 Jahrhunderten verschleierten, nicht immer unblutigen Konflikt. Der bis gestern nicht erklärte, sondern verschleierte Bürgerkrieg ist viel schlimmer und hinterhältiger als der jetzt erklärte Zwist!! Allein durch Feuerwaffen sterben jährlich an die 60.000 Brasilianer. Hauptsächlich junge Farbige aus den Elendsvierteln.

Kein Leuchtturm mehr in Lateinamerika? Unsinn! Allein in Brasilien haben wir mehrere! Die gegen die Oppression der Mächtigen kämpfenden Joana Angélica Maria Quitéria und Luciana Genro; Leonardo Boff, einst von “OberCoxinha” Josef Ratzinger zum Schweigen gezwungen. Oder João Pedro Stedile, Koordinator der Landlosen.

Währenddessen sehe ich ein Europa kaum “Coxinhas”! Die selbstlose und menschenfreundliche Haltung gegenüber Flüchtlingen aus Afrika und dem Nahen Osten stärkt meine Meinung! Ich glaube aber nicht, daß Constantin von Barloewen jemals mit dem Motorrad durch Südamerika gereist ist, wie es Ernesto Ché Guevara de la Serna tat vor 60 Jahren. “Coxinhas” wie Constantin von Barloewen und seine Förderer fahren nicht ins bitterarme Hinterland, sondern
fliegen nach Miami, nach New York, Paris, London und Frankfurt.

Constantin von Barloewen paßt gut zu den vielleicht sieben bis elf “Coxinhas” Europas! Er kann zwar deren Sünden nicht erlassen, aber seine Texte sind in der Lage, das Gewissen einiger Presse-Leser einzulullen.

Salvador, 25. Mai 2015

(1) Der große Fehler der Arbeiterpartei: Zu glauben daß es genügte, die Wahlen zu gewinnen, die Mehrzhl der Stimmen des Volkes zu erreichen um regieren zu können. Sie hat die die Macht der “Coxinhas” der Medien, der Presse ignoriert. Aber auch die der Jusitiz und des imperialismus, der es auf unsere riesigen, erst unlängst entdeckten Erdölvorräte abgesehen hat, sowie dessen Handlanger.

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