„Suddenly Everywhere is Black with People“

Foto: sommerszene/ Sérgio Caddah

Der brasilianische Choreograph Marcelo Evelin war im Rahmen der Sommerszene mit seiner radikalen Erfolgsproduktion zu Gast im republic. Inspiriert von Elias Canettis Werk „Masse und Macht“, wird der Besucher mit dem Phänomen der Masse konfrontiert. Ein außergewöhnliches Experiment, das vom Salzburger Publikum – sehr zur Freude des Regisseurs sowie Sommerszene-Intendantin Angela Glechner – positiv aufgenommen wurde.

elipi_aVon Elisabeth Pichler

Der Raum ist schummrig, in der Mitte befindet sich ein riesiger Boxring, der von Lichtschranken nur spärlich beleuchtet wird. Zwei Tänzerinnen und drei Tänzer, nackt, aber tiefschwarz bemalt, halten sich an den Händen und trippeln durch diese Arena. Etwas unsicher nähert sich das Publikum dieser Masse, die nur undeutlich zu erkennen ist, und versucht vorerst, Berührungen zu vermeiden, meist aus Angst, die Kleidung könnte Schaden nehmen. Fasziniert beobachtet man, wie sich die Körper gegenseitig abtasten, zu verschmelzen suchen und dabei die eigenwilligsten Skulpturen kreieren.

Plötzlich löst sich diese undefinierbare Masse auf und nun bewegt sich jeder nach einer eigenen, ganz individuellen Choreographie durchs Publikum, völlig in sich versunken, ohne Blickkontakt zu suchen. Bedrohliche, wummernde Klänge begleiten die Performance, die nach dem Ertönen einer Sirene deutlich an Tempo zulegt. Dem nun einsetzenden, scheinbar unkontrollierten Rasen stellt sich nur mehr ein kleines Grüppchen, der Rest flüchtet hinter die Absperrung. Das seltsame Treiben hat aber auch aus dieser Perspektive seine Reize. So entdeckt man beim Umkreisen der abgesperrten Fläche einen ebenso nackten DJ, der von seinem Pult aus wie ein stolzer Feldherr die Szene überblickt.

Foto: sommerszene/ Sérgio Caddah

Foto: sommerszene/ Sérgio Caddah

Als informativ erweist sich das unmittelbar an die Aufführung anschließende Künstlergespräch mit Regisseur Marcelo Evelin, dem Tanz-und Theaterkritiker Pieter T´Jonk sowie den nun in weiße Bademäntel gehüllten Performern, die auf das „Abschminken“ der Körperbemalung – hätte zwei Stunden gedauert – verzichteten. Marcelo Evelins Absicht war es, die Barriere zwischen Zuschauern und Akteuren verschwinden zu lassen.

Das Publikum sollte die Möglichkeit haben, die Distanz selbst zu bestimmen: „The audience should be what they want to be.“ Die Farbe Schwarz sei für ihn nur eine Metapher für das Verschwinden. Ursprünglich wollte er die Performance völlig im Dunkeln und ohne Musik stattfinden lassen. Der Regisseur arbeitet ohne feste Compagnie, er sucht sich für jedes Stück die passenden Tänzer. Mit „Suddenly Everywhere is Black with People“ ist er seit zweieinhalb Jahren auf Tour, die Reaktionen des Publikums seien nicht vorhersehbar und in jedem Land, in jeder Stadt verschieden. Ein starkes Stück, eine intensive Erfahrung für jeden, der sich darauf einlässt.

„Suddenly Everywhere is Black with People“ Marcelo Evelin/Demolition Inc. Kreation und Performance: Daniel Barra, Tamar Blom, Sérgio Caddah, Jell Carone, Marcelo Evelin, Andrez Lean Ghizze, Wilfred Loopstra, Hitomi Nagasu, Márcio Nonato, Tulio Rosa, Rosângela Sulidade, Sho Takiguchi, Loes Van der Pligt, Regina Veloso. Eine Koproduktion von Festival Panorama Brasilien und Kyoto Experiment, unterstützt von The Saison Foundation Japan und Kunstenfestivaldesarts Brüssel.

image_pdfimage_print

Kommentar hinterlassen zu "„Suddenly Everywhere is Black with People“"

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.