Poesie zwischen Tequila und Respektlosigkeit

Das Publikum war begeistert! Foto: Ingrid Kreiter

Das Publikum war begeistert! Foto: Ingrid Kreiter

Das Publikum war begeistert! Foto: Ingrid Kreiter

Ingrid Kreiter. “Hip-Hop ist eine Stilrichtung, zu der auch der Rap (Sprechgesang) gehört. Teure Autos, mit Brillanten besetzte Kettenanhänger, Gewalt und Drogen – das verbinden viele mit HipHop.” So erklärt ein Online-Lexikon Kindern die Musikrichtung. Ein weiteres Merkmal ist auch die Verwendung von Wörtern, die ich an dieser Stelle nicht wiedergeben möchte.

Und jetzt soll ich auf ein Konzert der Delinquent Habits gehen, einer Band aus den USA, die maßgeblich an der Entwicklung des sogenannten “lateinamerikanischen Hip-Hops” beteiligt waren. Ein bisschen Bedenken habe ich ja, immerhin warnen mich Freunde vor dem “exzessiven Drogenkonsum der Hip-Hop-Fuzzis”, außerdem seien die Texte vulgär und das Publikum im Durchschnitt sicher zehn Jahre jünger als ich. Doch die Neugier siegt, und siehe da – zwei meiner Freunde begleiten mich sogar ins Rockhouse.

Als “Lokal-Matadore” versucht eine Formation mit dem kaum zu merkenden Namen “Moving Shadows & Muckemcy, Talentfreie Zone feat. Amenofils” Stimmung zu machen. Dass von Stimmung nichts zu sehen/hören ist, liegt wohl nicht an den Salzburgern, sondern daran, dass alle bereits gespannt auf die Hauptband warten.

Knackeboul. Foto: Ingrid Kreiter

Knackeboul. Foto: Ingrid Kreiter

Umso überraschender ist es, dass letztendlich ein Schweizer das Haus zum rocken, ähm: hip-hoppen, bringt. Knackeboul ist offizieller Tourbegleiter der Delinquent Habits. Und tatsächlich schafft er es, das Salzburger Publikum zu fesseln. Dazu tragen neben selbstironischen Sprüchen (“Meistens heißt es nach meinem Auftritt, für einen Schweizer war das gar nicht sooo schlecht!”) vor allem auch Gudrun (ein wunderbares Gerät, das Töne aufnimmt und diese bei Bedarf auch wieder abspielt) und das Beatboxen bei. Dabei handelt es sich um die Kunst, Schlagzeug- und Percussion-Klänge mit Mund und Kehlkopf zu erzeugen. Knackeboul jedenfalls klingt wie ein ganzes Percussion-Ensemble. Als er dann auch noch zu rappen beginnt, verstehe ich langsam Sinn und Zweck des Hip-Hops. Eigentlich geht es um nichts anderes, als spontan Sätze zu reimen und diese schnell und rhythmisch aneinander zu fügen. Zur Überraschung aller ermahnt Knackeboul das junge Publikum (diese Vorhersage hat sich erfüllt. Tatsächlich sind die meisten Fans männlich, zwischen 16 und 20 und tragen weite Hosen und Baseballmützen), gar nicht erst mit dem Kiffen zu beginnen, weil “das nichts ist und ich heute sicher nicht auf der Bühne stehen könnte und das machen, was ich mache”. Ein sehr sympathischer Hip-Hopper, der mit Charme und Talent ganz schnell die Herzen des Publikums gewinnt.

Delinquent Habits. Foto: Ingrid Kreiter

Delinquent Habits. Foto: Ingrid Kreiter

Kurz nach 22 Uhr ist es schließlich so weit: Die Delinquent Habits stürmen die Bühne. Sie bestätigen alle gängigen Klischees, bedienen das Publikum mit hunderten Bechern gratis Tequila und vor allem mit sehr, sehr vielen Kraftausdrücken. (Näher kann ich auf diese Ausdrücke nicht eingehen. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass man in Österreich zu einer hohen Geldstrafe verurteilt wird, wenn man einen Mitmenschen so bezeichnet. Und außerdem finde ich es ziemlich respektlos, zahlende Fans zu beschimpfen.) Ins Bild passt auch das “Gangstermäßige” Aussehen der zwei Hip-Hopper. Dass es hinter der Bühne aber gesitteter zugehen dürfte als während des Konzerts, beweisen die Gangster, als im Publikum eine kleine Rangelei ausbricht: “Es gibt eine Regel: keine Schlägereien! Ihr dürft trinken, feiern, meinetwegen eure nackten Hinterteile herzeigen, aber nicht streiten!”

Zwar bin ich an diesem Abend nicht zum absoluten Hip-Hop-Fan geworden, etwas gelernt habe ich aber bestimmt: Hip-Hop besteht nicht nur aus Gewalt, Drogen und Vulgärsprache. Erfolgreich kann in diesem Geschäft nur sein, wer über einen riesigen Wortschatz und ein ausgeprägtes Gefühl für Sprache verfügt. Unterm Strich sind Hip-Hopper moderne Poeten: Goethe hätte zwar sicher nicht so oft auf Kraftausdrücke zurückgegriffen. Andererseits musste er den Faust aber auch nicht aus dem Stehgreif schreiben.


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